E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Nies Ansichten der Natur - In Indiens Dschungel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7497-3251-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-7497-3251-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman Nies befasst sich seit über vierzig Jahren damit, verschiedene Wissensgebiete interdisziplinär miteinander zu einer universalistischen Gesamtschau zu verbinden. Seine Schwerpunkte sind Philosophie und Theologie. Nebengebiete sind Völkerkunde und Naturkunde. Der Autor hat zahlreiche Reisen unternommen.
Autoren/Hrsg.
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Periyar - Eine andere Welt
Diese Welt, von einer höheren Macht
wurde sie geschaffen
zum Wohle aller Geschöpfe.
Sie müssen lernen, dem Ganzen zu dienen
und dabei enge Beziehungen einzugehen
miteinander.
Keines soll die Lebensrechte der anderen antasten.
Aus der Isopanishad
Wenn man sich von der Malabarküste aus landeinwärts zu den feuchttropischen Tiefebenen Keralas begibt, des südlichsten Bundesstaates Indiens, muss man einem Forscherdrang nachgegeben haben, denn warum sonst sollte man der Stille des türkisblauen Ozeans den Rücken zukehren, um sich in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft wiederzufinden, deren Unruhe ansteckt? Man kann gar nicht so viel verarbeiten, was an Eindrücken auf einen einfällt. Das Auge entdeckt jedoch schon bald hinter dem Olivgrün der Kokospalmenwälder und Heveaplantagen, dem Saftgrün der Reisfelder am östlichen Horizont, dort wohin die Winde ziehen, einen bläulichen Streifen.
Das sind die Westghats, ein Gebirge, das sich aus der Ferne als ein Wolkengebilde vermuten lässt und sich dann anscheinend erst bei der Annäherung majestätisch und steil erhebt. Seine Gipfel reckt es in Höhen empor, wo sie oftmals von bedrohlich dunklen Wolken umhüllt sind. Meist bleiben sie unsichtbar, als müssten sie etwas verbergen. Doch gerade das reizt den Mut und die Entdeckerlust, dort hinaufzusteigen, wo der Himmel mit der Erde zu verschmelzen scheint.
Doch oben erwartet einen die ganz andere Welt als die des Tieflandes, eine wunderbare Landschaft von Licht und Schatten, von glänzendem Grün und dunklem Blau, denn die Erde ist dort weitgehend unberührt und birgt die botanischen Kostbarkeiten Indiens. Und der Himmel schwebt leuchtend über den klaren Höhen.
Dort oben ist Periyar, ein Gebiet, das keine Straßen und nur wenige Wege kennt, wo nur die Pfade der Tiere und die Flussläufe und Bäche ein Fortkommen durch die Wildnis erleichtern. Die Berge, die von den Ureinwohnern als von den Göttern geheiligt verstanden werden, ragen daraus hervor, ihre Flanken sind geschützt von Dornbüschen, dichtem Gestrüpp und, wo es steil wird, von blankem Fels. Umgeben sind sie von einem Wunderland bewaldeter Hügel, das für einige wenige frühere Kolonialbeamte zur zweiten Heimat wurde, ehe sich auch ihre Spuren im Zeitendunst der Geschichte verflüchtigten. Doch als sie gegangen waren, verirrten sich nur wenige Reisende hierhin. Und sie blieben nicht. Auch ich konnte nicht bleiben. Und doch wurde mir diese Weltgegend vorübergehend zu einem Lieblingsdomizil und Rückzugsgebiet, denn gleichwie die reiche Flora und Fauna von Periyar kann auch ich in der Zivilisationsferne eine erquickliche Weile sicher sein vor ihren Einflüssen und mich in alle Richtungen ausstrecken wie ich will. Hier finde ich die Ruhe wieder, die ich bei den Menschen verloren zu haben glaube. Schon als Junge fand ich den meisten Gefallen an den Wäldern dort, wo sie am wenigsten von der menschlichen Hand berührt waren.
In Periyar erwartete mich der „Virgin forest“, ein tropischer Wald, der Reize des Besonderen bot und freizeitliche Vergnügungen, solange meine Zeit dort währte. Sie bestanden auch darin, mit Spannung zu erwarten, wie sich die wilden Tiere verhalten und ob aus den Begegnungen „nähere Bekanntschaften“ werden würden. Ja, ich habe manche gute Begegnung gehabt, und ich verstehe, warum Bernardin de Saint-Pierre, ein schwärmerischer Bewunderer der Natur, hinausposaunt hatte: „Lieber tief in die Wälder fliehen, besser sich Tigern anvertrauen als den Menschen.“ Ein Frustsatz, gezeugt weniger aus Naturliebe als aus den Erfahrungen mit den umtriebigen und doch orientierungslosen Menschen. Zwei Menschen begegnen sich im Dschungel. Sagt der eine: „Wo gehst du hin?“ „Da hin!“ „Und danach?“ „Dorthin! Und du?“ „Ich komme von ungefähr da und will dort hin!“ Wohl dem, der weiß, wohin es mit ihm geht und dem es auch wichtig ist, zu wissen, wohin es mit ihm geht. Wohl dem auch, der Menschen hat, denen er Vertrauen kann, denn solche Menschen sind kostbar und unersetzbar, aber extrem selten sind sie!
