E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Neumeier Reinheitsgebot
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86358-963-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-86358-963-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thomas Neumeier lebt und arbeitet im idyllischen Naturpark Altmühltal. Hauptberuflich Bürokaufmann, hatte er schon als Kind eine Affinität zum Schreiben und Erzählen. Ein nachgeschobenes Studium hat ihn auf den Literaturbetrieb losgelassen.
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Prolog
Ein machtvoller Ort sollte das hier sein, sagten die Spinner. Geheimnisvolle Kräfte gingen von dem lehmigen Boden aus, weil es da unten ein paar Wasseradern gab. Die erzeugten unterirdische Kraftfelder und entzogen den Menschen ihre Energien. Deshalb wurde man hier immer so schläfrig. So jedenfalls hatte ihm das mal einer dieser Esoterikfuzzis erklärt, die hier bei schönem Wetter mit Wünschelruten und Pendeln umherspazierten. Auf die Idee, dass die Müdigkeit vom vorangehenden Aufstieg rühren könnte, kamen diese Gestalten nicht.
Er fühlte sich kein bisschen schläfrig. Nicht heute Nacht. Er glaubte nicht an diesen New-Age-Kram, dieses späte Vermächtnis der 68er, deshalb war er für die hier angeblich wirkenden Kräfte auch nicht empfänglich. Außerdem überflutete ihn die Gewissheit um seinen bevorstehenden Tod mit Adrenalin. Da war kein Platz für Müdigkeit. Nicht heute Nacht– seiner letzten.
An Geister glaubte er auch nicht, obwohl ihm hier oben stets welche begegneten. Geister aus vergangenen Zeiten. Er sah sie nicht, aber sie waren da. Stimmen, Gelächter, Gesang– und Angst. Vor allem die. Sie waren überall. Lauerten. Grinsten. Kicherten. Er ignorierte sie. Wie immer.
Mit seiner geladenen Schrotflinte fest in beiden Händen, ging er seinen letzten Gang. Er hätte sich für diesen Anlass ein paar Sterne als Zeugen gewünscht, aber der Nachthimmel war weitenteils pechschwarz. Nur hoch über den Wäldern auf der anderen Talseite graute kaum sichtbar ein fahles Glimmen hinter den schwarzen Schlieren. Nicht einmal der Mond wollte ihm zusehen. Sei’s drum.
Die Spalier stehenden Büsche und Bäume wiesen ihm den Weg vorbei an den beiden von Moos überwucherten Opfersteinen. In der lichtlosen Dunkelheit waren sie nur als schemenhafte Hügel zu erkennen. Grabhügel, dachte er. Wie passend.
Grund zur Eile bestand nicht. Er hatte die ganze Nacht Zeit, dies zu Ende zu bringen. So lange würde er nicht brauchen.
Etwa fünfzehn Meter voraus an der Talkante markierte der steinerne Obelisk, den sie »Wodansburg« nannten, das Ende seines Weges. Eine wiedererrichtete altgermanische Richt- und Opferstätte sollte das sein, hieß es. Für ihn war es einfach nur ein grobschlächtiges Phallussymbol. Schon immer. Ein rudimentär gemauerter Sockel, einem Altar nicht unähnlich, mit einem spitzen, mehrere Meter hohen Aufbau, welcher der Dunkelheit zum Trotz mit jedem Schritt mehr Konturen gewann. Das Bildnis wirkte bedrohlich. Wie etwas noch Finstereres in der Finsternis, das unmissverständlich klarstellen sollte, wem dieses Aussichtsplateau gehörte. Er aber war nicht weiter beeindruckt. Hier hatte es angefangen. Und hier würde es nun enden. Endlich.
Als er den Sockel erreichte, berührte er den rauen, kalten Stein. Moos und Gestrüpp rankten in den Vertiefungen. Im weiten Tal dahinter glommen schwach die Nachtlichter seiner Heimatstadt im Nebel.
