E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Nietzsche / Lütkehaus Das große Lesebuch
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403020-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Fischer Klassik PLUS)
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-403020-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friedrich Nietzsche (1844-1900) stammte aus einer evangelischen Pfarrersfamilie, besuchte die renommierte Landesschule in Pforta bei Naumburg, studierte in Bonn und Leipzig und wurde mit 25 Jahren Professor der klassischen Philologie in Basel. Er war ein genialer Denker, Meister der Sprache und begabter Musiker und Komponist. Sein Leben war bestimmt von problematischen Beziehungen, etwa zu Richard Wagner oder Lou Andreas-Salomé, und endete in der bedrückenden Einsamkeit des Wahnsinns. Seine Werke von der ?Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik? bis ?Also sprach Zarathustra? gewannen großen Einfluss auf die Philosophie und Literatur des 20. Jahrhunderts. Heute gilt er als einer der wichtigsten Wegbereiter der Moderne.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ludger Lütkehaus
Friedrich Nietzsche, die umfänglichste Seele der Philosophie
Am Vormittag des 6. Januar 1889, es ist ein Sonntagmorgen, ereignet sich in Basel Ungewöhnliches. Jacob Burckhardt, der berühmte Kultur- und Kunsthistoriker der Universität, sucht den Kirchenhistoriker Franz Overbeck auf. Es ist alles andere als Besuchszeit, besonders für Basel, wo man auf Distanz hält. Doch beide sind über ihre kollegialen Kontakte hinaus durch die Beziehung zu einem Dritten verbunden: Friedrich Nietzsche, Burckhardt distanziert wohlwollend, Overbeck als Nietzsches bester Freund. Und Burckhardt hat gerade von Nietzsche aus Turin einen verstörenden Brief erhalten:
Lieber Herr Professor,
zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muss Opfer bringen, wie und wo man lebt. (…) Ich (…) leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind. – Da ich verurtheilt bin, die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten, so habe ich hier eine Schreiberei, die eigentlich nichts zu wünschen übrig lässt, sehr hübsch und ganz und gar nicht anstrengend (…). Was unangenehm ist und meiner Bescheidenheit zusetzt, ist, dass im Grunde jeder Name in der Geschichte ich bin; auch mit den Kindern, die ich in die Welt gesetzt habe, steht es so, dass ich mit einigem Misstrauen erwäge, ob nicht Alle, die das ›Reich Gottes‹ kommen, auch Gott kommen. In diesem Herbst war ich, so gering gekleidet als möglich, zwei Mal bei meinem Begräbnisse zugegen (…) da ich gänzlich unerfahren in den Dingen bin, welche ich schaffe, so steht Ihnen jede Kritik zu, ich bin dankbar, ohne versprechen zu können, Nutzen zu ziehn. Wir Artisten sind unbelehrbar. – (…) Erwägen Sie, wir machen eine schöne schöne (sic!) Plauderei, Turin ist nicht weit, sehr ernste Berufspflichten fehlen vor der Hand, ein Glas Veltliner würde zu beschaffen sein. Negligé des Anzugs Anstandsbedingung.
In herzlicher Liebe Ihr
Nietzsche
(…) Von Zeit zu Zeit wird gezaubert … Ich habe Kaiphas in Ketten legen lassen; auch bin ich voriges Jahr von den deutschen Ärzten auf eine sehr langwierige Weise gekreuzigt worden. Wilhelm(,) Bismarck und alle Antisemiten abgeschafft.
Sie können von diesen (sic!) Brief jeden Gebrauch machen, der mich in der Achtung der Basler nicht heruntersetzt. –
Ein bewegendes Dokument, geprägt von einer verzweifelten Komik, offensichtlich diktiert vom Wahn. Overbeck nimmt unverzüglich Kontakt auf zu Professor Wille, dem Direktor der Basler Psychiatrie. Wille rät zu sofortiger Intervention. Noch am Abend des 7. Januar bricht Overbeck mit der Bahn nach Turin auf. Dort kommt es zu einer »fürchterlichen« Wiederbegegnung:
Ich erblicke Nietzsche in einer Sophaecke kauernd und lesend (…), entsetzlich verfallen aussehend, er (…) stürzt sich auf mich zu, umarmt mich heftig mich erkennend, und bricht in einen Tränenstrom aus, sinkt dann in Zuckungen aufs Sopha zurück, ich bin auch vor Erschütterung nicht im Stande auf den Beinen zu bleiben (…). Es kam vor, dass er in lauten Gesängen und Rasereien am Klavier sich maßlos steigernd Fetzen aus der Gedankenwelt, in der er zuletzt gelebt hat hervorstieß und dabei (…) sublime, wunderbar hellsichtige und unsäglich schauerliche Dinge über sich als den Nachfolger des toten Gottes vernehmen ließ, das Ganze auf dem Klavier gleichsam interpungierend, worauf wieder Konvulsionen und Ausbrüche eines unsäglichen Leidens erfolgten, (…) Äußerungen des Berufs, (…) der Possenreißer der neuen Ewigkeit zu sein, und er, der unvergleichliche Meister des Ausdrucks, war außer Stande selbst die Entzückungen seiner Fröhlichkeit anders als in den trivialsten Ausdrücken oder durch skurriles Tanzen und Springen wiederzugeben.
