E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Nobs Aus gutem Holz
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-18411-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Unternehmens- und Familiengeschichte
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-18411-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurt Nobs, geboren am 24.12.1944 und aufgewachsen im Kemmental (Schweiz), lebt seit nahezu 40 Jahren mit seiner Frau Erika in Winterthur. Während seiner Berufstätigkeit als selbstständiger Pensionskassenfachmann nahm das Schreiben von Berichten und Analysen einen wichtigen Platz ein. Doch seine eigentliche Passion war schon immer die Prosa, das Verfassen von Kurzgeschichten und Gedichten. "Laura ... Sei mutig und stark" ist die berührende Erzählung einer wahren Geschichte, die er hautnah miterlebt hat.
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Iberg
Die Geburt eines Menschen ist etwas Einzigartiges, und dies trotz der schier unzählig winzigen Geschöpfe, die Tag für Tag das Licht der Welt erblicken. Die einen sprechen von einem Geheimnis – von einem göttlichen Geschenk gar, andere erklären im Brustton der Überzeugung, dass Geburt, oder besser gesagt Fortpflanzung nichts mehr als ein biologischer Vorgang sei. Ja, von Geheimnis könne schon gar nicht die Rede sein, denn von der Befruchtung einer weiblichen Eizelle über die Zygote bis hin zum fertigen Menschlein, sei die Wissenschaft über jedes Detail informiert, und daraus jedes Mal eine Geheimniskrämerei zu machen, sei nun einfach nicht am Platze.
Sei, es wie es sei. Doch eines weiss ich mit Bestimmtheit: Als Konrad Zehnder im Jahre 1874, als zweiter Sprössling der Bauernfamilie Konrad und Barbara Zehnder in Iberg zur Welt kam, waren Schwangerschaft und Geburt im Denken und Erleben der Menschen noch weitgehend Gottgegeben. Nicht umsonst nannte man das Gedeihen von neuem Leben im Mutterleib ‘in guter Hoffnung sein’, und das sagt eigentlich schon alles, man hoffte auf Gott, dass alles gut gehen werde. Damals gab’s noch keine Ultraschall-Untersuchung, und offenbar, ob es ein Knabe oder Mädchen ist, wurde es erst, wenn das kleine strampelnde Wesen in den Händen der Hebamme lag.
Und so begab es sich auch bei Zehnders in Iberg, dieser kleinen beschaulichen Aussenwacht südlich von Winterthur. Der kleine Konrad wurde von der Hebamme mit geübtem Griff beider Hände aufgehoben, bekam einen Klaps auf den Hintern, begann zu schreien, wurde dann gewaschen und gewickelt, der Mutter in die Arme und dann in die bereitstehende Wiege gelegt. Doch kein Mensch konnte an diesem Tag ahnen, geschweige denn noch wissen, dass dieser Konrad einmal Gründer der im Jahr 2019 hundertjährig gewordenen Zehnder Holz und Bau AG werden würde. Also doch: Menschwerdung, aufwachsen, das Leben gestalten und etwas erschaffen, ist und bleibt ein Stück weit ein Geheimnis. Daran haben auch die grossen Aufklärer der Menschheit: wie Voltaire, David Hume und Immanuel Kant nur wenig ändern können. Menschenwissen ist Stückwerk, eingebunden in Raum und Zeit. Und der Versuch, diese Grenzen zu übersteigen, gehört oftmals nur ins Reich der Fantasie.
Konrad, der Zweitälteste, wuchs zusammen mit seinen drei Geschwistern Anna, Elise und Jakob auf. Das kleine Bauerngehöft am Rande der Weilers Iberg war sein Zuhause. In der winzigen Mansarde unter der einen Dachschräge und über dem Wohnzimmer mit dem grossen Kachelofen, befand sich seine Schlafstatt. Ein Refugium ganz für Konrad allein, bis neun Jahre später ein zweites Bett für seinen Bruder Jakob in den Raum gestellt wurde.
Die Familie Zehnder war zum grössten Teil Selbstversorger. Im Stall standen zwei Milchkühe, und manchmal – in einem Holzverschlag an der Wand – tummelte sich auch ein Kälbchen, das bis zum Verkauf an den Metzger aufgezogen wurde. Zwischen Kuhstall und Remise befand sich die Boxe von Cornelius, dem Ardenner Kaltblut, der für die schwere Arbeit auf Hof und Feld zuständig war. Ein gutmütiger Brauner mit weisslicher Mähne und buschigem Behang über den Hufen. Konrads Zuneigung zu diesem Arbeitstier war sprichwörtlich. Beinahe täglich umhegte er ihn mit Striegel und Bürste, mistete die Boxe aus, streute frisches Stroh, streichelte liebevoll über die sich wie Samt anfühlenden Nüstern und reichte ihm einen halben Apfel. Aber weiss der Kuckuck, warum der Name dieses Pferds Cornelius lautete. Auf Deutsch bedeutet dies ja ‘Horn’ oder sogar ‘der Gehörnte’, und das ist wirklich schwer nachvollziehbar für mich.Vater Zehnder erwarb ihn von einem Kyburger-Bauer unter diesem Namen, doch Konrad Junior nannte ihn einfach Corny, das passt besser zu ihm, meinte er. Doch halt – ich habe noch weiter recherchiert: Da gab’s Mal einen Schutzpatron für das Vieh mit Namen Cornelius; vielleicht sollte dies die Bestimmung von ihm sein.
Zum Hof gehörte schliesslich auch ein Hühnerhof mit emsig pickendem und gackerndem Federvieh und einem stolzen Hahn. Eine Katzenfamilie durfte natürlich nicht fehlen, die immer, wenn gemolken wurde, wie auf Kommando sich vor der Stalltür versammelte und darauf wartete, dass der Bauer die zwei dort stehenden Schälchen mit frischer Milch füllte. Und da war auch Bläss, der Appenzellerhund, der Wachhabende, doch schon ein bisschen in die Jahre gekommen, und meistens halt ein Schläfchen vor seiner Hütte neben dem Stall haltend.