»Hahaha! Ich habe geahnt, dass du dich so aus der Affäre ziehen würdest«, sprach eine unangebracht heitere Stimme, und eine Gestalt erhob sich von einer der beiden Sitzbänke auf der dem Tal zugewandten Seite des Steinsockels. »Und dass du es hier tun würdest.«
Er erkannte die Stimme auf Anhieb, hatte fast mit ihr gerechnet.
»Hier, wo alles begonnen hat«, fuhr sie ausgelassen fort. »Wie ungemein stimmig! So… nun ja, konsequent, würde ich fast sagen. So schließt sich endlich der Kreis. Muss sehr tröstend für dich sein.«
»Was willst du hier?«, raunte er.
»Na, ich will dir dabei zusehen«, bekam er zur Antwort. »Damit mir nichts entgeht, habe ich sogar eine Taschenlampe dabei. Hier, siehst du?«
Ein unsäglich greller Lichtstrahl schoss ihm in die Augen. Mit einem Fluch auf den Lippen wandte er den Blick ab. »Schalte sie ab! Sofort!«
»Jaja, schon gut.« Das Licht erlosch. »Sehe ich mir später eben das blutige Kunstwerk an, wenn dein Gehirn stückchenweise über den Stein verteilt ist. Das wird mir genügen. Bis es vollbracht ist, sollst du deine Privatsphäre haben. Man macht so etwas schließlich nicht jeden Tag, was? Ha! Genauer gesagt, höchstens einmal im Leben. Also mach hin, ja? Ich habe heute Nacht noch was vor.«
»Ich will, dass du verschwindest.«
»Schon gut, ich lasse dich allein. Aber verschwinden werde ich nicht.«
Kaum zähmbarer Zorn stieg in ihm auf. Die dumpfen Schritte seines Gegenübers umrundeten den Sockel, passierten ihn und entfernten sich raschelnd ins dunkle Gespinst der Bäume.
»Eins noch!«, gebot er, woraufhin sie verstummten.
»Ja?«
»Die Brauerei. Sie bleibt, wie sie ist, klar?«
Die Antwort aus der rückwärtigen Schwärze kam verzögert: »Das habe ich nicht in der Hand.«
* * *
Ich bin ein Schatten. Das ist wenig und doch genug. Ich habe mich für dieses Dasein entschieden. Nicht in jeder Nacht bin ich nur ein Schatten, aber doch in vielen. Ich bin die blitzschnelle Bewegung auf dem Asphalt, die nächtliche Spaziergänger aus den Augenwinkeln wahrnehmen, wenn sie unter einer Straßenlaterne hindurchgehen. Ich bin das Vorbeihuschen einer unförmigen Silhouette an einer Mauer, die Gestalt gewordene Dunkelheit einsamer Gassen und das schauderhafte Frösteln, das die Leute dort heimsucht. Wenn ich einen Gartenzaun überquere, verschmelze ich mit den Schatten der Zaunlatten und Gartensträucher. Wenn ich eine Terrasse einnehme, jage ich die Schatten streunender Katzen. Komme ich einem Fenster zu nah, bin ich der Schatten eines Nachtvogels, der kurz die Sterne verdeckt hat. Besteige ich eine Leiter oder eine Efeuranke, werde ich damit eins. Schatten sind nicht unsichtbar, aber niemand achtet auf sie.
Ein entfernter Schuss, den ein vorbeifahrender Kleinwagen beinahe übertönt hätte, gellte über die Hausdächer. Ein Jäger in den umliegenden Hochwäldern, keine Frage. Der Schatten hörte sie oft, wenn er die Nächte durchstreifte. Dort droben in den lichtlosen Baumschluchten wäre er vollkommen, wie ihm bewusst war. So vollkommen, dass er gar nicht mehr existieren würde. Ein Nichts im Nichts, ohne Bedeutung. Nur wo Licht war, konnten Schatten sein.
