E-Book, Deutsch, 408 Seiten
Nies Die Bergpredigt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-34521-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
aus heilsgeschichtlicher Sicht
E-Book, Deutsch, 408 Seiten
ISBN: 978-3-347-34521-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman Nies befasst sich seit über vierzig Jahren damit, verschiedene Wissensgebiete interdisziplinär miteinander zu einer universalistischen Gesamtschau zu verbinden. Seine Schwerpunkte sind Theologie und Philosophie, Ethnologie und Naturkunde. Der Autor hat zahlreiche Reisen unternommen, um seine Kenntnisse zu erweitern.
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Die Glückseligkeit
Mt 5,1-12
Mt 5
1 „Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
4 Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
5 Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
6 Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
7 Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
8 Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
9 Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
10 Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
11 Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.
12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.
Als erstes ist festzustellen, dass Jesus die Bergpredigt Seinen Jüngern hielt. Das ist auch bei den Seligpreisungen bei Lukas so: „Und er hob seine Augen auf über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.“ (Lk 6,20) Es waren aber auch andere mit auf den Berg gegangen und hatten mit angehört, was Jesus Seinen Jüngern sagte (Mt 7,28). Jeder hat immer auch Mitläufer. Der Kreis der Jünger war immer durchlässig. Es war kein Geheimbund. Auch Kirchengemeinden sollten durchlässig sein.
Die Elberfelder Übersetzer haben das griechische „makarioi“ mit „glückselig“ übersetzt. *17 Dieser Redebeginn kommt in der Septuaginta für das Hebräische „ashrei“ 68 mal vor *18 so z.B. in Ps 84,5 oder 6: „Glücklich ist der Mensch, dessen Stärke in dir ist, in dessen Herz gebahnte Wege sind.“ Ein anspruchsvoll-fülliger Satz mit großer Weisheitstiefe. Jesus benutzt in der Bergpredigt wenig komplexe Sätze, die am Anfang weiterführender Gedankengänge stehen können, aber an sich weniger weitreichend sind. Er hat es ja mit Jüngern zu tun, die am Anfang ihrer Lehrzeit stehen.
„ashrei“ von „esher“ kann mit Glücklichkeit oder Gesegnetheit übersetzt werden. Das ist die Möglichkeit für Glück und Segen und damit weniger als der Zustand von Glück und Segnung. Das biblische „Glück“ entspricht nicht einfach einem menschlichen Wohlbefinden, sondern bedeutet immer eine weitgehende Annäherung an die Bestimmung des Menschen, dessen sich der Mensch mehr oder weniger bewusst geworden sein kann. Wenn das wahre Glück im „Himmel“, bei Gott, ist, dann muss der Mensch auf den Weg dahin gebracht werden und kann sich bereits „glücklich“ schätzen, wenn ihm das bewusst wird. In der deutschen Sprache hat sich Glück und Seligkeit zu einer Glückseligkeit verbunden. *19
Das griechische Makarios kommt von „mak“, was „vergrößern“ oder „erweitern“ bedeutet. Glückselig ist man dann erst wirklich, wenn man von Gott groß gemacht worden ist. Inwiefern groß? In alledem, was Gott auszeichnet. Bei Gott ist die wahre und reine Glückseligkeit. Wer segnet, will göttliche, also vollkommene Verhältnisse herstellen. An so einem Segen muss, bemerkt man sofort, Gott beteiligt sein, Er muss Seinen Segen dazu geben, denn wie sonst könnte sich etwas Vollkommenes einstellen? Eine gottgemäße Segnung ist also ein „Großmachen“ in dem Sinne wie Gott es versteht, wie auch nur Er es verstehen kann, solange man selber noch keine solche Segnung erfahren hat. Wenn man also jemand Glück und Segen wünscht, sollte es vernünftigerweise aus Sicht Gottes Glück und Segen sein. Das erklärt auch, warum man auch eine an sich leidvolle Erfahrung als Segnung bezeichnen kann, wenn man davon überzeugt ist oder wenn sich zeigt, dass Gott damit etwas verwirklicht, was den Menschen letzten Endes groß macht. Man braucht dazu keine konkrete Vorstellung über das Großgemachte. Es reicht der Glauben daran. Wer Gott wirklich vertraut, traut Ihm auch zu, dass Er nicht nur weiß, was für einen Glück und Segen bringt, sondern - und das ist eine höhere Stufe der Erkenntnis- er weiß auch, dass Gott ihm dieses Glück und diesen Segen irgendwann einmal schenken wird.
