E-Book, Deutsch, 202 Seiten
Noack Das kommt davon, wenn man verreist
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95824-898-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 202 Seiten
ISBN: 978-3-95824-898-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Barbara Noack (1924-2022) schrieb mit ihren mitreißenden und humorvollen Bestsellern deutsche Unterhaltungsgeschichte. In einer Zeit, in der die Männer meist die Alleinverdiener waren, beschritt sie bereits ihren eigenen Weg als berufstätige und alleinerziehende Mutter. Diese Erfahrungen wie auch die Erlebnisse mit ihrem Sohn und dessen Freunden inspirierten sie zu vieler ihrer Geschichten. Ihr erster Roman »Fräulein Julies Traum vom Glück«, auch bekannt unter dem Titel »Die Zürcher Verlobung«, wurde zweimal verfilmt und besitzt noch heute Kultstatus. Auch die TV-Serien »Der Bastian« und »Drei sind einer zu viel«, deren Drehbücher Barbara Noack selbst verfasste, brachen in Deutschland alle Rekorde und verhalfen Horst Janson und Jutta Speidel zu großer Popularität. Barbara Noack veröffentlichte bei dotbooks ihre Romane »Brombeerzeit«, »Danziger Liebesgeschichte«, »Das kommt davon, wenn man verreist«, »Das Leuchten heller Sommernächte«, »Der Bastian«, »Der Duft von Sommer und Oliven«, »Der Traum eines Sommers«, »Der Zwillingsbruder«, »Die Melodie des Glücks«, »Drei sind einer zuviel«, »So muss es wohl im Paradies gewesen sein«, »Valentine heißt man nicht«, »Was halten Sie vom Mondschein?«, »Die Lichter von Berlin« und »Fräulein Julies Traum vom Glück«. Ebenfalls bei dotbooks veröffentlichte Barbara Noack ihre Romane »Eine Handvoll Glück« (auch erhältlich im eBundle »Schicksalstöchter - Aufbruch in eine neue Zeit«) und »Ein Stück vom Leben«, die auch ebenfalls im Doppelband »Schwestern der Hoffnung« erhältlich sind. Im Sammelband erschienen sind auch »Valentine heißt man nicht & Der Duft von Sommer und Oliven«. Die heiteren Kindheitserinnerungen »Flöhe hüten ist leichter«, »Eines Knaben Phantasie hat meistens schwarze Knie«, »Ferien sind schöner« und »Auf einmal sind sie keine Kinder mehr« sind außerdem im Sammelband »Als wir kleine Helden waren« erhältlich.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
In der Straße, in der Friederike Birkow wohnte, hatte man den Baumschatten gefällt, die alten, unrentablen Villen abgerissen und dafür Luxuseigentümlichkeiten im Bunkerstil erstellt, mit Balkonen, die an die verbeulte Visage eines Verlierers im Boxring erinnerten.
Zwischen diesen senfgelb-lutscherrot gestrichenen Bauten stand noch ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude mit viel Stuck, Schimmelflecken und eisernen Balkonen, von denen einer wegen Absturzgefahr nur noch von Schüsseln mit kaltzustellenden Speisen betreten werden durfte.
Hier wohnte Friederike Birkow mit ihrem Freund Sixten Förster gerne. Nie wieder würden sie unter so hohen Bäumen in so großen Räumen so preiswert Unterkommen – mit Flieder und Jasminhecken drum herum.
Der Taxifahrer, der Friederike und ihre schweren Markteinkäufe heimgebracht hatte, schaute kurz auf das Haus. »Den Schuppen kenn ick. Hab hier öfta mal ’ne Fuhre, ’ne olle Oma. Det soll hier ooch noch abjerissen wem. Bloß die kriejen die Mieta nich raus. Nu hamse Fremdarbeeta in die leerstehenden Wohnungen jesetzt, damit se die Mieta verjraulen sollen. Damit die freiwillig jehn, vastehn Se? Türken und so wat hamse rinjesetzt. Allet Kanaken, det.«
»Kanaken?«
»Na, Mann, ebend Kanaken. Fragen Se die Oma.« Er brach ab und hing mit seinem Ellbogen aus dem heruntergekurbelten Fenster, während Friederike das Gartentor aufstieß und ihre Einkäufe hineinzuwuchten versuchte, ehe es wieder zufiel.
»Saren Se bloß, Sie wohnen ooch hier.«
»Ja. Was dagegen?« Als sie auf die Haustür zuging, wurde diese von innen aufgerissen. Mandeläugige Kinder brachen kreischend in den Hof ein, gefolgt von einer alten Dame, die sie vor sich herscheuchte wie Hühner aus einem Ziergärtchen. Das war Frau von Arnim, die Oberstwitwe aus der ehemaligen Beletage.
