Neumüller | DAS STOFFUNIVERSUM | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Neumüller DAS STOFFUNIVERSUM


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95765-748-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-95765-748-0
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Frank führt ein außergewöhnliches Leben. Er wacht in fremden Städten auf, in fremden Betten, neben fremden Frauen. Nach wenigen Wochen springt er weiter und muss alles zurücklassen. Jede Person, jeden Besitz und jede Hoffnung auf Vertrautheit muss er zwangsläufig verlieren. Frank bleiben nur seine Erfahrung und die Theorie eines Physikers, die sein Schicksal zu erklären scheint. Dies ist die Geschichte des einsamsten Menschen der Welt, der nur eines finden will: eine Gemeinschaft von Weggefährten.

Ralph Alexander Neumüller wurde 1980 in Linz, Österreich geboren. Er beschäftigt sich beruflich und privat mit Wissenschaft, sowie deren Auswirkung auf die Gesellschaft. Er studierte Humanbiologie an der Universität Wien und forschte an der Harvard University, der Ludwig-Maximilians-Universität und im privaten Sektor. Sein literarisches Interesse gilt den Genres Science-Fiction und Thriller. Das Stoffuniversum ist sein Debütroman. Weitere Informationen finden sich im Netz (www.ralphneumueller.at). Neben seiner wissenschaftlichen und literarischen Arbeit ist er Gitarrist im Postrock-Kollektiv Thalija (www.thalija.com).
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1


Ich ahnte, dass ich erneut alles verloren hatte, als mich ein pochender Kopfschmerz weckte. Widerwillig öffnete ich die Augen einen Spaltbreit, da ich sie, auch wenn ich es wollte, nicht weiter geschlossen halten konnte. Wie ironisch. Das, was mir abends nicht gelingen wollte, passierte jeden Morgen ganz von allein.

»Es gibt nichts Bedrückenderes als eine Vorahnung, die durch einen Blick bestätigt wird«, hatte einer meiner vielen Väter vor Jahren zu mir gesagt. Wie recht er doch gehabt hatte.

Um mich standen fremde Möbel in einem fremden Raum. Neben dem Bett ein Nachtkästchen, darauf ein Wecker mit Digitalanzeige. Sechs Uhr irgendwas. Das Fenster war geöffnet und ein weißer Vorhang wurde vom Wind in Wellen gelegt.

Dann spürte ich wieder den Schmerz. Ich schloss die Augen, drehte mich erst auf den Rücken, danach auf die andere Seite. Als ich sie wieder öffnete und eine brünette Frau neben mir liegen sah, wusste ich, dass ich schon wieder zum einsamsten Menschen der Welt geworden war. Ich verabscheute meine Unrast, die es mir unmöglich machte, irgendwo bleiben zu können. Die mich immer und immer wieder in Neues stolpern ließ.

Ich betrachtete die Frau. Sie wirkte jung, vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre jünger als ich. Sie lag mir zugewandt im Bett und schlief. Ihre Züge waren weich und entspannt, und auf ihren Wangen und Lippen klebten Reste von Make-up. Sie atmete gleichmäßig, und ich konnte sehen, wie sich ihre Augen unter den geschlossenen Lidern bewegten. Sie war nackt. Nur ein Laken bedeckte ihre Hüfte. An ihrer Hand glitzerte ein Ring, der mich an nichts erinnerte. Ich war nicht im Geringsten verwundert.

Ich musste einige Minuten so dagelegen haben. Der Kopfschmerz ließ allmählich nach, sodass ich riskierte, mich im Bett aufzusetzen. Der Raum wirkte, als wäre er einem Magazin für Luxusreisen entnommen. Vor dem Bett stand ein Tisch, darauf eine Vase aus Glas. Darin lagen faustgroße Steine und Muscheln, zwischen die Seidenblumen gesteckt worden waren. Die Farben Weiß und Blau dominierten im Zimmer. Ein orientalischer Teppich befand sich in der Mitte des Raumes, dahinter stand ein Schreibtisch, auf dem zwei Computer und Mobiltelefone lagen.

Ich rückte an den Rand des Bettes, um aufzustehen. Das rechte Knie schmerzte wie gewohnt. Meine Füße berührten den Holzboden, und ich spürte das grobe Relief, das in ungewöhnlich tiefen Furchen längs der Balken verlief. Ich zog die Decke von den Oberschenkeln. Auch ich war nackt.

