E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Niederhauser Schwimmende Schmetterlinge
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-89741-964-3
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-89741-964-3
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
TRIX NIEDERHAUSER ist 1969 geboren, wuchs in einem kleinen Dorf in der Schweiz auf. Sie lebt in Burgdorf, wo sie seit vielen Jahren als Buchhändlerin arbeitet. Nebst dem Lesen und Schreiben spielt sie Gitarre in der Frauenrockband Gay Tits und ist im Organisationskomitee der Burgdorfer Krimitage. Bislang erschienen von ihr 'Das Tantenerbe' (2012) sowie die CRiMiNA-Titel 'Die Liebsten' (2015) und 'Denn vom Trauern kommt der Tod' (2013, alle Helmer).
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
SYSTEM OF A DOWN
Regen prasselte gegen die Autoscheiben. Es war bereits dunkel. Scheinwerferlicht strich über mich, ich saß da und starrte in die Nacht. Meine nassen Haare hingen mir ins Gesicht, das T-Shirt klebte an meinem Körper. Mir war kalt, leise schlotterte ich vor mich hin. Was für ein seltsamer Tag! Ich fühlte mich leer und allein, aber trotzdem erleichtert. Endlich! – Seit Wochen hatte ich mit der Entscheidung gekämpft. Sollte ich? Sollte ich nicht? Dann verpasste sie mir den letzten schmerzhaften und entscheidenden Kick. Da überkam mich die Traurigkeit, die Einsamkeit schnürte mir die Kehle zu. Wenn ich nicht untergehen wollte, musste ich handeln; die Zeit für den Neustart war da.
Also bin ich gegangen.
Wann würde sie merken, dass ich weg war? Nervös trommelte ich auf das Steuerrad. Hatte ich ihren Anruf überhört?
Ich tastete auf dem Nebensitz nach dem Handy. Fehlanzeige. Ach, da lag es ja, auf dem Boden. Mit langem Arm angelte ich nach dem Gerät und warf einen Blick darauf. Nichts. Ihre letzte SMS war immer noch die von gestern Morgen.
MUSS LÄNGER BLEIBEN, VERKAUF IST KOMPLIZIERT. MELDE MICH. KUSS, KATJA
Jedes Wort eine Lüge, der Kuss purer Hohn. Von wegen komplizierter Verkauf! Vor zwei Tagen hatte ich sie in der Stadt mit einer anderen Frau gesehen. Nein, mit keiner anderen, sondern derselben wie schon ein paar Monate zuvor. Immerhin ihr blieb sie treu.
Vielleicht war ich in der zurückliegenden Zeit zu naiv und vertrauensselig gewesen. Es hatte gedauert, bis ich kapierte, was sich da vor meiner Nase abspielte. Ihr Smartphone klingelte plötzlich öfter am Abend, wenn wir auf dem Sofa saßen. Sie warf einen Blick darauf, seufzte »geschäftlich, tut mir leid, Toni« und verschwand in ihrem Zimmer. Wenige Minuten später tauchte sie wieder auf und rief: »Ich muss noch mal weg. Warte nicht auf mich, es könnte spät werden.« Meinen erstaunten Blick nahm sie gelassen zur Kenntnis. »Es geht um eines meiner Projekte.«
Ich weiß nicht, ob ich eine Geliebte als Projekt bezeichnen würde.
Katja war dabei, ihre eigene Firma aufzubauen, dafür hatte ich Verständnis. Ich fragte nie nach. Wieso sollte ich?
Als ich einmal früher als geplant von einer Recherche zurückkam und den Briefkasten leerte, fiel mir eine Postkarte entgegen. Auf der Vorderseite aufgedruckt stand: Du bist wundervoll, verführerisch, sexy, liebevoll, zauberhaft, einmalig. – Was für eine schöne Begrüßung! Neugierig drehte ich die Karte um und las die handschriftliche Notiz, die der Vorderseite in nichts nachstand. Sie endete mit . Ach, nicht für uns, dachte ich blauäugig. Dann fiel mein Blick auf die Adresse. Doch für uns – vielmehr für Katja. Der Schock saß tief, es brauchte eine Weile, bis ich wieder klar denken konnte.
Mein Wissen behielt ich vorerst für mich. Katja benahm sich mir gegenüber wie immer. Lange ertrug ich die Situation nicht. Nach drei fast schlaflosen Nächten frage ich: »Wer ist R.?«
»Bitte?« Ihr Kopf fuhr erschrocken hoch, die Zeitschrift, in der sie geblättert hatte, sank auf die Oberschenkel. Zuerst versuchte sie sich mit Lügen herauszuwinden. »Keine Ahnung. Wen meinst du?« Sie kratzte sich am Kopf, als ob sie ernsthaft sämtliche Bekannten durchgehen müsste.
Wütend warf ich ihr die Karte, die ich ununterbrochen mit mir herumtrug, vor die Füße. Neugierig hob sie sie auf. Ihre Wangen röteten sich, sie senkte den Kopf und sagte leise: »Ja, okay, ich weiß, wer das ist. Aber ich habe vor zwei Tagen mit ihr Schluss gemacht.« Beschwörend trat sie auf mich zu. »Ich steckte in einer kleinen Krise, als ich sie kennenlernte. Was soll ich sagen? Ich bin ihrem jugendlichen Charme erlegen, habe mich wieder begehrenswert gefühlt. Wer kann da widerstehen?!« Sie schaute mich bettelnd an, bevor sie im Wohnzimmer auf und ab zu wandern begann.
