Nonn | Noras einhundertacht Arten zu sterben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

Nonn Noras einhundertacht Arten zu sterben


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7583-8637-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

ISBN: 978-3-7583-8637-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die phantasiebegabte, träumerische Nora macht ihrem Freund Frank an ihrem dritten Jahrestag einen Heiratsantrag. Als er daraufhin fluchtartig ihre Wohnung verlässt, steigert Nora sich in immer wildere Phantasien hinein, wie sie ihr Leben beenden oder verlieren könnte. Denn sie möchte Frank an ihrem Grab leiden sehen. Notfalls auch von einer Wolke im Himmel aus. Während Frank seine Feigheit mit Alkohol zu betäuben versucht und Nora verzweifelt durch die Stadt irrt, merken beide nicht, dass sie längst wieder aufeinander zujagen - mit nahezu tödlicher Geschwindigkeit.

Patrick Sandro Nonn, Jahrgang 1977, ist Buchhändler und Schriftsteller, diese beiden Punkte definieren ihn zu neunundneunzig Prozent. Er selbst hatte lange Zeit keine Idee, welchen Brötchenjob er ergreifen soll, um seine Schriftstellerei zu finanzieren. Seine erste - bald wieder verworfene - Berufsidee war Koch. Bis heute steht er gern am Herd und zaubert, den Vorschlag seines Vaters: »Dann werde doch Buchhändler« hat er allerdings gern umgesetzt. Ursprünglich aus dem Rheinland lebt und arbeitet er seit sieben Jahren in Deutschlands schönster Stadt, Hamburg.
Nonn Noras einhundertacht Arten zu sterben jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


SONNTAG


Huch«, sagte Nora und befand sich auf einmal wieder unter den Lebenden. Sie war schlagartig hellwach, trotz der wüsten Nacht, die sie hinter sich gebracht hatte. Sie fühlte sich sogar wacher, als ihr lieb war. Ihre Gedanken quirlten und wirbelten wie in einem Tornado durcheinander. Grelle Blitze zuckten ihr durch den Kopf: Tod, Leben, Liebe. Nacht. Sex. Tag. Heike. Eltern.

Wie herbeigerufen und aufs Stichwort klingelte das Telefon. Glücklicherweise stand es momentan in Reichweite, weil Nora es sowieso immer in der Wohnung herumtrug, wenn sie telefonierte, und es stehen ließ, sobald ein Gespräch endete.

»Nora Hein…«

»Norameinschatz, wie geht’s dir heute Morgen?«, redete ihre Mutter gleich drauflos.

»Ich liege noch halb im Bett, Mama.«

»Ja, das dachte ich mir. Dann störe ich dich wenigstens später nicht bei irgendwas.«

»Unfug, Mami«, protestierte Nora.

»Also, Mäuschen, gibt’s was Neues?«

Ihre Mutter konnte es nicht unterlassen, die Bohrmaschine zu spielen. Sie hörte auch immer dann erst auf zu fragen, wenn sie glaubte, alles zu wissen.

»Nee Mama«, fauchte sie, angriffslustiger, als sie eigentlich sein wollte. »Noch nicht um die Uhrzeit. Da pflegt der Herr Heiratsscheu nämlich normalerweise noch in der Kiste zu liegen.«

»Und wie fühlst du dich, Liebchen?«

»Himmlisch. Versteht sich doch von selbst, oder?«

»Hör auf, um dich zu beißen, Noramaus, das steht dir nicht.«

»Hrmpf«, machte Nora.

»Nimm es uns bitte nicht übel, dass wir uns Gedanken um dich machen.«

»Nein Mama«, schnaubte Nora. »Mach ich doch auch nicht.«

»Kann ich denn irgendetwas für dich tun?«

»Im Moment hab ich keine Ahnung, was das sein sollte, Mamichen«, Nora bemühte sich um Zärtlichkeit in der Stimme.

