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E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

Niedermayer Finsterland

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-312-00661-8
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Nagel & Kimche

ISBN: 978-3-312-00661-8
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bayern, Mitte der 30er Jahre. Als gegenüber vom Muttergottesbild ein Führerporträt hängt, wird dem kindlichen Erzähler bewusst, dass etwas in Bewegung gerät. Aber in seinem Heimatstädtchen wirkt es wie eine natürliche Ergänzung: zu den kirchlichen Umzügen gesellen sich die der Braunhemden. Erst nach Kriegsbeginn werden die neuen Zeiten auch für ihn bedrohlich, beim Lazarettdienst und in der Gebirgswacht. Dann besetzen die Amerikaner die Heimat, und immer ist der Junge mittendrin: passiv und doch zum Handeln gezwungen, ein radikal subjektiver Chronist. Die vermeintlich vertraute Geschichte einer Kindheit im Nationalsozialismus erzeugt in diesem autobiographisch geprägten Roman eine neue und eindringliche Leseerfahrung.

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1


Ewig geht die Litanei dahin. Die Wachsstöckerl flackern, Schatten huschen oben auf dem Gang. Aus den Wolken in der Kuppel kommen Blitze, der Regenbogen biegt sich über der Arche Noah, der Busch brennt, und Gottvater redet auf den alten Mann ein, dass er das Kind ersticht. Auf der anderen Seite stürzt der schwarze Luzifer mit den Fledermausflügeln vom Himmel herab, hinunter zu den armen Seelen im Fegefeuer. Die einen sind bis zur Brust, die andern nur noch bis zum Bauch in den Flammen. Sie winden sich in ewigem Schmerz und werden von Ratten, Nattern und Höllenhunden angefallen.

Von der Decke schauen fette Buberl mit Flügeln zu mir herunter; die heiligen Bischöfe verdrehen ihre Augen und deuten auf die Heilige Schrift. In ihrem goldenen Buch sind alle meine Sünden aufgeschrieben für das Jüngste Gericht. «Dann stehst du», sagt die Mutter, «vor deinem obersten Richter.» Der sitzt auf seinem Thron über den Wolken, die Gräber bersten, und alle werden wieder lebendig, steigen heraus und sehen so jung aus, wie sie einmal waren. Darauf müssen sie zu ihm hin und ihn lobpreisen bis in alle Ewigkeit. Die Ewigkeit aber hört nimmer auf. «Alle tausend Jahre», sagt die Mutter, «kommt ein Vogerl, wetzt einmal seinen Schnabel am höchsten Berg der Welt, und wenn der abgetragen ist, ist erst eine Sekunde der Ewigkeit vorbei.»

Aus den Bänken kommt ein Husten, ein Räuspern, ein Schneuzen. Es riecht nach alten Leuten, Mottenkugeln und Weihrauch. Und wieder schlägt die Glocke ein paar Mal mit hellem Klang. Langsam ziehen die Pater durch den Gang, beten und singen. Im Schein ihrer Kerzen flackern die Totenköpfe und die silbernen Knochenmänner in den Seitenaltären. Dann steigen sie hinunter in die Gruft, wo die Leichname eingemauert sind. Wenn wir aus der Kirche kommen, ist es schon dunkel. Der Heimweg ist lang. Die Schuhe sind immer zu klein, immer nass vom Schneewasser und eiskalt.

Die Marielle hat auf dem Nachtkastl ihren eigenen Altar aufgebaut. Die heilige Maria aus dem Versandhaus Witt in Weiden ist in einen weiten, blauen Umhang gehüllt; in ihrem roten Herzen steckt das Schwert so tief, dass das Blut heruntertropft. An der Krone ist die Scheibe vom Heiligenschein angeleimt. Wie alle Heiligen schaut sie zur Decke hinauf, als ob dort schon der Himmel wäre. Neben ihr stehen zwei Hummel-Engel und halten Kerzerl in den ausgestreckten Armen. Das gelbe Stramindeckerl hat die Marielle in der Handarbeit bei der Mater Xaveria gestickt.

