E-Book, Deutsch, 435 Seiten
Noble All die Sommer zwischen uns
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-771-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 435 Seiten
ISBN: 978-3-98690-771-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elizabeth Noble wurde 1968 in England geboren und studierte englische Literatur in Oxford. Danach arbeitete sie einige Jahre im Verlagswesen, bis sie die Liebe zum Schreiben schließlich dazu brachte, ihre eigenen Romane zu veröffentlichen, von denen viele zu internationalen Bestsellern wurden. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane: »Die Farbe des Flieders« »All die Sommer zwischen uns« »Für immer bei dir« »So wie es einmal war« »Das leise Versprechen des Glücks« »Wo die Liebe zu Hause ist«
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Prolog
Oktober 1985, College St. Edmund Hall, Universität Oxford
Die Zimmer des Kelly-Blocks lagen direkt über der Halle. Eines der großen Spiegelglasfenster war ganz zurückgeschoben. Freddie Valentine saß auf der Fensterbank, ein langes Bein im Zimmer, das andere über dem Fenstersims. Den Fuß hatte sie auf dem betonierten Balkon abgestellt. Sie rauchte eine Silk Cut, die Asche schnippte sie vorsichtig in die Nachtluft. Tamsin ließ sie im Zimmer selbst nicht rauchen, also fühlte sie sich zu dieser unbequemen Position genötigt, denn von Tamsins Bude aus hatte man den besten Blick auf den Hof, wo die Rugby-Spieler sich versammelten, bevor sie zur Unifete weiterzogen.
»Born in the USA« dröhnte durch die Nacht. Jedes einzelne, energische Wort Springsteens war klar und deutlich zu verstehen, selbst im dritten Stock. Mochte Gott denen beistehen, die jetzt versuchten zu lernen. Obwohl jemand, der das am dritten Freitagabend des Wintersemesters tatsächlich tat, eher vom Teufel geritten wurde, als sich von Gott helfen zu lassen.
»Hast du ihn letztes Jahr auf Tour gesehen?«
»Ja. Er war klasse. Was ist dein Lieblingslied von Springsteen?«
»›The River‹, ganz klar.« Freddie nickte zustimmend. »Und deins?« fragte Tamsin.
»›Drive All Night‹.« Das kannte Tamsin nicht. »Auf Seite vier von The River. Hat einfach den besten Text.«
And I swear I’d drive all night again
Just to buy you some shoes and to taste your tender charms
And I just wanna sleep tonight again in your arms.
Ich schwöre, dass ich nachts aufbrechen würde, nur um dir Schuhe zu kaufen und deine Reize zu erleben.
Ich will heute Nacht nur in deinen Armen einschlafen.
»Stell dir nur mal vor, jemand sagt so etwas über dich.«
»Stimmt.« Tamsin nahm sich insgeheim vor, das Album zu kaufen, obwohl der Text sie gar nicht so sehr berührte. Sie war einfach nur hin und weg von ihrer neuen Freundin Freddie.
Sie hatten sich gleich am ersten Tag getroffen. Nachdem ihre Eltern abgefahren waren, hatte Tamsin völlig verängstigt im dritten Stockwerk zwischen Oxfords verträumten Turmspitzen auf ihrem schmalen Bett gekauert, sich verlassen gefühlt und sich zwingen müssen, in die Mensa zu gehen. Alle in der Warteschlange hatten angeregt miteinander geplaudert. Einige Studenten kannten sich anscheinend von früher. Tamsin war die Erste aus ihrer Schule, die es an ein Oxforder Universitätscollege geschafft hatte, und sie kannte hier keine Menschenseele. Einmal abgesehen von der schafsgesichtigen Tochter Muriels, einer Freundin ihrer Mutter. Und die war nicht einmal in einem College, sondern machte irgendeine Sekretärinnenausbildung in der Stadt. Obwohl Tamsin ihrer Mutter und Muriel versprochen hatte, dass sie sich treffen würden, war sie sich da gar nicht so sicher. Die Mädchen vor ihr sprachen über das Probetraining der Hockeymannschaft. Nun, auf diesem Weg würde sie niemand Neues kennen lernen, es sei denn, die hatten hier eine Sumomannschaft. Tamsin wusste genau, dass sie zu dick war, und neben diesen aufreizend angezogenen Mädchen in knallengen Jeans kam sie sich glatt wie ein Nilpferd unter Gazellen vor. Bisher war ihr das nicht wichtig gewesen ? zumindest nicht wichtig genug, dass sie etwas dagegen unternommen hätte. Jetzt aber wünschte sie, das wäre anders gewesen.