Der Schatten erklomm die Stadtmauer der Altstadt, sprintete in seiner Geschmeidigkeit einem Panther gleich zehn Meter weit auf einen der Türme zu, bevor er seitwärts ausbrach und als lautloser Nachtvogel über die Gasse segelte. Er landete auf dem flachen Dachanbau gegenüber. Dort wurde er eins mit dem dunklen Ziegeldach und stieg die eingearbeiteten Sprossen für den Kaminkehrer hoch zum First. Zuoberst angelangt, nahm er in entspannter Haltung rittlings Platz und holte sein Nachtsichtglas und den Feldstecher aus dem Rucksack.
Er hatte diesen Platz erst vor ein paar Wochen ausgekundschaftet. Seitdem kam er regelmäßig her. Es gab keinen günstigeren Ort, um das alte Brunnenwächterhaus zu observieren. Von hier überschaute man die rückläufige Umzäunungsmauer in einem Winkel, der durch den Terrassenanbau einen umfassenden Einblick ins Wohnzimmer des Hauses gestattete. Vorausgesetzt, die Vorhänge waren nicht zugezogen. Das waren sie zum Glück selten. Die Bewohnerin sah anscheinend keinen Grund dazu. In einem von einer fast drei Meter hohen Mauer eingeschlossenen Haus war das nachvollziehbar.
Sie war eine sehr hübsche Frau, fand der Schatten. Halblanges blondes Haar, mittelgroß, zierliche Gestalt, vielleicht dreißig Jahre alt oder auch ein paar mehr. »Christina Grangel« stand draußen auf dem Briefkasten neben dem Eisentor. Der Schatten beobachtete sie gern.
Bislang hatte sich wenig Spektakuläres in diesem Wohnzimmer abgespielt. Meistens las sie oder schaute fern, und sie tat das immer allein. Dem Schatten reichte das aus. Es freute ihn sogar. Seine Ansprüche und Erwartungen waren so bescheiden wie seine Natur. Ihm genügte es vollauf, sie in ihrem Sessel sitzen oder auf ihrer Couch liegen zu sehen. Wenn die Nächte bald wärmer wurden, würde sie bestimmt auch die Terrasse benutzen. Warum sie allein und so zurückgezogen lebte, wusste er nicht, und es war ihm auch egal. Er war ihr dankbar, dass sie sein Leben bereicherte. Dass sie dem Schatten etwas Licht gab.
Auch ohne seine Gläser erkannte er, dass in ihrem Wohnzimmer im Moment kein Licht brannte. Wahrscheinlich war sie früher als üblich schlafen gegangen. Das war bedauerlich. Vor allem, weil sich auch auf dem Nachbargrundstück nichts regte. Gleich neben dem Brunnerwächterhaus befand sich das Firmengelände der »Biber-Brauerei«, das der Schatten nur allzu gut kannte. Dort spielten sich nachts zuweilen interessante Sachen ab. Vor allem im Büro der Juniorchefin hatte der Schatten schon ein paar anschauliche Szenen bestaunen dürfen, die kaum konträrer zum sittsamen Geschehen im Brunnenwächterhaus hätten sein können. Heute aber lag zu beiden Seiten der Mauer alles in Dunkelheit.
Der Schatten wollte sich schon wieder zurückziehen und einen seiner anderen Bezugspunkte aufsuchen, als seine geschärften Sinne eine Veränderung registrierten. Da war eine Bewegung. Eine Bewegung, so schattenhaft und nachtgleich wie er selbst. Er nahm das Nachtsichtglas auf und lenkte das Okular zum Brunnenwächterhaus. Es lag nach wie vor in Finsternis, doch in der lichtlosen Kaverne zwischen dem Haus und der Außenmauer regte sich etwas. Dem Schatten stockte der Atem. Er wollte es kaum glauben, aber da war noch ein anderer Schatten. Kein Zweifel. Er erkannte seinesgleichen.
Flink wie ein Wiesel huschte der andere um die Hausecke und verschwand aus seinem Sichtfeld. Keine Minute später durchforstete der schwache Schein einer Taschenlampe das Wohnzimmer.
Der Schatten auf dem First verharrte in unruhiger Erwartung. Ein Schatten, der zu Besuch...




