Norman | Der Bilderwächter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Norman Der Bilderwächter


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-472-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-95530-472-0
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'Das Gemälde, das ich für Imogen Linny stahl - ´Jüdin auf einer Straße in Amsterdam´ -, kam am 5. September 1938 im Glace Museum in Halifax an...' So beginnt der Museumswächter DeFoe Russet seine Geschichte von ungeheurer Suggestivkraft. DeFoe, ein junger Mann in den Zwanzigern, verdankt die Anstellung im Museum, wie fast alles in seinem Leben, seinem Onkel Edward. Dieser Onkel war es auch, der DeFoe behütet hatte, als er im Alter von neun Jahren über Nacht zur Waise geworden war. Vielleicht sind es die dunklen Schatten dieser Kindheit, die den Museumswärter jetzt unausweichlich zu Imogen führen, einer hübschen Halbjüdin und Friedhofsangestellten, deren Gesichtszüge voller Melancholie sind. Bis sie eines Tages die 'Jüdin auf einer Straße in Amsterdam' im Glace Museum sieht. Für sie ist es mehr als ein Gemälde, und das dargestellte rothaarige Mädchen, das ihr so verblüffend ähnlich sieht, alles andere als eine Kunstfigur. Ihr Freund jedoch findet sich in Imogens Phantasien nicht mehr zurecht. Nichts kann Imogen davon abhalten, nach Amsterdam aufzubrechen, eins zu werden mit dem Bild, dem rothaarigen Mädchen, dem Schicksal dieser Jüdin in Amsterdam... Die amerikanische Kritik feierte diesen Roman überschwenglich: Ein großer literarischer Wurf, thematisch und sprachlich reich und in seiner Dynamik unwiderstehlich. Und der furiose Schluß wird den Leser noch lange, nachdem er die letzte Seite dieses brillanten Buches gelesen hat, in Atem halten.

Howard Norman, 1949 in Grand Rapids im US-Bundesstaat Michigan geboren, lebt mit seiner Familie in Washington, D.C. und Vermont. Seine Bücher wurden in zwölf Sprachen übersetzt. Er wurde zwei Mal für den National Book Award nominiert und erhielt den Lannan Award. Der Autor unterrichtet heute an der Universität von Maryland.
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IMOGEN LINNY


Der 19. September 1936, mein erster Tag als Museumsaufseher, war auch der Tag, an dem ich Imogen zum ersten Mal begegnete.

Um 8.30 Uhr stand mein Onkel mit einem übernächtigten, trübsinnigen Gesicht dabei, als mir Mr. Connaught, der wie üblich einen seiner elegant geschnittenen Anzüge trug, die grundlegenden Verhaltensregeln für meine Tätigkeit aufzählte. Er hatte sich zu diesem Zweck auf Museumsbriefpapier Notizen gemacht.

»Also. Jeder Besucher ist mit ›Ma’am‹ oder ›Sir‹ anzureden«, begann er. »Ohne Ausnahme, gleichgültig, wie sich die Leute benehmen. Sollte jemand ein Gemälde berühren, machen Sie ihn als erstes höflich darauf aufmerksam. Sie werden feststellen, daß die meisten Besucher dann äußerst überrascht sind. Sie haben gar nicht gemerkt, was ihnen da unterlaufen ist. Das ist wirklich oft so. Wenn Sie nun ein Kind zurechtweisen müssen, tun Sie es behutsam und setzen dann die Eltern in Kenntnis, falls sie nicht ohnehin daneben stehen. Manchmal ist auch ein Kindermädchen die Aufsichtsperson. Als Aufseher haben Sie absolut das Recht, einen Tadel auszusprechen. Präsentieren Sie sich als Autoritätsperson.« Er zog seine Liste zu Rate. »Jede Person, die sich auf irgendeine Weise ungebührlich benimmt«, fuhr er fort, »bekommt in meinem Museum kein zweites Mal die Gelegenheit dazu. Sorgen Sie dafür, daß solche Personen dieses Haus auf der Stelle verlassen. Ansonsten lassen Sie sich natürlich von Ihrem gesunden Menschenverstand leiten. Meiden Sie jeden Streit. Streiten ist unter der Würde eines Museumsaufsehers. Achten Sie auf eine gleichbleibende Stimmlage.

