E-Book, Deutsch, Band 1, 345 Seiten
Reihe: Der Tod und ich
Niedlich Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95520-450-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 345 Seiten
Reihe: Der Tod und ich
ISBN: 978-3-95520-450-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sebastian Niedlich, 1975 in Berlin geboren, schreibt Langes und auch Kurzes, aber vor allem Merkwürdiges und Lustiges. Er lebt in Potsdam und muss deswegen viel Zeit damit verbringen, sich über den Verkehr aufzuregen. Bei dotbooks veröffentlichte Sebastian Niedlich bereits die Bestsellerromane »Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens«, »Der Tod ist schwer zu überleben«, »Und Gott sprach: Es werde Jonas«, »Dicker Teufel umständehalber in liebevolle Hände abzugeben« und »Otto in der Unterwelt« sowie die Erzählbände »Der Tod, der Hase, die Unsinkbare und ich«, »Ein Gott, drei Könige und zwei Milliarden Verrückte« und »Das Ende der Welt ist auch nicht mehr, was es mal war« (die auch als Sammelband erhältlich sind: »Am Ende der Welt gibt es Kaffee und Kuchen«) sowie »Mafiosi, Drache, Tod und Teufel«. Ebenfalls erhältlich ist die weihnachtliche Story »Jesus' Fest und Teufels Beitrag«. Der Autor im Internet: www.sebastianniedlich.de www.facebook.com/SebastianNiedlich.Autor www.twitter.com/AutorSNiedlich www.instagram.com/Sebastianniedlich
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
DIE GESTALT MIT DER KUTTE
Ich traf den Tod das erste Mal, als ich sieben Jahre alt war. Bis dahin hatte ich mein Leben einigermaßen normal verbracht, zumindest möchte ich das glauben. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht an viele Geschehnisse erinnern, die vor diesem Tag passiert sind. Fast kommt es mir vor, als hätte jemand mein Leben an diesem Tag angeknipst, während ein anderes ausgeknipst wurde. Bei Letzterem handelte es sich um das meiner Oma.
Soweit ich mich erinnern kann, war meine Oma eine sehr nette Frau. Zumindest meine ich, mich früher immer gefreut zu haben, wenn wir sie besuchten. Bis auf die Knutscherei. Die verwandtschaftliche Küsserei mochte ich als Kind schon nicht und bleibt mir bis heute ein Rätsel. Später habe ich mich über Besuche bei ihr dann nicht mehr so sehr gefreut, was wahrscheinlich daran lag, dass sie immer merkwürdiger wurde. Sie begann langsam alles zu vergessen, war allgemein ganz schusselig und wurde in der Küche zu einer Gefahr für sich und ihre Umwelt. Ihr Kassler Braten an Whiskey mit Schokolade bleibt unvergessen.
Zum Zeitpunkt ihres Todes hatte sie schon einige Zeit im Krankenhaus verbracht. Sie war abgemagert und sprach mittlerweile praktisch gar nicht mehr. Jeden Sonntag fuhren meine Eltern und ich zu ihr und verbrachten ein paar Stunden dort. Da das Krankenhaus am anderen Ende der Stadt war, gab es eine entsprechende Fahrzeit mit dem Auto. Für den kleinen Jungen von damals bedeutete dies, dass er für eine ganze Weile von seinen heißgeliebten »Star Wars«-Figuren getrennt war. Das klingt rückblickend wie eine arg herzlose Einstellung, aber meinem siebenjährigen Ich kann ich da keine Vorwürfe machen. Ich wollte meine Oma sehen, und ich habe sie auch wirklich gemocht, aber da die Gespräche zwischen meinen Eltern und ihr recht einseitig verliefen, in Anbetracht der Tatsache, dass sie mit Augen zurückstarrte, in denen kein Funke des Erkennens zu finden war, dann empfand ich meine Großmutter bereits als halb im Jenseits. Und verdammt noch mal, ich mochte meine »Star Wars«-Figuren.
