E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Norten Jamila tanzt!
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95765-778-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magische Science-Fiction
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-95765-778-7
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Norten, geboren 1957 in Gelsenkirchen, ist promovierte Biologin. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich intensiv mit Orientalischem Tanz, als Redakteurin bei dem Magazin »Lotosblätter« und tanzte auch selbst vor Publikum. Später arbeitete sie als freie Wissenschaftsjournalistin bei verschiedenen Hörfunksendern, danach folgte eine mehrjährige Tätigkeit bei der Fernsehsendung »Hobbythek«, auch vor der Kamera. In dieser Zeit entstanden ein Dutzend Sachbücher und Ratgeber. Seit 2010 tourt sie zusammen mit ihrem Mann und einem Wohnmobil durch die Welt, schreibt Kurzgeschichten, die in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht werden. Außerdem verfasst sie Rezensionen für Kultura-Extra, beteiligt sich an Science-Slams und arbeitet als Herausgeberin humoristischer Science-Fiction-Anthologien bei p.machinery. Passend zum Science-Slam zeichnete und textete sie ihr Buch »Mein süßer Parasit«. Als Witwe von Hubert Katzmarz betreut sie dessen literarischen Nachlass und fühlt sich der Fantastik, dem Horror und der Science-Fiction besonders verbunden. Seit 2022 gibt sie nach zwanzigjähriger Pause mit Michael Siefener und Andreas Fieberg »daedalos« als Periodikum heraus.
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3: Kindheit
Am nächsten Morgen wachte Jamila bereits im Morgengrauen auf. Sie lag auf den bunten Kissen im Hof und starrte in den tiefblauen Morgenhimmel. Da sah sie den Vogel. Der Greif zog seine Kreise direkt über ihr. Schnell raffte sie ihre Kostüme zusammen und knotete ihre Schleier darum. Dann warf sie das Bündel über ihre Schulter und verließ leise die Burg, ohne ein Wort des Abschieds. Sie kletterte zu dem Felsvorsprung, auf dem der Vogel sie damals abgesetzt hatte. Ein wenig traurig blickte sie zurück. Da spürte sie auch schon den sausenden Wind, die Vogelklauen griffen nach ihr und wenig später schwebte sie durch die Luft. Wieder ging es quer durch die endlose Wüste. Der Sand veränderte bald seine Farbe von Grau nach Gelb und leuchtete im Sonnenschein so stark, dass Jamila fast geblendet wurde. Sie dachte an die Frauen, spürte wehmütig den Abschied, doch fühlte sie sich trotzdem frei und glücklich. Sie wusste, sie befand sich auf dem richtigen Weg und die Farbe des Sandes erinnerte sie an ihre Heimat. Schon sah sie den kleinen Fluss, an dem ihr Heimatort lag, da flog der Vogel zu Boden, setzte sie ab und erhob sich bereits wieder in die Lüfte. Erschrocken blickte sie ihm nach und sah eine goldene Feder zu ihr herniedersinken. Sie fing die Feder auf und steckte sie ein. Der Vogel verschwand kurz darauf am Horizont.
Enttäuscht blickte Jamila in den Himmel und ging zum Ufer des Flusses. Dichtes Schilf und Gestrüpp ließen sie kaum ans Wasser treten. Von hier war kein Weiterkommen möglich. Der Weg führte auf der anderen Seite entlang. Also musste sie den Fluss überqueren, doch wie? Das Wasser floss zwar nicht schnell, doch es bildete gefährliche Strudel und Schwimmen konnte sie nicht. Der kleine Fluss war nicht tief. Vielleicht wäre es möglich, hinüber zu waten, doch dazu musste sie ihr Bündel auf dem Kopf balancieren. Warum hatte der Vogel sie gerade hier abgesetzt?
Ihr Glücksgefühl wich und machte Ärger und Wut Platz. Also löste sie den äußeren Schleier von Jussuf Ben Ali, um diesen als eine Art Turban zu benutzen, auf dem ihr Bündel stehen sollte. Als sie den ersten unsicheren Schritt ins Wasser tat, blies eine Böe in den Turban und löste diesen. Das Tuch flatterte vor ihre Augen, sie versuchte danach zu greifen, konnte nichts mehr sehen, strauchelte und rutschte ins kühle Wasser. Doch bevor sie untergehen konnte, blies der nächste Windstoß unter den Schleier und dieser bildete eine Art Zelt. Dieser pralle Luftsack verhinderte, dass Jamila unterging, und so trudelte sie, ihr Bündel auf dem Kopf balancierend, der Heimat entgegen.
