E-Book, Deutsch, 316 Seiten
Norten DAEDALOS 1994-2002
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-923-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine literarische Reise durch den "Story Reader für Phantastik"
E-Book, Deutsch, 316 Seiten
ISBN: 978-3-95765-923-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Norten, 1957 in Gelsenkirchen geboren, liebt seit jeher den wohligen Schauer, sowohl bei der Lektüre gruseliger Geschichten als auch bei der Untersuchung von Insektendärmen, die sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit erforschte. Letzteres offenbarte das bizarre Leben skurriler Einzeller. Dies brachte ihr nicht nur den Titel, sondern schärfte auch ihre Vorliebe für Kuriositäten. Die Neugier führte sie schließlich auf den Weg zum Wissenschaftsjournalismus. Mehr als zwanzig Jahre lang berichtete sie im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen über die neuesten Errungenschaften in der Forschung. Seit 2010 schreibt sie Kurzgeschichten, die in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlich werden. Unter dem Pseudonym Conni Mainzelmann kam 2015 bei p.machinery das Reisebuch 'Wie ich die Welt sehe' heraus. Außerdem verfasst sie Rezensionen, beteiligt sich an Poetry Slams und Science Slams (erster Platz Oktober 2017 in Berlin) und arbeitet als Herausgeberin. 2013 erschienen das Gesamtwerk des Schriftstellers Hubert Katzmarz, 2017 und 2018 ihre Anthologien 'Das Alien tanzt Kasatschok' und 'Das Alien tanzt Polka', 2018 'Daedalos 1994-2002 - Eine literarische Reise durch den ?Story Reader für Phantastik?', gemeinsam mit Michael Siefener. Mit dem Cartoon 'Mein süßer Parasit' erweist sie dem Protagonisten ihrer Doktorarbeit alle Ehre.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eddie M. Angerhuber: Der Hund mit dem goldenen Haar
Auf Ihr Wohl, Signor Soavi. Wie angenehm sind diese mittäglichen Pausen hier in dem schattigen Café‚ auf dem Platz, wenn die Sonne so heiß brennt wie in den letzten Tagen!
Weil sie gerade diese sonderbaren Morde in der Via Vendetta erwähnen …
Ich erinnere mich an eine Nachbarin, die wir vor Jahren hatten. Ein merkwürdiger Menschenschlag, zurückgezogen, einsam und scheu. Die Jalousien an den Fenstern ihrer verrotteten alten Villa waren immer heruntergezogen, selten sah man sie vor der Tür. Wie alt sie war, wusste niemand genau, aber sie konnte noch nicht sehr alt sein, da man ihre Mutter noch gekannt hatte. Es war eine reiche Familie gewesen, vor langer Zeit, damals noch vor dem Krieg. Aber wie das so ist …
Das Haus, die Villa Tenebra, durften sie behalten. Sie konnten sich zwar keine Dienstboten und keinen Luxus mehr leisten, aber ausziehen wollten sie auch nicht. Zumal die Frauen am Schluss allein waren – der alte Herr ist irgendwann gestorben, wann, das kann ich Ihnen nicht sagen, aber es muss schon gute zwanzig Jahre oder länger zurückliegen.
Ja, ich erinnere mich daran, wie die Frau in tiefschwarzer Trauer herumlief. Seltsamerweise habe ich sie in den folgenden Jahren nie wieder anders als in tiefschwarzer Trauer gesehen. Sie ist wohl nie über seinen Tod hinweggekommen.
Sehen Sie, wie wunderschön die Farbe des Campari ist, wenn man ihn im Gegenlicht dreht. Ist das nicht ein wahrhaft göttliches Rot? Es erinnert an die leichten Weine aus dem Friaul, an die Sonnenuntergänge über dem Meer. Ob die Fischer auch von diesem Rot so gut denken wie wir? Wenn ich den leuchtend rubinfarbenen Campari in dem hohen Glas hin und her schwenke, ist es mir fast, als könnte ich die Schemen der Vergangenheit in der Tiefe, wie durch einen roten Schleier, sehen.