Der Mensch wird ja nicht geboren, um ein „glückliches“ Leben zu haben, es sei denn, das „Glück“ hängt mit der Bestimmung des Menschen zusammen. Aus biblischer Sicht ist der Mensch dazu geschaffen, um sowohl Gott zu verherrlichen als auch um zugleich selber verherrlicht zu werden. Diese Doppelbedeutung kommt auch in der Torah zum Vorschein, wenn man die beiden wichtigsten Gebote nimmt, die zusammen genommen außerdem noch die Grundlage der gesamten Torah sind: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Erstmals bekommt das Israel von Mose zu hören: *20 Jesus sagte es ausgerechnet einem Torahlehrer, der Ihn nach dem wichtigsten Gebot gefragt hatte: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Aber warum können diese zwei Gebote die Grundlage der Torah sein? Weil Gott mit der Torah etwas bezweckt, was dem Gesamtziel, das er mit der Schöpfung hat, untergeordnet ist. Wo Gott und der Nächste geliebt werden, stellt sich Glückseligkeit ein. So gesehen ist das Leben eines Menschen dann wirklich glücklich, wenn es glückselig ist. Und das bedeutet, dass der Mensch sich entschieden auf Gott zubewegt. Eine Segnung, die nicht dem Ziele Gottes mit der Schöpfung dient, kann deshalb auch nicht zur tragfähigen Glückseligkeit führen. Man sollte daher immer Segenssprüche mit Bedacht austeilen und sich fragen, wen oder was segnet man durch seine Worte und seine Handlungen?
Für Gott bedeutet „glücklich“ sein also immer deshalb ein „gottgemäß“ sein, weil Er ja den Menschen zu keinem anderen „groß sein“ geschaffen hat, als dass er seine Bestimmung in seiner Verherrlichung und der Verherrlichung Gottes, zur gemeinsamen Freude, erreicht. Warum sind zwei Verliebte glücklich? Weil sie sich lieben und sich dabei bewusst sind, dass sie diese Liebe nicht missen, sondern nur ausleben wollen können. Das Ziel der Liebe ist die Liebe auszuleben. Also was ist mit der Liebe Gottes? Gott ist ja Liebe in Person. Was macht Gott mit dieser Persönlichkeit? Er will es ausleben. Echte Liebe will ausgelebt werden und deshalb lieben sich Menschen so, dass sie sofort spüren, ich will diese Liebe ausleben
Diese Liebe ist aber nicht nur eine Eigenschaft Gottes, sondern Gott ist Liebe. Jede Liebe kommt also von Gott und wird letzten Endes auch wieder nur den Weg zu Ihm weisen. Sie hat ohne Gott keinen Bestand und kann nur bleiben, wenn sie immer tiefer in Gott vertieft wird. Oder anders gesagt Liebe, die bleiben soll, muss personifiziert werden. Man muss Liebe werden, wenn man immer in Liebe sei will. Das ist jedoch nur in Gott möglich.
Liebe muss in Gott vertieft werden, wenn sie bleiben soll.
Wirklich bleibend kann nur Gott und das Göttliche sein. Das hebräische Pendant zum griechischen „makarios“ ist „escher“. *21 So zum Beispiel in Hiob 5,17: „Glücklich ist der Mensch, den Gott zurechtweist! So verwirf denn nicht die Züchtigung des Allmächtigen!“ *22 Für einen Juden war das Gemeingut, denn er versteht die Torah nicht als starres Gesetz, sondern als Weisung. Das Gesetzeswerk der Torah, welches Hiob, der diese Worte niederschreiben durfte, nicht kannte, kann insofern glückselig machen oder zur Glückseligkeit beitragen, als sie ein Mittel ist, das auf das Ziel hinführen kann. *23 Aber auch hierzu muss man sich führen lassen. Man kann sich auch, z.B. als Atheist, der nur nach seinen eigenen Regeln leben kann, dagegen versperren. Es gibt auch andere Mittel, derer sich Gott bedient. Abraham wurde auch von Gott geführt, ohne dass Er ihm jemals die Gebote der Torah, wie Israel sie halten sollte, offenbarte. Das direkteste und sicherste Mittel ist der Geist Christi. Das wissen wir hoffentlich.
An den Geschichten vor der Verkündigung der 10 Gebote auf dem Sinai kann man erkennen, dass „Glückseligkeit“, wie sie in verschiedenen Ausprägungen in der Bibel angesprochen wird, eine relative sein kann. Jesus bedient sich in der Bergpredigt einer Sprache, die die Jünger verstehen, ohne dass Er versucht, ihnen die Tiefen des göttlichen Verstehens auszuloten, denn das wäre bei dem Fassungsvermögen der...