Allerdings hat Bernadin wohl kaum eine Begegnung mit einem Tiger gehabt. Sie haben keinen Sinn für Poesie! Und auch Rudyard Kipling, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1907, der lange Zeit in Indien war, dürfte nur zu gut gewusst haben, dass sein „Jungle Book“ sehr viel vermenschlichte Tiererei feil geboten hat. Immerhin hat er Shir Khan, den Tiger, als gefährlichen Menschenfresser gekennzeichnet. Der Periyar National Park ist der bedeutendste Naturraum für Tiger in Südindien. Doch während Kipling und de Saint-Pierre die Eingeborenenstämme der Manan und Uralis, mit denen man es in Periyar zu tun bekommt, nicht kannte, habe ich erlebt, wie vertrauensselig und gütig die Menschen in dieser natürlichen Umgebung sind. Wen sollte es wundern, dass die Menschen, die dieses Gebiet bewohnen, die Unrast der Zivilisation nicht kennen und deshalb auch nicht ihre Sünden! Jedenfalls nicht die spezifischen Zivilisationssünden und –krankheiten.
Auch wollte ich mich so wenig wie die Eingeborenen den Tigern anvertrauen, sondern hoffen, dass man dort unmittelbar aus dem Angesicht der Natur lesen konnte, wie schön und raffiniert sie in diese Wohngegend gebildet ist. Das lässt wertvolle Rückschlüsse zu.
Meine Wanderungen in Periyar waren oft beglückend und immer sehr aufregend. Ich unternahm sie alleine, bewaffnet nur mit scharfen Augen, aufmerksamen Ohren und einem lernwilligen Geist. Dieser machte neue Entdeckungen und vergaß darüber die gewöhnlich langweilige Welt woanders.
Wenngleich es Strapazen und Gefahren, Krankheit und Erschöpfung gab, großes Leid ist mir nicht widerfahren. Ich möchte auch nicht von Entbehrungen reden, denn was sind verlorene Bequemlichkeiten, verglichen mit den Reichtümern an Eindrücken und Erfahrungen, die ich nun in Besitz genommen habe.
Ich möchte sie nicht alle für mich behalten. Deshalb erzähle ich von Periyar, einem Ort der Abgeschiedenheit, wo nicht der Mensch, sondern nur die Natur, die noch wild und roh und unbearbeitet ist, bestimmt, was geschieht.
Meine Erinnerungen beginnen immer wieder mit meinen Wanderungen durch die Wälder, wie ich dann verweile mancherorts im kühlen Schatten unter den mächtigen Urwaldbäumen und in die durchbrechenden einzelnen Sonnenstrahlen blinzle. Buntleuchtende Schmetterlinge tanzen um sie herum. Ich folge ihrem Flug, bis ich das Brummen eines großen bläulichen Käfers höre oder das Zwitschern der Minivets.
Jetzt wo ich die Augen schließe, höre ich noch mehr. Die Papageien krächzen aus dem Krondach, in der Nähe rauscht ein Bach, der zwischen Felsen zu Tal stürzt. Ich sehe mich zwischen Baumwurzeln über graue Felsen klettern, die Luft steigt flimmernd auf, ich betrete rote Erde, aufgewühlt von großen und kleinen Grabern, gehe über raschelndes Laub auf weichem Waldboden, durch das glitschige Kiesbett des Baches, stapfe im Sand am Ufer des Periyarsees entlang, und ich halte inne, trotz der gleißenden Sonne, inmitten der smaragdgrünen Grasflur! Nun habe ich den Geruch des nach einem Regenschauer dampfenden Laubwerks in meiner Nase. Ringsherum ist Leben, tierisch, pflanzlich, im Überfluss. Ich Mensch entdecke Anzeichen dafür, dass es in der Wildnis nicht nur darum geht, zu fressen und gefressen zu werden. Wie banal und lächerlich dieser Gedanke doch ist, wenn man sich in die Komplexität der Beziehungsgeflechte in den Ökosystemen hinein vertieft! Es gibt viel mehr Lebensgemeinschaften, die einander dienlich sind und gutnachbarschaftliche Beziehungen pflegen, als rohe Gewalt.
Man fragt sich, ob nicht eine Geistesmacht, die alles durchdringt und trägt, sichtbare Spuren hinterlassen hat. Sind sie nicht zu lesen am Rüsselringen der Elefantenkinder, am Herumtollen der heranwachsenden Tiger, am verspielten Gebaren längst erwachsener Bären, an den übermütigen Turnübungen der Affen, Streifenhörnchen und Papageien, an den Symbiosen, den Lebens-, Mahl- und Wohngemeinschaften? Ist da nicht eine Handschrift eines Lebenskünstlers erkennbar, der nicht nur irgend eine Lebensform schlicht variieren wollte, sondern mit endlosem Findungsreichtum in Formen und Farben der Geschöpfe investierte, der Schönheit zur Tugend machte und Raffinesse zum Markenzeichen. Und der alles zu einer grandiosen Landschaft zusammensetzte. Jedem, der seine Seele, den finsteren Gesellen der blinden Zufälligkeit und der ungerichteten Beweglichkeit der Grundelemente verschrieben hat, empfehle ich, nach Periyar zu gehen und Gottes Schöpfung aus der Nähe kennen zu lernen. Die Wunder, die ihm begegnen, können ihn sprachlos machen, wenn er nur einen offenen Geist hat.
Oft werde ich nach den Gefahren in der Wildnis gefragt. Nicht vielen Menschen begegnet man in Periyar. Warum dann die Frage? Der sogenannte Wilde weiß um die Vorzüge seiner Umgebung;...