Mit Hilfe eines Begleiters gelingt es Overbeck, Nietzsche nach Basel zu überführen. Am 10. Januar 1889 wird er in die Basler Psychiatrie, die »Friedmatt«, eingeliefert. Eine Woche später trifft Nietzsches Mutter in Basel ein. Assistiert von einem Krankenwärter und einem jungen Arzt, der einst einer der Schüler Nietzsches am Basler Pädagogium gewesen war, bringt sie den vom Wahn zerrissenen, sie im Wahn gewalttätig bedrohenden Sohn in die Jenaer Nervenklinik. Ein Jahr später erhält sie die Erlaubnis, ihn in ihre Naumburger Wohnung zu nehmen, wo sie ihn bis zu ihrem Tod 1897 hingebungsvoll pflegt (vgl. Exkurs 1: Die grausame Wiederkehr des Dionysos. Friedrich Nietzsche liest Euripides – und antizipiert sein eigenes Geschick, Anhang S. 427ff.).
Danach bemächtigt sich die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die Witwe des militanten Antisemiten Bernhard Förster, endgültig des inzwischen berühmt gewordenen Bruders. Schon die Mutter hatte ihren rigorosen Zugriff befremdet registriert. In der Weimarer »Villa Silberblick«, zugleich dem Domizil des Nietzsche-Archivs, lässt die Schwester den »lieben Kranken« pflegen. Mehr noch stellt sie die spektakuläre menschliche und philosophische Sehenswürdigkeit, die nun von der Aura des irrsinnigen Genies umweht ist, für die immer zahlreicheren Besucher aus. Sie ist Regisseurin, Agentin, Impresario, Managerin. Sie verwaltet sein Werk. Sie schreibt, stilisiert, mystifiziert seine Biographie. Sie nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Sie, die er einst auf das Kosewort »Lama« getauft hatte, ohne schon so viel Böses zu ahnen, spuckt gegen ihre Feinde Gift und Galle. Sie fälscht seine Schriften und Briefe. Sie radiert und rasiert, was ihr nicht passt. So macht sie auf ihre Weise die Probe auf seine Lehre »Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne« und vom »Willen zur Macht« – vor allem darauf, dass der Wille zur Macht »interpretiert« (vgl. Exkurs 2: Der Wille zur Macht und der Wille zum Text. Zur Geschichte der Nietzsche-Edition, Anhang S. 460ff.). Die Schwester ist der böse Dämon Friedrich Nietzsches, der sein Werk zum Unglück für die Deutschen, zur Wegbereitung des Dritten Reiches macht, bis hin zum Empfang Adolf Hitlers, dem sie den Spazierstock des Bruders vermacht, drei Jahrzehnte später im Weimarer Nietzsche-Haus. Der wahnsinnige, hellsichtige Nietzsche kommentiert das vorauseilend am 4. Januar 1889: »Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen … Dionysos.«
Doch mit dieser weitreichenden Aufgabe wie mit etlichen anderen, die er in den ersten Januartagen 1889 in Angriff nimmt, überfordert der im Größenwahn delirierende Nietzsche sich. Die Erschießung »aller Antisemiten« durch »Dionysos«, den einst aus Asien nach Griechenland eingewanderten, den zerreißenden und zerrissenen Gott, der für Nietzsche zur wichtigsten mythischen Identifikationsfigur geworden ist, bleibt ihm ebenso versagt wie die Verhaftung des Papstes, das Arrangement einer Begegnung mit Nietzsches »Sohn Umberto«, dem italienischen König, mehr noch die Verklärung der von ihm einst als Gott geschaffenen Welt: so seine Phantasien, die er in Zettelform, den berühmt gewordenen »Wahnsinnszetteln«, am 31. Dezember 1888 und in den ersten Januartagen 1889 an alte Freunde und Bekannte, an diverse Briefpartner wie an die Spitzen der geistlichen und weltlichen Hierarchien schreibt. Allein im Wahn ist jene verklärende noch denkbar, noch sagbar, die Nietzsche so paradox wie schlüssig mit der Unterschrift »Der Gekreuzigte« neben den von »Dionysos« gezeichneten Zetteln versieht.
In dieser Doppelsignatur kommen die zentralen Chiffren von Nietzsches Leben und Denken zusammen, bis zur Unversöhnlichkeit konträr, gleichzeitig unterschwellig verbunden im Zeichen leidender und – wie auch immer – wiederauferstehender Gottes- und Menschensöhne. »Dionysos« ist Symbol, das der seiner Herkunft entlaufene Pfarrerssohn Nietzsche dem Christentum entgegensetzt.
Dionysos’ Beziehung zum christlichen Gott aber ist komplexer, als es die philosophische Schulweisheit will. Denn einerseits ist Dionysos zwar für Nietzsche der Gott der Immanenz, eines entschlossenen Wohnens hienieden ohne »Hinterweltler« und »Hinterwelt«, einer strikt weltlichen Religion, die das Leben in seinen Formen, jenseits von »Gut und Böse«, in Lust, nicht zuletzt der sexuellen Lust, und in Weh bejaht. Dionysos und christ fallen insofern tatsächlich zusammen. Der asiatisch-hellenische Gott ist die Chiffre für eine »unio mystica« mit dem Leben, für eine vitalistische Mystik, die der Religionserneuerer, der philosophische Religionsstifter Nietzsche wiederbeleben will.
Andererseits aber, auf Grund einer nie gelösten Ambivalenz, die Nietzsche zum gläubigsten aller atheistischen Philosophen, zum frömmsten aller Gottesmörder, manchmal geradezu zum Hoftheologen des toten Gottes macht, zeichnen sich hinter der tragischen Maske des Dionysos wieder und immer stärker die Züge des christlichen Gottessohnes ab, in dessen Rolle Nietzsche »Ecce homo« sagt. Vor allem die Bejahung des Leidens und die Verkündigung von Verklärung und Wiederauferstehung, Wiedergeburt stiften die Verbindung von Dionysos und Crucifixus. Was sich in Nietzsches letztem Brief an Jacob Burckhardt...




