Noah / Birck Die Bar-Bolz-Bande, Band 3
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1820-0
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Operation Sandsturm
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-1820-0
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der vierte Spieler wurde auserwählt: Victor. Er ist Schlagzeuger einer Reggae-Band und tourt von einem Strand Spaniens zum nächsten. Mark, Derik und Tokio machen ihren Fischkutter seeklar und folgen Victors Spuren. Doch die drei Freunde stehen vor immer neuen Rätseln. Schließlich stellen sich ihnen angebliche Beachsoccer-Meister entgegen und ein höllischer Sandsturm bricht los -
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Mann über Bord
Ollies Nase verschwand in der brodelnden Suppe. Der Hexenkessel, in den wir geraten waren, fauchte und pfiff wie ein Schnellkochtopf kurz vor der Explosion.
Wieso ist das Wasser eigentlich so versalzen?, fragte ich mich. Jedenfalls brannte es derart schmerzhaft in meinen Augen, dass ich mir irgendwann von irgendwoher eine Taucherbrille geschnappt und über den Kopf gezogen hatte, was die Sache aber eher verschlimmerte. Das Salzwasser tobte nämlich bald auch innerhalb der Brille hin und her – wie in einem Mixer. Alles in allem erinnerte mich meine Lage an die des bemitleidenswerten Hummers, den der Chefkoch im ekligen Lieblingsfranzosen meiner Mutter in eine tödlich heiße Brühe geworfen hatte, um ihn dort zu garen. Einziger Unterschied: Hier war es erbärmlich kalt statt kochend heiß. Zu allem Überfluss war mir auch noch speiübel.
Ich klammerte mich mit schmerzenden Fingern an ein Netz. Es war prall mit Fußbällen gefüllt und zu groß, um durch die Luken zu passen, die hinunter in den Bauch des Schiffes führten. Deshalb hatten wir es einfach auf das Dach des Ruderhauses gebunden.
Meine nackten Füße waren mir irgendwann außer Kontrolle geraten und ließen sich nicht mehr bändigen. Wie denn auch, wenn sich der Boden zur Seite neigte wie ein Schiffsdeck im Orkan? Denn genau so war es: Derik, der vierzehnjährige Fischerjunge aus Recife, Tokio, die gleichaltrige Japanerin von der Insel Sandorn, und Mark (also ich, auch bald vierzehn), der hinkende Junge aus einer grauen Großstadt im Herzen Westeuropas, befanden sich an Bord unseres Seglers „Ollie“ und – gelinde gesagt – in ziemlich rauem Wetter.
Dem lieben Gott musste es langweilig geworden sein. Ich stellte mir vor, wie er irgendwann Anlauf genommen hatte und mit einer gewaltigen Arschbombe in den Atlantik gesprungen war. Nur um ein bisschen Spaß in der Badewanne zu haben, in der unser ehemaliger Fischkutter nun wie ein Spielzeugschiffchen durchgeschüttelt wurde.
Über uns türmten sich haushohe, schwarze Wellen auf. Unter uns ächzte Ollies alter, spantenknarrender Rumpf, dessen Bugnase sich immer tiefer durch die riesigen Wogen pflügte. So, als wolle er endgültig auf Tauchfahrt gehen.
Derik versuchte das Ruder mit Händen und Zähnen zu halten. Er erinnerte mich dabei an meinen Sandkastenfreund Tobi, der sich vor vielen Jahren in seinen Kindersitz verbissen hatte, um mit letzter Kraft seine Einlieferung in den Kindergarten zu verhindern.
Hoffentlich würde Derik mehr Erfolg haben als Tobi damals …
Für einen kurzen Moment fand ich seine Übungen sogar komisch, obwohl ich mit meiner wassergefüllten Taucherbrille viel blöder ausgesehen haben musste als er und unsere Lage alles andere als lustig war. Galgenhumor. Das Deck, auf dem er dabei zu stehen versuchte, schwankte und bockte, als wolle es meinen Beachsoccer-Kameraden auf Teufel komm raus abschütteln. Aber weshalb sollte es ihm auch besser gehen als mir?
