Noske | Der Bastard von Berg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

Reihe: Historischer Kriminalroman

Noske Der Bastard von Berg


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-829-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 335 Seiten

Reihe: Historischer Kriminalroman

ISBN: 978-3-86358-829-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Schloss Burg, im Jahr 1225. Das Leben des siebzehnjährigen Martin wird über Nacht auf den Kopf gestellt: Der Pflegesohn eines leprösen Müllers avanciert zum Knappen des Grafen Engelbert von Berg, des Erzbischofs von Köln und Kaiserlichen Reichsverwesers. Schloss Burg und Köln, höfisches und städtisches Leben - vor Martin tut sich eine Welt auf, die er nur vom Hörensagen kannte. Doch muss er auch erkennen, dass das Leben im Dienste des mächtigsten Mannes nördlich der Alpen eine äußerst gefähr-liche Seite hat. Denn Engelbert von Berg schlägt unbändiger Hass ent-gegen. Da sind die Fürsten, denen er die Macht und Pfründe beschnitten hat. Da ist die Verwandtschaft, deren Erbansprüche er missachtet. Da sind die Bürger Kölns, denen er nicht nur untersagte, einen Rat zu bilden, sondern jetzt auch noch verbietet, Bier zu brauen. Und da ist noch etwas: eine finstere, unheimliche, aus dem Verborgenen operierende Kraft. Sie ist der Drahtzieher einer großangelegten Verschwörung zur Ermordung Engelberts, des Letzten von Berg. Martin ist der Erste, der den teuflischen Plan entdeckt, doch fatalerweise werden seine Warnungen nicht ernst genommen.

Edgar Noske, geboren 1957, lebt als freier Autor in Niederkassel.
Noske Der Bastard von Berg jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


TEIL 2– DER SOHN

Ende Mai war es geworden im Lande derer von Berg, und der Sommer kündigte sich an. Die Fenster der Kemenate auf Burg standen weit offen. Warmes Sonnenlicht fiel herein und färbte den Holzboden golden. Dazu wehte ein laues Lüftchen, das Blütendüfte voller Verheißungen mit sich trug. Zumindest solange es aus Süden kam. Aber wehe, der Wind sprang auf östliche Richtungen um. Dann blies er den Gestank der aufgetauten Exkremente aus dem Burggraben in die Gemäuer.

Martin saß an dem Tisch, an dem früher Irmgard ihre Handarbeiten erledigt hatte, und werkelte an seinem Kettenhemd. Mehr als tausend Ringe hatte er schon ineinandergefügt und genietet. Also fehlten bis zur Fertigstellung nur noch schlappe vierundzwanzigtausend. Bei seinem Arbeitseifer hieß das, auf ernsthafte Streitigkeiten konnte er sich frühestens im Sommer nächsten Jahres einlassen.

Aber es lag nicht allein an dem unfertigen Hemd, daß Martin für einen Kampf noch nicht bereit war. Zwar hatte er aufgrund der täglichen Übungen und Helenes guter Küche ordentlich an Muskeln und Gewicht zugelegt, aber er hatte nach wie vor erhebliche Schwächen im Schwertkampf, insbesondere zu Roß. Gleichzeitig ein Pferd zu führen und eine Waffe zu handhaben war eine Kunst, die er noch nicht beherrschte. Während der Übungsstunden haute von Bongard ihn regelmäßig aus dem Sattel.

Beim Kampf zu Fuß stellte er sich schon geschickter an, gleich, ob es nun mit Schwert oder Streitaxt zur Sache ging. Das lag hauptsächlich an seinen schnellen Beinen, aber auch an seiner überlegenen Reichweite. Schon mehrfach war es ihm gelungen, von Bongard in ernste Bedrängnis zu bringen. Glücklicherweise nahm der ihm das nicht krumm. Im Gegenteil, er freute sich über jeden Fortschritt, den Martin machte.

Lanzenstechen würde er erst dann lernen, wenn er das Schwert beherrschte, hin und wieder ließ ihn Bodo aber schon mit einer Holzlanze üben. Auch der Morgenstern war tabu, so gern Martin ihn auch ausprobiert hätte. Laut von Bongard war er eine Waffe, die eines Ritters unwürdig war. So blieb ihm nur seine Sichel, die er nach wie vor am Gürtel trug, und zuletzt der Umgang mit Pfeil und Bogen.

