E-Book, Deutsch, Band 2, 382 Seiten
Reihe: Der Tod und ich
Niedlich Der Tod ist schwer zu überleben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-373-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 382 Seiten
Reihe: Der Tod und ich
ISBN: 978-3-96148-373-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sebastian Niedlich, 1975 in Berlin geboren, schreibt Langes und auch Kurzes, aber vor allem Merkwürdiges und Lustiges. Er lebt in Potsdam und muss deswegen viel Zeit damit verbringen, sich über den Verkehr aufzuregen. Bei dotbooks veröffentlichte Sebastian Niedlich bereits die Bestsellerromane »Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens«, »Der Tod ist schwer zu überleben«, »Und Gott sprach: Es werde Jonas«, »Dicker Teufel umständehalber in liebevolle Hände abzugeben« und »Otto in der Unterwelt« sowie die Erzählbände »Der Tod, der Hase, die Unsinkbare und ich«, »Ein Gott, drei Könige und zwei Milliarden Verrückte« und »Das Ende der Welt ist auch nicht mehr, was es mal war« (die auch als Sammelband erhältlich sind: »Am Ende der Welt gibt es Kaffee und Kuchen«) sowie »Mafiosi, Drache, Tod und Teufel«. Ebenfalls erhältlich ist die weihnachtliche Story »Jesus' Fest und Teufels Beitrag«. Der Autor im Internet: www.sebastianniedlich.de www.facebook.com/SebastianNiedlich.Autor www.twitter.com/AutorSNiedlich www.instagram.com/Sebastianniedlich
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Ein neuer Anfang
Ich glaube, ich kann mit Berechtigung sagen, dass von einem Auto angefahren zu werden, gegen ein Brückengeländer zu schlagen und dann im Dreckwasser der Spree zu ertrinken, keine Erfahrung ist, die man irgendwem wünscht. Geschweige denn nachahmen sollte. Schlimmste Jahrmarktfahrt aller Zeiten. Aber genau das war es, was mir widerfuhr.
Die Ärzte waren überrascht, dass ich den Unfall lebend überstanden hatte. Passiert ihnen auch nicht alle Tage, dass so ein Fall eingeliefert wird. Meinen Verletzungen nach zu urteilen, dachten sie vermutlich, ich sei der schlechteste, aber mit dem größten Glück gesegnete Stuntman aller Zeiten.
Ich wusste es natürlich besser. Ich hatte gar nicht überlebt, aber ich wollte damit nicht hausieren gehen. Selbstverständlich war ich dankbar, eine zweite Chance zu bekommen, aber es war keine gute Idee, den Ärzten auf die Nase zu binden, dass ich nur lebte, weil ich die anthropomorphischen Versionen von Tod und Leben persönlich kannte und sie verhindert hatten, dass ich in die ewigen Jagdgründe einging. Vermutlich hätte mir das einen Aufenthalt in einer ganz anderen Form von Heilanstalt eingebracht.
Ich verbrachte etliche Wochen im Krankenhaus, bis sich mein Körper wieder halbwegs in die Form gebracht hatte, die ein Mensch haben sollte. Meine Exfrau Anja und unser gemeinsamer Sohn Tobias besuchten mich regelmäßig und brachten mir Essbares mit, das zumindest den Namen verdiente. Beim Krankenhausessen war ich mir nicht so sicher, ob man damit nicht eine baldige Rückkehr ins Hospital sicherstellen wollte. Andererseits hätte einen manche Suppe dort gegen den atomaren Holocaust immun gemacht. Eigentlich musste das Essen sehr gesund sein, denn ihm fehlte es in jeder Hinsicht an Geschmack.
Die Genesung gab mir Zeit, über mein Leben nachzudenken. Nicht jedem ist es vergönnt, sein Leben nach einem so einschneidenden Erlebnis fortzuführen. Aber gerade deswegen macht man sich Gedanken, ob man es so wie bisher fortsetzen will. Ich hatte im Bewusstsein zu sterben viele Entscheidungen getroffen, die ich so nicht mehr treffen würde. So hatte ich nicht um Anja gekämpft, nachdem ein Missverständnis uns auseinandergebracht hatte. Ich wollte ihr den Schmerz über meinen frühen Tod ersparen und nahm an, durch eine Trennung wäre es einfacher für sie. Mittlerweile war ich mir da nicht mehr so sicher.
