E-Book, Deutsch, 603 Seiten
New Hongkong - Im Zeichen des Drachen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-817-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman: Die große China-Saga 2 | Ein dramatisches Familienschicksal des gefeierten New-York-Times-Bestsellerautors
E-Book, Deutsch, 603 Seiten
ISBN: 978-3-98690-817-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christopher New wurde in England geboren. Er studierte in England und Amerika, war viele Jahre lang Head of Philosophy an der Universität in Hongkong und fühlt sich in Ost und West gleichermaßen zu Hause. Seine Bücher sind international bekannt und mit »Shanghai - Die Stürme der Zeit« stand er viele Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times. Die Website des Autors: christophernew.com/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die Romane »Shanghai - Die Stürme der Zeit« und »Hongkong - Im Zeichen des Drachen«.
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Kapitel 1
Blinzelnd in der Sonne
Als die Motoren stotterten und das Flugzeug eindeutig nach unten kippte, drehte sich Rachel wie üblich voller Panik der Magen um. Sie schaute verkrampft aus dem Fenster, aber nein, sie sah nichts Beunruhigendes — aus der Tragfläche schlugen keine Flammen, sie wackelte nicht, brach nicht langsam ab. Und eine verbindliche Stimme versicherte ihr über den Lautsprecher, das sei erst der Anfang des Anflugs auf Hongkong. Rachels Finger lösten sich langsam von der Armstütze, sie lehnte sich zurück, holte das weiße Einreiseformular heraus, das die Stewardeß ihr gegeben hatte.
Sie wußte, was die Leute meinten, wenn sie vom Wunder des Fliegens sprachen. Nur eine Metallplatte zwischen den Fußsohlen und dem wogenden graublauen Meer in der schwindelerregenden Tiefe von zehntausend Metern, in dem es von Haien wimmelte. Ihre Zehen in den Turnschuhen zogen sich zusammen. Das Wunder des Fliegens, entgegen den Gesetzen der Schwerkraft oben zu bleiben, es war wirklich ein Wunder.
Ein Chinese im Gangsitz gegenüber von ihr rauchte. Rachel gab ihm ein Blicksignal, aber er erwiderte es verständnislos. Sie wollte sich nicht beschweren, das hätte rassistisch wirken können. Vielleicht kam eine Stewardeß vorbei und erinnerte ihn daran, daß er in der Nichtraucherabteilung saß.
Sie füllte das Formular aus und steckte es in ihren Paß, musterte dabei kurz die Fotoseite mit ihrem unhübschen, geschlechtslosen Gesicht. Dann suchte sie in ihrer Umhängetasche nach ihrem Adreßbuch. Michael und Grace Denton, Mount Kellett Road, The Peak, Hongkong. Und eine Telefonnummer. Sie hatte Michaels Brief an die Seite geklammert, zusammen mit dem alten Foto, das er ihr geschickt hatte. »Falls wir Sie aus irgendeinem Grund nicht abholen können, läuten Sie bitte diese Nummer an«, lautete das P. S. in säuberlicher schwarzer Tinte. Anläuten. Wer sagte heute noch anläuten? Anrufen, telefonieren — aber anläuten? Sie stellte sich Michael als einen äußerst würdevollen Briten vor, der wie die königliche Familie redete. Bis auf die Tatsache, daß er Halbchinese war. »Stinklangweilig«, hatte Jenny ihn in L.A. genannt. »Obwohl er mein Halbbruder ist.« Aber was Jenny stinklangweilig nannte, mochten normale Menschen normal nennen.
Rachel las den Brief noch einmal.
Liebe Rachel,
mit großem Interesse haben wir erfahren, daß Sie in Hongkong studieren wollen, vor allem deshalb, weil wir Sie noch nicht kennen. Selbstverständlich können Sie bei uns wohnen, bis Sie sich zurechtgefunden haben — auch länger, falls Sie es wünschen. Übrigens kennen wir beide Doktorväter, die Sie für Ihre Dissertation in Erwägung ziehen; nicht nur Patrick Denton — der, wie Sie wissen, mein Neffe ist —, sondern auch Dimitri Johnston, der ein alter Freund ist.
