E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Norten DAS ALIEN TANZT IM SCHLARAFFENLAND
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95765-829-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schmackhafte SF und Fantastik aus einem hungrigen Universum
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-95765-829-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Norten, 1957 in Gelsenkirchen geboren, wollte mit der D2-Mission in den Weltraum starten. Da die Stelle leider anderweitig vergeben wurde, widmete sie sich ihrer Doktorarbeit, bei der sie skurrile Einzeller mit einem bizarren Liebesleben in Käferdärmen beobachtete. Dies brachte ihr nicht nur den Titel, sondern schärfte ihre Vorliebe für Kuriositäten. Die Neugier führte sie schließlich auf den Weg der Wissenschaftsjournalistin. Über zwanzig Jahre berichtete sie im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen über die neuesten Errungenschaften in der Forschung. Seit 2010 lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf - in Kurzgeschichten und unter dem Pseudonym Conni Mainzelmann in einem Reisebuch. Als Witwe von Hubert Katzmarz betreut sie dessen literarischen Nachlass und fühlt sich der Fantastik, dem Horror und der Science-Fiction besonders verbunden. Ellen Norten arbeitet auch als Herausgeberin, Rezensentin, malt Cartoons über ihren 'süßen Parasiten' und tritt bei Slams auf.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
»Britannien, frohlocke, du nennst ihn dein Eigen,
vor dem Europas Bühnen sich verneigen.
Nicht einer Zeit gehört er, sondern allen Zeiten!«
Ben Jonson, 1623
Als Will in der Tür des Rusty Outpost erschien und die gut gefüllte Bar mit einem unverbindlich freundlichen Blick, aber unverkennbar wachen Auges auf einen freien Platz durchmusterte, wusste ich sofort, dass mir dieser Abend lange im Gedächtnis bleiben würde.
Celeste hatte mir gerade in ihrer unvergleichlichen Art mein zweites Bier derart unwirsch auf den Tisch gestellt, dass die Blume, weiß wie die Supernova eines Blauen Riesen, quer über den Tisch spritzte und mich, ohne dass ich den Krug hätte heben müssen, vom würzigen Hausbräu kosten ließ.
»Wahrscheinlich stimmt ihr Umsatz heute nicht«, dachte ich bei mir, und meine zwei Bier in einer knappen Stunde würden ihre Kasse wahrlich auch nicht heller klingeln lassen. Zumal der Ausschank schnöden Gerstensafts ja nicht wirklich ihr Job war und sie nur einspringen musste, weil die zickigen autonomen Bierbrunnen gerade mal wieder gehackt worden waren und alle am Tisch vom OO’Klaak festhingen, um ihm über seine fünf rosa Rüssel eine ekstatische Bierdusche zu verabreichen.
Aber ich kannte Celeste. Jedes Mal, wenn ich in einem der äußeren Spiralarme im dritten Quadranten Fracht auslieferte, besuchte ich das Rusty und verarztete meine seelischen Wunden mit jener speziellen, hier exklusiv zur Verfügung stehenden alkoholischen Lösung, wobei ich stets darauf achtete, einen Tisch in Celestes Zuständigkeitsbereich zu ergattern. So abweisend sie von außen auch wirkte – sie war eine gute Haut und hatte das Herz am rechten Fleck. Wobei das so nicht ganz stimmte. Ihre Haut war ein schillerndes Federkleid und als ekkulanische Halbriesin brauchte ihr Körper zwei Herzen: eines am rechten Fleck und ein zweites, das mobil zur Unterstützung immer in diejenige Körperregion wanderte, die erhöhten Bedarf an Vitalgasen und Nährstoffen hatte. Das wussten die wenigsten der vielgestaltigen Erscheinungen im Rusty Outpost – und interessierte sie letztlich auch wenig. Wichtig war für sie nur, dass Celeste und ihre Schwester Kaitleen sie nie lange auf den nächsten Drink warten ließen. Und genau dafür hatte Big Boss Barbosa die beiden Nestschwestern eingekauft. Denn mit ihren drei so anmutigen wie kräftigen Armen kredenzten sie hochbeinig die Gläser, Krüge und all die anderen, vielgestaltigen Trinkgefäße der galaktischen Kundschaft derart emsig und prompt, dass selbst Rocco, der flinke BartenderTresenMech (BTMT) mit dem Ausschank kaum hinterherkam.
