Noah | Die Bar-Bolz-Bande, Band 5 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Baumhaus

Noah Die Bar-Bolz-Bande, Band 5

Unter Knochenfuß-Flagge
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1638-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Unter Knochenfuß-Flagge

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1638-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Bar-Bolz-Bande nimmt Kurs auf Brasilien, das Mekka der Beachsoccer. Endlich wollen sie ihn sich holen: den Cup der Cups, den Beachsoccer-Pokal von Barracuda! Doch als ihr Traum zum Greifen nahe scheint, legen sich die Schatten der Vergangenheit über die Barbolzer. Sie treffen auf einen alten Rivalen, mit dem sie nicht gerechnet haben, und dann verliert einer der fünf Freunde auch noch den Boden unter seinen nackten Füßen ? Die Bar-Bolz-Bande ? Sonne, Sand und Soccer ? das spannendste Fußballabenteuer aller Zeiten!

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Der Geist aus der Vergangenheit


Die Insel ist überfallen worden!, kippte ein Lastwagen auf meine schon seit Tagen arbeitende Gedankenbaustelle, während ein Kran bereits die nächste Eingebung fallen ließ, die sich donnernd in mein Bewusstsein bohrte: Wer immer sie sind, sie dürfen uns nicht sehen!

„In Deckung!“, befahl ich, ohne das eigentliche Kommando an Bord zu haben. Doch Derik hatte die Situation genauso schnell erfasst wie ich, denn er hatte den Steuermann bereits vom Hocker gestoßen.

„He!“, mehr konnte Westerwelle nicht mehr zum Geschehen beitragen.

Derik riss das Ruder herum und presste den Gashebel nach vorne. Das Aufheulen des Außenborders übertönte sogar das Tosen der Brandung, während das kleine Motorboot mit dem Heck eintauchte, den Bug aus den Wellen hob und sich nach vorne katapultierte. Haargenau auf die scharfkantigen Felsen zu.

„Beim Klabautermann!“, rief Westerwelle, nachdem er rücklings im Heck gelandet war.

Pizzo quiekte wie ein Schwein auf der Flucht und entwischte in die kleine Koje unter der Bugnase des Motorbootes, dessen viel zu nachlässig befestigter Anker schwer hin und her schlug, während der Glasfaserrumpf auf die Wogen donnerte, die sich ihm entgegenschlugen. Alex bohrte ihre Fingernägel in meinen Oberarm, und sogar Victor verlor seine jamaikanische Gelassenheit: „Scheiße!“

Derik steuerte mit Vollgas auf die Klippen zu.

„D… der bringt uns um!“, rief Westerwelle, bevor wir in die dunkelgraue Felswand hineinzoomten, als befänden wir uns im Inneren eines mächtigen Teleobjektivs, das auf das Ende unseres Daseins ausgerichtet war. Der Himmel, die Wolken und die Krähen verschwanden aus dem Bildausschnitt, bis nur noch die grauschwarze Wand vor uns lag. Der Aufprall stand unmittelbar bevor. Westerwelle bekreuzigte sich. Zwischen mir und dem Ende befanden sich nur noch Deriks Rücken und die Bugnase des Motorbootes, die sich in immer kürzerem Rhythmus in die letzte felsengraue Momentaufnahme meines Lebens hob. In meinem Oberarm Alex’ Fingernägel, aus der Koje Pizzos Quietschen, Victors Witze verpufften, und Tokios Glitzermähne war nur noch ein nasser und farbloser Schleier, der in ihrem Gesicht klebte.

Aber meine Reflexe lebten noch. Auch wenn das Adrenalin vermutlich viel zu spät in meinen Kreislauf geschossen war, sie zündeten: Ich riss mich aus Alex’ Griff und stürzte mich auf Derik, der uns alle scheinbar ins Verderben reißen wollte. Doch ich landete im Aus. Denn Derik war alles andere als wahnsinnig geworden. Er hatte just im selben Moment (und zwar im allerletzten) „Festhalten!“ gebrüllt, seinen Oberkörper nach Backbord geschmissen und das Ruder herumgerissen. Mikrosekundenkurz vor dem erwarteten Crash.