Wenn Sie Ihre Reise geplant haben, lassen Sie uns bitte wissen, mit welchem Flug Sie eintreffen; wir holen Sie dann am Flughafen ab. Vielleicht möchten Sie die beigefügte Fotografie Ihrer Stiefmutter zeigen. Sie kann Ihnen sagen, wer darauf abgebildet ist. Es ist die letzte Fotografie meiner Familie, die aufgenommen wurde, ehe die Japaner im Zweiten Weltkrieg Shanghai besetzten. Weil ich nur zwei Abzüge davon besitze (ein Negativ existiert nicht), hätte ich das Bild gelegentlich gern zurück.
Wir freuen uns darauf, Sie bald kennenzulernen.
Mit besten Grüßen
Michael Denton
Rachel schaute sich das zweiundvierzig Jahre alte Foto an (Fotografie — wer sagte das noch? Vermutlich nannte er ein Radio einen Rundfunkempfänger), säuberlich mit derselben korrekten Handschrift beschriftet: Shanghai 1941 (November?). Eine Zweierreihe aus westlichen und chinesischen Dentons stand steif und gerade vor der Kamera und blinzelte in die Sonne, ohne zu lächeln. Das Licht mußte dem Fotografen Schwierigkeiten gemacht haben — die chinesischen Gesichter wirkten ganz dunkel, die westlichen kalkweiß. Nur die beiden Eurasier hatten einen lebendigen Hautton. Da war die westliche Jenny, jetzt Rachels Stiefmutter, damals jung und hübsch und noch nicht verfettet. Michael war der junge Eurasier mit dem grüblerischen Blick, Jennys Halbbruder. Neben ihm Michaels eurasische Schwester Lily, ihren kleinen Sohn auf dem Arm.
»Gott weiß, was aus Lily geworden ist«, hatte Jenny achselzuckend gesagt. »Ist weggelaufen und hat sich den Roten angeschlossen. Ich bin nie besonders gut mit ihr ausgekommen. Und mit Michael auch nicht. Ehrlich gesagt, ich glaube, im Grunde haben wir uns gehaßt. Auch kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sich mein Vater von meiner Mutter scheiden ließ und ihre heiratete. Das war damals eine Ungeheuerlichkeit in Shanghai, sich von einer Weißen scheiden zu lassen, um eine Chinesin zu heiraten — wir wurden alle wie Parias behandelt.«
Das Baby, das Lily auf dem Arm hatte, war Patrick Denton, der jetzt in Hongkong vielleicht Rachels Berater bei ihrer Doktorarbeit werden würde. Oder ihr Doktorvater, wie das dort offenbar hieß — machte das einen Unterschied?
Und alle anderen waren tot, seit langem tot, hatte Jenny achselzuckend und gähnend hinzugefügt.
Blick nach innen
Auf dem Peak in Hongkong lehnte sich Jennys eurasischer Halbbruder Michael Denton von seinem strengen chinesischen Schreibtisch aus Ebenholz zurück und schaute durch die Glastür zur Terrasse seiner chinesischen Frau Grace zu. Er hatte immer noch den grüblerischen Ausdruck in den Augen, der Rachel auf dem alten Foto aufgefallen war, obwohl nachdenklich vielleicht das bessere Wort wäre, und er war nur eine Spur schwerer als damals; sein Haar wurde erst jetzt dünner und grau. Sein Alter verrieten die tiefer werdenden Falten in den teigigen Wangen und auf der Stirn, die bläulichen Säcke unter den Augen.
Er schaute Grace an, und Grace schaute auf den Garten, hinaus auf das Meer, einen abgeschnittenen Zweig lila Bougainvillea vergessen — das wußte er — in der Hand. Sie drehte ihm den Rücken zu, aber er wußte auch, daß sie nichts Bestimmtes anschaute — weder den Rasen noch die Blumen noch die Büsche, auch nicht das zweihundert Meter tiefer gelegene Meer, nicht einmal die riesige, leuchtende Sonnenscheibe, die von Augenblick zu Augenblick tiefer sank, hinter die dunklen, gedrungenen Hügel der Insel Lantau. Nein, das alles war ihr wohl kaum bewußt; ihr Blick war bestimmt ruhig und verschwommen, nach innen gerichtet.