Wobei Big Boss Barbosa – Big B, wie er sich nennen ließ – den Umsatz förderlichen Liebreiz Kaitleens gerne mitgenommen hat und auf die spröde Unnahbarkeit Celestes hätte ebenso verzichten können.
So verdrossen mich Celeste an meinem Platz unter dem Gemächt eines basarkanischen Wolfsebers an der Wand auch bedient hatte – als sie sich dem nächsten Tisch zuwandte, streifte ganz zufällig einer ihrer drei gefiederten Handrücken für einen elektrisierenden Augenblick meinen Arm.
Ich mag Celeste, sehr sogar, aber ich weiß natürlich auch, dass ich mir da definitiv keine Hoffnungen zu machen brauchte …
Das war der Moment, als Will in der Tür des Rusty erschien – und das buchstäblich. Im gedämpften Licht sah ich, vorbei am verspiegelten Tresen mit den köstlichsten und exklusivsten Substanzen des hinteren Dreiviertelarms der Galaxis ein eigentümliches Flimmern an der schweren, Quanten-KI-überwachten Tür, das sich schnell in die Gestalt eines hochgewachsenen Humanoiden mit hoher Stirn und gepflegtem Bart klärte. Dass diese dramatische Form des Eintritts weder Sanktionen der Türwächter-KI nach sich zog, noch sonderlich viele erstaunte Blicke, ließ darauf schließen, dass eben ein Stammgast das Etablissement betreten hatte.
Dessen Suche nach einem freien Platz in der zu dieser Zeit brechend vollen Bar – überall auf den 3-D-Kuben flimmerte die Übertragung der StarSurfer-Meisterschaften – fand mit einem Blick auf den freien Stuhl an meinem Tisch sein Ende. Mit lässiger Gewandtheit schlüpfte er durch die eng stehenden, sitzenden und schwebenden Wesenheiten mit unterschiedlich fortgeschrittenem Füllstand bewusstseinsverändernder Stimulanzien und steuerte in Richtung Wolfseber.
»Einen guten Abend.« Er verbeugte sich leicht. »Ich bin Will Shakespeare, ist hier noch ein Plätzchen frei für einen durstigen Bänkelsänger?«
»Mein Name ist Cal. Ich bin Eigentümer eines Kauffahrteischiffs und einer der letzten unabhängigen Transportunternehmer im intragalaktischen Speditionsgeschäft im Umkreis von zwanzig Parsec. Klingt wildromantisch, aber glaube mir: Es ist ein harter, einsamer und gefährlicher Job! Segelst mit deinem Schiff monatelang allein zwischen den kalt leuchtenden Sternen, dein Kopf und deine Geldkatze immer im Fadenkreuz von Gaunern und Piraten, die in beide ein Loch stanzen wollen, aber nur am Inhalt der Letzteren interessiert sind. Und nach zehn Jahren ist deine Haut von der Strahlung so durchlöchert, dass du aufhörst, einen Schatten zu werfen. Da wirst du seltsam und weißt irgendwann nicht mehr, ob du dringend menschliche Gesellschaft brauchst oder sie nur im Vakuum treibend außerhalb der Luftschleuse erträgst.«
Als ich Will an jenem Abend im Rusty Outpost kennenlernte, lag ich mit meiner schon etwas in die Jahre gekommenen LX-3001er SpaceCaravelle in den Raumdocks von Landmark Station vor Anker und hatte meine Fracht noch nicht gelöscht. Es war etwas Spezielles, sehr Spezielles, dass ich anderntags Big B anbieten wollte und von dem ich mir einen erklecklichen Gewinn erhoffte. Einen Betrag, der es mir gestatten sollte, mich auf irgendeiner abgelegenen, blaugrünen Planetenkugel zur Ruhe zu setzen.