»Na schön, mein Schätzchen, dann melde dich, wenn wir dir was Gutes tun können, okay?«

»Ja Mamilein, grüß Väterchen von mir.«

Ächzend und seufzend legte Nora den Hörer auf die Gabel und stellte das Telefon weg. Sie schnupperte in die Luft, hob den rechten Arm und schnupperte nochmals. Gefiel ihr nicht, was sie da roch. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und mit der Hand durch die Haare und runzelte leicht angewidert die Stirn.

Ach, pfui, was fühlte sie sich schmuddelig. Ihre Haare waren verschwitzt, ihre Wangen tränenverklebt und ihr Atem kam ihr irgendwie pelzig vor. Nora Reinlich huschte ins Bad und ließ die Wanne mit herrlich heißem Wasser volllaufen. Schönes, spiegelzartes Wasser lief rauschend und gurgelnd in den Swimmingpool für Arme. Schon beim Gedanken, darin einzutauchen, rieselten Nora wohlige Schauern über Nacken, Schultern und Rücken. Die feinen Goldhärchen an ihren Unterarmen richteten sich auf.

Endlich war die Wanne für ihren Geschmack voll genug. Nora stieg in die Badewanne und sogleich überkam sie eine neue Idee. Sie würde sich ertränken, hier und jetzt! Nora tauchte unter und hielt sich die Nase zu. Es war ruhig und gluckernd friedlich unter Wasser. Es fühlte sich an, als sei sie von einer schützenden Hülle umgeben. Wie es wohl sein mochte, unter Wasser tief auszuatmen und dann ganz mutig wieder tief Luft, in diesem Fall doch eher Wasser, zu holen? Sie ließ zur Probe ein paar Luftbläschen aus der Nase entweichen. Das kitzelte sie so widerlich, dass sie davon niesen musste. Der Druck, der sich in ihren Lungen aufbaute, zwang sie dazu, sich aufzurichten, und kaum dass sie die Wasseroberfläche durchbrach, entlud sich ein Nieser mit Windstärken um die hundert Stundenkilometer. Nein, unter »ideal zum Sterben« stellte Nora sich dann doch etwas anderes vor. Schleichender sollte Gevatter Tod sich ihr nach ihrem augenblicklichen Willensstand nähern. Nicht so brutal über sie herfallen. Wenn schon das Leben sich durch Brutalität auszeichnete, sollte doch wenigstens der Tod zärtlich zu ihr sein. Wie wäre es denn mit einem elektrischen Schlag, mit einem Blitz aus heiterem Himmel? Wo steckte der Fön, wenn man ihn brauchte? Natürlich lag er außer Reichweite, und das herrlich warme Wasser zu verlassen, dazu hatte Nora noch überhaupt keine Lust. Also verschob sie fürs Erste ihre Hinrichtung in der elektrischen Badewanne. Stattdessen genoss sie das Auf-und-ab-Schaukeln der Wellen, die sie selbst erzeugte, und stellte sich vor, sie klatschten statt an den Badewannenrand an einen palmengesäumten Sandstrand. Das Leben konnte so schön sein in einer bis zum Rand gefüllten Badewanne. Nora tauchte unter, drehte sich um die eigene Achse, wie ein verrückt gewordener Delfin in einem viel zu engen Becken. Allerdings dürfte der Delfin weit weniger Spaß daran haben als sie. Wasser schwappte aus der Wanne, Gischt spritzte. Nora entdeckte den Nassrasierer in der Seifenschale. schoss es ihr durch den Kopf. Gleichzeitig wusste sie ganz genau, dass sie bis Weihnachten mit diesem schon recht alten Ding an sich längs herumsäbeln konnte und doch nichts damit erreichte. Und sich mit einer echten Rasierklinge auf die Art die Pulsadern aufzuschneiden wäre schmerzhaft und danach stand ihr im Moment nun wirklich nicht der Sinn. Nora erhob sich und duschte mit der Brause gründlich allen Schaum weg, dann stieg sie aus der Wanne, denn mehr als alles andere verspürte sie jetzt auf einmal Lust auf einen frischen, starken Kaffee. Ein abgrundtiefer Seufzer stieg ihre Kehle hinauf, während sie in ihren Bademantel