Noble Der Sommer der Lady Jane
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9194-5
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 02, 380 Seiten
Reihe: Blue Raven
ISBN: 978-3-8025-9194-5
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lady Jane Cummings zieht in das Sommerhaus ihrer Familie in dem stillen Örtchen Reston. Dort lernt sie den attraktiven Byrne Worth kennen, dem kriminelle Machenschaften nachgesagt werden. Jane ist jedoch von seiner Unschuld überzeugt und setzt alles daran, um seinen Namen reinzuwaschen.
Schon in ihrer Kindheit entdeckte Kate Noble ihre Liebe zum Schreiben. Mit ihrem ersten veröffentlichten Roman landete sie in den USA einen großen Erfolg. Kate lebt in Los Angeles.
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1
Lady Jane Cummings, einzige Tochter des Dukes of Rayne, Großcousine zweiten (oder dritten?) Grades des Prinzregenten und gefragteste Ballschönheit der Londoner Gesellschaft, befand sich in Schwierigkeiten.
Und das hatte sie einzig und allein Phillippa Benning zu verdanken.
Beziehungsweise Phillippa Worth, wie Jane sich jetzt angewöhnen musste, ihre Freundin zu nennen. Allerdings blieb unbestimmt, wie lange dieser neu geschlossene Freundschaftsbund wohl noch bestehen mochte, wenn Phillippa sie weiterhin in Situationen brachte, die zu solch groben Schnitzern führten.
Verflixt, jetzt hatte sie schon wieder einen Schritt ausgelassen.
In diesem Moment, in dem Lady Jane stocksteif in Phillippas großem Ballsaal stand, hätte man sie mit einer Statue verwechseln können. Der Saal war hochzeitlich geschmückt; zwischen riesigen Bouquets aus bunten Sommerrosen waren aus weißer Seide lauschige Pavillons errichtet worden. Die Tanzenden, ebenso farbenfroh anzusehen wie die Blumen, wirbelten um Lady Jane herum und setzten ihre Schritte heiter-beschwingt im Takt der Musik, während Jane zu dem Mann mit der auffallenden Haarfarbe hinüberstarrte, der abseits der Tanzfläche stand und seinen Blick müßig umherschweifen ließ. Wer Rang und Namen hatte, feierte heute Phillippas kürzlich erfolgte Namensänderung von Benning in Worth, sprich ihre Eheschließung. Da dies London und überdies dessen bessere Gesellschaft war, und da Phillippa eben Phillippa war, hatte sie jeden eingeladen, der in Debrett’s Adelsverzeichnis aufgeführt wurde. Aber warum ausgerechnet ihn?
Jane wurde aus ihrer Erstarrung gerissen, als eine Debütantin gegen sie stieß, die sich verzweifelt mit der verzwickten Schrittfolge der Quadrille abmühte. Gemurmelte Entschuldigungen lösten ein Raunen aus, dass Lady Jane – ausgerechnet sie! – sich beim Tanzen einen Fehltritt geleistet hatte. Rasch schloss Jane sich ihrem Partner wieder an und fand sich mit geübter Leichtigkeit in die Schrittfolge zurück.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte Lord Turnbridge sich in näselndem, aber durchaus aufrichtigem Ton.
»Selbstverständlich, Mylord.« Sie lächelte ihn so strahlend an, dass sein Gesicht sich deutlich himbeerrot färbte. »Ich habe nur … die Dekoration über dem Kaminsims bewundert. Mrs Worth hat sich selbst übertroffen.«
Jane schaute zum Kamin am anderen Ende des großen Raumes, über dem kunstvoll goldfarbene und weiße Seidenvorhänge drapiert waren. Dort hatte sie ihn zuletzt gesehen, den hochgewachsenen Mann, der immer ein wenig gelangweilt wirkte. Doch dieses Mal sah sie ihn nicht. Sie schaute sich suchend um. Vergeblich. Verflixt, wohin war er verschwunden?