»Schrecklich, Fräulein Birkow, schrecklich, schrecklich«, jammerte sie auf Friederike ein. »Sie toben den ganzen Tag durch die Flure und richten nichts wie Schaden an. Und was das Schlimmste ist – sie werden immer mehr! Sie vermehren sich wie die Karnickel, während unsere Geburtsziffern ständig rückläufig sind. Wo soll das einmal hinführen? Bevölkerungspolitisch, meine ich. Haben Sie sich das mal überlegt, Fräulein Birkow? Eines Tages – und er ist nicht mehr ferne – werden wir ganz in türkischer Hand sein. Ein Glück, daß ich das nicht mehr erleben muß.«
Zusammen mit der Witwe betrat Rieke das Haus.
In der ehemaligen Eingangshalle verblaßten die Lilien auf der Wandbespannung zwischen hölzernen Paneelen. Rußspuren an der rechten Wand stammten von einem lange zurückliegenden Brand. Wenn man sie intensiv anschaute, rochen sie immer noch danach.
Und außerdem roch es nach angebrannter Milch im Haus.
»Sagen Sie, Frau von Arnim, was sind eigentlich Kanaken?«
»Kanaken!« Ein Blick voll abstandnehmender Verwunderung traf Friederike. »Das wissen Sie nicht, Fräulein Birkow?«
»Ich habe das Wort zwar schon oft gebraucht, aber was es bedeutet…«
»Kanaken sind Untermenschen!«
»Ehrlich?«
»Und so nannte man sie schon in meiner Jugendzeit.«
Vor der Arnimschen Wohnungstür verabschiedeten sich die beiden Frauen mit einem Nicken. Friederikes Wohnung befand sich im zweiten Stock auf der Gartenseite.
Vor der Tür lag noch die Post – ein Brief für Sixten ohne Absender und zwei Reklamesendungen.
Der Geruch nach angebrannter Milch kam übrigens aus ihrer Wohnung.
Sixten stand barfuß in einem T-Shirt, das er auch als Nachthemd benutzte, am Herd und rührte Mandelpudding. Die einzige Veränderung an seinem Äußeren seit ihrem Fortgehen heute morgen: Es war eine ausgefranste Jeanshose hinzugekommen.
Sixten liebte Pudding leidenschaftlich. Leider brannte er ihn jedesmal an, aber solange er selbst die Töpfe scheuerte …
»Du schon zu Haus?«
»Heut’ ist Samstag.«
»Stimmt ja. Wenn jeder Tag damit beginnt, daß man nach dem Frühstück Feierabend hat, weiß man bald überhaupt nicht mehr, was für ’n Wochentag ist.«
Immer dieses Selbstmitleid! Es war schon ein Kreuz mit dem arbeitslosen Sixten. Anfangs hatte er sich wenigstens um den Haushalt gekümmert, hatte repariert und Blumen gegossen und den Müll heruntergetragen. Jetzt stand er nur mehr als vorwurfsvolles Ausrufungszeichen in der Gegend herum, meistens Friederike im Wege.
Seine einzige Aktivität: Er ließ Pudding anbrennen.
Sixten und Friederike hatten einen Hund, den Plumpsack-geht-um. Zur Hälfte war er ein ungarischer Hirtenhund, zur anderen seit Generationen Promenadenpotpourri; sein Fell erinnerte an einen schmutzigen Flokati-Teppich.
Plumpsack rutschte Glied für Glied von seinem Balkonstuhl und bewegte sich wedelnd auf Riekes Einkaufstaschen zu. Er hängte seine Schnauze in eine hinein und brachte sie zum Umfallen. Äpfel kollerten durch die Küche, Unterkünfte aufsuchend, unter denen sie schwer hervorzuangeln waren.
»Wozu brauchen wir so viele alte Äpfel, Rieke?«
»Sonderangebot.«
»Du weißt, mir schmeckt nichts, wovon wir zuviel haben.« Sixten aß nicht gern Belastungen, schon gar keine verschrumpelten.
»Dann mach Appelmus draus.« Die Anschaffung begann, nun auch Friederike lästig zu werden. »Ich hab’ wegen dem Zeug schon ein Taxi nehmen müssen.«
»Taxi!« Ein Sonderangebot, das Taxi fährt! »Hattest du nicht die Karre mit?«
»Sie ist mir weggestorben.«
»Wo?«
»Am Rathenauplatz.«
»Oh, das kenn ich. Da bleibt sie gern stehn. Und jetzt?«
»Steht sie noch immer da.« Rieke packte ihre Einkäufe auf den Küchentisch. »Was sind eigentlich Kanaken?«
»Kanaken? Wie kommst du ’n plötzlich auf Kanaken?«
»Ich hab’ zuerst gefragt.«
»Na gut«, sagte er, »Kanaken sind diese schwarzen, widerlichen Käfer. Meine Großmutter hatte mal welche, als sie über einer Backstube wohnte. Aber das war noch in Stockholm.«
»Du meinst Kakerlaken, Sixten Förster.«
»Auch gut«, er schüttelte seinen Pudding in eine Glasschüssel, »was werden wir uns streiten«, schüttete Vim in den Kochtopf mit dem schwarzen Boden, goß Wasser drauf, murmelte: »Erst mal einweichen«, und hatte somit einen plausiblen Grund vor sich selbst, das Scheuern des Topfes auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben.
