E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Like Us
Niebler We Are Like the Sky
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7457-0337-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Like Us
ISBN: 978-3-7457-0337-5
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sind deine Versprechen stärker als deine Träume?
Als Leevi nach zehn Jahren wieder Kontakt zu seiner Kindheitsfreundin Riven aufnimmt, könnte der Anlass nicht trauriger sein. Ausgerechnet er war es, der ihren Vater orientierungslos am Strand vorfand. Nun möchte er alles tun, um ihr beizustehen, denn auch nach all den Jahren spürt er eine tiefe Verbundenheit zu Riven. Sie scheint seine Gefühle zu erwidern, doch je besser Leevi sie neu kennenlernt, desto mehr zweifelt er daran, ob er gut genug für sie ist. Sein Leben als einfacher Fischer ist so weit weg von der glamourösen Welt, in der Riven zu Hause ist, wie es nur sein kann. Wie soll er ihr und ihren Träumen gerecht werden, wenn er nicht einmal seine eigenen verwirklichen kann?
Eine Liebe, so weit wie der Himmel - der zweite Teil der »Like Us«-Trilogie
»Ich bin verliebt in die atmosphärische Stimmung und die authentischen Charaktere. Eine Reihe, die man unbedingt lesen muss!« SPIEGEL-
»Von Mut, Liebe und Träumen, die selbst die stärksten Stürme überstehen. Die Reihe nimmt das Leser*innenherz von der ersten bis zur letzten Seite im malerischen Kanada gefangen. Eine Empfehlung für alle, die sich nach Ruhe und Hoffnung sehnen.«
Gischt auf den Wangen, Wind im Haar - so ist Marie Niebler am glücklichsten. Aufgewachsen im Süden Deutschlands, träumt sie sich schon ihr ganzes Leben an raue Küsten. Ihre Sehnsucht stillt sie mit Geschichten, nicht selten mit ihren eigenen. Gemeinsam mit ihren Figuren steht sie auch die schwersten Zeiten durch und verliebt sich dabei mit jedem Roman neu in ihre Charaktere.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
LEEVI
Vor den Fenstern der Wartehalle des Flughafens von Port Hardy biegen sich die Bäume im Wind. Dunkle Wolken ziehen über den Himmel und drohen mit Regen. Hier drinnen jedoch ist es warm.
Seit einer halben Stunde tigere ich um die hölzernen Blumenkübel herum, die in der Mitte des Raumes stehen und sich mit schlichten Sitzbänken abwechseln. Dank des ungünstigen Fährenfahrplans war ich viel zu früh hier, und an Stillsitzen ist heute nicht zu denken.
Seit ich weiß, dass Riven herkommt, habe ich das Gefühl, mein Herzschlag wäre aus dem Takt geraten. Eine ungewohnte Unruhe hat sich in mir breitgemacht, so als wäre diese Begegnung etwas Weltbewegendes.
Ich weiß nicht, was ich erwarten soll. Sollte ich mich darauf freuen, meine ehemalige beste Freundin wiederzusehen? Oder ist unsere Freundschaft schon so lange her, so geprägt von dem Streit unserer Väter, dass da faktisch nichts mehr zwischen uns ist? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Dass Riven und ich Fremde sind, kommt mir völlig abwegig vor, dabei ist es die bittere Realität.
Als Kinder waren wir unzertrennlich, haben gemeinsam die Insel unsicher gemacht, uns Ärger eingehandelt und ihn zusammen wieder ausgebadet. Unsere Namen wurden so oft zusammen genannt, dass sie fast schon ein eigenes Wort bildeten. Wir waren beste Freunde, die Art, bei der die Leute behaupten, es würde kein Blatt dazwischenpassen. Und ich weiß nicht, ob ich je wirklich aufgehört habe, so zu fühlen.
In den zehn Jahren seit ihrem Umzug war Riven einfach weiter … Riven. Doch nun habe ich das Gefühl, mit meiner Anwesenheit hier meinen Vater zu hintergehen, und vielleicht ist es ohnehin naiv zu glauben, dass es ihr genauso geht. Vielleicht muss ich in wenigen Minuten einsehen, dass hier tatsächlich eine Fremde vor mir steht, die letztendlich ebenso wenig über mich weiß wie ich über sie.
