Norten | DER LANGE MARSCH DER WOLKENKRATZER | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Norten DER LANGE MARSCH DER WOLKENKRATZER

Science-Fiction- und fantastische Geschichten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95765-689-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Science-Fiction- und fantastische Geschichten

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-95765-689-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der Nacht der Wolkenkratzer beschließen die Hochhäuser Chicagos eine Wanderung nach New York. Dort wollen sie mit den angestammten Berühmtheiten, wie dem Empire State Building in Konkurrenz treten. Doch die Halbinsel Manhattan ist zu klein und die Gebäude nehmen sich gegenseitig die Optik, drohen umzustürzen ... »Der lange Marsch der Wolkenkratzer« ist die titelgebende Geschichte dieses Sammelbandes mit fantastischen Geschichten und Science-Fiction, die die Leser aus ihrem sicheren Alltag auf unsicheres Eis führen, bis die Realität hinter ihnen bleibt. Eine seltsame Vogelinvasion bedroht einen kleinen Ort an der Ostsee. »Hinter den Fensterscheiben flogen ununterbrochen Störche hin und her und einige landeten auf den Fensterbänken des Rathauses. Dann löste sich ein Tier aus der Masse und schoss pfeilspitz auf den Kommissar zu. Ein scharfer Schmerz drang in seine Brust. ?Storchenmord? war das letzte, was ihm durch den Kopf ging« (aus »Storchenfest«).

Ellen Norten, geboren 1957 in Gelsenkirchen, ist promovierte Biologin. Als freie Wissenschaftsjournalistin arbeitete sie zunächst bei verschiedenen Hörfunksendern, danach folgte eine mehrjährige Tätigkeit bei der Fernsehsendung »Hobbythek«, auch vor der Kamera. In dieser Zeit entstanden ein Dutzend Sachbücher und Ratgeber. Seit 2010 tourt sie zusammen mit ihrem Mann mit dem Wohnmobil durch die Welt und beschreibt ihre Reiseerlebnisse in dem ungewöhnlichen Reisebuch »Conni Mainzelmann - wie ich die Welt sehe«. Sie rezensiert und schreibt Kurzgeschichten und Gedichte, die in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlich werden. Außerdem beteiligt sie sich an Science-Slams. Passend dazu zeichnete und textete sie ihr Buch »Mein süßer Parasit«. 2023 kam ihr Debütroman »Jamila tanzt« heraus, in dem der Orient aus 1001 Nacht mit fantastischen Abenteuern spannend und geheimnisvoll verbunden ist. Als Witwe von Hubert Katzmarz, der ebenfalls aus Gelsenkirchen stammt, betreut sie dessen literarischen Nachlass, der 2022 von ihr als Gesamtwerk veröffentlicht wurde. Sie fühlt sich der Fantastik, dem Horror und der Science-Fiction besonders verbunden. Seit 2022 ist sie mit Michael Siefener und Andreas Fieberg Mitherausgeberin des fantastischen Storyreaders »daedalos«. 2024 trat sie erstmals mit Grafiken, Malerei und Objekten in ihrer Ausstellung »Grenzenlos« in Schköna an die Öffentlichkeit.
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Zeitenwende


»Und wenn dir was passiert?« Undines Blick ruhte auf Daniels Gesicht und ihre Augen wirkten stumpf vor Traurigkeit. Daniel legte seine Hände um die ihren, umschloss sie wie ein Blütenkelch und drückte sie ganz sachte.

»Es kann immer etwas passieren, aber ich bin zuversichtlich. Seit Jahren hat es in der Raumfahrt keinen schweren Unfall mehr gegeben.«

Undine nickte kaum merklich, wobei sich ihre dunklen Augen leicht verengten. Ihr schmales Gesicht wirkte, als wenn es zerfließen könnte.

›Nur keine Tränen, das würde ich jetzt nicht aushalten‹, dachte Daniel. Seit zwei Jahren waren sie zusammen und die Trennung fiel ihm schwer.

»Es ist doch nur für ein Jahr«, sagte er, mehr um sich selbst zu beruhigen. »Wenn ich von der Reise heimkehre, habe ich einen festen Job, bekomme eine dicke Prämie, und wir können heiraten, eine Familie gründen und müssen nicht wie viele unserer Freunde von der Hand in den Mund leben.«

»Du hast ja recht, es ist vernünftig, zu fliegen, und verunglücken kannst du überall. Aber mein Herz will dich einfach nicht fortlassen. Ein Jahr ist lang. Ein Kind benötigt weniger Zeit, um auf die Welt zu kommen.« Daniel stutzte.

»Wie soll ich das denn verstehen? Habe ich da etwas nicht mitbekommen?«

Undine schüttelte den Kopf und musste endlich lächeln.