Das Rot leuchtet, es überzieht die Oberflächen und Konturen aller Dinge, badet die ganze Stadt in der Vergangenheit in sein blutiges, lebendiges Glühen. Ich sehe die Wände der Villa Tenebra, ganz in dieses bonbonfarbene Licht gebadet, wie in einem Film vor meinen Augen vorbeiziehen …
Zwei Frauen, trotz der sommerlichen Gluthitze in langen dunklen Kleidern schwitzend, machten sich mühsam an der efeuüberwucherten Außenwand der ehemals noblen Villa zu schaffen. Die ältere der beiden, eine kleine, sehnige Italienerin mit schlaffem und doch drahtigem Gesicht und einem großen grau durchwirkten Haardutt, riss mit ganzer Kraft an den wild wuchernden Ranken, während die jüngere mit einer rostigen Sichel an dem dicken Stamm sägte. Es sah so aus, als ob sie es sich in den Kopf gesetzt hätten, aller offensichtlichen Vergeblichkeit spottend die altersfleckigen Wände freizulegen. Schweiß lief, Tränenströmen gleich, über ihre Wangen und den Hals herunter bis in den Ausschnitt des altmodischen Kleides. Sie klagten nicht, nur die leisen Ächz- und Stöhnlaute ihrer vergeblichen und großen Mühe drangen durch die vor Hitze flirrende Luft.
Ein junger Passant, der zufällig vor dem großen rostigen Gitter vorbeiging, blieb mit in die Hüften gestützten Händen stehen und schüttelte grinsend den Kopf. Sie hörten die abfällige und gewiss nicht sehr schmeichelhafte Bemerkung nicht, die er ihnen durch die Gitterstäbe hindurch zuwarf.
Schließlich ließ sich die jüngere, aller äußeren Wahrscheinlichkeit nach die Tochter der anderen, mit einem resignierten Schnaufen auf den Boden plumpsen.
»Ich kann nicht mehr, Mutter! Es hat keinen Zweck! Wir kriegen den wilden Wein nie ab.«
»Und dies war so ein schönes Haus! Ich kann es nicht ertragen, diesen Verfall tagtäglich mit ansehen zu müssen! Dieses Haus war das schönste und vornehmste in der ganzen Straße. Was sage ich, im ganzen Viertel. Figlia mia, wenn du das noch alles mit eigenen Augen gesehen hättest …«
Die Tochter war noch sehr jung gewesen zu der Zeit, von der die Mutter mit bitterem Tonfall sprach. Die Tage des Prunkes und der Pracht standen nur noch als verschwommene, bonbonfarbene Schemen vor ihrem inneren Auge. Sie erinnerte sich vage an die Klänge einer großen Party; die schlanken weißen Finger der Mutter hatten selbst die Tasten des Klaviers bedient. Das Perlen von Champagner und Prosecco und das Gelächter der leichtsinnigen jungen Damen schwebten in der Luft dieser Vergangenheit wie Vogelgezwitscher, wie die klaren und gläsernen Töne eines Vogels mit kristallenem Gefieder.
»Ich hatte ein schönes Kleid«, sagte die Tochter zögernd, langsam, träumerisch. Ihre sehr tiefe Stimme war nur noch ein leises Hauchen – sie schien in einer Art von Trance gefangen, und die Mutter betrachtete ihr sonnengebräuntes, kräftiges Gesicht mit einer Mischung aus Liebe und Verwunderung. »Ein so schönes Kleid …« Und ihre Finger glitten langsam über ihren rauen, zerschlissenen Ärmel.
Jenes Kleid war weiß gewesen, blütenweiß, wie weißer Schaum auf den Kronen der Wellen. Aufgebauschte Puffärmel bedeckten die kindlichen Schultern, winzige rote Pünktchen tüpfelten den sahnegleichen Schaum des gerüschten Ausschnittes. Die kleinen Füße steckten in glänzend roten Lackschühchen – ein Rot, nicht unähnlich dem von Campari. Die breiten, kühlen, marmorgefliesten Flure der riesigen Villa hallten in perlenden Echos wider von Kindergelächter.
Vater und Mutter standen dort, in einem der hohen, exklusiv eingerichteten Gemächer. Der blassgoldene Sekt vom letzten Jahr funkelte in den Gläsern, mit denen sie einander zuprosteten. Der lange, weiße Schwanenhals der Mutter hob und neigte sich in anmutigen Gesten, wie sie mit ihrem Gatten scherzte; alles in allem ein Bild ungemeiner Friedfertigkeit und äußerster Harmonie.