Als Martin bei seiner Ankunft geäußert hatte, er verstehe ganz ordentlich damit umzugehen, hatte er, wie sich schnell herausstellte, maßlos untertrieben. Auf ganz Burg gab es keinen, der sich mit ihm messen konnte– ausgenommen Eberhard. Neben seinen zahlreichen anderen erstaunlichen Fähigkeiten verfügte der kleine Mönch auch über einen treffsicheren Schuß. Immer wieder lieferten die beiden sich begeisternde Wettkämpfe.

Überhaupt verbrachte Martin sehr viel Zeit mit Eberhard. Weitaus mehr als mit Bodo von Bongard, der neben Martins Ausbildung noch andere Pflichten hatte.

Bereits frühmorgens trafen sie sich in der Burgküche. Eberhard, der nur zweimal am Tag und zudem kein Fleisch essen durfte, langte dabei deutlich kräftiger zu als Martin. Danach ging jeder seines Weges. Während Martin seinen Körper stählte, las Eberhard die Heilige Schrift, bereitete den nachmittäglichen Unterricht vor oder trieb irgendwelche geheimnisvollen Studien.

Das Mittagessen nahm Martin gemeinsam mit den Burgbediensteten ein. Anschließend zog er sich für eine Stunde zurück und arbeitete an seinem Hemd. Fünfzig Ringe täglich. Danach ging es zum Unterricht.

Sofern das Wetter es zuließ, unternahmen Eberhard und Martin Spaziergänge in der näheren Umgebung der Burg. Unterricht in Bewegung nannte das der Mönch. Er sprach über Dinge, die er am Wegesrand entdeckte, und im Anschluß stellte Martin seine Fragen.

Seine Erläuterungen unterstützte Eberhard gern durch in Sand gemalte Zeichnungen. Kleine Meisterwerke, nur gedacht für den Augenblick. War das Thema besprochen, waren sie auch schon vom Wind verweht. Hin und wieder ließ er sich dazu überreden, Martin in einige Geheimnisse seiner Kampftechnik einzuweihen. Allerdings tat er das ausgesprochen widerwillig und nur, wenn Martin sein Soll erfüllt hatte.

Die freie Zeit nach dem Abendessen verbrachten sie in der Kemenate, wo sie Schach oder mit den Wurfpfeilen spielten, Erlebnisse des Tages rekapitulierten oder über Gott und die Welt sprachen. Manchmal, wenn es seine Zeit erlaubte, war auch von Bongard dabei.

So waren Martins Tage ausgefüllt, und von Langeweile konnte keine Rede sein. Vor allem aber verlebte er die unbeschwerteste Zeit seines Lebens. Er war jung, gesund und hatte keine Probleme, sah man einmal davon ab, daß er bei der Suche nach dem Mörder des Müllers noch keinen Schritt vorangekommen war. An die anderen, Engelbert, die Limburger oder selbst Johanna, dachte er so oft wie Frösche an Himbeeren.

Das einzige Ereignis, welches dem Burgchronisten in jenen Tagen bedeutsam genug erschien, festgehalten zu werden, war das skurrile Ableben des Alten von Tyvern. Der hatte bei einem gewaltigen Frühjahrsgewitter nichts Besseres zu tun gehabt, als in voller Rüstung auf dem Felsplateau herumzuwandern. Prompt war ihm ein Blitz in den Helm geschlagen und hatte ihn gefällt wie eine morsche Eiche. Flammen schlugen aus dem Visier, und noch nach Stunden qualmte die Rüstung aus allen Ritzen wie eine undichte Räucherkammer.

Erst am nächsten Tag wagten es der Schmied und sein ältester Sohn, sich dem Verblichenen zu nähern. Als sie das Visier hochklappten, sahen sie, daß Hasso von Tyvern in seiner Rüstung regelrecht geröstet worden war. Dazu stank er nach Schwefel, daß es kaum auszuhalten war.

Der herbeigerufene Geistliche weigerte sich denn auch, dem Verstorbenen die letzte Ölung zu geben. Angeblich war der Schwefelgestank ein Beweis dafür, daß von Tyvern der Teufel in den Leib gefahren war. Erst als Eberhard ihm drohte, er werde ihn wegen seines heidnischen Geschwätzes beim Erzbischof anschwärzen, gab der Pfaffe nach. So erhielt von Tyvern doch noch ein christliches Begräbnis. Begraben wurde er allerdings mit seiner Rüstung und in der hintersten Ecke des Friedhofs.