Im grossen Garten vor dem Haus wuchsen Kohl, Zwiebeln, Karotten und Lauch. In Reih und Glied standen daneben einige Johannisbeersträucher und darüber entlang des Gartenzauns rankten Brombeeren. Doch Mutter Barbaras ganzer Stolz waren die mit grosser Sorgfalt gehegten zwei Blumenbeete. Mit der Schneeschmelze im März streckten da schon die Schneeglöckchen und Primeln ihre Blütenköpfe ans Licht, dann folgten die Osterglocken und Tulpen, und im Herbst konnte man die Farbenvielfalt der Astern bestaunen. Nicht selten bewunderten Sonntagsspaziergänger diese Pracht und hielten mit Barbara jeweils einen kurzen Schwatz. Über den Abhang in Richtung Kollbrunn erstreckte sich ein ansehnlicher Kartoffelacker und daneben wuchsen einige Reihen Runkelrüben. Bis hinauf zum ‘Sessel’, diesem heute noch beliebten Aussichtspunkt von Iberg, gab’s einen kleinen Obstgarten; Apfelbäume mit Berner Rosen, Goldparmänen und Sauergrauich, und einen prächtigen Birnbaum mit ‘Kaiser Alexander’.
Ja, bei Zehnders war dafür gesorgt, dass jeden Tag etwas auf den Tisch kam. Zu hungern brauchte niemand. Und jedes Jahr kurz vor der Adventszeit wurde das übers Jahr gemästete Schwein geschlachtet. Dann hingen Speckseiten und Dauerwürste in der Rauchkammer des Kamins, und weitere Fleischstücke wurden gesalzen und in grossen Steinguttöpfen eingemacht.
So gingen die Jahre ins Land. Doch eines habe ich noch nachzutragen: Im Geburtsjahr von Konrad, also 1874, erhielt unser Land eine Totalrevision der Bundesverfassung. Darin wurden einige Neuerungen, unter anderem das Referendumsrecht – ein wichtiger Aspekt der direkten Demokratie – verankert.
Konrad ging gerne zur Schule, zuerst nur einige Schritte entfernt in die Primarklassen im Schulhaus von Iberg, und dann, eine gute halbe Stunde zu Fuss, in die Sekundarschule von Seen, dem südlich gelegenen Vorort von Winterthur. Seine Lieblingsfächer waren Naturkunde, Geschichte und Geografie. Was es da nicht alles zu entdecken gab! Stets lag ein Buch aus der Schulbibliothek auf seinem Nachttisch, mit Geschichten über die grossen Weltentdecker David Livingston, James Cooke und Vasco da Gama, um nur Einige zu nennen. Ja, Konrad wollte Forscher werden, wollte hinaus in die weite Welt, bestaunen und erforschen, was der Schöpfer in seiner unermesslichen Vielfalt so alles auf diesem Erdenrund geschaffen hat.Ein Bubentraum? Ja schon ein Stück weit, doch in Konrads kleiner Welt gab’s einige sogenannte weisse Flecken, wo er seinen Forscherdrang ausleben konnte. In seiner Freizeit war er oft in dem Waldstück anzutreffen, das sich in Richtung Eidberg erstreckt. Dort strich er stundenlang zwischen den himmelwärts strebenden Fichten umher, lauschte auf das emsige Klopfen des Spechts und das Gurren der Wildtauben, schlüpfte neugierig und mutig durch den dornenberankten Jungwuchs, entdeckte da die Kuhle einer Rehgeiss und dort einen Fuchsbau und nahm sich Zeit, alles fein säuberlich aufzuschreiben, was seinen Augen und Ohren begegnet war. So, wie ein richtiger Forscher.
In seinem Notizheft steckte immer eine durchgepauste A4-Seite, auf der das Waldstück, versehen mit einem Koordinatennetz, aufgezeichnet war. Dort trug er das Datum und was und wo er auf seinem Streifzug alles entdeckt hatte ein. In seiner Nachttischschublade lag ein ganzes Bündel solcher Aufzeichnungen, und an manchen Abenden, wenn die Zehnder-Schar am Wohnzimmertisch versammelt war, holte er seine neuesten Aufzeichnungen hervor und referierte ausführlich über seine Entdeckungen. Mutter, Anna und Elise klapperten dazu mit ihren Strickzeugen, Vater tat so, als würde ihn das Ganze brennend interessieren, und Jakob, der Dreikäsehoch, bestürmte ihn mit Fragen noch und noch. Doch immer Mal wieder, weil der kleine Jakob ihn darum bettelte, musste er über sein bestandenes Abenteuer im Herbst letzten Jahres berichten: Es war an einem nebligen schulfreien Mittwochnachmittag. Konrad, in der 2. Sekundarklasse und inzwischen 14-jährig, half den Eltern bis gegen sechszehn Uhr bei der Ernte im Runkelrübenfeld. «Ich geh noch in den Wald», verkündigte er dann. «Aber Konrad, was willst du dort?», gab seine Mutter zu bedenken, «bei diesem Wetter, es gibt bestimmt noch Regen und dunkel wird’s auch schon bald.» «Ich bleibe nicht lange, Mutter», antwortete er mit breitem Grinsen. Zurück im Haus stieg er in seine Stiefel, zog seine Windjacke über, steckte das Notizheft ein und stapfte los.
Als er den Waldrand erreichte, begann es tatsächlich zu Nieseln. «Mutter hatte also Recht», ging es ihm...