Das Motorboot röhrte auf und bretterte um Haaresbreite an den messerscharfen Felszähnen vorbei, die die Insel beschützten wie die gebleckten Zähne eines an die Kette gelegten Raubtieres. Dann, nachdem Derik den Rumpf plötzlich wieder in die Gerade geschwenkt hatte, jagten wir, keine Handbreit von den Klippen entfernt, unter mächtigen Überhängen hindurch und wie ein Torpedo durch die weißkalte Gischt der Brandung. Unsichtbar für jeden, der den Rand und die Kuppen des Kraters, der unsere Soccer-Arena einschloss, besetzt hatte. Derik hatte uns in einer halsbrecherischen Blitzaktion in den toten Winkel unter der Insel katapultiert!

Aber die Achterbahnfahrt war noch nicht zu Ende. Sie ging nur in eine weitere Runde, denn noch konnten wir vom obersten Geschoss des Leuchtturms aus gesehen werden.

„In die Surfbucht!“, brüllte ich. Aber Derik musste sich hundert Prozent darauf konzentrieren, dass wir nicht von einem der Brecher in die Felsen gedrückt wurden. „Tokio!“, rief ich. „Wir müssen die Einfahrt finden!“

Wir starrten auf die vorausliegenden Felsnasen, scannten sie ab und suchten irgendeinen Anhaltspunkt, der uns die Lage der sicheren Surfbucht verraten würde. Wir mussten die Lücke rechtzeitig entdecken, rechtzeitig genug, um nicht daran vorbeizuschießen, damit Derik das Motorboot fullspeed und in einem weiteren Drift einfädeln konnte.

„Da!“, rief Tokio und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf mehrere große Steinbrocken, die das Meer für Sekundenbruchteile freigegeben hatte.

Ich hatte nichts gesehen, auch Derik schüttelte den Kopf. „Nein, das ist sie nicht!“, rief er über die Schulter.

„Doch!“, brüllte die Japanerin aus Leibeskräften. „Dahinter ist die Bucht!“

Wir schossen an Tokios vermuteter Felsenlücke vorbei.

„Jetzt!“, kreischte Tokio.

„Nein!“, rief Derik abermals.

Doch Tokio warf sich ins Ruder. Sie riss das nasse Aluminium aus Deriks Griff und drückte es nach Steuerbord.

Im selben Moment warf sich der weiße Bootsrumpf in eine Kurve, aus der er eigentlich nur wieder herausfliegen konnte. Aber die Japanerin schien alles unter Kontrolle zu haben, während wir herumgeschleudert wurden wie die Würfel in einem Würfelbecher.

Danach donnerten wir erneut auf die Felsen zu …

Ich schloss die Augen, zog den Kopf ein und erwartete ein weiteres Mal den Aufschlag. Doch der blieb aus. Also gab ich meiner Sehkraft wieder freie Bahn, gerade noch rechtzeitig, um mich festkrallen und auf ein einmaliges Erlebnis vorbereiten zu können: im Motorboot über einen Strand zu schlittern. Genau auf ein paar alte Boards zu, die am Ende dieser sandigen Sackgasse am Fels lehnten und dort ihren Dornröschenschlaf hielten.

Ein dumpfer Schlag, eine Besatzung, die ins Cockpit gewürfelt wurde, dann pflügte das Motorboot über den Untergrund und grub sich immer tiefer in den Sand ein, statt zum Stehen zu kommen. Mittlerweile lagen wir kreuz und quer im vordersten Teil des kleinen Decks, teilweise sogar bei Pizzo in der engen Kajüte. Einzig Tokio stand noch immer aufrecht und stützte sich mit ausgestreckten Armen auf das Aluminiumrad des Ruders. Dann endlich verlangsamte das Motorboot seine Fahrt über den Sand. Zu spät, denn die Surfboards und die Felsen, an der die Dinger lehnten, rückten noch immer viel zu schnell näher.

Doch plötzlich parkten wir. Das Boot war zum Stehen gekommen. Stillstand ziemlich genau zwei Fingerbreit vor dem grauen Fels. Ich fühlte mich wie Redbull persönlich. Hundert Prozent Koffein im Blut und kurz vor dem Herzstillstand.