Sie trug einen blaßlila Cheong-sam. Heutzutage trugen nicht viele Chinesinnen einen Cheong-sam, dachte Michael. Und die meisten — in ihrem Alter und in ihrer Gesellschaftsschicht — hätten sich das Haar gefärbt, damit es schwarz und glänzend blieb. Aber Grace hatte sich nie um Äußerlichkeiten gekümmert. Schon gar nicht mehr nach der Geschichte mit Paul. Ihr Haar war jetzt grauer als seines. Das schien ihre distanzierte Haltung zu betonen — die Tatsache, daß sie sich nicht die Mühe machte, ihr Haar zu färben, meinte er damit.
Über das leise Summen und gelegentliche Brummen der Klimaanlage hinweg hörte er, wie seine Tochter San San übte, immer wieder in derselben Phrasierung innehielt, sie wieder und wieder spielte. Während er den Geigentönen zuhörte, die zwischen Höhe und Tiefe changierten, fiel ihm auf, daß er den Stumpf seines kleinen Fingers massierte, das verstümmelte Glied streichelte und drückte. Wie glatt und rein sah die Haut doch aus, fast so, als ob der Finger so gewachsen wäre — bis auf die stumpfe, mißbildete Form. Der Finger schmerzte ihn mehr, während er älter wurde, vor allem bei diesem heißen, klammen Wetter. Bald würde das besser werden, wenn die Luft trockener und kühler wurde, als ob man einen Schalter betätigt hätte, und fast einem vollkommenen englischen Sommer glich. Höchstens noch vier bis fünf Wochen.
Er regte sich auf dem dicken Kissen, das ihm auf dem Schreibtischstuhl ermöglichte, mit seinen immer weitsichtiger werdenden Augen ohne Brille zu lesen. Er lehnte den Kopf zurück, schaute an der Nase entlang und überprüfte die Notizen, die er eben geschrieben hatte.
San San erschien auf der Schwelle — sie hatte von jeher geräuschlos Türen öffnen können —, Geige und Bogen in der Hand. »Wann kommt diese Amerikanerin an? Ich muß doch nicht mit zum Flughafen, oder?«
Sie sah wie ihre Mutter aus, aber es gab einen Unterschied: sie hatte nichts an sich von der Distanziertheit ihrer Mutter, auch nichts von der Zerbrechlichkeit, die ihn in Shanghai vor vierzig Jahren gefangengenommen hatte. Sie waren jedoch beide gelassen — er konnte sich nicht daran erinnern, daß San San je jähzornig geworden wäre, nicht einmal als Kind, und der Gedanke, daß Grace der Jähzorn packte, war ohnehin absurd —, aber Graces Gelassenheit kam daher, daß sie sich niemals stritt, San Sans Gelassenheit daher, daß sie sich nie zu streiten brauchte. San San hatte alles, was sie wollte, und zwar kampflos. Bis jetzt. Natürlich war Geld eine Hilfe dabei gewesen. Sie war nicht eigentlich verwöhnt, aber —
»Wann ...?« fing sie wieder an und kam weiter ins Zimmer.
»Zwanzig vor acht.«
»Aus Amerika?«
»Aus Bangkok. Offenbar war sie ein paar Wochen in Thailand unterwegs. Nein, es ist nicht nötig, daß du mitkommst. Bleib doch hier und übe.«
Nein, nicht verwöhnt, machte er sich klar. Nur jung und unverletzt. Bis jetzt hatte ihr noch nie etwas weh getan. So hatte er es haben wollen. Seit zweiundzwanzig Jahren hatte ihr nie etwas weh getan. Aber er nahm an, jetzt könne es nicht mehr lange dauern, bis ihr irgend etwas weh tat.
»Was war denn das in den Nachrichten?« fragte San San. »Ich habe nur den Schluß mitbekommen. Irgend etwas darüber, daß die Gespräche...




