Norten | Das Alien tanzt Kasatschok | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Norten Das Alien tanzt Kasatschok

SF und Fantastik aus einem heiteren Universum
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95765-961-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

SF und Fantastik aus einem heiteren Universum

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-95765-961-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weltuntergangsszenarien gibt es in der Science-Fiction zuhauf, Prognosen für eine dunkle Zukunft liefert schon die Gegenwart. Fantastische Literatur behandelt eher ernste Themen, Horror ist per se grausam. 'Das Alien tanzt Kasatschok' präsentiert das Gegenteil. Die Geschichten sind lustig, heiter bis komisch, skurril, obskur oder absurd. Die Schale mit Weltraumtrüffeln hatte sich in eine Schale bräunlicher Däumlinge mit Greifärmchen, flossenartigen Beinchen und drolligen Stielaugen verwandelt.(...) Die Weltraumtrüffel, ihre Weltraumtrüffel waren intelligente Lebewesen. 'Es ist nur Kannibalismus, wenn es sich um die eigene Spezies handelt, oder', fragte der Captain leise in die Stille hinein. (Marion Jaggi)

Ellen Norten, geboren 1957 in Gelsenkirchen, wollte mit der D2-Mission in den Weltraum starten. Da die Stelle leider anderweitig vergeben wurde, widmete sie sich ihrer Doktorarbeit, bei der sie skurrile Einzeller mit einem bizarren Liebesleben in Käferdärmen beobachtete. Dies brachte ihr nicht nur den Titel, sondern schärfte ihre Vorliebe für Kuriositäten. Die Neugier führte sie schließlich auf den Weg zur Wissenschaftsjournalistin. Über zwanzig Jahre berichtete sie im öffentlichrechtlichen Radio und Fernsehen über die neuesten Errungenschaften in der Forschung. Seit 2010 lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf - in Kurzgeschichten und unter dem Pseudonym Conni Mainzelmann in einem Reisebuch. Als Witwe von Hubert Katzmarz betreut sie dessen literarischen Nachlass und fühlt sich der Fantastik, dem Horror und der Science-Fiction besonders verbunden. Ellen Norten arbeitet auch als Herausgeberin und Rezensentin.
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Joachim Pack: Die Loreley und der Zigeuner


Arpad Banatescu stand auf der Brücke und hielt den Knüppel fest in der Hand. Während sich die Mannschaft wie immer tief im Rumpf des Schiffes um den Verstand soff, hielt Arpad wie immer die Hundewache am Steuer.

»Was wird das Gemüt mir so träge,

erst drei Glasen, ach, drei Schläge,«

seufzte Arpad,

»und hundert noch bis Peenemünde,

wo schlafen ich mich legen künnte!«

Dem rumänischen Hilfswahrschauer und Kapitän vom Dienst wurde es nun allerdings ein wenig bang ums Herz. Zu gerne hätte er sich jetzt einen auf seiner Fiedel gegeigt, um die Angst zu verscheuchen, denn gleich musste er an der Loreley vorbeischiffen …

Er riss sich zusammen und machte sich ein paar warme Gedanken durch die Erinnerung an seine Heimat Albanien, wo er mit seiner Sippe eine malerische Müllhalde nahe Skodra bewohnte. Nie hätte er diesen Ort voll Freude und fließendem Wasser verlassen, wenn seine Schwester ihm nicht eines Tages gestanden hätte:

»Schwindsüchtig lieg ich darnieder,

hab das weiße Laken immer wieder

vollgespuckt von rotem Blut.

Oh Bruder, mir ist’s nicht gut!«

Und Arpad – ach er sah’s. Es wollte ihm schier das Herz zuziehen beim Anblick von solch einem Häufchen Elend.

Eines Tages jedoch war ein Hoffnungsschimmer in seine vergrämte Welt gefallen. Da nämlich hatte er über die geklaute Satellitenanlage jenen wunderbaren Ort gesehen, an dem Sieche wieder leben lernten, Lahme wieder gehen, Tote wieder lachen konnten und Krankenschwestern die größten Affen heirateten: Es war »Tierärztin Dr. Mertens« gewesen.

