E-Book, Deutsch, 104 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 152 g
Niederberger Weniger erziehen – mehr leben!
Erste Auflage 2019
ISBN: 978-3-907147-09-2
Verlag: Publishing Partners
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alternativen zum Erziehungsstress
E-Book, Deutsch, 104 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm, Gewicht: 152 g
ISBN: 978-3-907147-09-2
Verlag: Publishing Partners
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Niederberger wurde 1957 in Luzern geboren, wo er auch lebt und arbeitet. Seit 1990 ist er als Familientherapeut tätig. Er ist ausgebildet in Sozialarbeit und familienorientierter Systemtherapie (IEF, Zürich), Management für Nonprofit-Organisationen und Marte-Meo-Praktiker. Er hielt viele Referate und führte Elternkurse durch. Er ist Vater von drei erwachsenen Kindern, an deren Erziehung er sich dank Teilzeitpensum aktiv beteiligen konnte. Ein Credo in seiner Arbeit: Betriebsblindheit vermeiden, Konzepte sind Orientierung, aber nicht das Leben, über den Rahmen hinaus denken. Damit gelang es ihm, eine pragmatische und lebensnahe Idee zu kreieren, wie rund um die vielen Aspekte von Familie und Erziehung eine erbauliche Kinderstube gestaltet werden kann. Sein grosses Hobby ist die Malerei, er stellt regelmässig aus. Diese Erfahrung ermöglichte ihm, die Illustrationen zum Buch selbst zu zeichnen. 2018 erschien sein erstes Buch: «Hin zu einer kinderorientierten Trennung».
Zielgruppe
Das Buch spricht Elternpaare mit Kindern an, aber auch Lehrpersonal, Pädagogen und alle, die sich dafür interessieren, wie Kinder und Jugendliche unsere Gesellschaft wahrnehmen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Motivation zu diesem Buch
Seit den 1990er-Jahren schenkt die Erwachsenenwelt den Kindern vermehrt Aufmerksamkeit. Ihre Bedürfnisse und die Gefahren, in die Kinder geraten können, wurden erforscht und beschrieben, es wurden präventive Konzepte kreiert und umgesetzt. Anfang der 2000er-Jahre begann eine breite Initiative unsere Erziehung zu thematisieren. Verschiedenste Kreise und Fachleute fordern seither einen aktiven Erziehungsstil. Zentrale Elemente sind klare Regeln, Fördern und Fordern, die Kinder mit einbeziehen, sie mit beteiligen, mit ihnen auf Augenhöhe gehen und sie richtig anweisen. Ihr Potenzial fördern. Eine ganze Generation von Eltern und Lehrern setzt dies vorbildlich um. Es wird viel erzogen.
Parallel dazu begannen zahlreiche Erwachsene zu beklagen, dass die Kinder so schwierig zu erziehen und schlecht erzogen seien. Kinder wurden zunehmend als «erziehungsschwierig» wahrgenommen. Immer mehr Kinder werden schulpsychologisch abgeklärt, gehen in Therapien, bekommen kinesiologische oder andere Unterstützung.
Eltern untereinander klagen, wie viel Erziehungsarbeit sie erbringen müssen. In den Schulen stellt man fest, dass Eltern von der Schule immer mehr verlangen, während die Eltern ihrerseits beklagen, wie viel sie den Kindern mitgeben müssen, damit sie den Anforderungen der Schule entsprechen können. Zahlreiche Eltern fühlen sich bezüglich ihrer Erziehungsaufgabe unzulänglich, im Vergleich zu anderen Eltern als nicht genügend. Das Wort «Erziehungsstress» tauchte auf. Immer mehr Eltern erleben sich mit ihren Kindern in einem solchen Stress.