Sollten die Dinge allerdings – was selten vorkommt, aber doch passiert – sollten die Dinge also außer Kontrolle geraten, holen Sie Edward zu Hilfe, wecken Sie ihn auf, wenn’s sein muß, doch bitten Sie ihn um Beistand. Haben Sie sonst noch Fragen, DeFoe?«

»Nein, Sir.«

»Irgend etwas hinzuzufügen, Edward?«

Mein Onkel zuckte mit den Achseln. »Mein Neffe ist ein aufgeweckter Junge, Edgar. Wird den Bogen schnell raus haben, in zwei, drei Tagen.«

Mr. Connaught studierte noch einmal sorgfältig seine Liste. »Ach, ja«, sagte er dann. »Zwei Punkte noch. Bei uns wurde noch nie ein Gemälde beschädigt.« Er steckte die Liste in die Brusttasche seines Jacketts. »Und als letztes, DeFoe – wir hatten noch nie einen Diebstahl zu beklagen.«

Dann schüttelte mir Mr. Connaught die Hand. Ich schüttelte meinem Onkel die Hand. Für mich war es ein wunderbarer, sehr persönlicher Moment in meiner Berufslaufbahn. Mein Onkel ging in die Putzkammer. Wir hörten, wie er das Radio anschaltete. Er suchte mehrere Sender ab und ließ dann klassische Musik laufen. Es ließ sich nie voraussehen, für welche Radiosendungen er sich entscheiden würde. Ich ging in den Raum C, wo mich Mr. Connaught anschließend aufsuchte. »DeFoe«, sagte er, »ich habe etwas ausgelassen. Weil es sich um einen wunden Punkt handelt, wollte ich die Angelegenheit vor Edward nicht erwähnen. Im Grunde gehört die Sache längst der Vergangenheit an. Ich meine den Vorfall mit dem Cupido.«

»Cupido?«

»Das soll Edward Ihnen selbst erzählen. Es war eindeutig nicht der glanzvollste Tag in der Geschichte des Museums. Edward war damals in Höchstform. An dem Vorfall beteiligt war außer Edward noch unsere geschätzte Kunsthistorikerin Miss Delbo. Und mehrere Besucher.«

»In Ordnung«, sagte ich. »Ich werde versuchen, die Sache in ein Gespräch einfließen zu lassen.«

»Ich habe diese Angelegenheit nur erwähnt, weil sie Anlaß zur einzigen Beschwerde gab, die je bei uns eingegangen ist. Damit Sie sehen, daß Sie nun zu einer Einrichtung gehören, die hohes öffentliches Ansehen errungen hat. Bemühen Sie sich, diesem Anspruch gerecht zu werden.«

»Ich werde mein Bestes tun, Mr. Connaught.«

Mr. Connaught bedachte mich mit einem knappen Lächeln und kehrte in sein Büro zurück. Punkt 10 Uhr schloß mein Onkel die Tür der Putzkammer hinter sich und bezog seinen Posten im Raum A, in der Nähe des Fensters, das zur Straße hinausging. Er starrte auf die Agricola Street hinaus, in einen verregneten Vormittag. Mr. Connaught schloß die Eingangstüre auf. Sobald Mr. Connaught hinter der Tür seines Büros verschwunden war, schlenderte mein Onkel zu mir herüber. »Gehen wir nach der Arbeit doch ins Halloran’s«, schlug er vor. »Um deinen ersten Tag im Museum zu feiern. Egal, wie gut oder schlecht es dir dabei gegangen ist. Ich lade dich ein.«

»Das ist sehr großzügig von dir.«

»Wir unterhalten uns über dies und jenes.«

Am Vormittag lief alles glatt. Es gab nichts, was ich als Vorfall betrachtet hätte. Nun ja, in der Herrentoilette bin ich zufällig auf einen Mann gestoßen, der dort eine Zigarre rauchte, ich wußte aber nicht, ob das gestattet war oder nicht. Ein Zigarrenstummel in der Toilettenschüssel. Asche im Waschbecken. Ein gehässiger Blick von dem alten Knacker. Sonst nichts. Eigentlich überhaupt nichts. Bis Mittag waren dreizehn Besucher gekommen. Das weiß ich, weil mir mein Onkel den Knipser zeigte. Der Aufseher, der den Raum A unter sich hatte, bekam einen kleinen Knipser mit Zählwerk ausgehändigt. Am Ende des Arbeitstags war dieser Knipser auf Mr. Connaughts Schreibtisch zu deponieren. Der Kurator trug die Besucherzahl jedes Tages in einen Ordner ein und verglich sie mit dem Geldbetrag in der Schachtel, auf der ›Eintritt 25 Cents‹ stand. Kinder unter zwölf knipsten wir nicht. An meinem ersten Tag hörte ich, wie mein Onkel ein junges Mädchen ohne Umschweife fragte: »Wie alt bist du denn?« Ihre Mutter sagte: »Das geht Sie gar nichts an«, und schob dann einen Dollarschein in den Schlitz; auch wenn das Mädchen über zwölf gewesen wäre, bedeutete das immer noch eine Spende von 50 Cents.