Derik hatte schon mehrere Male fachmännisch, aber ebenso wütend „Fockleine auf!“ gebrüllt. Das sollte bedeuten, dass irgendwer durch diese Waschmaschine nach vorne kriechen sollte – bis zu der Stelle, an der das dreieckige Segel über dem Bug festgemacht war. Würde man diese Befestigung lösen, würde der Wind keinen Druck mehr auf das Segel ausüben können und es würde nur noch wirkungslos im Wind schlagen.
Wir segelten nur noch wenig Tuch. Das ist auch so ein Fachausdruck. Man verwendet ihn, wenn man sagen will, dass fast alle Segel gerefft sind. Und „gerefft“ heißt, dass sie zusammengerollt waren, so gut es eben ging.
Also: Wir segelten nur noch ein letztes kleines Focksegel. Alle anderen Segel waren gerefft, da sie unseren kleinen Kutter im Sturm mit Sicherheit zum Durchkentern gebracht hätten. Das ist so was wie ein Fallrückzieher seitwärts mit anschließendem Krankentransport. Durchkentern bedeutete also so viel wie „Game over“. Aber selbst dieses letzte kleine Segel presste unser Schiff immer wieder in beängstigende Schräglage, denn die brutalen Böen kamen nicht nur aus den unterschiedlichsten Richtungen, sie wurden auch noch immer heftiger.
Deshalb hatte Derik wohl dauernd sein „Fockleine auf!“ gebrüllt – wie auch immer er sich die Umsetzung des Befehles bei diesem Seegang vorstellte.
Derik war der Skipper, der Boss an Bord, und er hatte die sogenannte „Hundewache“ gehabt, die um Mitternacht begann und volle vier Stunden dauerte. Etwa gegen zwei Uhr nachts war jedoch wie aus dem Nichts das Unwetter aufgezogen. Das behauptete er jedenfalls. Er hatte uns geweckt, damit wir die Lappen, also die Segel, runterholten, und hatte dann den Diesel angeworfen. Das Brummen des Motors war jetzt das einzige Geräusch in diesem tosenden Konzert der Elemente, das noch etwas Beruhigendes auf mich ausstrahlte. Ein bisschen wie das Schnarchen meines Vaters, als er vor sehr langer Zeit noch im selben Bett wie meine Mutter übernachtete und ich als kleiner Kerl zu ihnen gekrochen kam, weil ich die Hosen voll hatte. Wörtlich gemeint.
Und jetzt war es eben genauso. Beinahe. Was ich sagen will ist, dass ich Angst hatte. Dunkelgraue Angst.
Der Bug hob sich wieder aus der See wie ein Wal nach dem Tauchgang. Das Wasser strömte vom Deck und ergoss sich in Fontänen durch die Reling zurück ins Meer. Fische zappelten sich hinterher.
Wir schossen einen riesigen Wellenberg hinauf, über ihn hinaus und schwebten dann für Sekundenbruchteile beinahe schwerelos im Nichts. Achterbahngefühl. Der Kiel des alten Kahns stürzte ins Leere, schlug auf und ging auf Schlittenfahrt ins nächste Wellental.
Meine Finger hatten sich so fest in das Netz mit den Fußbällen verbissen, dass ich keine Möglichkeit sah, die blöde wassergefüllte Taucherbrille wieder zu entfernen. Deshalb konnte ich nur äußerst selten und dann auch nur für eine Millisekunde eines meiner beiden Augen öffnen: Immer, wenn das Wasser zwischen mir und dem Glas mal vollständig auf eine Seite rübergeschwappt war. In einem dieser einäugigen Blitz-Scans über das Schiff erkannte ich plötzlich Tokio, die im Begriff war, sich drüben an der Backbordreling durch die überkommende Gischt nach vorne zu arbeiten, um den Befehl Deriks tatsächlich umzusetzen. Es war mir ein Rätsel, wie ihr das möglich war, während es mir selbst nicht einmal gelang, auf einem meiner beiden Füße zum Stehen zu kommen. Obwohl ich mit meinem kürzeren linken Bein bei der Übung „Stehen auf einem schiefen Deck“ eigentlich einen gewissen Vorteil gegenüber Tokio gehabt haben müsste.