Es dauerte ein paar Minuten, bis Tokio, Derik und ich dazu im Stande waren, sowohl unserer Schockstarre als auch dem Motorboot zu entkommen. Auch Alex’ und Victors Gesichter bekamen langsam wieder ihre normale Farbe. Westerwelle dagegen sah weiterhin so aus wie die Leiche aus einer Expedition zum Nordpol: blutleer in tiefgefrorenen Klamotten. Also packten wir ihn in ein paar Decken, die wir in einem seiner Schapps gefunden hatten, versorgten ihn mit dem Flachmann, den wir aus seiner Gesäßtasche gezogen hatten, und hockten uns schließlich in den Sand, um zu beraten.

„Lasst uns erst mal die Lage checken“, schlug ich vor. „Erstens: Die Insel ist in feindliche Hände gefallen. Davon können wir jedenfalls ausgehen. Zweitens: Hier in der Surfbucht können wir nicht entdeckt werden. Drittens: Was ist mit Ed, Mbeki und Julé geschehen? Sind sie Geiseln? Ist ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben bedroht? Wir müssen das wissen, bevor wir was unternehmen! Und schließlich viertens: Wer hat die Insel im Griff und weshalb?

„Mehr Fragen als Fakten“, sagte Derik.

Alex und Victor spielten unterdessen die Krankenpfleger für Westerwelle. Sie konnten sowieso am wenigsten zur Lagebesprechung beitragen, denn sie kannten ja noch nicht einmal das Terrain. Also kam der Vorschlag für den nächsten Schritt von Tokio:

„Wir gehen rein!“

„Na bravo! Kolossaler Plan!“, sagte Derik. „Und wie, ohne entdeckt zu werden?“

Aber Tokio ließ sich nicht irritieren. „Wir überprüfen erst mal die Hafengrotte. Wenn dort die Luft rein ist, kommen wir hoffentlich ungehindert bis in unsere Arena. Das müssen wir riskieren. Dort werden wir mehr in Erfahrung …“

„Und wie sollen wir in die Grotte reinkommen? Unter der Kette durchschwimmen vielleicht? Das ist unmöglich,

Tokio!“, unterbrach ich sie. „Der Seegang ist noch viel zu hoch und wird jeden Schwimmer, der versucht, sich da durchzuschaufeln, gegen die Klippen knallen wie ’n Freistoß an den Pfosten. Danach siehst du aus wie ’ne Tüte Crash-Eis.“

„Mark“, antwortete Tokio, „alter Problemiker! Ich mein doch ’nen ganz anderen Weg!“

„Und der wäre?“, wurde ich neugierig.

„Durch die Wikingerhöhle!“

Ich war baff. Und Derik auch. Doch gleich darauf wurde er nachdenklich: „Hm, gar nicht so übel, die Idee“, murmelte er, während er sich das Kinn rieb.

Doch ich bekam sofort Platzangst, schon beim Gedanken an die Höhle. Noch dazu war es ja so, dass es nicht nur darum ging, sich durch den schmalen Spalt zu zwängen, der in die Wikingerhöhle hineinführte. Es ging auch darum, aus der mit heißen Dämpfen gefüllten Höhle wieder herauszukommen, und zwar mit einem haarsträubenden Tauchgang, der durch einen endlosen wassergefluteten Tunnel direkt in die Hafengrotte führte. Und da Tokio damals, als Derik und ich den Wikingerhelm entdeckt hatten, noch nicht persönlich dabei war, konnte sie auch nicht ahnen, auf was sie sich da mit ihrem Vorschlag einlassen wollte.

„Aber wir müssen damit noch warten“, überlegte Tokio.

„Weshalb?“, wollte Derik wissen.

„Wir brauchen den Schutz der Nacht, wenn wir die Surfbucht verlassen wollen, um uns unentdeckt bis zum Höhleneingang schleichen zu können.“

Sie hatte recht. Also verbrachten wir den Tag hungrig und frierend auf dem Motorboot, das wie ein...



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