Vor den Fenstern ertönte ein Pfiff und riß Martin aus seinen Gedanken. Sein Lehrer wartete.

*

»Hier müßte sie stehen«, sagte Eberhard. »Genau hier.«

Sie befanden sich am Ende der Gasse, die zwischen dem Haus des Steinmetzes Arnulf und dem des Bäckers Hans zur westlichen Mauer führte. Martin half Eberhard beim Aufstieg auf die Mauerkrone und kletterte dann selbst hinauf. Nahm man den Mönch als Maß, war die Mauer mannslang dick. Von hier oben hatte man einen prächtigen Blick in das Tal der Wupper. Im frühnachmittäglichen Sonnenlicht glitzerte der Fluß wie flüssiges Silber.

»Wovon sprecht Ihr?« fragte Martin.

»Zwei Drittel der Zeit kommt der Wind aus westlichen Richtungen. Das haben meine täglichen Wetterbeobachtungen ergeben. Hier ist der einzig richtige Standplatz.«

»Schön und gut. Aber was soll hier stehen?«

Eberhard beantwortete die Frage, wie er es am liebsten tat– mit einer Gegenfrage. »Woran denkt Ihr bei dem Wort Wind?«

»An einen Ritt im Galopp, bei dem die Haare fliegen.«

»Das ist nur der Winddruck, der bei schneller Bewegung entsteht. Ich spreche vom himmlischen Wind, auf den wir keinen Einfluß haben.«

»Na schön. Also– an herumwirbelndes Laub im Herbst.«

»Nicht schlecht. Wenn der Wind in der Lage ist, Gegenstände herumzuwirbeln, sie gewissermaßen anzutreiben, dann ist er eine– na, was?«

»Eine Kraft?«

»Ihr seid wahrhaftig ein gelehriger Schüler.«

»Das nützt mir wenig. Ich weiß noch immer nicht, worauf Ihr hinauswollt.«

Eberhard guckte verschmitzt, als habe er gerade einem Wallfahrer seine alten Socken als Reliquien angedreht.

»Erinnert Euch an Eure Zeit im Eifgental«, sagte der Mönch. »Wozu habt Ihr da die Kraft des Wassers genutzt?«

»Zum Antrieb des Mühlrades und damit der Mahlsteine.«

»Hervorragend. Und nun mengt die verschiedenen Zutaten mal zu einem Brei.«

Martin setzte sich und ließ die Beine über den Abgrund baumeln. Da Eberhard stehenblieb, waren sie so mehr oder weniger gleich groß.

»Der Brei trägt den Namen Windmühle«, sagte Martin nach einer Weile des Nachdenkens. »Ist es das, was Ihr meint?«

»Er hat’s! Er hat’s!« rief Eberhard und tanzte auf der Mauerkrone im Kreis herum. Dabei kam er mehr als einmal der Kante bedenklich nahe. Vorsichtshalber streckte Martin den Arm aus.

»Nun beruhigt Euch mal wieder«, sagte er. »Der Name allein sagt mir gar nichts.«

Eberhard beendete seinen Tanz. Er war reichlich außer Atem.

»Wie in Flandern«, japste er. »Die Idee mit den Windmühlen stammt aus Flandern.«

»Sagt bloß, Ihr wart schon einmal dort?«

Eberhard ließ sich an Martins Seite nieder und zuckte die Achseln. »Ihr wißt doch, wie das mit uns gebürtigen Lennepern ist. Sind wir mal weiter als eine Tagesreise von zu Hause weg, kriegen wir gleich Heimweh. Zum Ausgleich dafür haben wir den durchdringenden Blick.«

»Der euch das Kreuzfettmännchen ersetzt, oder was?«

»Kreuzfettmännchen! Das ist doch Heidenkram.«

Martin griff in sein Gewand und zog eine Kupfermünze hervor, die in der Mitte ein Loch aufwies. Er warf sie hoch, fing sie wieder auf und hielt sie Eberhard hin.

»Die hat der Müller mir hinterlassen. Wenn Ihr einen Blick durch das Loch werft, seht Ihr alles frei von Blendwerk. Ganz gleich, ob Mensch, Tier oder Ding. Die Gespenster tragen dann auf einmal keine Gesichtslarven mehr.«

Zögernd und vorsichtig, als sei sie giftig,...


Edgar Noske, geboren 1957, lebt als freier Autor in Niederkassel.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.