Raum C beherbergte eine Ausstellung von zwanzig Landschaftsbildern aus der ganzen Welt. Das größte war, schätze ich mal, 45 x 50 Zentimeter groß, ein Gemälde aus Spanien.

Gegen 11.30 Uhr, als im Besucherstrom eine Flaute eintrat, schlenderte mein Onkel wieder zu mir herüber. »Was hältst du von diesen Landschaftsbildern, die du unter Einsatz deines Lebens bewacht hast, DeFoe?« wollte er wissen.

»Es ist wie reisen. Ich bin ja noch nie woanders als in Halifax gewesen, wie du weißt.«

»Dieser Haufen Bäume! Da überkommt mich der Drang, in einen Zug nach Toronto zu springen«, sagte er. »Städte sind mir viel lieber. Mir gefallen Bilder vom Großstadtleben.«

»Also, das da …« Ich deutete auf eine niederländische Landschaft von Jan van Kessel. Ich erinnere mich noch, daß ich dachte, ich würde den Namen sicher gleich falsch aussprechen, versuchte mich aber trotzdem daran. »Das hat Jan van Kessel gemalt. Die Felder und …«

»Das ›J‹ wird nicht wie das ›dsch‹ in ›Jeans‹ ausgesprochen«, verbesserte mich mein Onkel. »Jan beginnt mit demselben Laut wie ›Jahr‹, so sprechen die Holländer das aus. Du mußt deine Fremdsprachenkenntnisse aufpolieren, wenigstens, was die Aussprache betrifft. Solche Grundkenntnisse gehören mit zu den Aufseherpflichten. Den Rest kannst du der kunstsinnigen Delbo überlassen.«

»Schon gut. Na ja, du hast mich gefragt, und bis jetzt fand ich meine Arbeit interessant. Es war kein Hinweis, keine Verwarnung nötig. Und es gibt nur ein, zwei Landschaften, die ich nicht gern in Wirklichkeit sehen würde. Ich würde mich gern genau an dieser Stelle am Fluß hinlegen und ein Nickerchen machen, in dieser japanischen Landschaft da drüben, die wie eine Schriftrolle aussieht.« Ich deutete auf die Wand gegenüber. »Die mit den weißen Vögeln.«

»Diese Vögel sehen aber aus, als könnten sie dich ganz schön verletzen. Ne Art Reiher, glaub ich. Oder japanische Kraniche. Elegant, sicher, aber mit scharfen Fängen, und schau dir mal die Schnäbel an. Ich weiß nicht. In ihrer Nähe würde ich nicht so gern einschlafen.«

»Wenn du mich fragst, sieht der Ort ganz friedlich aus.«

»Aber, aber, DeFoe. Du darfst dich nicht zu stark von den Bildern mitreißen lassen. Schweif nicht ab und träum in den Tag hinein, sondern bleib wachsam, ja? In einer Woche oder so werden wir sicher eine Schulklasse kriegen. Bei denen mußt du echt auf Zack sein.«

»Das japanische Bild ist sehr friedlich, aber ich schlafe bei seinem Anblick trotzdem nicht im Stehen ein, Onkel Edward. Außerdem habe ich heute früh im Hotel zwei Tassen Kaffee getrunken. Ich bin hellwach. Mir entgeht nichts.«

»Willst du als erster Mittag machen? Ich schlage vor, du kaufst dir ein Sandwich beim Stand im Park. Ich finde den Park angenehm und ruhig. Sonst bietet sich natürlich immer noch die Veranda des Lord Nelson an.«

Doch ich hatte mich bereits zur Tür umgedreht, wo gerade eine junge Frau eingetreten war, die sich in ihrer Kleidung erheblich von der durchschnittlichen Museumsbesucherin abhob (nach meiner ganzen Erfahrung des ersten Vormittags jedenfalls): Sie trug eine Latzhose, eine blaue Bluse, einen schwarzen, etwas fadenscheinigen Pulli und Arbeitsschuhe. Ihre roten Haare hatte sie unter eine Art flache Strickmütze gestopft, die fast die Form einer Baskenmütze hatte. Ich muß zugeben, ich starrte sie unverblümt an.

Mein Onkel drehte sich ebenfalls um und folgte meinem Blick. »Ach, die«, sagte er dann. »Ja, sie kommt ab und zu rein. Die Delbo hat mir erzählt, sie ist Gärtnerin im jüdischen Friedhof. Ich persönlich habe noch keine zwei Worte mit ihr gewechselt. Mir ist allerdings aufgefallen, daß sie neulich einen anderen Museumsbesucher hat abblitzen lassen, der sie anquatschen wollte....



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