Jeden Abend kniet sie mit der Mutter vor ihrem Altar. Die Mutter betet vor: «Du Turm Davids, du elfenbeinerner Turm, du Mutter der Weisheit, du göttliche Gnadenmutter …» Nach jedem Anruf antwortet die Marielle: «Bitt für uns, bitt für uns …» Dann singen sie: «Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn; in Freuden und Leiden, ihr Diener ich bin; mein Herz, o Maria, schlägt ewig zu dir …» Bevor die Mutter geht, taucht sie ihren Finger in das Schüsserl mit dem feisten Engerl und spritzt uns das kalte Weihwasser ins Gesicht. Sobald sie das Licht gelöscht hat, wische ich es wieder ab. Auch wenn ich dafür ins Fegefeuer komme, habe ich keine Angst. Ich werde ewig leben und niemals sterben.

Neben meinem Bett hängt das Plakat mit dem Hitler. Darauf sind tausend kleine Köpfe, die alle zu ihm hinaufschauen. Er steht ganz groß in der Mitte. Die eine Hand hat er am Koppelschloss, die andere, zum Hitlergruß erhoben, ist so weit nach hinten gebogen, dass man keine Finger mehr sieht. Einen Hitler ohne Finger, den muss ich immer wieder anschauen, davon kann ich nicht genug kriegen. Das Plakat hat mir ein SA-Mann geschenkt. Ich will wissen, was droben steht, und er liest mir vor: «Führer befiehl, wir folgen dir.» Am Abend steigt der Vater auf unseren Schemel und heftet das Plakat mit Reißnägeln an die Tür. Jetzt schaut mein Hitler mit seinem schwarzen Barterl Tag und Nacht hinüber zur Marielle ihrer Mutter Gottes.

Die Marielle hat im Zeugnis lauter Einser. Unten steht mit schöner Klosterfrauenschrift: «Nur weiter so, Marielle!» Zu meiner Mutter sagt die Mater Agnes: «Sie ist meine Musterschülerin.» Nicht ein einziges Mal schreibt sie in ihrem Schönschreibheft über die Zeilen hinaus, kein einziger Tintenbatzen ist darin. «Und schauen Sie nur», sagt die Mater Agnes, «sie will alles so genau und gut machen, dass ihre Schrift ganz zittrig ist.» Die Mutter seufzt: «Wenn nur der Bub auch so wäre.» Das Kind war schon immer wie vom Teufel besessen. Kaum trägt es die Hebamme in die Kirche, fängt es an zu schreien wie am Spieß, und als ihm Hochwürden das Weihwasser auf die Stirn träufelt, schreit es noch lauter und schreit und schreit, bis die Kirchentür hinter ihm zufällt. Dann tut es einen tiefen Seufzer und macht von da an keinen Muckser mehr.

Vom Kinderwagl aus langt das Kind hinüber zur heiligen Familie in der Krippe, holt sich erst die Muttergottes heraus, dann den heiligen Josef und nagt ihnen mit den ersten beiden Milchzähnen den Gipskopf bis zum Drahtgerippe ab. Warum keine Hirten, keine Schaferl, die alle ganz vorn standen? Nein, die Mutter Gottes und der Nähr- und Pflegevater des Heilands müssen es sein.

Seit die Marielle beim Kindheits-Jesu-Verein ist, muss sie beim Essen immer überlegen, ob sie weiter essen darf oder ein Opfer bringen soll. Wenn ihr vor dem Lebertran graust, presst sie die Augen zusammen und flüstert: «Alles für dich, heiligstes Herz Jesu.» Wenn sie neben dem Klavierlehrer Heinze sitzen muss, der ganz braune Finger hat vom Zigarettenrauchen, tut sie es nur für das liebe Jesuskind. Die Osterhasen, Sarotti-Mohren und den Schokoladennikolaus hebt sie so lange auf, bis sie weiß vom Schimmel sind. Die Fünferl, die sie fürs Radlputzen kriegt, wirft sie dem Negerbuberl in der St.-Joseph-Kirche durch den Schlitz im Kopf. Dann nickt es ein paar Mal, und der Missionar in Afrika kann wieder ein neues Heidenkind bekehren.

Zu jeder Hausaufgabe macht die Marielle eine Fleißaufgabe. Dafür bekommt sie von der Mater Agnes ein Hauchbilderl mit der heiligen Mutter Gottes. Den einen Fuß setzt die heilige Maria auf die Weltkugel, den andern auf den Kopf der Schlange. Wenn man das Bild anhaucht, wölbt sie sich nach oben und sieht aus wie lebendig. Über einer brennenden Kerze macht sie sogar einen Bauchtanz.