Sie stand kurz davor, das Mittagessen sausen zu lassen ? warum nicht gleich mit der Diät anfangen? ?, als ein weiterer Neuankömmling ihr den Rückweg abschnitt. Diese Studentin war allein ? ein gutes Zeichen. Allerdings war sie auch sehr hübsch und, obgleich nicht wirklich schlank, doch wohlgeformt, und Tamsin verließ erneut der Mut. Die Andere aber lächelte sie an und streckte ihr die Hand hin. Sie sprach mit amerikanischem Akzent. »Hi, ich heiße Freddie.«
»Und ich Tamsin.« Mehr fiel ihr nicht ein.
»Hör mal«, sagte Freddie, »ich hab schon einen Blick auf das Zeug geworfen, das die da drin austeilen, und ehrlich gesagt finde ich, dass wir mit McDonald’s besser fahren. Es gibt hier doch einen, oder?«
»Ich glaube schon ? die High Street runter, in der Innenstadt.«
»Hast du Lust?«
So einfach war das gewesen. Ihr Name war Freddie Valentine, sie war fast eins achtzig groß und von geradezu klassischer Schönheit, wie Tamsins Mutter sich ausdrücken würde ? eine richtige Frau eben. Sie hatte genau diese üppigen blonden Locken und diese leuchtend blauen Augen, die Tamsin schön fand. Schön, lustig, frech und einfach wunderbar. Freddie wohnte im Emden-Block, genau gegenüber von Tamsins Zimmer ? so konnten sie sich gegenseitig einladen, indem sie den Teekessel schwenkten und imaginäre Kekse knabberten ?, und sie hatte jede Wand und jede freie Fläche in ihrem Zimmer mit auffälligen indischen Tüchern und Überwürfen bedeckt, die sie auf einem Basar erstanden hatte. Bei ihr fühlte man sich nicht wie in einer Studentenbude, sondern wie in Scheherazades Zelt mitten in der Wüste. Sie verbrannte Räucherstäbchen, trank seltsamen Tee, und wenn Tamsin wiedergeboren werden würde, wollte sie so sein wie Freddie.
Eine Zeit lang war ihr nicht bewusst, dass diese Zuneigung auf Gegenseitigkeit beruhte. Ob nun den Bettbezug mit Pooh dem Bär, den Tamsin vom ersten Tag an gehasst hatte, das gerahmte Foto ihrer Eltern, das über dem Bett hing, oder die Dose mit den Haferkeksen und dem Brausepulver ? Freddie fand all das klasse. Tamsins Schüchternheit war schnell der Wärme und Fröhlichkeit gewichen, die sie für Freddie und andere so unwiderstehlich machten. Und wenn Freddies Zimmer exotisches Flair hatte, dann war Tamsins Bude der Ort, wo alle am liebsten waren, um Tee zu schlürfen, ihre Vorräte zu plündern und bemuttert zu werden.
Auch heute Abend hatten sie sich dort getroffen, um dann zur Unifete zu gehen, wollten aber auf keinen Fall zu früh kommen. Außerdem mussten sie noch auf Sarah warten, die zwei Zimmer neben Freddie wohnte. Zwischen ihnen hauste nur ein einfältiger, aber netter Chemiestudent aus dem fünften Semester, der sich ihnen bei einer ungemütlichen Tasse Tee in seinem Zimmer vorgestellt hatte. Anschließend hatten Freddie und Sarah sich auf eine Schutzgemeinschaft gegen zukünftige Besuche in Graemes Zimmer verständigt. Fleute hatte Sarah den ganzen Nachmittag beim Probetraining der Ruderer unten am Fluss zugebracht, aber versprochen, anschließend schnell zu duschen und dann zu ihnen zu stoßen.