Und in seinem großen Herzen reifte ein Entschluss:

»Diesen Ort der Trauer woll’n wir flieh’n

Und ins ferne Deutschland zieh’n.

Dich zu retten, oh mein Sonnenschein,

soll meine größte Prüfung sein.«

Also hatte er seinen Caravan hinter den Benz gespannt und war gen Stuttgart gefahren, wo er damals seinen treuen, PS-starken Freund direkt vom Fließband geklaut hatte. Als er jedoch im Leipziger Zoo angekommen war, warf die gütig lächelnde Doktor Mertens nur einen Blick auf die kranke Schwester und erklärte ihm geduldig: »Du nix Geld? Du nix Krankenschein? Dann du müssen arbeiten!«

»Ach weh! Für dich, mein Augenschein,

da will ich’s gerne leiden, Schwesterlein!«,

opferte er sich selbstlos.

Sicherlich war geregelte Arbeit seine Sache nicht, war Arpad doch ein Zigeuner und verstand sich eher auf Kinderdiebstahl und das Verhexen von Vieh. Aber in seiner behaarten Brust glühte ein Herz für seine Schwester, für deren Genesung er sogar im Land der Stechuhren und der unbestechlichen Beamten arbeiten würde.

»Doch steht das Herz zum Wandern mir:

Zum Binnenschiffer will ich mich wandeln hier!«,

nahm er sich vor und heuerte am Bodensee auf dem Zehn-Megawatt-Schubschiff »Dritter Oktober« an, das der Reeder aus Steuergründen unter liberianischer Flagge fahren ließ. Sein geliebtes Schwesterlein hatte er auf dem Dresdener Theaterplatz abgesetzt, wo sie sich, eingehüllt in mehrere Decken, ein Zubrot durch Handlesen erbetteln konnte.

Arpad und seine Mannschaft sollten derweil die traditionelle Rheinroute vom Bodensee über Passau, Bamberg (die malerische Rheinschleife bei Bamberg!), Frankfurt nach Peenemünde befahren.

In Lores Kristallschloss im Inneren des Loreleyfelsens materialisierten sich sieben Rheingeister und sangen: »Erwache, holde Lore, ein Schifflein naht mit Brausen. Und ‘s ist unwürdig’ Leben drauf!«

Lore drehte sich in ihrem Kristallbett auf die andere Seite und schlief weiter.

»Erwache, holde Lore«, säuselte es erneut ätherisch durch die Kristallräume, »ein Schifflein naht mit Brausen. Und ‘s ist unwürdig’ Leben drauf!«

Lore schlief weiter.

»Lore, verdammte Schlampe, hoffentlich hast du deinen Hintern bald aus dem Bett gehievt. Es gibt Arbeit!«, donnerte Woglinde.

Lore öffnete die vom Suff verquollenen Augen und blinzelte die sieben an. Dann setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes und schnäuzte ins Kopfkissen.

»Das ist doch keine Arbeitsmoral, was du hier an den Tag legst! Na warte, das gibt noch Ärger!«, belferten die Rheingeister. Und schneller noch als Lore sagen konnte: »Hat mal jemand ‘ne Alka-Seltzer?«, waren die sieben auch schon wieder verschwunden. Na ja, sie wusste, was zu tun war.

Nahe dem Fichtelgebirge war es dann so weit. Arpad gefror das Blut in den Adern, als er im fahlen Mondlicht die Gestalt auf dem hohen Felsen erblickte: den Kopf kahl rasiert, Bomberjacke, Bundeswehrhose mit zwei verdächtigen Beulen an der Seite. Die Kettensäge in der Rechten, stand sie da und blinzelte zu ihm herüber.

»Oh weh, oh wei,

die Loreley!«,

entfuhr es Arpad unwillkürlich, während er sich nervös den Schnurrbart in die Breite zwirbelte. Plötzlich war die Gestalt verschwunden. Arpad gab Alarm. »Wat iss denn?«, tönte es lallend aus dem Sprechrohr.