Die Freundinnen der Marielle haben echte Seidenstrümpfe und dünne Seidenkleider an, Goldketterl um den Hals, goldene Ohrringerl und rote Schleiferl im Haar. Sie bringen Katzenzungen in der Pralinenschachtel mit und tauschen Zigarettenbilder aus – die Anny Ondra gegen die Pola Negri, den Willy Fritsch gegen den Harry Piel. Jedes Mal wollen sie meine langen Wimpern und weißen Zähne sehen, und ich muss die Augen zumachen und die Mundwinkel auseinanderziehen. Die Silber Elvira wohnt am Unteren Tor, wo ihre Mutter alles am billigsten verkauft. Die Sommer Ruth vom Pianohaus Sommer & Sommer ist schon im Stadttheater aufgetreten. Die Ofenloch Martha steppt mit ihren schwarzen Spangenlackschuhen wie die Shirley Temple im Kino und singt dazu: «… und wer nicht mittanzt, hat Stroh im Kopf, honey, pony, didl didl doo …»

Im Wartezimmer von Marthas Vater riecht es stark nach Chloroform; der Kastanienbaum vor dem Fenster sieht jedes Mal anders aus. Einmal hat er weiße Kerzen, einmal gelbe Blätter oder Schneepolster auf den schwarzen Ästen. Im Sommer kommt die warme Luft durch den Fensterspalt, und man hört die Vögel singen und die Kinder schreien. Im Winter riecht es nach den nassen Mänteln an den Kleiderhaken. Hinter der Tür summt der Bohrer, Instrumente fallen auf die Glasplatte. Der Herr Doktor Ofenloch redet, und hin und wieder lacht das Fräulein, das neben ihm steht. «Er kann kein Blut sehen», sagt meine Mutter, «darum ist er Zahnarzt geworden.» Noch nie hat er mir beim Bohren wehgetan; doch schon am nächsten Tag fallen seine Plomben wieder heraus. Dann schmeckt mein Mund nach Chloroform, und meine Zunge spürt die scharfe Kante vom herausgebohrten Loch.

Jetzt ist die Praxis vom Doktor Ofenloch geschlossen. Die ganze Familie ist weggezogen. Auch die Silber Elvira, die Schwarzhaupt Miranda und die Sallinger Esther kommen nicht mehr zur Marielle. Die Modegeschäfte ihrer Eltern sind mit Brettern vernagelt. Aus dem Pianohaus Sommer & Sommer tragen SA-Männer die Klaviere heraus.

Die neuen Freundinnen von der Marielle sind alle beim BDM, beim Bund Deutscher Mädel. Beim Marschieren hüpfen die Bomperl an ihren Kniestrümpfen mit dem Zöpferlmuster auf und ab, und die Ledereicheln an den Haferlschuhen nicken im Takt. Beim Sprechchor schreien sie so laut, dass ihre Köpfe rot werden: «… und wer nicht kämpfen will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht.» In der Freizeit sammeln sie Altmaterial und stricken Socken für die Soldaten. Auf der Straße halten sie Ausschau nach Spionen, Miesmachern, Hamsterern und Drückebergern. Im Winter riechen sie nach Mottenkugeln, im Sommer nach Schnittlauch und rohen Zwiebeln. Bei der Morgenfeier im Stadttheater sehe ich ihre abgebissenen Fingernägel, die Schrunden am Ellbogen und die Schuppen auf der braunen Kletterweste. Die Förster Trudi zeigt extra ihre Silberkrone am Schneidezahn her. Die Amstetter Burgl ist Vegetarierin geworden wie der Führer. Sie hat schon rote Backen.

Die Marielle reißt die Tür auf, feuert das «Lob Gottes» auf die Kredenz und rennt zum Drahtfunk. Vom Reichssender München kommt das «Schatzkästlein». Und schon hauen sie wieder auf die Tasten und kratzen auf den Cellos und Bratschen herum. Händel, Haydn, Schubert, Mozart, Beethoven. Die Marielle macht die Augen zu, auf ihrer Stirn ist eine steile Falte. Jetzt darf ich nicht mehr weiter sägen. Mit künstlicher Stimme sagen sie Verse auf von Eichendorff und Hölderlin, Goethe und Schiller....



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