»Nein, bisher noch nicht, aber wir können es ja drauf anlegen.«

Daniel schloss sie in die Arme. »Meinst du das ernst?«

»Es wäre, ja es wäre eine andere Art der Verbindung, als es uns die Weltraumtelefone ermöglichen würden.«

Daniel zog Undine an sich und umarmte sie mit einer Leidenschaft, die er bisher so noch nicht gespürt hatte.

Am nächsten Morgen machte er sich mit gemischten Gefühlen auf den Weg zum Weltraumbahnhof. Ein großes Abenteuer lag vor ihm und die erste Station würde die Mondbasis sein. Von dort aus sollte es dann weiter ins All, Richtung Mars, gehen. Mit den technischen Daten hatte er sich nur wenig beschäftigt. Als Psychologe sollte er die Mannschaft während der einjährigen Mission betreuen. Die bestand aus gut sechzig Personen, die zumeist aus europäischen Ländern stammten. Jeder brachte seine eigene Geschichte mit, jeder hatte einen eigenen Hintergrund und Daniel freute sich über seine Aufgabe und die feste Anstellung als Bordpsychologe.

Daniel schaute auf. Antonio waren, wie so oft, die Augen zugefallen. Er gab ein leises Schnarchen von sich und hielt die Schachfigur in der Hand. Die beiden saßen im Kasino des Raumschiffs Utopia.

Klack, Antonio fiel die Schachfigur aus der Hand, er schreckte auf und sah Daniel verdutzt an.

»Nichts verpasst, wir fliegen und haben Zeit.«

»Du Scherzbold, immer die gleichen blöden Sprüche. Wenn ich könnte, würde ich ja mit jemand anderem spielen, aber ich bin auf dich angewiesen.« Er griff den Bauern und warf ihn Daniel an den Kopf.

»Wirst du jetzt im vorgerückten Alter noch gewalttätig?«

»Au ja, eine richtig schöne Schlägerei, das wäre doch was.«

»Dann bekäme Elena endlich mal was anderes zu tun.«

Elena, die Bordärztin, widmete sich zunehmend den Altersleiden, denn selbst die Jüngsten an Bord zählten inzwischen weit mehr als achtzig Jahre. Die Vorstellung, wie Elena eine durch eine Schlägerei verursachte Platzwunde verarztete, brachte Daniel zum Grinsen.

»Na, und da würde ihr endlich mal keiner unter den Fingern wegsterben, wir hatten in der letzten Woche zwei Todesfälle. Irgendwann sitzen wir hier alleine rum.« Antonio sagte dies mit einem schiefen Grinsen im Gesicht und zwinkerte seinem Gegenüber unter den schmalen weißen Augenbrauen zu. Der Sizilianer zeigte immer noch den gleichen spitzbubenhaften Ausdruck wie bei ihrer ersten Begegnung. Bald darauf waren die beiden Freunde geworden.

»Bis dass der Tod uns scheidet.« Antonio zog seine Wangen ein, die nun wie eingefallen sein Gesicht entstellten. Daniel schüttelte den Kopf.

»Streng dich an, keine Krankheiten vorschützen, bald können wir unser goldenes Bordjubiläum übertrumpfen. Fünfundfünfzig Jahre Raumschiff Utopia, fünfundfünfzig Jahre Langeweile, damit haben wir Star Trek mit Captain Janeway um Längen überboten.«

»Und fünfundfünzig Jahre Schach mit dir. Wie ein altes Ehepaar«, führte Antonio gelangweilt an.

»Ich weiß nicht, vielleicht gibt es ja irgendwann doch noch ein anderes Ende für uns. Ich denke in letzter Zeit wieder öfter an zu Hause. Wenn wir in diese blöde Zeitspalte gefallen sind, dann müsste es den Weg doch umgekehrt auch geben. Ich meine manchmal, wir werden die Erde doch noch wiedersehen – unsere Erde, die für uns wahre und nicht irgendeine dieser dösigen Parallelwelten.«

Daniel redete sich richtig in Rage. Sein Gesicht wurde rot, soweit man dies unter seinem weißen Vollbart und den immer noch üppigen weißen halblangen Haaren sehen konnte. Tatsächlich gaben es die meisten Männer an Bord irgendwann auf, sich zu rasieren. Eitelkeit und bei einigen auch die Körperpflege waren während der schier endlosen Odyssee auf der Strecke geblieben. Zu Letzteren zählten Daniel und Antonio jedoch nicht. Beide verkörperten gut gepflegte und um Jugendlichkeit bemühte Männer, die ihr Alter jedoch nicht verstecken konnten.

»Dein Enthusiasmus in Ehren. Erstens glaube ich nicht daran, dass das geschehen kann und zweitens – was willst du dort, auch auf der Erde werden die meisten Menschen, die du kennst, inzwischen tot sein.«

Antonio strich über seinen Bart, der längst nicht so üppig spross wie der von Daniel, dafür aber mit seinen fein geschwungenen Augenbrauen hervorragend korrespondierte.