Zum Glück für Lady Janes Nerven und Lord Turnbridges Ego endete der Tanz, und sie musste ihren Tanzpartner nicht länger mit ihrer Unaufmerksamkeit strafen. Sie lächelte ihn freundlich an, als er sie von der Tanzfläche an die Seite des Saales führte. Ärgerlich war nur, dass Lord Turnbridge sich dabei sehr viel Zeit ließ. Endlich angekommen, vollführte er entsetzlich langsam eine tiefe Verbeugung. Als er sich schließlich wieder aufrichtete, deutete Jane den flüchtigsten aller Knickse an, bevor er sich umdrehte, um sich seine nächste Tanzpartnerin zu suchen. Und Jane zu gestatten, von ihrem nächsten Tanzpartner gefunden zu werden.
Wenn sie denn gefunden werden wollte.
So schnell es ihre Würde zuließ, bahnte sich Jane ihren Weg durch die Menge, drängelte und schlängelte sich voran wie ein Fisch in der Strömung.
Ausgeschlossen, dass sie sich seine Anwesenheit eingebildet hatte, nicht wahr? Oh, bitte, wenn sie doch unter Wahnvorstellungen litte und sich Jason tatsächlich nur eingebildet hatte … er konnte nicht in London sein. Es war unmöglich. Erst sechs Wochen waren verstrichen, seit seine Trauerzeit zu Ende gegangen und er in die Gesellschaft zurückgekehrt war. Vielleicht auch zwei Monate. Aber jetzt …
Jane bog in einen Korridor ein und hoffte, dass er zu Phillippas überwältigendem Rosa Salon führte. Also wirklich, hätten Phillippa und sie in der Zeit der Renovierung des Hauses miteinander gesprochen, hätte sie ernsthaft versucht, Phillippa zugunsten einer weniger gewagten Farbe zu beeinflussen. Im Rosa Salon wurde üblicherweise das Dessert serviert. Übermäßig pralle Damen würden dort mit so übermäßiger Geschwindigkeit Süßigkeiten vertilgen, dass sie bald die Schnürung ihrer Korsetts sprengen würden. Es war ein Salon, von dem Jane sicher sein konnte, dass ihn kein Mann im heiratsfähigen Alter, der einigermaßen bei Verstand war, betrat. (Verirrte sich ein solcher Mann dennoch in ein Zimmer in einem solchen Rosa, stahl er sich rasch wieder fort, sei es mangels Anwesenheit junger Damen oder wegen der glühenden Begeisterung ihrer Mütter über sein Auftauchen). Links um die Ecke, dann gleich noch mal links – aber leider fand Jane sich nicht in der Nähe des gesuchten Salons wieder. Auf dem Weg zurück schob sie einen Vorhang zur Seite, hinter dem es, so vermutete sie, in den Flur zur Halle ging.
Es mag der Hinweis genügen, dass ihre Vermutung falsch war.
»Jane!«, rief Phillippa Worth (geborene Benning), nachdem sie ihre Lippen von denen ihres Ehemannes losgerissen hatte. Er war so zuvorkommend, sich schützend vor sie zu stellen, während sie ihr verdächtig derangiert aussehendes Äußeres richtete. »Was tust du hier?«
»Ich suche nach einem Versteck!«, entgegnete Jane wütend und stemmte die Hände in die Hüften.
»Ich bitte um Entschuldigung, Lady Jane«, sagte Marcus Worth in seinem gewohnt freundlichen Tonfall. »Aber wie Sie sehen, ist diese Nische bereits vergeben.«
Jane warf Marcus einen anklagenden Blick zu, den er mit einem Lächeln quittierte. »Du bist jetzt seit zwölf Stunden verheiratet. Kannst du nicht noch zwei Stunden abwarten, bis das Hochzeitsbankett vorüber ist?«, fauchte Jane die Freundin an.
Phillippa schaute zu ihrem Ehemann hinauf, der wiederum auf sie herunterschaute. Sein lässiges Grinsen war offenbar ansteckend.