»Bleib noch liegen«, hörte ich die Frau hinter mir sagen.

Auch ihre Stimme kam mir nicht bekannt vor. Zu gern hätte ich gewusst, wer sie war und wo ich sie kennengelernt hatte.

Ich drehte mich langsam um und beobachtete, wie sie ihren Körper auf meine Seite des Bettes schob. Ihre Arme umschlangen mich von hinten. Sie streichelte meinen Bauch mit der einen und fuhr mit der anderen Hand über meinen Oberschenkel.

»Ich muss was trinken«, murmelte ich.

Meine Stimme hörte sich unerwartet tief an, fast wie ein Fremdkörper, der nicht zu mir passte, doch das konnte von Alkohol oder Zigaretten kommen. Ich sah eine leere Wasserflasche, die neben hingeworfenen Kleidern auf dem Boden lag. Langsam schob ich die Arme der Frau von mir. Sie drehte sich um und vergrub ihren Kopf in den Kissen.

»Dann kommst du aber wieder, versprochen? Ich bin noch nicht fertig mit dir.«

Ich stand auf und ging einige Schritte, doch mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Mit gesenktem Kopf blieb ich stehen, bis der Raum aufhörte, sich zu drehen. Auf dem Schreibtisch lagen eine Packung Aspirin und andere Schmerzmittel. Ich drückte einige Tabletten aus dem Blister und schluckte sie ohne Wasser. Dann schob ich den Vorhang vor der Balkontür voller Erwartung zur Seite und trat hinaus.

Dort bot sich mir ein Blick, der an absurder Schönheit nicht zu überbieten war. Ich überblickte weißblaue Dächer, die sich im Glitzern des Meeres verloren. Die Häuser waren in die Klippen gebaut worden und wirkten wie ein Mosaik, das langsam aus dem Wasser zu steigen schien. Weiter links, jenseits des Dorfes, erstreckte sich die lange Krümmung eines Sandstrands. Dahinter bäumten sich Felsformationen schroff empor, an denen die Brandung mit jeder Welle weißen Schaum in die Luft warf, den der Wind zerstäubte. In der Bucht lagen einige Schiffe vor Anker. Sie wogten in der Morgensonne, die sich über dem Blau der See durch das Blau des Himmels schob.

Noch nie hatte ich etwas vergleichbar Schönes gesehen. Und das mit über vierzig. Ich war noch nie am Meer im Urlaub gewesen, auch wenn ich unentwegt unterwegs war. Was hätte der einsamste Mensch der Welt auf Reisen finden sollen? Noch mehr Einsamkeit? Das Meer kannte ich eigentlich nur aus den Chroniken der Computermedien oder dem Fernsehen. Einige Tage hatte ich in New York und Rotterdam gelebt. Ich kannte nur die öligen Schlieren des Wassers in den Häfen und das treibende Plastik, Pappkartons, Verpackungen und Papierfetzen in den trüben Stehgewässern zwischen den Schiffen.

Aber das war das echte Meer. Hier bot sich ein Blick, den ich lange auf mich wirken ließ. Endlich vertrieben die Tabletten den Schmerz. Ich musste meine Augen nicht länger zusammenkneifen, und das Pochen in meinem Kopf ließ nach. Ich griff nach einem Badetuch, das auf einem Tisch neben mir lag, und wickelte es mir um die Hüfte. Um die Ecke fand ich eine Treppe, die auf das Dach führte.

»Darf Frühstück servieren?«, fragte eine uniformierte Dame in gebrochenem Deutsch, die Weintrauben und zwei Flaschen Orangensaft auf einen Tisch neben dem Pool stellte.

Ich blickte sie an und sagte nichts.

»Herr Doktor Kurath?«

Kurath also. Zumindest das passte. »Bitte warten Sie noch. Ich wollte noch etwas schwimmen.«

»Bitte Entschuldigung. Nicht stören. Sie sagen, ich soll Frühstück für sieben Uhr neben dem Pool bereit. Wegen Ausflug nach Hydra. Wenn Sie schwimmen möchten, entferne ich sofort.«

Hydra, schoss es mir durch den Kopf. Ich war wohl in Griechenland oder der Türkei. Jugoslawien war auch eine Möglichkeit.

