E-Book, Deutsch, 376 Seiten, Printausgabe 376 Seiten
Nilsson Martin & Jack
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8369-9236-7
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von Hundebesitzern, Katzenjägern und der Suche nach dem Glück
E-Book, Deutsch, 376 Seiten, Printausgabe 376 Seiten
ISBN: 978-3-8369-9236-7
Verlag: Gerstenberg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frida Nilsson, geb. 1979, schreibt seit 2004 äußerst erfolgreich für Kinder. Ihre Bücher, darunter die Geschichten rund um Hedvig!, wurden in viele Sprachen übersetzt und sind vielfach ausgezeichnet worden. 2019 erhielt sie den James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur, 2020 wurde sie für ihren Kinderroman Sasja und das Reich jenseits des Meeres mit dem Jahres-Luchs 2019 der Wochenzeitung DIE ZEIT ausgezeichnet.
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1
»Als wir beide uns auf den Weg gemacht haben, da habe ich mich wirklich lebendig gefühlt«, hatte Jack damals zu mir gesagt. Es war jene Nacht in Hult gewesen, als wir in dem Heuschober schliefen und er mit dieser Unruhe im ganzen Körper aufgewacht war. Er hatte vom kleinen Leben geträumt, wie er versucht hatte, es irgendwie festzuhalten, es ihm aber nicht gelungen war. Seine Pfoten zitterten immer noch, als er mir davon erzählte, und sein Atem stank nach fauligen Zähnen. Aber dann hatte er mit den Schultern gezuckt und darüber gelacht. So war er eben. Wollte mich nicht mit seinem Kummer belasten. Man könnte sagen, er trug eine große Sorge um das Wohl der anderen in sich.
Hätten wir geahnt, wie beschwerlich unsere Reise werden würde, wer weiß, ob wir es wirklich gewagt hätten, uns auf den Weg zu machen. Aber man kann ja vorher nie wissen, was für ein Abenteuer einem bevorsteht. Und wenn man so darüber nachdenkt, dann ist das ein großes Glück. Denn sollte das kleine Leben hinter der nächsten Ecke warten, beeilt man sich besser.
Aber vielleicht fange ich mit meiner Geschichte lieber ganz von vorn an, damit du weißt, worum es geht: Jack war der Hund auf Norrängen, einem Bauernhof im Kirchspiel Kila in Sörmland. Er lebte dort schon länger als ich. In den ersten Jahren hatte er noch beide Augen gehabt. Ich muss etwa sechs gewesen sein, als er eines Tages plötzlich auf dem rechten Auge erblindete. Ich erinnere mich noch, wie wir ihn vor dem Holzschuppen fanden. Er hielt sich winselnd die Pfoten vors Gesicht – und als er uns ansah, wussten wir, dass es gar nicht gut um ihn stand. Das eine Auge war rot unterlaufen und trüb und es schien auf einmal größer zu sein als das andere. heißt diese Krankheit, die er bekommen hatte, und so etwas tut wohl sehr weh. Wir mussten den Doktor holen, der Jack mit Äther betäubte und das Auge entfernte, weil Hunden in solchen Fällen nicht anders zu helfen war. Ich rannte weg und verkroch mich so lange im Kuhstall.
Pär Pärsson war ziemlich verärgert darüber, dass Jack auf einmal einäugig war, denn es gehörte schließlich zu den Aufgaben eines Hundes, das Haus zu bewachen. Eigentlich wollte Pär Pärsson ihn wohl damals schon vom Hof jagen. Aber Jack schaffte es, den Bauern so lange zu bearbeiten, bis er bleiben durfte. Und wo hätte er auch hingesollt? Sein Platz war im Flur unter der Treppe, dort hatte er sein kleines Eckchen mit einer Decke und ein paar Habseligkeiten. Er sammelte Zeitungen, was Pär Pärsson ziemlich albern fand. Aber solange Jack seine Käseblätter in Ordnung hielt und sie nicht im ganzen Haus herumflogen, durfte er sie behalten. Ab und zu ging Jack zum Kaufmann und erbettelte sich alte Ausgaben. Als diese Geschichte hier ihren Anfang nahm, nannte er einen Stapel von vierzig, fünfzig Zeitungen sein Eigen. Seine Abende verbrachte er oft damit, darin herumzublättern. Ich dachte natürlich, er würde sich die Bilder anschauen.
Ich selbst war im Alter von einem Jahr nach Norrängen gekommen. Meine Mutter war an der Schwindsucht gestorben und mein Vater war nicht mehr in der Lage gewesen, sich um mich zu kümmern. Deshalb hatte Pär Pärsson die Vormundschaft für mich übernommen. Ich weiß nicht mehr viel aus diesen ersten Jahren, aber ich erinnere mich, dass ich noch ziemlich klein war, als ich schon anfing, mich von dort wegzusehnen. Pär Pärsson war ein harter Mann. Ich fand, dass er mich viel zu viel auf dem Hof schuften ließ, und ich war oft wütend auf ihn. Ich malte mir meinen richtigen Vater aus, stellte mir vor, wo er wohl lebte, wie er aussah und all solche Dinge. Ich redete mir ein, dass er sehr arm war und nur darum keine andere Wahl gehabt hatte, als mich wegzugeben. Dass er irgendwo in einer bescheidenen kleinen Hütte saß und sich genauso sehr nach mir sehnte, wie ich mich nach ihm. Manchmal hatte ich schlimme Träume. Träume, in denen er verschwand, in denen ich seinen Rücken über den Boden davonschweben sah, ohne Arme und ohne Beine. Manchmal wachte ich auf, nass geschwitzt und schreiend – und einmal rannte ich hinaus aufs Feld, obwohl es mitten in der Nacht war. Ich hatte wohl irgendwie die Vorstellung, dass ich versuchen musste, ihn einzuholen. Ich weiß noch, dass es eine sehr warme Nacht war. Mein Inneres brannte wie Feuer und das Zirpen der Grillen dröhnte in meinem Kopf wie Kirchenglocken. Nach einer Weile holte Pär Pärsson mich ein.