Einige Kinder entdeckten sie und begleiteten sie kreischend am Ufer. Dann sah sie den Steg, von dem aus ein paar Fischer ihre Angeln ausbrachten. Verblüfft schauten sie zu Jamila, die regelrecht auf dem Wasser schwebte. Einer der Männer sprang in den Fluss und ergriff sie, die anderen versuchten, sie an Land zu ziehen. Nur an den Füßen nass stand Jamila bald neben ihnen und sie betrachteten sie wie ein Wunder.
»Wer bist du?«, fragte einer der Angler. »Kannst du über das Wasser gehen?« Jamila schaute ihn mit ihren grünschimmernden Augen schelmisch an.
»Sei gegrüßt, Mohamed«, antwortete sie, »erkennst du mich denn nicht? Ich bin Jamila, Jamila, die vor Jahren mit Hassan auf eurem Markt Kunststücke vorführte. Manchmal habt ihr dazu getrommelt.«
»Jamila, du bist es! Lass dich anschauen. Du bist eine junge Frau geworden und wunderschön noch dazu. Sei willkommen in der Heimat. Kunststücke machst du ja anscheinend immer noch.« Alle amüsierten sich.
»Jamila«, fuhr Mohamed fort, »das Haus deiner Eltern steht leer und wartet auf dich. Seit Langem machen wir uns Gedanken, aber dein Vater ist nie zurückgekehrt und wir wussten nicht, wo du warst. Die Nachbarn haben Obacht auf euer Haus gegeben.«
»Ich freue mich, wieder hier zu sein«, antwortete Jamila, wusste aber nicht so recht, ob sie an ihre eigenen Worte glaubte, denn die Erinnerungen an ihre Kindheit brachen in ihr auf. So machte sie sich auf den Weg, erkannte die alten Gassen, die sie entlanggelaufen war, und stand dann urplötzlich vor der unverschlossenen Tür ihres Elternhauses. Schnell ging sie hinein. Das Haus kam ihr fremd vor. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie praktisch kaum hier gewesen. Eine Staubschicht überzog die wenigen Möbel. Die Räume atmeten Traurigkeit. Sie fühlte sich allein.
›Mama‹, dachte sie. ›Ich habe dich so lieb gehabt und dann …‹ Tränen stiegen in ihr auf. Die Erinnerung drückte sie nieder. Ihr schien, als hinge der letzte heisere Schrei ihrer Mutter immer noch in der Luft. Jamila zuckte zusammen und spürte Angst in sich aufsteigen, die schreckliche Szene stand plötzlich ganz deutlich vor ihr:
Sie stürmte zum Zimmer ihrer Mutter, sah das aschfahle Gesicht auf Kissen gebettet und den seltsamen Blick. Anders als sonst reagierte ihre Mutter nicht, sondern sah durch sie hindurch. Neben der Mutter kauerte ihr Vater, die Hände vor das Gesicht geschlagen, zeigte er keine Regung. Er wirkte uralt. Jamila blieb mit großen Augen in der Tür stehen.
»Mama«, das Wort kam ganz leise aus ihrem Mund, so leise, als wäre es nutzlos geworden. Ihre Mutter, die sie vom Bett aus immer so lieb angelächelt hatte, reagierte nicht. Ihre Eltern mussten sie doch bemerkt haben, doch nichts geschah. Sie traute sich nicht, den Raum mit seiner gespenstischen Atmosphäre zu betreten, und fürchtete sich. Es roch nach kaltem Weihrauch und Kräutern, die sie nicht kannte. Nach einigen Minuten ging Jamila leise aus dem Haus, hinaus auf den stillen Hof. Sie wusste nicht wohin. Nie hatte sie solch schreckliche Einsamkeit gespürt, sich so allein gefühlt. Die Tür zum Nachbarhaus stand offen. Sie schlüpfte hinein und lief zum Ziegenstall.
Jamila mochte die Nachbarziege. Sarah hatte ihr einige Male die Hände abgeleckt und das hatte sehr lustig gekitzelt. Jetzt klang ein lautes Meckern aus dem Stall, unterbrochen von höheren und etwas leiseren Lauten. Als Jamila hereinkam, sah sie ein winziges schwarzes Zicklein, das an der Zitze der alten Ziege saugte und neugierig meckernd zu Jamila aufschaute.