Alles in mir verkrampft sich bei diesem Gedanken. Aber weit hergeholt ist er nicht. Das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, ist mindestens vier Jahre her. Die letzte Unterhaltung, wenn man von dem Telefonat gestern absieht, fünf oder sechs. Sie bestand aus unangenehmem Small Talk bei Brenda im Supermarkt. Ein typisches Gespräch zwischen zwei unbeholfenen Teenagern, von denen zumindest einer unverhältnismäßig nervös war.
Ich weiß noch, wie sehr ich gehofft habe, mit ihr über etwas Bedeutungsvolles sprechen zu können. Wie früher, als wir uns alle Sorgen anvertraut haben, jeden Funken Angst, jede noch so kleine Begeisterung. Stattdessen haben wir über das Wetter und ihre Highschool in Toronto geredet, und ich habe so getan, als würde mich das wehmütige Ziehen, das ich dabei empfunden habe, nicht von innen heraus zerfressen. Wahrscheinlich wird es gleich wieder so sein.
Geht es ihr genauso, wenn sie an mich denkt? Oder bin es nur ich, der nicht loslassen kann? Schon die ganze Zeit frage ich mich, wie ihre Stimme jetzt wohl klingt. In echt, ohne die Verfälschung durch ein Telefon. Ich frage mich, wie sie aussieht, ob sie ihre Haare noch so lang trägt wie damals, was sie arbeitet, was ihre Hobbys sind, was sie gerne isst.
Es sind teilweise Belanglosigkeiten, die mich die ganze Nacht wach gehalten haben, obwohl ich gestern am Strand an Ort und Stelle hätte einschlafen können. Warum nur ist mir das so verdammt wichtig? Riven hat meine Kindheit so geprägt, dass ich das Gefühl habe, sie wäre immer noch ein Teil von mir. Dabei ist diese Version von ihr vermutlich längst jemand anders geworden. Verschluckt von ihrem neuen Leben in Toronto, in dem es kein Meer, keinen Vater und keinen Leevi gab.
Zum wiederholten Mal lasse ich mich auf eine der hölzernen Bänke sinken. Gemeinsam mit dem Mintgrün der Wände vermitteln die hohen Zimmerpflanzen in den Kübeln neben mir ein fast schon tropisches Ambiente.
Auf den dunkelblauen Polsterstühlen zu beiden Seiten des Raumes warten nur zwei weitere Menschen. Außerhalb der Urlaubssaison ist der Flughafen selten voll, und in die kleinen Maschinen passen ohnehin nicht viele Passagiere. Ein Mann weiter hinten am Eingang beobachtet mich schon die ganze Zeit mit misstrauischem Blick. Wahrscheinlich macht ihn mein unruhiges Auf und Ab nervös.
Ich schaue wieder aus dem Fenster. Rivens Flug hat ein paar Minuten Verspätung, vermutlich wegen des Windes. Hoffentlich gab es keine größeren Turbulenzen.
Seufzend ziehe ich den zerfledderten Thomas-Hardy-Roman aus meiner Jackentasche, schlage die aktuelle Seite auf und starre darauf. Als Lesen kann man es wohl nicht bezeichnen. Meine Augen folgen den Buchstaben, aber würde ich das Buch nicht ohnehin halb auswendig kennen, hätte ich keine Ahnung, was in dem Kapitel passiert. Ich kriege nichts mit.
Stattdessen stelle ich mir vor, wie Riven aussieht. Frage mich, ob ihre Augen wirklich so dunkel sind wie auf den alten Fotos von ihr. Fast schwarz, sodass man regelrecht in ihnen versinken kann. Ob sie lächelt, wenn sie mich sieht? Wie begrüßt man eine ehemalige beste Freundin? Mit einer Umarmung? Einem Händeschütteln? Einem höflichen und viel zu befangenen Nicken?
Noch während mein Gehirn das Szenario wieder und wieder durchspielt, bemerke ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung und schaue auf. Ein Mann um die vierzig kommt aus Richtung der Gepäckausgabe um die Ecke, eine Reisetasche über der Schulter. Mit eiligen Schritten geht er an mir vorbei auf den Ausgang zu. Hinter ihm nähert sich das Geräusch von Rollkoffern.
Ich packe das Buch wieder in meine Jackentasche. Ein jüngeres Paar mit Kind kommt ebenfalls in die Halle, danach eine alte Dame, die von dem misstrauisch dreinschauenden Mann in Empfang genommen wird.
Und dann sehe ich sie.
Ich erkenne Riven sofort. Kaum dass ich ihr Gesicht erblicke, schießen mir tausend Fotos und Erinnerungen an sie durch den Kopf, als würde mein Gehirn wie in einer dieser CSI-Serien einen Fingerabdruck abgleichen. Sie sieht älter aus. Und sie ist verdammt schön. Vertraut schön. Riven-ist-endlich-wieder-hier-schön.
