E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Niedermann Blumberg 2
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-9519872-1-7
Verlag: Edition Baes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Wachswalze
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-9519872-1-7
Verlag: Edition Baes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Niedermann, geboren 1956 in Basel, debütierte 1987 mit dem Roman "Sauser", der ein Underground-Bestseller wurde. Seither hat er mehrere Romane und Storys veröffentlicht. Zuletzt "Das Glück der falschen Fährte" Novelle (Edition BAES). Er lebt in Wien.
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Das Haus lag erloschen und still im Dunkeln, aber eine gute Seele hatte die Eingangsbeleuchtung brennen lassen, die ein großes, gelbes Loch in das nächtliche Nebelgespinst ätzte, so dass Isa ihre Handylampe nicht anzuknipsen brauchte.
Die Haustür war unverschlossen, und im Vorraum war der Jackenberg verschwunden, die Schuhe waren weg, und nur der Geruch nach Teenagerschweiß und schalen Neigen von Mixgetränken war in der Luft. Isa tappte auf Socken und ohne Licht zu machen ins Wohnzimmer und öffnete leise alle Fenster.
Im Widerschein der Eingangsbeleuchtung erkannte sie auf den Tischen und Stühlen, die man den Wänden entlang platziert hatte, die Umrisse von Flaschen, Gläsern und Tellern. Dazwischen bauschten sich Dinge, deren Silhouetten wie die Überreste von Kleintierschlachtungen aussahen, und die sich dann als leere, zerknüllte Chipstüten erwiesen.
Isa ging nach oben. Nachdem sie Licht gemacht hatte, sah sie, dass die Tür zu Düzens Zimmer halb offen stand. Auf den Fußballen gehend, näherte sie sich dem Zimmer, spähte hinein – horchte. Sehen konnte sie nichts, und sie vernahm auch nichts anderes als das gedämpfte ewige Drillen des Brunnens vor dem Fenster. Düzen und Ferry-Baby waren nicht da.
Sie ging wieder nach unten und schloss die Fenster, bevor sie in ihrem Zimmer die kleine Lampe über dem Bett anknipste, und den Laptop vom Tisch angelte. Dann legte sie sich, den Rücken an die Wand gelehnt, ins Bett.
Sie hatte vorgehabt, ihre Mails zu lesen, aber dann saß sie nur da, den Computer auf ihren Oberschenkeln, und starrte in den Raum, auf die beigefarbene Wandtäfelung und die niedrige Decke, hörte dem Knacken des Radiators zu und dachte an die vergangenen Stunden.
Sie hatte gut gegessen und ein auf tiefgründig gepimptes, aber letztlich doch nichtssagendes Gespräch geführt, eigentlich nicht mehr als Smalltalk, dem durch das Einstreuen von bedeutungsvollen Worten etwas Tiefgang verliehen werden sollte. Und auch wenn die Frau, sie nannte sich Mona, ihr immer wieder versichert hatte, wie wichtig es war, dass es Frauen wie Isa gab, Frauen, die sich nichts von „diesen Männern“ gefallen ließen, und die mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit Beispiel für andere waren, und dass eigentlich alle Frauen, auch gerade hier, in dieser konservativen Gegend, zu ihr aufschauen und es ihr nachmachen sollten, ganz unbedingt, anstatt nur blöde zu gucken, um dann ihre Typen anzusehen, ob sie eine Frau, die Gewalt mit Gewalt beantwortete gut finden dürfen, so war es letztlich doch nur Gerede, ein Pfeifen im Walde, das sich jetzt hier in diesem Lokal, vor einem guten Essen, wie stümperhaftes Schattenboxen ausnahm. Irgendwann nahm das Gespräch eine Wendung, nicht jäh, sondern nach und nach. Aus dem allgemeinen Schicksal der Frauen ging es über ins persönliche, vor allem in das von Mona. Die Geschichte, die Isa nun erfuhr, war eine Dutzendgeschichte, eine, die man in jeder Frauenrunde zu Ohren bekam: Mona hatte einen erwachsenen Sohn. Vom Vater hatte sie sich nach der Geburt getrennt, weil sie das Kind allein großziehen wollte. Warum, hatte Isa gefragt, und Mona hatte zuerst die Achseln gezuckt und dann gesagt, dass es schwierig gewesen wäre. Warum es schwierig gewesen wäre, hatte Isa nachgehakt, nicht aus Interesse, sondern um das Gespräch in Gang zu halten, ohne zu wissen, warum sie das wollte. Nach der Aufregung mit dem Betrunkenen verdünnte der Wein ihr Adrenalin und verhinderte, dass sie sich zu langweilen begann. Eine beinahe wohlige Gleichgültigkeit überkam sie, bis Mona nun ihrerseits Fragen an Isa richtete. Isas Antworten fielen ziemlich einsilbig aus. Denn eigentlich hätte sie die Fragen stellen sollen. Und so plätscherte das Gespräch ziemlich belanglos dahin, und Isa horchte erst auf, als Mona erwähnte, dass sie Isa „kannte“. Wie das, hatte Isa gefragt, und Mona sagte, dass sie die Hesses kenne, das Haus und alles. Okay, hatte Isa gesagt, und Mona wurde daraufhin ein wenig vorsichtiger und versuchte nun über Umwege zu erfahren, was Isa hierhergebracht hat und was sie vorhatte, und so weiter.
Isa winkte als Antwort der Kellnerin und bestellte noch eine Flasche Wein, was Mona mit dem Heben der Augenbrauen und einem „Für mich nicht mehr“ quittierte. Daraufhin korrigierte Isa die Bestellung auf eine kleinere Flasche.