schlüpfte. Kaffee, so wie Frank ihn immer kochte: stark, aromatisch, mit einer Prise Salz. Sie erinnerte sich, wie er ihr erzählte, dass die erste Frage seines Ausbildungsleiters gewesen war, ob er Kaffee kochen könne. Und seine Antwort war »Ja« gewesen. Nora roch den Duft beinahe immer noch. Ein so guter Kaffee, wie der erste, den Frank ihr eines schönen Sonntags vor knapp drei Jahren am Bett servierte, war Nora noch nicht vor die Nase, geschweige denn auf die Geschmacksknospen gekommen. Sie vermisste seine Aufmerksamkeit, die Präzision, mit der er alles beobachtete, was für sie von Bedeutung war. Sie vermisste die Art, wie er die gesammelten Informationen dazu verwandte, sie zu verwöhnen. All die Kleinigkeiten, die den Alltag zu etwas Besonderem machten. Es war ein Schmerz, der sich gut und gerne dazu eignete, Noras Herz in winzige Stücke zu sprengen. Ein garstiges, grausames Gefühl der absoluten Leere. Als risse er ihr das beste Stück aus dem Herzen und nun sollte sie mit dieser klaffenden Wunde weiterexistieren. Wäre er jetzt hunderte Kilometer entfernt und nicht einfach nur in seiner Wohnung, Nora hätte sich nicht schlechter fühlen können. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie schämte sich vor sich selbst dafür, konnte es aber nicht verhindern. Warum tat er ihr das an, wo sie ihn doch so abgöttisch liebte? Wie konnte er nur so gefühllos sein? Angeblich liebte er sie doch mehr als sein Leben, so wie er immer behauptete. Ihr Instinkt sagte Nora, dass ein unglaublich langer Sonntag vor ihr lag. Sie stromerte von Zimmer zu Zimmer, weiterhin ständig den Kaffee im Hinterkopf, aber ihr selbst gekochter reichte lange nicht an Franks Kaffeekunst heran. Fand Nora zumindest. Deshalb schob sie das Kaffeekochen vor sich her. Was sollte sie nur mit der ganzen aufgezwungenen Freizeit anfangen so ganz alleine? Bei diesem Gedanken schossen ihr die Tränen nur so in die Augen. Geradezu als gelte es, einen neuen Fluss in Deutschland entstehen zu lassen. Ihr Herz und ihr Hirn beschlossen, dass es nur schädlich sein mochte, wenn sie sich weiter derart stark beherrschte und alles unterdrückte, was doch unbedingt herausmusste aus ihrer gebeutelten Seele. Sosehr sie versuchte, sich unter Kontrolle zu halten, die Tränen liefen unaufgefordert über ihre Wangen, kullerten ungefragt in ihren schwarzen Frotteebademantel, benetzten ihre seidige Haut und folgten unbeirrt dem Weg, den alles geht, was der Schwerkraft unterworfen ist.

Es fühlte sich falsch an, ohne ihn zu sein. Es tat schier unermesslich weh, ohne ihn sein zu müssen. In jeder wichtigen Situation war er bei ihr in den letzten drei Jahren und jetzt Dieses brannte wie Feuer. Sie fühlte sich schon unwohl, wenn sie nicht die ganze Nacht hindurch eng aneinandergekuschelt schliefen. Das hier war noch wesentlich köstlicher. Ein Feuer, das Nora zu verschlingen drohte. Der Schmerz saß tief in ihrem Fleisch, in ihrer Seele. Ein Schmerz, der nahezu den Atem raubte. So unvollständig konnte doch kein lebendiges Wesen überleben. Sie heulte tonlos, die Zähne zusammengebissen, um ja keinen Ton von sich zu geben. Nora wollte gar nicht weinen, aber die Tränen ließen sich einfach nicht unterdrücken. Niemandem unter der Sonne wünschte Nora, einen solchen Schmerz erdulden zu müssen. Jede niedere Kreatur, die dazu fähig war, auch nur einen Funken Liebe zu empfinden, wäre an dieser Erfahrung jämmerlich zugrunde gegangen, oh ja. Ihr Fleisch glich einer brennenden Wunde, als steckte in allem, was ihren Körper als...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.