Nies | Tiger und Menschen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Nies Tiger und Menschen

In Indiens Dschungel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7497-3610-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

In Indiens Dschungel

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-7497-3610-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Indiens Dschungel sind noch immer geheimnisvolle Orte, wo Naturgeschichte geschrieben wird. Der Mensch hat dort ungewöhnliche Begegnungen, die ihn Ehrfurcht vor der Schöpfung lehren. Doch oft sind die Folgen solcher Lektionen hart und unerbittlich. Der Autor erzählt von seinen haarsträubenden, doch dann auch wieder belustigenden Streifgängen in eine wilde Welt und ist dabei auf den Spuren von Tigern und Elefanten.

Roman Nies befasst sich seit über vierzig Jahren damit, verschiedene Wissensgebiete interdisziplinär miteinander zu einer universalistischen Gesamtschau zu verbinden. Seine Schwerpunkte sind Philosophie und Theologie. Nebengebiete sind Völkerkunde und Naturkunde. Der Autor hat zahlreiche Reisen unternommen.
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GEFAHR?

Adru masa pirayahnam andschi nadanthal mudiyamah-Jemand der in Furcht wandelt, wird der seine Reise beenden?

Tamilische Weisheit

Still! Horch! Ein Gedanke hatte einen Laut verursacht! Von wo war er hergekommen? Warum war ich stehengeblieben? Was ließ mich zögerlich den nächsten Schritt tun?

Der Ausblick ringsherum hatte nichts Großartiges zu bieten. Dessen ungeachtet, hatte mich ein merkwürdiges Gefühl der Verlassenheit beschlichen, das sichere Gesellschaft willkommen heißen würde. Es musste aus einem Versteck in der Wildnis, die mich umgab, gekrochen sein. Und nun rief es eine Reihe von unangenehmen Fragen hervor. Welche neuerliche Besonderheit ließ mich meine Sinne auf sich lenken oder spielte auch nur mit ihnen, um mich dann mit ungehörtem Gelächter zu entlassen, vielleicht noch mit der Aufforderung, die Unerklärlichkeit und Undurchschaubarkeit des bewussten Seins zu bedenken.

Ich hatte bedächtig um die Biegung des Weges gelugt, weil von hier die Langurenrufe gekommen waren, die, seit ich mich vom Rande des Waldes entfernt hatte, eine Ursache mutmaßen ließen, von der ich mir Abwechslung erhoffte. Von den Languren fehlte jede Spur. Und auch sonst zeigte sich nichts, nicht einmal ein geflügeltes Insekt. Wenn doch wenigstens Vogelgezwitscher die Stille durchbrochen hätte!

Stattdessen unübliche Gedanken! Nur nicht nachforschen, ob das Zitterrascheln der Blätter bloß meinem Wunschdenken entsprach, dass sich kein größeres Tier dahinter verbergen möge! Die Farbenspiele in der dichten Vegetation verblassten und die Formengebilde verschwammen. Ich wartete auf den Hauch eines Windes. Aber ins Waldesinnere verirrte er sich nicht. Selbst die Wipfel ruhten. Vergeblich zog ich die Luft nach den Düften der Orchideen ein - fauliges Holz von Baumleichen!

Woher und warum dieser plötzliche Wandel meiner Stimmung? Als hätte ich eine Welt der Suggestion betreten? War ich kurz zuvor doch noch ein munterer Spaziergänger durch den von Salbäumen dominierten Forst gewesen, der keiner Imagination bedurfte, um sich an den vielgestaltigen und farbenprächtigen Realitäten zoologischer und botanischer Herkunft erfreuen zu lassen! Unnennbare Einbildungen, ungeformte Gedanken bestürmten mich. Gerade die Unbestimmbarkeit machte sie umso bedrückender.

Ein Schatten fiel über mich! Den ganzen Vormittag war der Himmel unbedeckt gewesen - frei von Trübungen wie ich. Aber nun hatte sich ein großes Wolkenfeld vor die Mittagssonne gelegt. Die Szenerie um mich wirkte noch grauer, und die an sich belanglosen Objekte rückten scheinbar näher, um meine Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. Ein Baum, eben noch gerade gewachsen, wird der Mittelpunkt des plötzlichen Interesses, wenn er auf einen zu fallen droht. Ein Busch, der einen besonderen Schatten wirft, weil er sich fortbewegt und belebte Gestalt annimmt, könnte zumindest ein wildes Tier verbergen.

Jedoch war es mehr die Kombination einfacher Formen der Naturgewächse, die mich so furchtbar ohne Süße die Unterscheidbarkeit zwischen Realität und Phantasie prüfen ließ. Die Atmosphäre im Dunstkreis dieser Gebilde war gänzlich unverwandt mit der hellen, Freundlichkeit anstimmenden Luft, die ich draußen eben noch geatmet hatte. Hier kam die Luft nicht vom Himmel herab, sondern sie kroch aus dem trüben Gedampf des Pflanzengeschlings, das überhangen war von graufarbenem, abgestorbenem Gestrüpp.

Nur noch einen Schritt tat ich- irgendetwas Faszinierendes war außer mir, das mich innerlich erregte- dann hielt ich vollends still. Eine Ahnung von ich weiß nicht was wuchs nun zu einem unbeschreiblichen Missbehagen. Was mich aus geweckter, aber vorsichtiger Neugierde allenfalls hätte zaudern lassen, von der Stelle wegzukommen, ließ mich nun der Ungewissheit wegen schaudern. Mir war es, als hingen die Wolken dicht über mir, unbeweglich und düster, als wollten sie den Himmel und das hoffnungsvollere Licht für immer wegschließen.