»Ich dachte an Undine«, sagte Daniel nun sehr ernst. »Ob sie in der Nacht damals schwanger geworden ist? Sie hatte den Schwangerschaftstest ein wenig hinausgezögert, wir wollten die Ungewissheit noch etwas auskosten, aber dann kam die Funkstille.« Daniel blies die Luft aus, als hätte er zuvor den Rauch einer unsichtbaren Zigarette inhaliert. Seit dem Vorfall, wie die Besatzung den mysteriösen Fall in die Zeitspalte nannte, irrte das Raumschiff durchs Weltall. Immer wieder wurden Pläne erstellt, wie man zur Erde zurückkehren könnte, aber die richtige Orientierung gelang nicht. Schlagworte wie »Raum-Zeit-Kontinuum«, »Schwarzes Loch«, »Wurmloch« und »Paralleluniversum« hatten damals die Runde gemacht. Alle – oder zumindest die Navigatoren und anderen Experten, alle, von denen man erwarten konnte, dass sie sich auskannten – hatten lediglich die Flöhe husten gehört, aber keine ihrer Theorien konnte das Phänomen erklären. Sie wussten schlichtweg nicht, wo sie waren.

»Weißt du noch, wie wir die Erde auf einmal gesehen haben? Wir konnten es nicht glauben, denn die Umgebung stimmte nicht, die Koordinaten und sonst noch alles. Und trotzdem haben wir uns an die Hoffnung geklammert, haben geglaubt, wir wären daheim. Das war wohl die größte Enttäuschung auf unserer langen Reise.« Antonios Gesicht wurde nun auch ernst.

»Aber auch die Aufregendste. Wer kann schon von sich behaupten, dass er eine Parallelwelt mit eigenen Augen gesehen hat?« Daniel blieb weiter aufgeregt.

»Und was hast du davon, wem willst du das erzählen. Wir hier an Bord teilen schließlich alle das Erlebnis …« Antonio winkte ab.

»Und können es dennoch nicht erklären«, fügte Daniel trotzig an. Damals, so erinnerten sie sich, hatte die Utopia versucht, auf der »Erde« zu landen. Sie konnten sich dem Planeten bis auf einen gewissen Abstand nähern, dann wurden sie von einem unerklärlichen Kraftfeld abgestoßen und so an einer weiteren Annäherung gehindert. Die Kommandobrücke hatte versucht, einen Funkkontakt zu dem Planeten herzustellen, aber jedes ihrer Signale wurde, wie von einem Vakuum verschluckt. Es war auch völlig unklar gewesen, ob man sie auf dem Himmelskörper wahrgenommen hatte oder nicht, von dort war jedenfalls keine Reaktion gekommen.

›Warum versuchen wir es nicht mal mit einem Teleskop?‹, hatte Daniel damals bei einem Besuch auf der Brücke unvermittelt gefragt, nachdem die Crew nach wochenlangen vergeblichen Versuchen der Kontaktaufnahme dort gefrustet gesessen und psychologischen Beistand gebraucht hatte. Die Erinnerung stand ihm lebendig ins Gesicht geschrieben.

»Weißt du noch, wie der Captain, Gott hab ihn selig, mich für völlig naiv erklärt hat, als ich mit dem Teleskop anfing?«, fragte er nun.

»Wir alle haben über dich gelacht«, antwortete Antonio versonnen,

»Aber ich hatte recht, es war der einzige Weg, überhaupt etwas in Erfahrung zu bringen.«

»Und der frustrierendste.« Antonio versagte fast die Stimme. Bis heute konnte eigentlich keiner von ihnen mit dem Gesehenen umgehen. Sie hatten damals ihre Welt betrachtet und wiederum auch nicht. Sie entdeckten ihre Wohnungen, ihre Familien durch das Teleskop, dann sahen sich einige von ihnen sogar selbst. Sie liefen auf der Straße, gingen zur Arbeit. Es war alles so, wie sie es kannten, aber sie lebten eben auch dort, sie fehlten nicht an Bord, befanden sich dennoch nicht auf dem Raumschiff. Diese Umgebung machte sie überflüssig und gehörte nicht in ihre Welt. Das Gesehene entfachte in ihnen eine Sehnsucht nach daheim, die sie kaum ertragen konnten. Damals erreichten die Spannungen an Bord ihren Höhepunkt. In Streit und sogar Schlägereien entlud sich die ganze Enttäuschung und Daniel hatte sein gesamtes psychologisches Können eingesetzt, um auch nur halbwegs wieder Ruhe in die Mannschaft zu bringen.

»Was meinst du, genehmigen wir uns noch was Alkoholisches?«, unterbrach Daniel die düsteren...



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