»Loreley-Alarm!«, meldete Arpad und sah mit einem Mal die Gestalt im Wasser, die wie ein Torpedo auf den Bug des Schiffes zuraste. Im nächsten Moment sprang sie an Bord.

Aus den Tiefen der »Dritter Oktober« kamen ein paar schwarze Gestalten heraufgetorkelt. Lore griff in die rechte Tasche ihrer Cargohose, fischte eine Flasche Bier heraus, biss den Kronkorken ab und nahm ein paar kräftige Schlucke.

»Okay, und nun zu euch, ihr Nigger!«, rülpste sie, steckte die Flasche zurück und warf die Kettensäge an.

»Wie, Neescher? Isch bin aus Saggsen …«, konnte der zweite Maat gerade noch herausbringen, bevor es ihn ziemlich arg zerlegte.

»Mir sin doch nur schwatt von dämme Ruß, Määdsche!«, erklärte Scheng in seiner jovialen Art. Aber Arpad wusste, dass es zu spät war. Er hörte, wie die Furie durch das Schiff fegte und die Kettensäge bald Luv, bald Lee heulte und schließlich in den Rumpf des Schiffes getrieben wurde.

Arpad schluckte.

»Nun ist sie groß, die Not!

Verlassen sollte ich das Unglücksboot,

und schwimmend mein Heil

zu suchen ich eil’.«

Doch bevor der versteinerte Zigeuner sich bewegen konnte, krachte die Decke auf und Lore stand vor ihm. Sie blinzelte ihn an.

Gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen blinzelte Arpad zurück. Lore warf die Kettensäge in die Ecke, griff in ihre rechte Tasche und holte einen Molli heraus. Sie nahm einen kräftigen Schluck, steckte ihn zurück, holte die Bierflasche heraus, verkorkte sie mit einem Tuch, zündete es an und schleuderte die Flasche an die hintere Wand der Brücke.

Nichts passierte.

»Was zum Teufel …?«, entfuhr es Lore.

»Nach Bier,

scheint’s mir,

riecht’s hier«,

stammelte Arpad.

»Stimmt!« gab Lore zu. »Und das bedeutet, dass ich grade Benzin gesoffen habe.« Sagte es und kippte auf der Stelle um.

Das Schiff sank. Arpad hörte, wie es unter ihm beunruhigend gurgelte und rauschte. Die »Dritter Oktober« begann, sich langsam zu drehen.

Arpad beugte sich über die am Boden liegende Gestalt. Was faszinierte ihn so an ihr? War es die süße rote Nase? Die sexy Tätowierungen auf den muskulösen Oberarmen? Die kessen Zahnlücken? Die zierlichen Füßchen, die in den Springerstiefeln Größe 44 ruhten? Der verwirrend sinnliche Duft von Benzin aus ihrem Mund?

Kurz entschlossen warf er die junge Frau über die Schulter, ließ das Rettungsboot zu Wasser und ruderte an Land. Am Fuß des Felsens warf er seine Last von sich.

»Was rettest du die Metze, die eben

noch den Tod dir wollte geben?

Statt das Unheil noch zu mehren

Solltest’ ihr den Rücken kehren!«,

schlug Arpads Selbsterhaltungstrieb vor. Doch er verscheuchte die Zweifel, schließlich war er Zigeuner und kein Deutscher, die zwar sehr gute Krankenhäuser hatten, aber auch alles dafür taten, die Menschen hineinzubringen. Und so stellte er sich auf Lores Bauch und brachte sie zum Erbrechen. Und noch während der anschließenden Mund-zu-Mund-Beatmung schlug die still Daliegende die Augen auf.

»Verdammter Asylant!«, spuckte sie aus und wollte soeben nach ihrer magischen Kettensäge greifen.

»Am Grund ist sie, wasserumschlungen,

wie der Hort der Nibelungen.«

»Scheiße!«, fluchte Lore, stand auf und trat ihm in die Eier.

»Was für ein Rasseweib!«, dachte Arpad, während er sie würgte.

»Was für ein Vollblutzigeuner!«, durchfuhr es Lore, während sie ihm den Totschläger über den Schädel zog.

Dann überkam beide der Sturm der Leidenschaft,...



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