Ich war sehr erleichtert, als mir die Ärzte erlaubten, das Krankenhaus zu verlassen, auch wenn ich längst noch nicht wieder in Ordnung war. Anja und Tobias holten mich ab, da meine Beinknochen noch nicht verheilt waren, und kutschierten mich im Rollstuhl hinaus. Nach Wochen hatte ich endlich den Eindruck, dass alles gut werden würde.
Anja nahm mich mit zu sich nach Hause. Sie argumentierte, dass sie sich so besser um mich kümmern konnte, obwohl ich sie gar nicht darum gebeten hatte. Mir war es fast etwas unangenehm, weil ich gerade ihr gegenüber nicht als jemand auftreten wollte, der auf der faulen Haut liegt und ihr sagt, was sie mir zu bringen hat. Aber viel mehr als herumliegen konnte ich eben nicht, und sie sagte, dass sie mir gerne half. Natürlich war ich dankbar, denn zum einen wäre ich in meinem Zustand in der eigenen Wohnung gar nicht klargekommen, zum anderen brauchte ich so nicht mal einen Vorwand, um mit ihr und Tobias zusammen zu sein. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es ihr ebenfalls nicht nur darum ging, mich besser pflegen zu können.
Wahrscheinlich hätte ich auch bei meiner Mutter unterkommen können, die als Rentnerin über mehr Zeit als Anja hätte verfügen müssen. Aber wie das mit Rentnern so ist: Die sind immer mit irgendwas beschäftigt. Besonders dann, wenn sie glauben, dass ihr Sohn vielleicht wieder mit der Mutter ihres Enkels zusammenkommt.
So weit schien wirklich alles gut zu sein. Tagsüber, wenn Anja arbeitete und Tobias in der Schule war, packte mich mitunter die Langeweile. Es macht das Leben nicht spannender, wenn man sich kaum bewegen kann.
Das Hauptproblem mit der Langeweile war, dass ich anfing, über meinen eigenen Tod zu grübeln. Ich war gestorben und hatte bis zu meiner Wiedererweckung weder etwas gefühlt noch erlebt. Nun war ich nie ein religiöser Mensch gewesen, der daran glaubte, dass man nach dem Tod auf einer grünen Liegewiese landet, wo man mit nicht enden wollenden Snacks versorgt wird und fromme Lieder singt. Trotzdem konnte ich nichts gegen das flaue Gefühl im Magen machen, das durch die Bestätigung, dass da nichts war, aufkam. Immerhin war ich nicht als irgendein Tier wiedergeboren worden. Es wäre doch ziemlich dämlich, wenn man irgendwann stirbt, um dann hinterher festzustellen, dass man ein neues Dasein als Schlachtschwein oder Schmeißfliege auf dem Bauernhof vor sich hat.
Aber das war nicht das Einzige, über das ich nachgrübelte. Mein Job war ein anderes Thema, das mich nicht losließ. Denn nachdem ich nun tot gewesen war, wusste ich nicht mehr, ob ich mit meinem Leben als Arzt wirklich glücklich war. Natürlich gefiel es mir, Leuten zu helfen, umso mehr nahm es mich mit, wenn ich es nicht konnte. Und selbst die Unterstützung durch die Fähigkeiten des Todes – zum Beispiel das Voraussehen des Todes eines Patienten – half mir nicht dabei, es besser zu verdauen, wenn ich daran nichts ändern konnte. Insofern überlegte ich, ob nicht ein anderer Beruf, in dem ich gar nichts mit dem Tod von Menschen zu tun hätte, besser wäre. Aber auch diese Gedanken drehten sich meistens im Kreis, und es gelang mir zunächst nicht, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.
In diesem Zusammenhang machte ich mir natürlich auch Gedanken darum, wie ich mit den Eigenschaften, die ich von Tod übernommen hatte, umgehen sollte. Ich wollte nie seinen Job übernehmen, und er hatte es verhindert. Mir kam es richtig vor, die Fähigkeiten nicht mehr zu verwenden. Wenn ich ein normaler Mensch sein wollte, der einfach sein Leben lebt, konnte ich mich nicht munter durch die Welt teleportieren, auch wenn das eine sehr praktische Sache war. Auch das Aufteilen auf mehrere gleiche Körper hätte mir geholfen, wenn ich beispielsweise beschlossen hätte, Koch zu werden. Ich hätte sämtliche Vorbereitungen gleichzeitig selbst machen können – unter anderem Kartoffeln schälen und Paprika klein schneiden –, aber ich hatte zum einen nicht vor, Koch zu werden, und es wäre mir zum anderen unfair vorgekommen, die Eigenschaften derartig zu missbrauchen.
