Nicolai | Maulberg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Nicolai Maulberg

I love DDR. Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910775-32-9
Verlag: SATYR Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

I love DDR. Roman

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-910775-32-9
Verlag: SATYR Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In seinem zweiten Roman präsentiert der aus Leipzig stammende Komiker und Autor Thomas Nicolai eine Mini-DDR im Schnelldurchlauf: Ein Dorf in Nordsachsen spielt noch einmal DDR, für einen Monat und mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Eine satirische Farce gegen unkritische Ostalgie, wie sie aktueller kaum sein könnte. Deutschland im Jahr 2016. Das Dortmunder Ehepaar Beate und Peter Sendler, beide Mitte fünfzig (sie: frustrierte Erzieherin, er: erfolgloser Dokumentarfilmer), zieht ins sächsische Dorf Maulberg und erlebt dort nicht nur eine friedliche Idylle des Miteinanders, sondern auch die Sehnsucht vieler Bewohner nach der »guten alten« DDR. Dass ausgerechnet der Zugezogene die Idee hat, ist für die Maulberger schwer zu akzeptieren, doch der Gedanke ist zu verlockend: Zum 400-jährigen Dorfjubiläum beschließt der Ort ein Experiment: vier Wochen lang zurück in die DDR - mit allem Drum und Dran: altem TV-Programm, Ostprodukten im Supermarkt, der natürlich wieder »Kaufhalle« heißt, mit Pioniertüchern und Republikgeburtstag. Doch das Experiment läuft aus dem Ruder, denn die Maulberger in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf ... »Zwanzig Brötchen - eine Mark! Ich habs noch erlebt. Das literarische Extrakt, das Herr Nicolai aus diesen seltsamen Zeiten für uns zusammengebraut hat, ist hochgradig empfehlenswert.« Olaf Schubert »Einmal in die Hand genommen, angefangen zu lesen und nicht mehr wieder zur Seite gelegt. Kaufen! Lesen!!!« Axel Prahl

Thomas Nicolai stammt aus Leipzig und ist bekannter Comedian, Parodist und Schauspieler. Er lernte an der Schauspielschule Ernst Busch, spielte Theater in Berlin und ist seit 1994 als freischaffender Comedian mit eigenen Programmen unterwegs (bekannt wurden u. a. seine Figuren »Der blonde Emil« und »Patrick Schleifer«). Im Fernsehen war er in diversen Shows von RTL, 3sat, ProSieben, WDR, NDR und Sat.1 zu sehen. Er moderierte im »Quatsch Comedy Club« und bei »NightWash«, hat einige Kleinkunstpreise erhalten und ist als Sprecher für Audioproduktionen tätig. Als Autor entwickelte er die Kinderhörspielserie »Die Märchenmäuse« mit, veröffentlichte zahlreiche Tonträger, den Sprachführer »Sächsisch für Anfänger« und übersetzte »Die Simpsons« und »Asterix« ins Sächsische. Sein erster Roman »Nackt auf Usedom« (zusammen mit Kaelo Michael Janßen) erschien 2023. Thomas Nicolai lebt mit seiner Familie in Berlin.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorbemerkung
Personenregister
Prolog
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Die erste Woche
13
14
15
16
17
18
19
20
Die zweite Woche
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
Die dritte Woche
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
Die vierte Woche
41
42
Eipilog
Danke


1


Heute war der große Tag. Heute würden sie tatsächlich nach Maulberg in den Nordosten Sachsens umziehen.

Der Umzugswagen war pünktlich und das Verladen all ihrer Sachen verlief schnell und problemlos.

Nun hatten sie genug Zeit, sich von ihrer Dortmunder Wohnung zu verabschieden und in aller Ruhe im Laufe der nächsten zwei Stunden loszufahren. Sie würden ohnehin früher als der Umzugswagen da sein.

Peter und Beate Sendler streiften ein letztes Mal durch die Räume ihrer alten Wohnung, in der sie so lange gelebt hatten. Ein merkwürdiges Gefühl, die Zimmer nun so leer und verlebt zu sehen. So ganz ohne Möbel wirkte die Wohnung viel größer, aber auch irgendwie traurig.

Peter hatte die meiste Zeit seines Lebens in Dortmund verbracht, aber nun, mit fast Ende fünfzig, schien es Zeit für ein neues Kapitel zu sein.

Beate hatte die Annonce in der Zeitung gelesen, dass die Kita in Maulberg auf der Suche nach einer neuen Leitung sei. Peter, der Dokumentarfilmer, unterstützte seine Frau sofort und sagte zu, denn er witterte in ihrem neuen Domizil Stoff für einen Film, der ihm wieder die Anerkennung bringen könnte, nach der er so sehr lechzte.