»Nein.«
»Ich glaube nicht, dass wir das können.«
»Nun, das müsst ihr aber«, erwiderte Jane, »weil ich in einer furchtbaren Klemme stecke, und das ist ganz allein deine Schuld!«
»Warum?« Phillippa sah sofort besorgt aus. »Was hast du jetzt wieder angerichtet?«
»Ich habe gar nichts angerichtet, sondern du«, schimpfte Jane. »Und ich verlange, dass du es wieder in Ordnung bringst!«
»Ich?«, rief Phillippa wütend und schaute Marcus an. »Liebling, du kannst doch nicht zulassen, dass sie …«
»Mein liebes Eheweib«, unterbrach Marcus sie, dann grinste er und fügte hinzu: »Oh, wie sehr es mir gefällt, diese Worte auszusprechen. Nun, wie auch immer«, fuhr er fort, als er den Blick des besagten lieben Eheweibs sah, »in der kurzen Zeit, in der ich dir den Hof gemacht habe, ist mir eines klar geworden: Ich werde mich nie zwischen euch stellen, wenn ihr beide anfangt zu streiten.«
Phillippa schien zu erwägen, ihrem frisch angetrauten Mann eine sehr strenge Lektion darüber zu erteilen, was es hieß, seiner Ehefrau zu widersprechen. Aber Jane fehlte die Zeit für solche Verzögerungen. »Warum hast du ihn eingeladen?«
»Wen eingeladen?« Phillippa konzentrierte sich sofort wieder auf das Wesentliche.
»Jason!« Jane beobachtete Anzeichen leichter Verwirrung auf Phillippas Stirn.
»Jason? Soll das heißen, dein …« Als Jane nickte, protestierte Phillippa. »Ich habe ihn nicht eingeladen. Ich wusste ja noch nicht einmal, dass er in London ist. Hätte ich es gewusst, hätte ich ihn selbstverständlich auf die Gästeliste gesetzt, aber …«
»Was, du hättest ihn auf die Gästeliste gesetzt?«, rief Jane.
»Ja, natürlich … er ist schließlich ein Marquis …«, erwiderte Phillippa unbekümmert, während Jane die Hände rang.
»Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass ich ihn vielleicht nicht sehen möchte?«
»Oh, ich bedaure sehr«, gab Phillippa schnippisch zurück, »dass ich mich über deine Wünsche nicht auf dem Laufenden gehalten habe. Das nächste Mal plane ich meine Hochzeitsfeier wohl besser ganz nach deinen Vorlieben und Abneigungen, nicht wahr?«
Bevor die beiden Frauen sich weiter angiften konnten, mischte Marcus Worth sich ein, und dass auf sehr kluge Weise.
»Liebste«, besänftigend legte er die Hand auf den Arm seiner Frau, ehe er sich ihrer Angreiferin zuwandte, »Lady Jane … verstehe ich richtig, dass Sie den Wunsch haben, unauffällig von hier zu verschwinden?« Sie nickte. »Hat Ihr Vater Sie heute Abend hierher begleitet?«
Jane schüttelte den Kopf. »Er hat sich ein wenig müde gefühlt. Lady Charlbury war so freundlich, sich als Anstandsdame zur Verfügung zu stellen.«
Selbst Phillippa zog die Brauen hoch, denn Lady Charlbury war ein interessantes Paradoxon: Die Witwe in mittleren Jahren regierte die Gesellschaft auch wegen ihrer Freundschaft mit den Ladys Patronesse, den Schirmherrinnen des Almack’s. Aber in jüngster Zeit war es immer schwieriger geworden, Lady Charlbury dazu zu bringen, eine Einladung anzunehmen. Zwar durften die beiden Freundinnen sich so glücklich schätzen, zu Beginn der Saison an einem Fest der Lady teilgenommen zu haben, aber sie dazu bewegen, zu Phillippas Feier zu kommen …
»Sie ist eine alte Freundin meines Vaters«, erwiderte Jane, und es klang nur einen winzigen Hauch prahlerisch.
»Nun, dann wird mein liebstes Eheweib sogleich zu ihr gehen und ihr sagen, dass Sie Kopfschmerzen haben und...