»Das Kind«, sagte der in einen eleganten dunklen Abendanzug gekleidete Herr. »Meinst du nicht, dass es langsam zu alt ist für solche Kleider?«
»Ach, lass doch, Lieber. Es sieht so zauberhaft und hübsch und unschuldig aus …«
Mit einem erschrockenen Kopfschütteln erwachte die junge Frau aus dem Traum der Vergangenheit. Sie befand sich wieder in der glühenden Sonne des Augustnachmittags; ihre Mutter hatte die vergebliche Arbeit aufgegeben und war schon wieder hineingegangen, um ruhelos die leeren, hohen Gemächer zu durchstreifen, wie sie es jeden Abend tat.
Sie hörte die leisen, kleinen Vogelschritte ihrer Mutter bei Einbruch der Dunkelheit in den lang hingezogenen Gängen, die geschwungenen Steintreppen auf- und abwärts gleiten. Durch das zerbrochene, aber immer noch prächtige Mosaikfenster, das ein buntes Jugendstilmuster zeigte, fielen die letzten Sonnenstrahlen in eigentümlichen Reflexen, die sich in den Fetzen halb heruntergerissener Tapete fingen. Im Garten sangen die Vögel zur Nacht; kristallklar fielen die Töne und schienen auf dem zerstörten Parkett zu klirren wie Tränen aus venezianischem Glas.
Das Jugendbild der Mutter, ein lebensgroßes Vollporträt, zierte den ersten Treppenabsatz direkt über der riesigen, dämmrigen Halle. Das bodenlange bläulich-weiße Kleid auf dem Bild rauschte und sprudelte an ihrer gertenschlanken Figur herab wie ein eisiger und anonymer Wasserfall, dem kalten und abweisenden Ausdruck des schönen Gesichtes gleichend, das mit Stolz in den Nacken geworfener Bewegung auf den Bewunderer herabblickte.
Die jungen, sonnengebräunten Finger der Tochter fuhren zärtlich über die Pinselstriche und Farbwülste am Fuß des Gemäldes. Sie wusste, dass sie der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, die strahlende Jugend repräsentierte, die jene verloren hatte und in ihrer charakteristischen zynischen Art bitter betrauerte. Wenn sie zusammen zu Abend aßen, hatte Mutter selten ein freundliches Wort für sie übrig. Der große Verlust ihres Lebens hatte sie hart gemacht, sodass sie weder sich selbst noch jemand anderem gegenüber jemals eine weiche Geste zeigte.
»Wir haben kein Geld«, sagte sie oft. »Wenn wir doch nur nicht all unser Geld verloren hätten! Oder, wenn ich doch wüsste, ob er noch irgendwo etwas davon versteckt hat!«
Er, das war Vater. Die schemenhafte, unbekannte, hochgewachsene Gestalt in dem eleganten Abendanzug aus dem Traum der Vergangenheit. Wohin war er gegangen? Mutter wusste es. Obwohl sie nicht davon sprach, wusste auch die Tochter, dass Vater längst gestorben war.
Aber wann – oder wie, daran konnte sie sich nicht erinnern.
Im Haus gegenüber wohnte Signor Freddo. Jeden Morgen sah sie ihn mit seinem kleinen, rötlich-blonden Pekinesen einen Spaziergang machen. Es waren natürlich keine langen Spaziergänge, dazu war der Hund schon zu alt – ebenso wie sein Herr, der sicherlich auch schon bessere Tage gesehen hatte. Aber Signor Freddo trug sich mit einer unnachahmlichen Würde, die sie nur an ihm bewundern konnte. Er war groß und hatte immer noch eine schöne Figur, was sie stets und vielleicht unbewusst an das Traumbild ihres Vaters erinnerte. Er trug stets dunkle, gepflegte Anzüge, auch in der größten Sommerhitze, wenn sein fein ziseliertes Gesicht von einem großen breitkrempigen Hut beschattet war. Dieses Gesicht faszinierte das Mädchen, hatte sie immer fasziniert, solange sie Signor Freddo kannte. Obwohl das Alter unauslöschliche Spuren darin hinterlassen hatte, war es...