Das dunkle Gemäuer des Krankenhauses machte auf mein junges Ich bereits einen etwas jenseitigen Eindruck. Tiefrote Backsteine, die fast schwarz hinter den knochigen Bäumen an der Straße hervorlugten, die Innenräume beherrscht vom Geruch nach Körperflüssigkeiten und Putzmittel, der sich über den kalten Linoleumboden fortzupflanzen schien. Bei einigen Besuchen hatte ich Leichenwagen vor diesem oder jenem der Häuser stehen sehen. Glücklicherweise bemerkten dies wohl relativ wenige Patienten, sonst hätten die Bestatter gleich noch mehr Kunden mitnehmen dürfen. Instinktiv wurde ich als Kind kein Fan von Krankenhäusern, was rückblickend betrachtet eine Ironie des Schicksals ist, wenn man bedenkt, wie viel Zeit ich später in ihnen verbringen sollte.
Die Station, auf der meine Oma lag, befand sich im ersten Stock und schien nur gebrechliche oder verwirrte ältere Menschen zu beherbergen. Die eingefallenen Gesichter, langen Ohrläppchen und überdimensionalen Nasen ließen bei mir im Geist eine Art Horrorversion der »Muppet Show« ablaufen. Für mich waren Krankenhäuser eher Horte des Sterbens statt des Lebens, obwohl sie wahrscheinlich mehr Leben hervorbrachten und -bringen, da die meisten Kinder in Krankenhäusern auf die Welt kommen.
An diesem Tag trottete ich hinter meinen Eltern die Treppe in den ersten Stock hinauf, wie wir es, so empfand ich es damals, schon Hunderte Male getan hatten. Als wir am Schwesternzimmer vorbeikamen, saßen dort die Kaffeevernichter in ihren weißen Kostümen und begingen den täglichen Genozid an Kaffeebohnen und ihren Lungenbläschen in Form von besonders qualmigen Zigaretten. Aus dem Radio drang, wie so oft in diesen Tagen von 1982, »Ein bisschen Frieden«, was mir damals schon irgendwie sehr unecht vorkam. Unecht, weil es selbst mir als Kind, während wir die Übertragung des Grand Prix d’Eurovision de la Chanson im Fernsehen sahen, den Eindruck vermittelte, als wäre das Lied extra dafür gebastelt, zu gewinnen. Wie auch immer … wenn ich heute an diese Melodie in Bezug auf diesen Tag und meine Oma denke, läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken herunter. Jedenfalls nickten meine Eltern den Schwestern in ihrem Zimmer zu, und diese nickten durch den Nebel zurück, bevor wir im Zimmer meiner Oma verschwanden.
Wie gewohnt lag sie in ihrem Bett und fokussierte die Decke, als ob sie die Löcher in den Platten dort zählen würde. Meine Eltern gaben ihr einen Kuss, ich drückte ihre Hand. Was die Knutscherei mit meiner Oma anging, hatte ich wirklich genug für ein ganzes Leben. Sie schaute uns an, als wären wir wildfremde Menschen, während mein Vater erzählte, was sich in der letzten Woche so zugetragen hatte. Meine Blicke richteten sich vereinzelt auf die Dame, die in dem anderen Bett des Zimmers vor sich hin siechte. Noch nie hatte sie irgendetwas gesagt. Das einzige Geräusch, das sie von sich gab, war eine Art »Na-Nuff, Na-Nuff«, und sie wiederholte es wie ein Mantra.
Es war alles wie immer. Dann kam einer der Ärzte herein, der sich mit meinen Eltern über meine Oma unterhalten wollte. Sei es aus Pietäts- oder anderen Gründen gewesen, sie gingen vor die Tür und ließen mich mit Oma und der anderen Dame allein.
Waren es fünf Minuten? Zehn Minuten? Ich saß am Bett und streichelte die Hand meiner Oma, als plötzlich eine große Person neben uns stand. Unter dem schwarzen Umhang blickte ein Gesicht, welches definitiv etwas mehr Sonne vertragen konnte, mit durchdringenden Augen meine Großmutter an. Ich weiß noch ganz genau, dass er eine Hand auf das Gestell am Fußende legte, während er sich mit dem anderen Arm auf die große Stange mit dem langen Kescher am Ende stützte.
Man kann mit Sicherheit sagen, dass er eine beängstigende Erscheinung hätte sein können. Aber entgegen der landläufigen Meinung, er wäre ein Skelett, hatte er das Gesicht eines Mannes in seinen späten Zwanzigern oder anfänglichen Dreißigern und so gar nichts Bedrohliches. Im Gegenteil, sein Lächeln strahlte eine vollkommene Ruhe aus. Obwohl ich keine Angst verspürte, kam ich nicht umhin, ihn anzustarren.