Ich wusste also nicht, ob ich mich über die Gelegenheit für ein paar Takte – möglicherweise sogar anregender – Konversation freuen sollte oder ob ich nicht lieber allein die letzten dreiundvierzig Lichtjahre Sternenstaub einfach hinunterspülen und mich langsam, aber ohne Umwege Krug um Krug ins Nirwana trinken wollte.
»Klar«, sagte ich, »nimm reichlich Platz, der Stuhl gehört ja nicht mir!«
Noch bevor Will seinen humanoiden Flacharsch auf die Sitzfläche schieben konnte, stand auch schon ein Kelch Wild Red No 42 vor ihm, jener exklusive Haustrunk, dessen funkelnder roter Schimmer den Wolfseber hinter mir zu unheimlichem Leben erweckte. Und nicht nur das. Auch vor mir erschien das legendäre Derivat, just an dem Platz, an dem noch vor ein paar Augenblicken der standesgemäße Krug mit dem schal werdenden Bier gestanden hatte.
»Danke, Celeste!« Will schnipste ihr ein paar glänzende Florin zu, die sie geschickt mit der einen Hand auffing, während die beiden anderen geübt das Seitenfach ihrer Börse öffneten, um das Trinkgeld darin zu verstauen. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, wandte sie sich um und verschwand in der Menge. »Dachte mir, ich bringe ein Gastgeschenk mit.« Er lachte, hob den Kelch und nickte mir aufmunternd zu. »Ein jedes Ding hat seine Zeit!«
Das war nun keiner von den Trinksprüchen, die ich in den Bars und Kneipen von vielleicht fünfzig Sternsystemen gehört hatte, aber warum nicht. »Prosit Will, ich bin Cal, und danke für den Drink«!
Wir nahmen beide einen tiefen Zug aus den Kristallpokalen, ließen das einzigartige Destillat genussvoll über die Zunge gleiten und versanken in jenes beredte Schweigen, in das humanoide Y-Chromosomen-Träger verfallen, die einander zwar noch unbekannt sind, sich aber nach einer unauffälligen Musterung fürs Erste einen gewissen Vertrauensvorschuss geben und in der sich dann ausbreitenden Stille wortlos des gegenseitigen Verständnisses und grundsätzlichen Wohlwollens versichern. Wir tranken noch einen Schluck, dann war das Wichtigste geklärt und die Konversation konnte beginnen.
»Was treibt dich her, Cal? Ich habe dich hier im Rusty noch nicht gesehen! Aber gut, Landmark Station ist eine große Raumstation und hat viele versteckte Ecken. Da kann man sich Jahre aus dem Weg gehen, auch ganz ohne Absicht.«
»Geschäfte, Will, Geschäfte. Ich komme gerade aus dem Kratylos-System. Musste über den Celon-Cluster, weil die B761-Route durch den verdammten Krieg immer noch zu ist.«
»Wirklich? Ich war vor drei, vier Jahren dort und dachte, der Bürgerkrieg sei vorbei? Der Robotregent hat doch die Republikaner vor Nitar besiegt, seine Truppen gesammelt, die Systemgrenze überschritten und erfolgreich eine Stahldiktatur errichtet.«
»Stimmt schon, Will, stimmt schon, aber seine eigenen Roboiden haben ihn mit dreiundzwanzig Löschbefehlen formatiert. Und dann ging’s wieder los …! Aber wie!«
Erneut Schweigen, ins Glas starren, trinken.
»Und du, Will, du bist hier öfters, oder?«
Wie zur Bestätigung brauchte es nur ein angedeutetes Winken von ihm und die nächste Runde Wild Red kam an den Tisch. Diesmal sah mich Celeste direkt an, mit etwas in den Augen, das man, wenn man es nicht besser wüsste, als Wärme hätte bezeichnen können.
»Ja, Sternenfahrer Cal, das kann man wohl sagen.« Wieder ein Lachen, das sich anhörte, als würde der Schrottbot am Dock seinen Sammelbehälter leeren.
»Das hier ist, wenn man so will, in den letzten acht Jahren eine Art Wohnzimmer für mich geworden. Warum auch nicht? Ich habe hier einen Tresen voll mit erstklassigen Spirituosen und anderen erlesenen Stoffen, ein dankbares Publikum, und all die Erinnerungen und Erzählungen...