»Was zur Hölle treibst du hier draußen?«, brüllte er und hob mich hoch.
»Lass mich los! Ich will zu meinem Vater!«, schrie ich. Ich trat um mich und biss ihn, kratzte ihn überall, wo meine Finger ihn erwischten. Da setzte er mich wieder ab und verpasste mir eine Ohrfeige, dass mir der Kopf danach erst recht dröhnte. Als wir ins Haus zurückkamen, hatte ich Fieber.
Kurz darauf erfuhr ich, dass Pär Pärsson einen Briefumschlag in seiner Kammer hatte. Er zeigte ihn mir und erzählte, dass er diesen Umschlag in seiner Kommode aufbewahrte, seit er mich im Waisenhaus abgeholt hatte. In dem Kuvert steckte ein Dokument, aus dem hervorging, wie mein Vater hieß und wo er wohnte.
»Wenn du dich anständig verhältst und ein braver Junge bist, dann öffnen wir den Umschlag an deinem siebzehnten Geburtstag und lesen gemeinsam, was dort steht«, sagte er. »Danach kannst du jederzeit gehen und deinen Vater suchen.«
»Ich will den Brief jetzt öffnen!«, sagte ich. »Jetzt auf der Stelle!«
Er schüttelte den Kopf.
»O nein«, sagte er. »Erst, wenn du alt genug bist. So lauten die Bestimmungen. Und nun hör mir gut zu, Martin: Wenn du dich NICHT anständig verhältst, wenn du bockig bist, dich unmöglich aufführst und wegläufst, dann werfe ich den Umschlag vielleicht auch einfach ins Herdfeuer! Hast du mich verstanden?«
Bei diesen Worten durchfuhr mich ein eisiger Schauer. Ich begriff, dass es unendlich wichtig war, von diesem Moment an nicht mehr herumzuschreien oder bockig zu werden. Und dass ich alles tun musste, was ich nur konnte, damit der Name meines Vaters und seine Anschrift nicht im Feuer landeten.
»Ja-ha, überleg dir, was du willst«, sagte Pär Pärsson. Er legte den Umschlag zurück in die Schublade, es war die zweite von oben. Dann klopfte er auf das Holz, als wäre die Kommode eine Kuh, eine, die vier eckige, blau lackierte Mägen hatte, in denen sich sämtliche Geheimnisse der Welt verbargen. »Überleg dir sehr gut, was du willst.«
So vergingen die Jahre und nach und nach fielen mir die ersten Milchzähne aus. Meine Haare wurden dicker, meine Arme und Beine wurden dünner, ja, es veränderte sich ziemlich viel. Aber an den Umschlag in der blauen Kommode dachte ich noch immer. Man könnte sagen, dass er zu meinem Leuchtturm geworden war. Besonders im Winter, wenn alles so dunkel und düster war und es sich manchmal einfach nur sinnlos anfühlte, aufzustehen, war der Gedanke an den Umschlag wie ein Licht, das mir an einem nasskalten Morgen den Weg zum Stall erhellte. Während ich ausmistete und unsere vier Kühe molk, sagte ich mir: An dem Tag, an dem ich erfahre, was in dem Dokument steht, bin ich fertig mit alldem hier. An dem Tag werde ich von hier verschwinden.
Manchmal, wenn Pär Pärsson und Jack unterwegs waren, zog ich die Schublade auf und betrachtete den Umschlag. Ich nahm ihn in die Hand und roch daran – und ich schlug meinen Kopf gegen die Kommode, weil ich den Umschlag nicht einfach aufreißen und selbst lesen konnte, was darin stand. Das Gesetz besagte, dass man spätestens in dem Jahr eingeschult werden sollte, in dem man neun wurde. Ich hatte im Januar Geburtstag gehabt und das hieß, dass ich im Herbst endlich in die Schule kommen würde. Die meisten Gleichaltrigen gingen schon seit zwei Jahren zur Schule, aber Mündel wie mich behielt man gern so lange wie möglich zu Hause auf dem Hof. Der Gedanke war ja, dass sie sich dort nützlich machten und so ihre »Schulden abarbeiteten«. Mit anderen Worten: Ich war ein – ein vornehmes Wort für einen, der keinen blassen Schimmer vom ABC hat. Ein paar Mal war ich kurz davor gewesen, den Umschlag trotzdem aufzureißen, nur um die Buchstaben zu , die den Namen meines Vaters bildeten. Aber die ganze Zeit hörte ich das Herdfeuer in meinem Rücken knistern und es war doch so wichtig, nichts zu tun, was aufsässig erscheinen konnte. Und wenn ich mich anständig benahm und ein braver Junge war, dann würde ich ja noch früh genug bekommen, was ich mir so sehr wünschte.
Nun will ich aber erzählen, wie es dazu kam, dass Jacks Zeit auf dem Hof zu Ende ging. Das Ganze nahm seinen Anfang an einem Tag im Mai, als Pär Pärsson Hechte fangen wollte. Er liebte die Hechtjagd, aber anders als andere Menschen nahm er dafür keinen Knüppel, sondern eine Fahrradkette. Diese Kette hing an einem ganz bestimmten Nagel an der Wand im Schuppen und wurde nur heruntergenommen, wenn das letzte Stündlein der Hechte geschlagen hatte. Es war fast ein...