In meiner über 25-jährigen Tätigkeit als Jugend- und Familienberater bin ich während der letzten zehn Jahre zunehmend den fünf folgenden Phänomenen begegnet:
Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle
Eltern schildern, dass sie latent immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber haben, auch Schuldgefühle. Sie haben den Eindruck, es nie richtig zu machen, nie alles Mögliche gemacht zu haben, stets ungenügend zu sein. Nachgefragt, woher diese Gefühle kommen, können die meisten keine klare Antwort geben. Viele Eltern mit Schuldgefühlen haben keine Trennung oder Scheidung hinter sich, keinen sozialen Abstieg oder markanten Umgebungswechsel mit ihren Kindern. Auch gut gebildete, sogar psychologisch oder pädagogisch geschulte Eltern beschreiben diese Gefühle. Durchschnittliche, durchaus gute Eltern, die vieles richtig machen und als Eltern die Note gut bis sehr gut verdient hätten, kennen das latent im Nacken sitzende Gefühl, es nie recht zu machen.
Kinder, die den Eltern über den Kopf wachsen
In den Beratungsgesprächen begegnete ich in den letzten zehn Jahren auch zunehmend Eltern, die klagten, ihnen seien die Kinder über den Kopf gewachsen. Es sind vor allem Mütter, die die Hauptlast der Erziehungsarbeit bewältigen, Mütter mit kleinen «Knöpfen» von vier, fünf Jahren, teils auch jünger. Sie schildern, wie ihre Knirpse den Ton angeben, meistens das letzte Wort haben, wie die Kinder sich durchsetzen und den Alltag fast blockieren. Sie erzählen, wie diese zu kleinen Tyrannen geworden sind und die Hierarchie in der Familie umgekehrt haben. Die Kinder haben das Zepter in der Hand.
Oft sind diese Mütter einer Erschöpfung nahe. Häufig bereitet ihnen der nächste Tag schon am Vorabend Kummer. Sie sprechen auch von Eklats: dass sie die Kinder angeschrien hätten, manchmal handgreiflich geworden seien. Und dass es nun auch zu Unstimmigkeiten unter den Eltern gekommen sei, sodass es auch auf der Paarebene Spannungen gebe.
Große Ängstlichkeit um die Kinder, «Helikopter-Eltern»
Manche Eltern kennen, sehen und spüren im Alltag der Kinder eine Vielfalt von Gefahren. Kaum eine Freude ist ohne Gefahr. Kaum etwas Schönes kann nur mal schön sein, etwas Negatives lauert immer. Es sind Eltern, die bemüht sind, dass nichts passiert. Kein Unfall, keine Blessur, kein Kontakt mit einem Krankheitskeim, keine komische Begegnung, keine seltsamen Ereignisse. Nicht Abschätzbares birgt rasch ein erhebliches Risiko. Die Eltern geben sich Mühe, prospektiv Gefahren abzuschätzen, möglichst viel selbst zu organisieren, nahe bei den Kindern und mit dabei zu sein, möglichst viel zu dirigieren und zu orchestrieren. Den Alltag erleben sie als sehr anstrengend. Nicht wenige erleben dies beim ersten Kind, getrauen sich kaum, an ein zweites zu denken und verzichten darauf.
Eltern, die sich bei den Kindern vergewissern
Weniger in Beratungsgesprächen, eher durch Beobachtungen unterwegs bemerkte ich, dass Eltern nach einem Gespräch mit den Kindern noch eine Frage stellen wie: Ist das okay? Verstehst du mich? Hast du mich verstanden? Gell? Die Eltern stellen solche Fragen, nachdem sie den Kindern etwas haben beibringen wollen oder mit ihnen etwas abgesprochen haben. In Beratungsgesprächen mit Eltern von «kleinen Tyrannen» oder mit latenten Schuldgefühlen nachgefragt, ob sie auch am Ende von Anweisungen, Erklärungen und Absprachen mit den Kindern solche Fragen stellen, antworten die meisten mit Ja. Sie machen es so, wie es zahlreiche Sachbücher und Artikel über Erziehung anraten: vorankündigen, auf Augenhöhe gehen, mit den Kindern richtig sprechen, erklären, was läuft, sie mit einbeziehen.
Die Kinder sollen sie verstehen können. Sie bemühen sich, damit es für ihre Kinder stimmt und sie einverstanden sind. Die Kinder sollen sie verstehen und sich einzuschätzen lernen.