Ihr Sohn Philipp studierte seit ein paar Jahren Germanistik in Berlin. Ihm hatten sie als Erstem am Telefon von ihrem Plan erzählt. Erst reagierte er gar nicht und meinte schließlich nach kurzem Zögern, dass er das gut fände. Gerade, weil sie »nach Sachsen zu den Drecksnazis« gehen würden. In die Höhle der Löwen sozusagen. Dorthin, wo es brennt. »Vielleicht könnt ihr sie bekehren, um sie wieder auf den rechten Pfad zurückzubringen? Ach nee, auf dem rechten Pfad sind sie ja schon … Entschuldigt den schlechten Witz, aber der bot sich so an. Na, ihr wisst schon, was ich meine«, erklärte er.

Als sie dann ihren Freunden von der Entscheidung erzählten, ernteten sie fast ausnahmslos Unverständnis. Einer bezeichnete alle Ossis sogar als »Zonendödel«, die ausnahmslos Nazis seien und sowieso nur den alten DDR-Zeiten hinterherjammerten.

Peter sah das jedoch komplett anders. Er hatte sich als Journalist und Dokumentarfilmer schon immer stark für das »andere« Deutschland interessiert. Seit jeher hatte er einen guten Draht zu den Bürgern in den neuen Bundesländern gehabt und noch zu Zeiten der Teilung war er als Student gerne »drüben« gewesen. Zwar gingen ihm der Überwachungsstaat und die Grenzer wie allen anderen gehörig auf den Wecker, aber die Menschen dort hatten ihn immer wieder fasziniert. Sie konnten in diesem Regime genauso gut leben, lieben und arbeiten wie er im Westen. Gerade dieses Zwischen-den-Zeilen-Lesen, das sich die DDR-Künstler angeeignet hatten und das alle DDR-Bürger perfekt entschlüsseln konnten, begeisterte ihn, der aus einer Welt kam, in der scheinbar jeder alles sagen durfte, so wie ihm der Schnabel gewachsen war. Diese Reibung hatte ihn schon immer gereizt.

So gesehen war Peter die Entscheidung für den Umzug nicht schwergefallen. Für ihn war es ein Neuanfang mit einer neuen Chance. Was ihn letztendlich komplett für den Umzug einnahm, war die Tatsache, dass Maulberg im kommenden Jahr sein 400-jähriges Bestehen feiern würde. Das könnte seine Chance sein für eine umfassende, akribische Dokumentation über ein kleines sächsisches Dorf am Rande vom Nirgendwo! Es war die Möglichkeit, als Journalist vor Ort zu überprüfen, inwieweit die Vorurteile stimmten, die über den Osten Deutschlands kursierten, oder ob alles ganz anders war. Im Stillen träumte Peter schon von einer Langzeitdokumentation, die für regelmäßige Folgeaufträge sorgen würde.

Beates Motive waren völlig unromantisch. Ihren Job als Leiterin einer Dortmunder Kindertagesstätte machte sie schon viel zu lange. Der Druck in der Kita wurde immer stärker und Personalmangel, Helikoptermütter und ständige Krankheitsausfälle waren kaum noch auszuhalten. Es machte einfach keinen Spaß mehr. Die Verpäppelung der Kinder und das ständige Anzweifeln ihrer jahrelangen Erfahrung als Kindergärtnerin hatten sie zermürbt und dünnhäutig gemacht, sodass sie abends einfach nur noch ins Bett und schlafen wollte.

Nun wurden die letzten Kartons aus der Wohnung getragen. Es war ein Abschied für immer und das neue Abenteuer würde beginnen! Für sentimentale Gefühle war keine Zeit mehr.

Irgendwann zogen die beiden Möbelpacker die Lkw-Planen herunter, verzurrten sie sicher und routiniert und starteten Richtung Sachsen. Eine halbe Stunde später stiegen auch Beate und Peter ins Auto und fuhren los.

Es war der 1. Juni 2016, ein Mittwoch, und sie kamen gut voran. Das Wetter war sommerlich und der Himmel so strahlend blau, dass es schon fast zu viel war. Richtiges Kaiserwetter. Das fühlte sich auf jeden Fall schon mal gut an.

Irgendwann auf der Autobahn, noch vor Hannover, überholten sie den Umzugswagen und Beate schien es, als könnte es Peter nicht schnell genug gehen, im neuen Leben anzukommen.

Anfangs hatten sie noch miteinander geredet, doch bald erstarb das Gespräch und die Ungewissheit breitete sich immer mehr aus. Was, wenn das die größte Dummheit ihres Lebens werden sollte?

Schließlich war es nicht mehr weit nach Maulberg. Sie hatten schon vor einer Stunde die Autobahn verlassen, in einem Landgasthaus ausgiebig Mittag gegessen und fuhren nun durch wunderschöne Alleen, vorbei an blühenden Feldern und durch kleine, verschlafene Dörfchen. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto stärker wuchs das Gefühl, auch in eine andere Zeit zu reisen. Das wirkte alles schon ein bisschen unwirklich, verglichen mit der Großstadthektik Dortmunds.