»Wer bist denn du?«, fragte ich unschuldig.
Sein Kopf bewegte sich langsam, und sein Erstaunen zeichnete sich deutlich ab. »Hast du mit mir gesprochen?«
Seine Stimme war wie eine Mischung aus Barry White und Peter Lustig. Sie war ungewöhnlich tief für einen Mann seiner Statur. An Peter Lustig erinnerte sie mich, weil es mir vorkam, als könnte man ihm stundenlang zuhören, wie er einem die einfachsten Dinge erklärt. Mein Vater hätte das vermutlich als Gebrauchtwagenverkäuferstimme bezeichnet.
»Ja. Ich wollte wissen, wer du bist.« Mein siebenjähriges Ich hatte tatsächlich nicht die geringste Ahnung.
»Du kannst mich wirklich sehen? Und hören?«
»Klar. Du stehst doch da.«
Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. Das Grinsen, das ich in den folgenden Jahren noch oft sehen sollte. Mit einer schnellen Bewegung, die mich dann doch erschreckte, hatte er sich zu mir heruntergebeugt und starrte nun wiederum mich an.
»Du bist ein interessantes kleines Kerlchen.«
»Wieso?«
»Du bist anders.«
»Warum bin ich anders?«
»Weil mich Leute eigentlich nicht sehen können, du aber schon.«
»Aber du stehst doch direkt vor mir, warum sollte ich dich nicht sehen können?«
»Weil ich der Tod bin, Kind.«
Er hatte sich wieder zu seiner vollen Größe aufgerichtet. Rückblickend hätte es für mich nicht so imposant aussehen dürfen, aber für einen Siebenjährigen grenzen 1,80 Meter schon nahezu an einen Riesen.
»Aber der Tod ist doch kein Mensch. Menschen sterben einfach. Und dann sind sie tot. Oder bringst du die Menschen um?«, fragte ich wohl etwas naiv.
»Ich bringe niemanden um«, sagte er und wandte sich wieder meiner Oma zu. »Ich hole nur die Toten.«
Meine Großmutter hatte irgendwann in den letzten Minuten die Augen geschlossen und fing nun an, leicht zu keuchen.
»Machst du das?«, fragte ich, immer noch nicht begreifend.
»Nein.«
Ich drückte die Hand etwas fester. »Aber was tust du hier?«
»Warten.«
Er war damals überraschend kurz angebunden. Immerhin hatte er schon diese mysteriöse Nummer drauf, die mich später zur Weißglut bringen sollte. Zu dem Zeitpunkt aber begriff ich noch gar nicht, was gerade geschah.
Meine Oma fing an, nach Luft zu schnappen. Sie zuckte zwei-, dreimal. Dann war sie still und nur das »Na-Nuff, Na-Nuff« der Bettnachbarin war zu hören. Ich hielt immer noch ihre Hand, die sich jetzt schlaff anfühlte.
So richtig wollte mir nicht in den Kopf, was gerade passierte. Es wurde noch surrealer, als ich beobachtete, wie in ihrem Mundwinkel ein Fühler erschien, dann ein zweiter. Ein Tier zwängte sich aus dem nur leicht geöffneten Mund meiner Oma, um sich dann auf den Lippen zu entfalten und als bunter Schmetterling zu entpuppen. Mit einem Flügelschlag hievte er sich in die Luft und schwebte im Raum zwischen dem Tod und mir. Unwillkürlich streckte ich meine freie Hand aus, und der Schmetterling nahm darauf Platz.
»Wirklich ein interessanter kleiner Kerl«, sagte der Tod, streckte einen Finger aus, und der Schmetterling flog zu ihm hinüber. »Deine Großmutter war eine gute Frau. Möchtest du ihr auf Wiedersehen sagen?«
Noch immer hielt ich die Hand meiner Oma in einer der meinen. Ich blickte zwischen dem Schmetterling, der Hand und dem Gesicht meiner Oma hin und her. Langsam begann ich zu verstehen, und obwohl ich meine Oma mehr oder weniger nur als verwirrten Pflegefall in Erinnerung hatte, schossen mir die Tränen in die Augen.
»Auf Wiedersehen, Oma«, hauchte ich dem Schmetterling zu und...




