E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Nolting / Thießen Krisenmanagement in der Mediengesellschaft
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-531-91191-5
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Potenziale und Perspektiven der Krisenkommunikation
E-Book, Deutsch, 284 Seiten
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-91191-5
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Der Band verbindet in seiner Ausrichtung eine wissenschaftliche Einordnung mit Beiträgen von
Vertretern aus der Praxis und zeigt den aktuellen Diskurs, Herausforderungen sowie Perspektiven im Bereich der Krisenkommunikation auf. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei die Bedingungen, Formen und Folgen von Krisenkommunikation als Teil des Kommunikationsmanagements von Unternehmen und Organisationen. Dabei wird auf die Vorbereitung auf eine erfolgreiche Kommunikationsstrategie ebenso eingegangen wie auf die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Krisenfall und die abschließende Evaluation im Anschluss an eine Krisensituation.
Tobias Nolting ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Ansgar Thießen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Université de Fribourg (Schweiz).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;5
2;Vorwort;7
3;Krisenmanagement in der Mediengesellschaft;9
4;Teil 1 Einführung;19
4.1;Die Krisenkommunikation von Organisationen Ansätze, Ergebnisse und Perspektiven der Forschung;20
5;Teil 2 Krisenmanagement in der Mediengesellschaft;35
5.1;Risiken kommunizieren – Grundlagen, Chancen und Grenzen;36
5.2;Krisen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Über die Differenz funktionaler und individueller Kommunikation.;58
5.3;Krise und Krisenkommunikation: Von der Ausnahme zur Regel?;78
5.4;Nach der Krise ist vor der Krise – Beschleunigung der Krisenkommunikation;93
5.5;Krisenkommunikation als Vertrauensfrage? Überlegungen zur krisenbezogenen Kommunikation mit verschiedenen Stakeholdern;107
5.6;Die Rolle der Kommunikation im interdisziplinären Krisenmanagement;128
5.7;Krisenprävention als Zusammenspiel der Disziplinen, oder: Ein Orchester, kein Solo- Instrument;140
5.8;Issues Management;152
5.9;Frühwarnsysteme in der Krisenkommunikation;178
5.10;Brandschutz ist die beste Feuerwehr;186
5.11;Krisenkommunikation im Ernstfall – Die Rolle der Kommunikationsverantwortlichen;191
5.12;Zwölf Faktoren erfolgreicher Medienarbeit in Krisensituationen;198
5.13;Machen die Medien die Krise? Trifft es immer nur die anderen? Warum und wie sich jedes Unternehmen auf den Ernstfall vorbereiten sollte.;211
5.14;Krisenkommunikation ganz praktisch – Wie Journalisten mit Krisen umgehen;219
5.15;Gefahrenzone Internet – Die Rolle der Online-Kommunikation bei der Krisenbewältigung;226
5.16;Mit strategischer Krisenevaluation zur besseren Krisenperformance;246
6;Teil 3 Ausblick;266
6.1;The future of crisis communication from an international perspective;267
6.2;Autorenverzeichnis;280
"Risiken kommunizieren – Grundlagen, Chancen und Grenzen (S. 41-42)
Norbert Baumgärtner
Nicht nur große, weithin bekannte Schadensfälle wie die Chemieunglücke in Seveso und Bhopal oder der Reaktorunfall in Tschernobyl haben das Risiko moderner Technologien in den Fokus von Medien und Öffentlichkeit gerückt, auch Themen des täglichen Lebens wie zum Beispiel Mobiltelefonie, Lebensmittelsicherheit, Klimawandel oder Feinstaub sind Gegenstand einer permanenten Risikodebatte in Öffentlichkeit und Massenmedien. Dabei müssen häufig hochkomplexe, wissenschaftsbasierte Techniken und Prozesse diskutiert werden oder es geht um abstrakte Risiken mit extrem geringer Eintrittswahrscheinlichkeit und schwer bestimmbarem Schadenspotenzial – und nicht selten läuft dieser Kommunikationsprozess zwischen Teilöffentlichkeiten mit teils sehr unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen. Es überrascht nicht, dass Risikokommunikation von den Risikoverursachern und weiteren Akteuren oft gemieden wird und deshalb unterbleibt. Jedoch sollte Risikokommunikation – ebenso wie der Begriff Risiko selbst – nicht nur negativ konnotiert werden, sondern auch unter dem Aspekt „Chance"" betrachtet werden.
1 Risiko oder Gefahr?
„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker"" – dieser durch das Heilmittelwerbegesetz vorgeschriebene Passus zur Risikokommunikation transportiert den Risikobegriff täglich in Millionen Haushalte. Aber riskiert ein Patient durch die Einnahme eines Arzneimittels tatsächlich seine Gesundheit oder erfährt er eine Gefährdung durch eben dieses Mittel? Ändert die Tatsache, dass er die Packungsbeilage liest (oder es unterlässt) etwas am Charakter der potenziellen Schädigung, also wird er erst durch das Lesen zum Risikoträger? Sind eventuelle Nebenwirkungen auch dann ein Risiko, wenn der Patient lebensnotwendig auf das Medikament angewiesen ist? Und gefährdet Rauchen die Gesundheit des Rauchers, wie es bis August 2003 auf in der EU verkauften Zigarettenpackungen zu stehen hatte, oder riskiert dieser sie nicht vielmehr? Betreten wir eine Baustelle „auf eigene Gefahr"" oder kommt ein Engländer, der solches „at his own risk"" tut, der Wahrheit nicht näher?
Bereits der Versuch, Phänomene des Alltags den Kategorien „Risiko"" und „Gefahr"" zuzuordnen, zeigt die Schwierigkeiten im exakten Umgang mit diesen Begriffen. „Man wird die Möglichkeit der Explosion eines Kernkraftwerks als Risiko in Rechnung stellen, den Einschlag eines Meteors dagegen als Gefahr"", schreibt Luhmann, und weiter: „Wer einen Kampf anzettelt, geht ein Risiko ein. Wer mit Überfällen rechnen muß, ohne zu wissen, durch welche Entscheidungen er dies vermeiden könnte, findet sich einer Gefahr ausgesetzt."" (Luhmann 1996a: 39)
Diese Unterscheidung macht deutlich, dass die Gefahr eher dem Unvermeidbaren, von außen kommenden zugerechnet wird, während ein Risiko Folge des menschlichen Handelns oder Unterlassens ist. Indem also Risiko bewusste Entscheidungen und Handlungen oder beabsichtigte Unterlassungen voraussetzt, wird ein wichtiges konstitutives Merkmal von Risiko deutlich: Die Zurechenbarkeit. Die Diskussion, inwieweit menschliches Handeln möglicherweise Ursache für früher als „Naturkatastrophen"" apostrophierte Ereignisse (Bergrutsche, Überschwemmungen, Dürren) sein kann, zeigt jedoch, dass die Grenzen unscharf geworden sind, dass die Möglichkeit besteht, dass ursprüngliche Gefahren durch riskante Handlungen zumindest erhöht worden sind, also eine Mischform aus Gefahr und Risiko entstanden ist.
Einfacher hingegen die Zurechenbarkeit bei Risiken: Hier sind Risikoverursacher klar erkennbar, können ex post auch „Schuldige"" ausgemacht und zur Verantwortung gezogen werden. Risikokommunikation von Wirtschaftsunternehmen ist also per se Kommunikation von Risikoproduzenten und, im Falle einer negativen Realisierung des Risikos, potenziell Beschuldigter oder Schuldiger – eine Hypothek, die Unternehmen bei der Risikokommunikation praktisch systemimmanent anhaftet."