Tamsin hatte so ihre Zweifel, ob es eine gute Idee war, gemeinsam mit Sarah einen Raum zu betreten. Sarah sah so toll aus, dass alle Jungs mitten im Satz innehielten, wenn sie an ihnen vorbeiging. Tamsin hatte immer gedacht, Frauen wie sie gäbe es gar nicht ? aber es gab sie eindeutig. Und trotz ihrer Schönheit und ihrer Herkunft aus dem schicken Seebad The Mumbles war sie einfach nur nett. Und darüber hinaus wirklich und wahrhaftig treu, wie sie selbst von sich behauptete. Sie war so gut wie verlobt. Er hatte ihr nur noch keinen Ring geschenkt und ihr ohne Umschweife einen Antrag gemacht, weil er dachte, ihre Eltern könnten sich Sorgen machen, da sie noch so jung seien. War das nicht rücksichtsvoll von ihm? Er machte wirklich etwas her und ? doch, das mussten sie zugeben ? sah ein bisschen aus wie Sting. Was Hunderte von Bildern in Sarahs Zimmer belegten. War Freddies Zimmer eine Hommage an Marrakesch, dann glich Sarahs Zimmer einem Schrein für Owen. Bald würde er zu Besuch kommen, hatte Sarah ihnen versprochen, dann hätten sie alle Gelegenheit, ihn kennen zu lernen.
»Ob wir es wohl so lange aushalten?«, scherzte Tamsin Freddie gegenüber, wobei sie Sarahs Waliser Akzent nachahmte.
Doch das Liebesleben der anderen beschäftigte Tamsin gar nicht so sehr, denn inzwischen hatte sie Neil kennen gelernt. Genauer gesagt, ihn über den Haufen gefahren. Die Vorstellung, sich hauptsächlich mit dem Rad durch Oxford zu bewegen, hatte ihr in der Theorie irgendwie gefallen, doch leider war sie in der Praxis eine schlechte Fahrerin und gleich in der ersten Woche vor dem Lesesaal der Bibliothek in ihn gerast. Glücklicherweise studierte er Medizin ? im Grundstudium ? und hatte seine Fleischwunde gleich bei sich auf dem Zimmer versorgen können. Anscheinend hatte er ihr die ganze Sache nicht übel genommen, falls die heftige Knutscherei auf der Fete im Queens College letzte Woche etwas zu bedeuten hatte. Und auch Tamsins Speckpölsterchen schienen ihn nicht abgeschreckt zu haben. Sie hatte ihn bei einem Treffen im Café so ganz nebenbei auf heute Abend hingewiesen. Und ihr Gefühl sagte ihr, dass er auch kommen würde. Sie konnte es kaum erwarten.
Freddie war mit ihrer Zigarette fertig und schloss das Fenster. Sie steckte in einer schlabberigen Jeanslatzhose. Tamsin wusste genau, dass sie darin wie eine durchgeknallte Moderatorin fürs Kinderfernsehen wirken würde. Freddie aber sah darin einfach cool aus.
Wenigstens Reagan war schon da. Tamsin hatte sie auf dem Korridor abgefangen. Sie war angeblich auf dem Weg in die Jurabibliothek gewesen, einem winzigen Kabuff voller staubiger Bücher am Ende der Universitätsbibliothek, die in einer alten Kirche untergebracht war. Tamsin war noch nie nachts in der Bibliothek gewesen, zum einen aus Prinzip, zum anderen, weil die alte Kirche direkt neben einem Friedhof lag und ihr bei diesem Gedanken ganz anders wurde. Als sie begriff, dass Reagan nicht wegen eines verbotenen Stelldicheins mit einem Kommilitonen in die Jurabibliothek gewollt hatte ? was noch okay gewesen wäre, weil so etwas schließlich romantisch war ?, sondern wirklich und wahrhaftig, um sich in einen Wälzer über Strafrecht zu vertiefen, verbat Tamsin ihrer reichlich spröden und langweiligen Nachbarin zu lernen und schenkte ihr stattdessen...