Natürlich hatten sie alles gut vorbereitet und ihr neues Domizil im Nordosten Sachsens sowie den Ort ein wenig erkundet. Daher waren sie froh, als sie das Ortsschild »MAULBERG Kreis Oschersbach« passierten – endlich waren sie da.

Sie fuhren den Weg zu ihrem neuen Zuhause fast schon wie im Schlaf, dennoch war es diesmal anders. Das Gefühl, dass dies eine Fahrt ohne Rückkehr wäre, verursachte Beate leichte Magenschmerzen. Auch Peter merkte man eine Anspannung an, als sie rechts in die Ernst-Thälmann-Straße einbogen. Die Nummer sieben war ihr neues Zuhause, in dem sie ab sofort wohnen würden.

Es war ein kleines einstöckiges Haus für vier Familien, vermutlich noch Anfang der 1970er-Jahre zu DDR-Zeiten erbaut.

Beate und Peter hatten eine kleine Zweizimmerwohnung im ersten Stock gemietet.

Sie parkten direkt vor dem Haus und stiegen langsam aus. Peter streckte sich, während Beate sich umschaute, einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche nahm und die Ruhe und Stille genoss. Nur vereinzelt war leises Vogelgezwitscher zu hören. Insgesamt ein perfekter Sommertag, nicht zu heiß, mit einem leichten Wind, der für Kühlung sorgte.

Beate nahm ihre Sonnenbrille ab und ging zum Haus. Gerade als sie die Haustür aufschließen wollte, wurde diese bereits von innen geöffnet.

»Da sind Sie ja!«, rief eine ältere Frau mit freundlichem Gesicht. Sie war einen Kopf kleiner als Beate und trug eine Kittelschürze. »Sie sind aber früh dran. Wir dachten, Sie kommen erst heute Abend. Dortmund ist doch eine Weltreise von hier.«

Beate hatte Frau Belke schon beim letzten Mal kennengelernt. Sie wohnte im Parterre und lebte mit ihrem Mann Joachim schon immer hier. Beide waren Anfang siebzig und genossen offensichtlich ihr Rentnerdasein.

»Joachim!«, rief Frau Belke mit leicht sächsischem Akzent, den Beate erstaunlicherweise sogar süß fand, in den Flur. »Joachim, komm doch mal bitte. Die Sendlers sind da!«

Die Wohnungstür der Belkes öffnete sich und ein rundlicher Mann mit gemütlichem Gesichtsausdruck trat heraus. Er trug eine braune Strickjacke, auf seinem Kopf war nur noch ein Haarkranz übrig und seine Augen umspielten tiefe Lachfalten.

»Ich komme schon, meine Sonne.« Auch er sächselte leicht. Eine Tatsache, an die sich die Sendlers ab sofort gewöhnen mussten. Aber wenn es so sympathisch wie bei den Belkes daherkam, dachte Beate bei sich, war dieser Dialekt sogar erträglich.

»Liebe Frau Sendler«, sagte Joachim Belke und streckte ihr die Hand entgegen. »Jetzt noch mal ganz förmlich und offiziell: Herzlich willkommen in Maulberg! Sie werden sich hier wohlfühlen, das verspreche ich Ihnen. Und wenn was sein sollte, dann können Sie immer zu uns kommen. Immer! Außer, wenn Se Geld wollen, da können wir Ihnen nicht helfen, denn das brauchen mer selber«, fügte er lachend hinzu.

»Joachim«, mahnte Frau Belke ihren Mann und schüttelte den Kopf.

»Hab schon verstanden«, erwiderte Beate lächelnd. »In diesem Punkt kommen wir uns sicher nicht in die Quere.«

Auf einmal wirkte Herr Belke ganz ernst und fragte konsterniert: »Wie darf...


Thomas Nicolai stammt aus Leipzig und ist bekannter Comedian, Parodist und Schauspieler. Er lernte an der Schauspielschule Ernst Busch, spielte Theater in Berlin und ist seit 1994 als freischaffender Comedian mit eigenen Programmen unterwegs (bekannt wurden u. a. seine Figuren »Der blonde Emil« und »Patrick Schleifer«). Im Fernsehen war er in diversen Shows von RTL, 3sat, ProSieben, WDR, NDR und Sat.1 zu sehen. Er moderierte im »Quatsch Comedy Club« und bei »NightWash«, hat einige Kleinkunstpreise erhalten und ist als Sprecher für Audioproduktionen tätig. Als Autor entwickelte er die Kinderhörspielserie »Die Märchenmäuse« mit, veröffentlichte zahlreiche Tonträger, den Sprachführer »Sächsisch für Anfänger« und übersetzte »Die Simpsons« und »Asterix« ins Sächsische. Sein erster Roman »Nackt auf Usedom« (zusammen mit Kaelo Michael Janßen) erschien 2023. Thomas Nicolai lebt mit seiner Familie in Berlin.



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