»Wer bist du denn?«, fragte Jamila und setzte sich gespannt in das duftende Heu. Beide schauten sich an. Das kleine Zicklein meckerte und Jamila umarmte das Tier, schmiegte sich an sein weiches Fell und gab glucksende Laute von sich. Nun fühlte sie sich doch ein wenig geborgen. Sie wollte nicht an ihre Eltern denken, obwohl sie bisher immer mit ihnen zusammen gewesen war. Gegen Abend schaute die Hausherrin in den Stall, eine hagere Frau, die mit flinken Bewegungen den Ziegen Küchenabfälle hinwarf. Als sie Jamila entdeckte, eilte sie noch einmal ins Wohnhaus und kam mit einem Schüsselchen zurück. Die darin befindlichen Bohnen und das Grünzeug unterschieden sich kaum vom Futter der Ziegen. Doch Jamila war hungrig und machte sich eilig darüber her. Danach durfte sie sogar an Sarahs rosiger Zitze nuckeln, die ihre Milch bereitwillig dem Kleinkind anbot. Anschließend schliefen die drei friedlich zusammen ein und erwachten erst am nächsten Morgen.
Von ihrem Elternhaus drangen unbekannte Geräusche an Jamilas Ohr. Vorsichtig verließ sie das warme Lager neben den Ziegen und machte sich auf den kurzen Weg nach Hause. Dort herrschte ungeahnte Betriebsamkeit, Menschen kamen und gingen, die meisten kannte sie nicht. Das Bett ihrer Mutter war leer und ihr Vater stand mit einigen ernst dreinschauenden Männern zusammen und schenkte ihr keinen Blick. Jamila verstand die Welt nicht mehr. Wo war ihre geliebte Mama? Warum schaute ihr Vater nicht wenigstens einmal zu ihr hin? Er hatte sich nie viel um sie gekümmert, aber jetzt war es, als lebte er in einer anderen Welt. Traurig kehrte Jamila in den Ziegenstall zurück. Das Zicklein begrüßte sie mit wilden Bocksprüngen und ihr Herz wurde etwas leichter. Sie setzte sich zu ihm ins Stroh. Am Nachmittag hörte sie die Stimme ihres Vaters, doch er kam nicht zu ihr, sondern sprach leise mit der Nachbarin. Jamila ging zum Fenster des Wohnhauses und lugte hinein.
»Ich kann mich nicht um das Kind sorgen. Jetzt nach dem Tod meiner Frau möchte ich mich wieder ganz meinen Studien widmen. Ich werde mit einigen Glaubensbrüdern an die große Klosterschule in der Hauptstadt gehen. Ich bitte Euch, kümmert Ihr Euch um Jamila.« Mit diesen Worten gab der Mann der Nachbarin einen ledernen Beutel, in dem Münzen klingelten. Die Nachbarin spähte skeptisch, ihre hakenförmige Nase reckte sich hervor. Schnell griff sie mit ihrer knochigen Hand den Sack, nickte und Jamilas Vater eilte darauf erleichtert aus dem Haus, ohne sich von seiner Tochter zu verabschieden.
Jamila hatte zwar längst nicht alles verstanden, doch sie spürte, dass sie in diesem Moment nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihren Vater verloren hatte. Als die ersten Tränen ihre Wangen herunterliefen, kam das kleine Böckchen und stupste sie an. Es leckte ihre Tränen weg und meckerte fröhlich.
»Ach du, mein Kleiner, jetzt habe ich nur noch dich.« Während Jamila dies sagte, weinte und lachte sie gleichzeitig. »Du bist mein Freund, ich werde dich Hassan nennen«, sagte sie zu ihm.
Hassan, ob er dort drüben auf sie wartete? Jamila saß auf dem Boden im ehemaligen Zimmer ihrer Mutter. Draußen dunkelte es bereits. Sie ließ ihren Blick durch das offene Fenster wandern, sah das Nachbarhaus mit dem Ziegenstall. Dort hatte sie von da an gelebt. Ihre Erinnerungen hielten sie fest.
Nur einmal in der Woche durfte Jamila ins Wohnhaus. Dann konnte sie sich mit den Kindern der Frau am Wassertrog waschen und die Nachbarin kämmte und flocht danach ihre dunklen, dicken, langen Haare, was jedes Mal zu viel Geschrei führte, da sie dabei sehr ruppig...