„Tokio!“, hörte ich Derik jetzt hinter mir brüllen. „Eine Hand für das Schiff, die andere für dich, verdammt!“
Tokio musste diese oberste Überlebensregel in der Top-Ten-Liste der Seeleute in ihrem Eifer vergessen haben, sonst hätte Derik sie nicht so verzweifelt hinter ihr hergeschrien. Aber es war zu spät, denn der nächste Angriff der tosenden See hüllte das gesamte Vorschiff ein, das Tokio gerade eben erreicht hatte.
Danach war sie weg.
Ich wollte „Mann über Bord“ brüllen, so wie Mbeki es uns für Notfälle wie diesen eingeimpft hatte, aber just in dem Moment schluckte ich Salzwasser, gurgelte unfreiwillig wie nach dem Zähneputzen, würgte und ging auf Tauchgang. Danach schwebte ich schwerelos im Meer, schleuderte hin und her, schlug an etwas Hartes und wurde schließlich doch noch von dem Netz gerissen, in das ich mich bis dahin erfolgreich verkrallt hatte. Ich kraulte, donnerte erneut an irgendetwas und klammerte mich wieder daran fest. Während unser Kutter sich ächzend aus der Welle hob, in die er fast völlig eingetaucht gewesen war, fiel ich zurück aufs Deck. Jetzt war meine Taucherbrille komplett mit Seewasser aufgefüllt, inklusive eines klitzekleinen Fisches, der über meiner Nase aufgebracht hin und her schoss. Keine Ahnung, wie er es zu mir herein geschafft hatte und was er sich davon versprach. Ich schielte auf den kleinen Kerl, bildete mir ein, eine Haifischflosse auf seinem Rücken gesehen zu haben und stellte gleichzeitig fest, dass es Derik irgendwie gelungen war, seinen Posten als Steuermann zu behaupten. Allerdings schien es mehr das Ruder zu sein, das ihn beherrschte als andersherum. Ganz genau ließ sich das durch die wassergefüllte Brille und an dem Mini-Hai vorbei jedoch nicht erkennen.
Ich schnappte nach Luft. Soweit ich und mein kleiner neuer Freund in der Brille feststellen konnten, starrte Derik angestrengt durch die Scheiben des Ruderhauses, das ihn vor den überkommenden Wassermassen geschützt hatte. Dann brüllte er heiser:
„Mark, verdammt, den Rettungsring raus! Schnell, Tokio ist über Bord! Dort!“
Ich glaube, er zeigte mit ausgestrecktem Arm querab in die Nacht hinaus. „Wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren! Ich fahr ein Mann-über-Bord-Manöver!“
Ich rappelte mich auf, zog mich an einer Leine hoch und arbeitete mich durch die Gischt zum Rettungsring durch, den meine Erinnerung an der Außenwand des Ruderstandes vermutete. Da passierte es: Der kleine Fisch biss zu allem Überfluss zu. Hai-Attacke. Direkt zwischen meine Augen. Immerhin riss ich mir jetzt endlich die Brille vom Gesicht und das Tier konnte zurück in seine Wasserwildnis springen. Fluchend, die Taucherbrille noch um den Hals und den Rettungsring unter dem Arm, suchte ich schließlich die Wellenberge nach Tokio ab.
„Wo ist sie, verdammt?“
„Etwa auf vier Uhr!“ An Bord eines Schiffes bedeutete das keine Zeitangabe. Jedenfalls nicht jetzt, obwohl es tatsächlich etwa vier Uhr nachts gewesen sein könnte. Jetzt war „vier Uhr“ eine Richtungsangabe: Es bedeutete, dass Derik Tokio schräg hinter uns auf der Steuerbordseite ausfindig gemacht hatte, etwa in der Richtung, in der sich auf einer Uhr...