Ich war höchstgradig angespannt, als erwartete ich den Moment einer Einzigartigkeit. Doch nichts Lebendiges zeigte sich! Es lebte nur meine schöpferische Vorstellungskraft. Was hatte sie so angestachelt? Keine Spur, die zu Augen oder Ohren heranreichte! Es blieb alles bewegungslos und stumm, das grenzenlose, unfassbare Schweigen allerorten.

Die Vielheit der abstrusen und planlosen Gedanken wurde allmählich eingedämmt durch die Vernunft, die versuchte, Zusammenhänge herzustellen. Es war ja nur, so weit der Stand der Dinge, mein launisches Gemüt, das es zu beruhigen galt. Nicht nur, denn: „Das denkst du nur!“ verriet eine Erst-recht-Stimme und warnte, dass die Wahrnehmung verlässlicher sei als die Deutung: So viele Verursacher von nichts!

Meine Blicke wanderten die Stämme der Salbäume hinauf und hinunter und versuchten das Dickicht an ihren Wurzelfüßen zu durchdringen. Ich konnte nichts entdecken, außer einem Bienennest in halber Höhe. Es war sicher seit einiger Zeit verlassen. Schon der Gedanke, dass es sich um die gefährliche Dorsata Art handeln könnte, hätte mir unter normalen Umständen Beine gemacht. Hier fiel mir das Fortkommen schwer. Mein Geist mühte sich tiefsinnig um Aufklärung, was denn hier an diesem Ort so sonderbar sein könnte, doch erfolglos. Keine Gedankenblitze, um das Dunkel zu erhellen!

Das Gesuchte offenbarte sich nicht, weder in- noch auswendig, obwohl ich zu wissen glauben wollte, auf der richtigen Fährte zu sein. Und wenn die Schatten einer Gefahr auf mich gefallen waren, die mit ihrer Offenbarung noch wartet, um mit mehr Macht zu kommen?

Es trieb mich nicht zurück auf meinem Weg. Die unerklärliche Lust zu bleiben, kämpfte wenig gegen das Unwohlsein, das doch bald zur Übelkeit aufkommen musste. Mein nervöses Herz ließ die doch nicht stehengebliebene Zeit spürbar anschlagen.

„Es wäre leicht diesen Ort des baldigen Schreckens zu verlassen, wenn es nicht noch leichter wäre, zu verharren.“ Eine seltsame Angewohnheit von Kaninchen, nicht gleich vor der Schlange zu flüchten! Aber der Mensch ahnt ja weiter als ein Kaninchen. Ginge ich, ließen mir die Selbstvorwürfe danach keine Ruhe, das Besondere versäumt, dem Unergründlichen weder auf den Grund gefühlt, noch zuwenigst seine schwarze Wandung ausgeleuchtet zu haben.

„Hier ist nichts, was den Aufenthalt lohnt!“ besagte der schmächtige Widerwille.

„Woher willst du das wissen, Lustlosigkeit, gemächlicher Lüfte stiller Begleiter!“ Zumindest spürte ich den Willen mächtig, die Unsicherheiten darüber, was hier am besten zu tun wäre, zu überwinden. Und das geschieht am besten durch eine Lösung. Doch, würde sie mir auch gefallen? Solange die Angst nicht geweckt ist, lass’ sie schlafen! Solange eine Gefahr nicht nachgewiesen ist, wozu sie befürchten? Zuerst sollte man sie entdecken! Der Ahnungslosigkeiten Enden sind vielgestaltig. Wird eine böse Ahnung daraus, warum nicht sogar eine Vorfreude empfinden darüber, dass man bald mehr weiß? Eine unterhaltsame Übung, bei jeder körperlichen oder seelischen Anstrengung, auf Erleichterung zu hoffen!

Auch das ist anstrengend, die Sinne so anzuspannen, dass man von jeder körperlichen Regung Abstand nimmt! Sogar das Atmen zu unterdrücken und dabei zu warten auf das Offenbarwerden des unheimlich Heimlichen, als ob die Existenz der ganzen eigenen Welt darüber verloren werden könnte. Da musste gehandelt werden, damit man nicht wie gelähmt der Mächte harrte, die da kommen wollen, um die Sinne vollends in ihren Bann zu schlagen. Man darf sich nie wehrlos machen lassen. Nein, eben zuckte willkürlich ein- nur ein- Augenlid!

Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging im Schwarm der undefinierbaren Empfindungen, die ihren Zusammenhang suchten mit meiner Umgebung. Wo war ich überhaupt? Nicht einmal das wusste ich! Ich hatte mich schon zu weit vom Ausgangspunkt meines Streifzugs entfernt.

Ich fühlte eine Bedrohung und glaubte sie anzweifeln zu müssen. Ich verdächtigte mich des Aberglaubens, der Trunkenheit von berauschenden Blütendüften, und getroffen zu sein vom dichten Pollenflug ayurvedischer Pflanzen.

Ich wusste von meiner Sensibilität für Angriffe auf die Wahrnehmungsorgane und die Resonanzbreite der Seelenstimmungen. In der Außenwelt dagegen rührte sich nichts. Alles war in Bewegungslosigkeit versunken. Das Stoßen meines Herzens nur, das den ganzen Brustraum erfüllte und in den Ohren widerhallte.

Ich versuchte, nüchtern zu ergründen, was mich besinnig, aber anscheinend sinnlos gefangen genommen hatte. Der bloße Gedanke, der lächerliche, mit allem Ernst gedachte Gedanke, dass ich nicht mehr von diesem Fleck wegkommen würde, erregte Schwindel, als ob ich vor einer unlösbaren Aufgabe stünde. Dazu kam das quälerische Mühen, die Ursache meines Befindens zu erfassen, den Schleier an Befürchtungen wegzuziehen. Elende Aussichten sind besser als gar...



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