»Es ist ein Brief für dich gekommen«, sagte Friederike.
»Wo? Von wem? Zeig mal!« So gespannt reagierte nur jemand, dessen Leben seit einiger Zeit ereignislos geworden war.
Er las ihn gleich in der Küche, und Friederike sah ihm dabei zu.
Es mußte ein erfreulicher Brief sein, denn Sixtens von Natur aus breiter Mund wuchs über seine Winkel hinaus himmelwärts. Bei anderen hätte man gesagt: er grient. Aber in diesem gutmütigen, großflächigen Stoffelgesicht vollzog sich das Mimische bedeutend umständlicher. Sixten war überhaupt kein spontaner Typ und immer froh, wenn ihm jemand die Initiative abnahm. Manchmal machte es Rieke nervös, daß er so war, wie er war – so bedächtig und völlig ungesalzen. Dann schrie sie ihn grundlos an. Er schrie nie zurück. Seine Verletzlichkeit wurde höchstens in seinen von niedrigen, dichten Brauen überdachten Augen sichtbar.
Auch die Geduld, die er im Umgang mit ihr aufbrachte, machte sie zuweilen so ungeduldig. Und immer hatte sie ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen.
Sixten hatte den Brief zu Ende gelesen und sagte etwas für seine Verhältnisse geradezu Pathetisches: »Ich freß ’nen Besen und die Putzfrau dazu.«
»Was ist es, sag doch mal, ist es etwa eine Zusage?« Rieke hoffte es so sehr. Sie sah ihn zweimal die Woche Bewerbungsschreiben tippen, wobei er das Zweifingersystem bevorzugte.
»Nein. Von Pauli Herwart. Stell dir vor! Du weißt doch …«
Friederike wußte, wer Paul Herwart war. Immer, wenn Sixten einen sitzen hatte, fiel ihm die herrliche Zeit ein, die sie gemeinsam in Berlin verbracht hatten. Paul war damals im letzten Jahr auf der Werbefachschule und Sixten im zweiten Semester Betriebswirtschaft und noch so voller Unbedenklichkeit, was seine Zukunft anbelangte.
»Was schreibt er denn?«
»Da, kannst ja selber lesen.« Er gab ihr eine Klappkarte mit einer karikierten Rennsemmel auf dem Deckblatt.
Rieke las:
»Lieber Sixten!
Am 15. 6. startet unsere vierte Juxrallye. Wir laden Dich herzlich dazu ein und hoffen, daß Du Zeit und Lust hast, mitzumachen.
Sag uns bitte bis zum 1. Juni Bescheid. Für billige Unterkunft wird gesorgt.
Wir versprechen, daß es wie immer eine Gaudi wird.
Herzlichst
Ilonka und Paul.«
Dieser Text war vorgedruckt, nur Sixtens Name nachträglich eingesetzt. Unter der Unterschrift der beiden Veranstalter stand ein handgeschriebenes Postskriptum.
»Grüß Dich, Sixten, sechster Enkel eines schwedischen Pastors!
Ewig nichts von Dir gehört. Habe mit Mühe über Charly Deine Adresse erfahren. Wie geht’s Dir? Was machst Du? Hoffe stark, Du kommst zu unserer Rallye. Das wäre endlich eine Gelegenheit, Dich wiederzusehen. Du wohnst natürlich bei uns. Lonka ist begierig, Dich kennenzulernen. (Anmerkung: Lonka ist seit einem Jahr mein Mädchen und wird es wohl auf unabsehbare Zeit noch bleiben.)
Solltest Du ebenfalls über eine feste Trulla verfügen – oder sie über Dich, was wahrscheinlicher ist dann bring sie mit. Und vergiß Deine Kamera nicht.
Wir erwarten Dich – bzw. Euch – am Freitag, dem 14.Juno.
Absagen gilt nicht.
Es grüßt
Dein Dich liebender
Herwart, Paul.«
Friederike gab ihm den Brief zurück und lachte. »Dein Paul hat vielleicht Nerven. Glaubt, du könntest so einfach übers Wochenende nach...