Ihre braunen Haare sind ein wenig kürzer als früher und fallen in leichten Wellen bis über die Schultern ihres dunkelgrauen Mantels. Der Kragen ist hochgeschlagen, was ihre helle Haut und die rosigen Wangen betont. Darunter trägt sie einen cremefarbenen Strickpullover und eine graue Stoffhose mit weiten Beinen und hohem Bund.
Suchend, geradezu zögerlich wandert ihr Blick durch den Raum und trifft meinen dennoch so unerwartet, dass mir für einen Moment die Luft wegbleibt. Ihre braunen Augen verschlucken mich mehr, als sie es auf einem Bild je gekonnt hätten, und ein unruhiges Flattern macht sich in meinem Magen breit. Es wird begleitet von einem Ziehen in meiner Brust. Einer Mischung aus Wehmut, Unsicherheit und Vorfreude. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, als würde der gesamte Schmerz des Vermissens der letzten zehn Jahre in diesem Augenblick auf mich einprasseln. War es schon immer so, dass mich allein Rivens Anblick derart bewegt?
Ich stehe auf und nehme vage wahr, wie ihr Blick an mir herunterwandert. Über den offenen Windbreaker, den verwaschenen Hoodie und die zu alte Jeans. Sie hingegen wirkt in ihren Klamotten geradezu unnahbar. Als wäre sie einem Fashion-Magazin entsprungen und nicht einem Flugzeug.
Der erste Schritt auf sie zu kostet mich seltsam viel Überwindung. Doch dann lächelt sie, und mein ganzer Körper kribbelt, weil es so sanft und herzlich wirkt, dass all die Zweifel und Sorgen von eben in den Hintergrund treten.
Wir begegnen uns auf halber Strecke. Riven zieht einen großen Hartschalenkoffer neben sich her, in den sie mit ein paar Verrenkungen wahrscheinlich selbst reingepasst hätte, und ich schiebe, kurz bevor ich sie erreiche, die Hände in die Jackentaschen, um mich nicht doch mit einem Handschlag zu blamieren.
Sofort fällt mir auf, dass Riven kleiner ist als ich. Locker zehn Zentimeter, und das, obwohl ich nur einen Meter vierundsiebzig groß bin. Sie bleibt stehen und sieht zu mir hoch. »Hi«, grüßt sie mich schüchtern, und beim Klang ihrer Stimme bricht ein Lächeln aus mir heraus. Sie klingt warm und weich und so vertraut, als würden wir täglich miteinander sprechen. Der Knoten in meinem Inneren scheint sich endgültig zu lösen. Scheiß auf unsere Familien. Das hier, das ist nur zwischen uns beiden, nicht zwischen unseren Vätern.
»Hey«, erwidere ich. Es folgt Schweigen, doch seltsamerweise ist es nicht unangenehm. Riven und ich sehen uns an, mustern uns, wägen ab. Und plötzlich glaube ich zu wissen, dass es ihr genauso geht wie mir. »Wie war der Flug?«, frage ich schließlich.
Riven zieht die Nase kraus, und ich verstehe sofort, was das heißt. Ich habe tausend Gedankenschnappschüsse von ihr vor Augen, auf denen sie genau dieses Gesicht macht. Riven, die im unerwarteten Regen nass wurde. Riven, die beim Pfützenspringen Wasser in die Gummistiefel bekommen hat. Riven, der das Pausenbrot von ihrer Mom nicht schmeckt. Riven, die mir sagt, dass sie wegzieht. Es ist ihr universelles Zeichen für Unzufriedenheit.
»Ruckelig«, gibt sie nur zerknirscht zurück.
»Die kleinen Maschinen schüttelt es bei dem Wind ganz schön durch, oder? Soll ich?« Ich ziehe eine Hand aus der Tasche und deute mit dem Kopf zu dem silbernen Rollkoffer.
»Oh, geht schon. Dein Tag war sicher schon anstrengend genug. Danke fürs Abholen übrigens. Ich wollte ein Taxi nehmen, aber Dad hat darauf bestanden, dich zu schicken.«
Warum Mr. Williams dabei ausgerechnet an mich gedacht hat, ist mir ein Rätsel. Es wundert mich, dass er bewusst dafür sorgt, dass ich Zeit mit seiner Tochter verbringe. Mein...