Erschöpfte Eltern und Kinder
Immer wieder begegne ich Eltern wie Kindern, die erschöpft sind, irgendwie genervt. Eltern erleben das Familienleben als auszehrend. Mütter gehen bald lieber zur Arbeit, als dass sie sich der Familie widmen mögen. Aussagen wie «Ein Kind ist mir genug, das reicht» sind nicht selten. Man reibt sich in der Familie gegenseitig auf, die Eltern untereinander und die Eltern mit den Kindern. Schnell schaukeln sich Emotionen hoch, schnell und häufig gibt es Streit. Aus dem Haus gehen, sich dafür parat machen, wird häufig zu einer heiklen Situation. Zusammen essen kann man kaum einmal ruhig und gelassen.
Suche nach Gründen
Als Familientherapeut und Erziehungsberater war ich zunehmend herausgefordert, eigentlich ganz normalen Eltern, die gute Erziehungsgedanken und Erziehungskonzepte haben, zu helfen, aus dem Erziehungsstress und den oben genannten Phänomenen herauszukommen.
Was also liegt diesen fünf Phänomenen zugrunde? Irgendwie war mir klar, dass es nicht an den Kindern liegt. So anders können Kinder in zwanzig, dreißig Jahren nicht geworden sein. Andererseits ist es doch rätselhaft, dass so viele ganz normale Eltern davon betroffen sind und über Erziehungsstress klagen. So manche gute Eltern in fast dauernder Unsicherheit, mit schlechtem Gewissen oder gar Schuldgefühlen. Eltern, die die Leithammelposition verloren haben und deren Kinder quasi das Zepter führen. Wie kommt es, dass so viele Kinder die Eltern auf Trab halten, sie im Griff haben und sie fast zur Verzweiflung bringen?
Ich selbst war als Vater von drei Kindern ebenfalls nahe bei diesen Phänomenen, ihre Mutter noch näher. Beim Sinnieren über die Ursachen kamen mir immer wieder Leute in den Sinn, die nicht wie ich in der Stadt, sondern vom Land kamen, aus den Bergen. In Begegnungen mit ihnen bemerkte ich, dass sie etwas Klareres und Direkteres im Umgang mit ihren Kindern hatten als wir. Sie waren herzlich und liebevoll mit ihnen, wie wir, aber eine Nuance bestimmter, unbekümmerter, gemächlicher. Sie diskutierten weniger über Erziehung und waren irgendwie spontaner, unempfindlicher als wir Städter.
Diese Beobachtung gab mir beim Suchen nach den Gründen eine Richtung vor: Die Leute auf dem Land und in den Bergen übernehmen neue Trends oft etwas später als wir Städter oder gar nicht. Es könnte sich also lohnen, die beschriebenen Phänomene mit der Zeit zu vergleichen, als es diese Phänomene noch nicht gab. Das Heute mit der Vergangenheit vergleichen, mit der Zeit meiner Eltern, meiner Großeltern. Auf diese Weise können wir vielleicht unsere eigene Situation klarer erkennen, eine Standortbestimmung vornehmen und unsere heutigen Werte und Gewohnheiten besser hinterfragen.
So habe ich angefangen zu erkunden, wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben, wie sie ihre Kinder erzogen haben. Ich begann zu skizzieren, wie sie lebten, wie ihre Welt, Lebensbedingungen und Umgebung waren. Ich benutzte Gelegenheiten, ältere Leute zu befragen. Auch achtete ich darauf, wie in älteren Büchern die Beziehung der Erwachsenen zu den Kindern beschrieben wurde und welche Bedeutung die Kinder in der Welt der Erwachsenen hatten. Bücher, in denen es nicht primär um die Kinder geht, sondern wo Kinder einfach vorkommen. Ich blätterte öfter mal in alten Fotobüchern, die das Leben von früher in Dörfern und Quartieren zeigen.
Zwischen dem Heute und der Vergangenheit zu vergleichen, hat allerdings seine Tücken: Rasch...