Normalerweise hätte ich gegen die Langeweile und zwecks Ablenkung einfach irgendwelche Filme geschaut, aber meine DVDs und Blu-Rays standen bei mir daheim im Regal. Anja hatte mir zwar eine Handvoll Discs mitgebracht, aber nachdem ich zum dritten Mal The Big Lebowski gesehen hatte, reichte es mir erst mal. So hatte ich nur die Möglichkeit, mich tagsüber mit dem Fernsehprogramm zu beschäftigen, das sich anfühlte, als würde mein Gehirn langsam, aber sicher formatiert. Die andere Möglichkeit war, ausgiebig zu lesen.
Es ist faszinierend, wie viel man weggelesen bekommt, wenn man nichts Besseres zu tun hat. Zumindest, wenn man das richtige Lesematerial benutzt. Ich hatte Anja gebeten, mir von daheim Krieg und Frieden von Leo Tolstoi mitzubringen. In einem Kaufrausch vor ein paar Jahren hatte ich mir einen Stapel Bücher zugelegt, die in die Kategorie »Sollte man mal gelesen haben« fielen. Salingers Der Fänger im Roggen, Steinbecks Von Mäusen und Menschen und Huxleys Schöne neue Welt waren einige der literarischen Werke, zu denen ich bisher nicht gekommen war. Der Unterschied war allerdings, dass sie alle zusammengenommen nicht den Umfang von Krieg und Frieden hatten. Und sie waren auch nicht so schwer zu lesen. Zeitweise hatte ich den Eindruck, als wollte Tolstoi mir jeden einzelnen Menschen vorstellen, der während der Napoleonischen Kriege in Russland gelebt hatte.
Tagelang quälte ich mich durch das Buch. Dabei schien ich kein Stück voranzukommen, denn immer wieder fielen mir die Augen zu, weswegen ich manche Stellen drei- oder viermal lesen musste. Manchmal überkam mich aber auch einfach die Müdigkeit, und ich döste auf der Couch ein, bis Tobias von der Schule nach Hause kam und wieder Leben in die Bude brachte, oder mich dazu überredete, zum gefühlt fünfundzwanzigsten Mal Batman Begins anzuschauen.
Seitdem ich aus dem Krankenhaus gekommen war, hatte ich weder von Thanatos noch von seinem Gegenstück – oder sagt man Gegenperson? – Bibi, dem Leben, gehört. Der Tod in der schwarzen Kutte und das fröhliche kleine Mädchen mit dem Schmetterlingskleid waren anwesend, als mich Anja zum Auto rollte, aber sie waren eher mit sich beschäftigt, dabei hatte ich ein Gespräch mit ihnen bitter nötig. Nun hatte ich mit Bibi ohnehin nie viel zu tun gehabt, aber Thanatos tauchte zumindest immer wieder mal auf, wenn auch manchmal viel Zeit zwischen den Besuchen verging. Vielleicht war ich ungeduldig, weil meine Wiederbelebung uns nun doch länger aneinanderband. Vermutete ich zumindest. Es dauerte allerdings gute anderthalb Wochen, bis er mich mit dem Stock des Keschers anstupste, als ich mal wieder bei der Lektüre eingeschlafen war.
»Tolstoi?«, fragte er in seiner tiefen Stimme, in der etwas Verwunderung mitschwang.
Ich schüttelte den Kopf, um munter zu werden. »Was? Tolstoi? Ach, das Buch, ja.«
»Das war ein merkwürdiger Kerl«, sagte Tod und setzte sich auf den Sessel mir gegenüber.
Ich war schon wieder drauf und dran, zu fragen, ob er wirklich Tolstoi gekannt hatte, aber ich hatte früher schon öfter solche Fragen gestellt, meistens dann, wenn es sich um berühmte Persönlichkeiten handelte. Natürlich kannte Tod die. Tod kannte jeden. Oder würde jeden kennen. Früher oder später. Ich...