Die Augenbrauen von Mona blieben oben. So als wäre es in Ordnung, Männer zu schlagen, aber eine schwere Verletzung des guten Geschmacks, mehr als ein Glas Wein zu trinken.
Als Isa weiterhin Antworten schuldig blieb, gab Mona die Fragerei auf und erzählte davon, wie die Gegend früher gewesen sei, als noch Ausflügler herfanden, und Leute, die die Ruhe suchten und wandern wollten.
Isa hatte darauf nur mit „Ach ja?“, geantwortet, entspannt durch den Wein und verdauungsträge. Aber dann schoss ihr ein, dass sie zu weit ging. Sie ließ sich gehen. Sie war nicht zum Vergnügen hier. Alles hier war Arbeit. Selbst das Essen war Arbeit. Das langweilige Gespräch war Arbeit. Die Flasche Wein war es auch. Also hör zu, Isa Blumberg, spitz die Ohren, du hast eine Weste zu stopfen!
Wie gut war es, einen Job zu haben, dachte sie, und für solche Situationen bezahlt zu werden. Es war eine Rolle, die sie spielte. Es war die Rolle ihres Lebens. Isa Blumberg recherchiert in einem Fall. Es war diese Rolle, die sie dazu brachte, zuzuhören. Aufmerksam, geradezu hingebungsvoll hörte sie sich nun die weitschweifigen, wortreichen Ausführungen von Mona an, die nun von sich aus auf den Unfall von Selby und Meienberg zu sprechen kam und ihre Sicht des Geschehens ausbreitete. Und welche Gerüchte sonst noch im Umlauf waren.
Die Mutmaßungen und die kursierenden Gerüchte reichten von einem Drogenblackout bis zu einem Attentat, vom Mossad initiiert, da es sich bei Ignaz Meienberg um einen Palästinenserfreund gehandelt haben soll.
„Natürlich alles Unsinn“, schloss Mona. „Aber was weiß man schon?“
„Ja“, hatte Isa geantwortet, und Mona sagte: „Was meinen Sie?“
„Was soll ich dazu meinen?“
„Aber deswegen sind Sie doch hier, oder?“
„Bin ich das? – Wer sagt so was?“
Mona strich sich mit den Fingern über die Lider und verzog dabei das Gesicht, als versuche sie irgendwas aus ihrem Auge zu bekommen. Dann sagte sie ernst: „Aber das wissen hier doch alle.“
„Ist das so? Und woher wissen das alle?“
„Ach, kommen Sie“, sagte Mona. „Haben Sie schon eine Spur?“
„Eine Spur? Ja, hab ich. Es gibt immer eine Spur. Wir alle hinterlassen Spuren. Aber warum interessiert Sie das?“
„Warum mich das interessiert?“
„Ja. Warum?“
Der Wechsel im Ton von Isas Stimme und die Wendung, die das Gespräch nun nahm, schmeckten Mona nicht, und sie gab sich keine Mühe zu verbergen, dass sie nun beleidigt war. Sie schwieg.
„Warum erzählen Sie mir das?“, sagte Isa, darauf bedacht, den rauen Unterton wegzulassen, und nahm einen Schluck Wein.
Mona ließ sich Zeit mit der Antwort und forschte in Isas Gesicht nach Zeichen der Entspannung.
„Wer weiß?“, sagte sie dann, „vielleicht ist es relevant für Sie.“
Mona, das fiel Isa nun ein, hatte relevant gesagt, nicht wichtig oder von Bedeutung. Es klang ein wenig falsch und aufgesetzt, inszeniert. Relevant war ein Wort, das nicht zu Mona gehörte.
„Vielleicht“, sagte Isa, und Mona sah auf die Uhr.
„Herrjeh, es ist schon so spät“, rief sie aus.
Es war kurz nach 22 Uhr.
„Ich muss früh raus“, schickte sie entschuldigend hinterher.
„Ich verstehe“, sagte Isa.
„Ich fahre Sie natürlich nach Hause. Versteht sich.“
„Ich kann auch ein Taxi nehmen.“
„Ein Taxi? Hier? Das müsste aus der Stadt kommen. Hier gibts kein Taxi. Und jetzt gibts nicht mal mehr Ignaz Meienberg. Nein, ich bring Sie nach Hause.“
Im Auto, als sie die Serpentinen erst nach unten und dann wieder nach oben in Angriff nahmen, umwabert von abblendlichtgelben Nebelschwaden, sagte Mona: „Ich glaube, der Typ, den Sie geschlagen haben, wird Sie anzeigen. Ich kenne ihn. Der macht so was.“
„Anzeigen? Warum denn?“
„Körperverletzung. Tätlicher Angriff. Was weiß ich.“
„Glauben Sie?“
„Bin mir ziemlich sicher.“
„Oje, das wird was … Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.“
„Sie können mich als Zeugin angeben. Ich habs gesehen …“
„Sie haben das Falsche gesehen. Wie alle anderen auch. Nur meine Antwort auf die Griffel auf meinem Oberschenkel. Aber der Auslöser war verdeckt. Unter dem Tisch.“
„Ja, blöd. Aber es wird sicher nicht so schlimm.“
„Ja“, hatte Isa gesagt. „Wird bestimmt nicht so schlimm.“ Aber sie ahnte, dass es schlimmer werden würde, als der Ton in ihrer Stimme es verriet. Ihre Bewährung war abgelaufen, aber was zählte das schon?
Isa erwachte, wie schon die Nächte zuvor, gegen vier Uhr morgens....