»Nicht notwendig. Das hatte ich vergessen. Bitte bereiten Sie das Frühstück wie geplant vor. Sieben Uhr klingt wunderbar. Ich kann auch später schwimmen gehen.«

Die Dame nickte und wandte sich ihrer Arbeit zu. Ich ging die Treppe hinunter und nahm auf einem Sessel auf dem Balkon Platz. Auf dem Tisch vor mir lagen eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug. Ich steckte mir eine an und blies den Rauch in die Meeresluft.

Einige Minuten später kam die brünette Frau auf den Balkon. Sie hatte ein beinahe durchsichtiges Nachthemd übergezogen, durch das ich ihre Brüste und den Slip sehen konnte. Ich hatte über die Jahre gelernt, aus einem Gespräch über Belanglosigkeiten die relevanten Informationen zu ziehen. Ich musste fragen, bevor sie es tat.

»Das nenn ich einen Sonnenaufgang. Ist das nicht schön hier?«

»Ja. Ein Traum. Du hattest recht, hierher zu fahren.«

Scheinbar kannte ich sie schon länger. Es schien sich um eine Reise zu handeln, die wir gemeinsam geplant hatten. Sie nahm neben mir Platz und griff nach den Zigaretten.

»Willst du eine?«

»Im Urlaub schon!«

Ich steckte mir noch eine an und nahm einen tiefen Zug.

»Wie wohl das Wetter zu Hause ist?«, fragte ich beiläufig und blickte übers Meer.

»Ich habe keine Ahnung und will es auch gar nicht wissen. Ich bin froh, nicht in Wien zu sein.« Sie lachte und zündete die Zigarette an, nahm einen Zug und blies den Rauch in einer anmutigen Bewegung, bei der sie ihren Kopf Richtung Himmel hob, in die Luft.

»Ich bin schon so entspannt, dass ich nicht mal mehr weiß, welcher Tag heute ist«, sagte ich und lächelte ihr zu. »Es könnte aber auch an der gestrigen Nacht liegen.«

»Montag, glaube ich.« Sie blies erneut Rauch in die Luft. »Gestern war wunderschön. Ich wusste nicht, dass du so viel trinken und dennoch so gut tanzen kannst.« Sie lachte, stand auf, kam zu mir herüber und setzte sich auf meinen Schoß, küsste mich auf die Stirn und rieb sich an meinem Schambein.

Etwas grob schob ich sie beiseite und stand auf, woraufhin sie mich mit ihren Armen umschlang. Ich konnte das nicht tun. Ich kam gerade erst von Clara, die ich wohl nie wiedersehen würde, wenn sich alles so verhielt wie bisher.

»Oben gibt’s Frühstück«, flüsterte ich in ihr Ohr.

Sie biss in mein Ohrläppchen. »Aber zuerst vernasche ich dich.«

»Wir sollten uns beeilen, wenn wir nach Hydra wollen.«

Ich trug sie über die Stufen, vorbei am Pool und hin zu dem kleinen Tischchen, auf dem die Speisen standen.

»Ich komme gleich wieder. Muss mal«, sagte ich.

Die Frau setzte sich sichtlich enttäuscht an den Tisch. »Komm schnell wieder! Wir sollten genau dort weitermachen, wo wir letzte Nacht aufgehört haben.«

Ich ging zurück in das Zimmer und dann ins Bad, das ich von innen absperrte. Dann betrachtete ich mein Spiegelbild. Den grauen Dreitagebart trug ich oft. Die lockigen Haare standen in alle Richtungen. Wenigstens mein Aussehen glich einigermaßen dem, was ich gewohnt war. Ich verließ das Badezimmer und suchte nach der Handtasche der Frau. Bingo. Ihr Pass identifizierte sie als Julia Zimmer. Achtundzwanzig Jahre alt. Schweizer Staatsbürgerin. Ich kramte weiter und fand zwei Briefumschläge, in denen sich Flugtickets befanden. Frau Doktor Julia Zimmer. Ein zusammengefaltetes Magazin für Dermatologie. Daneben ein paar Fachartikel und ein Kriminalroman. Ich öffnete die Tür zum begehbaren Schrank. In ihrem Reisekoffer fand ich einen weiteren Briefumschlag, aus dem ich eine Glückwunschkarte zog.

»Zur...



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