»Ach? Und das entschuldigt alles?«, fragte ich. »Ziemlich einfach, finde ich.«
Verzweifelt verwarf sie die Hände. »Ich hatte mich da in was verrannt.« Sie blieb vor mir stehen. »Aber dann ist mir aufgegangen, wie wichtig du mir bist.« Ihr Versuch, mich zu umarmen, lief ins Leere. »Viel wichtiger als sie!« Sie ließ die Arme sinken, setzte sich auf einen Stuhl und wippte unruhig mit dem rechten Bein. »Die Sache ist vorbei, Toni! Es war nur eine Affäre, ohne Gefühle, einfach eine kurze Faszination, diese Frau hat mir rein gar nichts bedeutet.«
»Das sieht wohl etwas anders«, wandte ich ein.
Nervös strich sich Katja mit der Hand durch die Haare. »Sowas kann passieren, gerade wenn man über die vierzig ist! Dir übrigens auch.« Die übliche Ausrede für einen Seitensprung. Wie oft fielen wohl diese Sätze?
»Ist es aber nicht.« Ich verschwand in der Küche, holte mir eine eiskalte Cola, die wunderbar zu meinen Gefühlen passte, und nahm einen kräftigen Schluck. »Du bist laufend unterwegs, wie soll ich dir jemals wieder vertrauen?«
Geräuschvoll schob sie den Stuhl zur Seite, ihre Hände berührten meine Schultern. »Ich liebe dich, Toni! Ich kann und will nicht ohne dich sein.« Sanft strich sie mir über den Rücken. »Lass mich nicht allein …« Dann küsste sie meinen Hals, ihre Lippen blieben einen Augenblick auf der Schlagader liegen.
Langsam drehte ich mich zu ihr um. »Und wieso verletzt du mich dann? Was ist das für eine Liebe?«
Schluchzend ließ sie sich gegen mich sinken. »Es wird nie wieder vorkommen, ehrlich.«
Während ich sie fest umschlungen hielt, füllten sich meine Augen mit Tränen.
Unsere Liebe hatte so wunderbar und leicht begonnen. Bei der Recherche von Hintergrundinfos für eine Immobilienstory war ich an eine Maklerin geraten, Typ attraktive Geschäftsfrau. Anfangs saß sie mir mit kritischem Blick gegenüber, aber nach und nach fasste sie Vertrauen; irgendwann gingen wir zum Du über. Katja gefiel mir sofort, aber ich war gerade frisch aus einer Beziehungskiste gestiegen und hatte keine Lust auf neues Chaos. Meine Gefühle schob ich beiseite, so gut es ging.
Nachdem die Reportage abgeschlossen war, lud ich Katja zum Essen ein. Es wurde ein unbeschwerter, fröhlicher Abend. Ich fühlte mich wohl mit dieser Frau, sie war weltoffen, gebildet und attraktiv.
Katja ist kein Mensch, der lange fackelt. Unmissverständlich machte sie mir klar, dass sie sich in mich verliebt hatte. Da siegte mein dusseliges Herz über meine Ängste, kopfüber stürzte ich mich ins Abenteuer.
Unsere Beziehung gestaltete sich von Anfang an nicht einfach. Als freie Journalistin konnte ich meine Arbeit zwar selber einteilen, allerdings stand ich oft unter Zeitdruck. Die Auftraggeber brauchten Storys, der nächste Redaktionsschluss hing wie ein Damoklesschwert über mir. Obendrein war ich viel unterwegs.
»Wieso arbeitest du nicht fest bei so einer Zeitschrift, wo du über irgendwelche Promis schreiben kannst? Da hast du zwar nicht viel Freiraum, aber dafür weniger Stress.« Katja sah mich herausfordernd an. »Und du hättest mehr Zeit für mich.«
Genervt rollte ich mit den Augen. Wie oft hatte ich ihr meinen Ehrencodex schon erklärt?! Ich wollte aufklären, informieren, wachrütteln. Spannende und gut recherchierte Geschichten erzählen. Es interessierte mich nicht die Bohne, wer wen mit wem betrog, ich wollte keine Diät-Ratschläge verbreiten oder tiefschürfende Fragen wie aufwerfen. Mit Spaltenfüllen hatte ich mir vor Jahren die Sporen verdient, jetzt wollte ich etwas bewegen!
»Dann lass uns wenigstens zusammenziehen«, fuhr Katja fort. »Dieses ewige Hin und Her nervt. Bei dir ist zu wenig Platz. Meine Wohnung ist groß, du kannst eines der Zimmer als Büro benutzen.« Ich schwieg. Dieselbe Diskussion hatten wir schon ein paar Mal geführt, ohne Ergebnis. »Bitte, bitte, Toni«, flehte sie. »Stell dir vor, jeden Abend zusammen einschlafen und morgens gemeinsam aufwachen … wäre das nicht himmlisch?«
Zugegeben, es klang himmlisch. Mein Vorsatz, nie bei jemandem einzuziehen, geriet ins Schwanken. Katja besaß eine große, schöne Wohnung mitten in der Stadt – wieso also nicht?!
Die Realität sollte bald weniger himmlisch aussehen. In der ersten Zeit genossen wir jede Minute, die wir miteinander in trauter Zweisamkeit verbringen konnten, aber der Alltag holte uns schnell ein.
Katja liebte häuslichen Trubel um sich. Als Maklerin war sie allerdings viel unterwegs, oft...




