E-Book, Deutsch, Band 6, 250 Seiten
Reihe: Eifel Krimi
Noske Die Eifel ist kälter als der Tod
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-336-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 6, 250 Seiten
Reihe: Eifel Krimi
ISBN: 978-3-86358-336-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Edgar Noske, Jahrgang 1957, lebt als freier Autor im Rheinland und in der Eifel.
Autoren/Hrsg.
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Das Abendessen passte perfekt zu dem vermurksten Tag: Knäckebrot und eine Dose Hering in Tomatensoße. Obwohl Lemberg den Deckel vorsichtshalber in der Spüle abriss, versaute er sich das Hemd. Dazu gab es eine Flasche Pinot Grigio, der viel zu warm war, weil der Kühlschrank aus unerfindlichen Gründen nicht funktionierte.
Grappa, Espresso und eine Zigarre begleiteten ihn nach draußen, wo er die Füße hochlegte. Horst und Heidi hatten mal wieder Zoff wegen der Pflege ihrer zwei Quadratmeter Garten. Diesmal sprach er ihr den grünen Daumen ab, woraufhin sie in Tränen ausbrach. Lemberg versetzte die Stühle weiter in Richtung der anderen Nachbarn, die er noch nie gesehen oder gehört hatte. Kaum saß er wieder, klingelte sein Handy.
»Ich will dich nur kurz über den Ablauf am Sonntag informieren«, sagte Maggie und klang ausgesprochen geschäftsmäßig.
»Was für ein Ablauf?«
»Mutters Geburtstag. Sie feiert ihren Siebzigsten, wie du weißt.«
»Ach du dickes Ei.«
»Bitte?«
»Nichts, erzähl schon.«
»Wir treffen uns um acht Uhr fünfzehn am Anleger der Köln-Düsseldorfer. Auch die Nürnberger Verwandtschaft kommt direkt dorthin. Das Schiff legt um acht Uhr fünfundvierzig ab. An Bord werden wir frühstücken. Ich habe mich erkundigt: Müslis, Früchte und Bio-Milchprodukte sind erhältlich. Ankunft in St. Goar ist um elf Uhr fünfundfünfzig. Nach einem kleinen Bummel durch die Stadt essen wir im Goldenen Löwen zu Mittag. Trennkost sollte dort kein Problem sein. Um fünfzehn Uhr fünfzehn geht es zurück, ab sechzehn Uhr gibt es auf dem Schiff Kaffee und Kuchen. Ich habe extra Vollwerttorten bestellt. Dann erhält Mutter auch ihre Geschenke. Die Ankunft in Mainz ist für zwanzig Uhr zwanzig vorgesehen. Den Tag lassen wir mit einem vegetarischen Büffet im Atrium Hotel ausklingen, wo die Nürnberger auch übernachten werden. So spät abends braucht niemand mehr Fleisch zu essen, auch nicht Onkel Edgar. – Roger? Du sagst ja gar nichts.«
»Ich dachte, es kommt noch was.«
»Was sollte deiner Meinung nach noch kommen?«
»Was weiß ich? Mitternächtliches Kartoffelschalenlutschen auf einem Demeter-Hof mit anschließendem Rhabarbersaftgelage oder etwas in der Art.«
»Was soll das? Hast du schlechte Laune?«
»Wir haben seit heute eine zweite Leiche. Das ist alles.«
»Im selben Fall?«
»Im selben Fall.«
»Das konnte ich nicht wissen.«
»Ich mach dir ja keine Vorwürfe, Maggie. Ich bin nur ein bisschen neben der Kappe, sonst nichts.«
»Dann sei froh, dass du am Sonntag Abwechslung bekommst. Ich denke, wir werden viel Spaß haben. Wenn das Wetter auch noch mitspielt. Kommst du eigentlich heute Abend oder erst morgen Vormittag?«
»Ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt kommen kann, Maggie.«
»Wie bitte?«
»Ich sagte, ich –«
»Ich habe verstanden, was du gesagt hast. Du warst letztes Jahr schon nicht dabei. Welchen Grund willst du diesmal vorschieben? Deine Arbeit? Roger, du leitest die SOKO, also erzähl mir nicht, du hättest keinen Einfluss auf die Dienstpläne.«
»Die Personaldecke ist dünn. Ein Kollege ist in Reha, und der zweite Mord –«
»Enttäusch mich nicht, Roger. Nicht schon wieder.«
»Ich kann dir nichts versprechen, Maggie. Aber ich ruf dich an, sobald ich Genaueres weiß. Okay?«
Maggie entgegnete nichts, und auch Roger sagte nichts mehr. Zehn Sekunden zahlten sie Gebühren ohne Gegenwert. Dann wurde in Mainz aufgelegt.
»Nacht, Maggie«, sagte Lemberg.
Diesmal erschienen alle pünktlich zum Meeting, auch Lemberg. Und alle trugen andere Garderobe als am Vortag, sogar Klaes. Helena Wagner hatte zudem ihre Frisur verändert; statt zum üblichen Puschel hatte sie ihre Haare zu zwei seitlichen Zöpfen zusammengebunden. Dazu kaschierte ein Hauch von Make-up die Spuren ihrer Trauer. Alle wirkten ausgeschlafen, nur Schommer sah aus, als hätte er sein Bett nicht gesehen. Lemberg machte den Anfang.
»Dies ist die letzte Neun-Uhr-Besprechung. In Zukunft gibt es die große Runde nur noch auf Antrag. Den kann allerdings jeder stellen. Die Wege im Haus sind kurz, Informationen können per E-Mail oder Kopien verteilt werden. So viel dazu.« Dann stellte Lemberg seine Standardfrage. »Wie ist der Stand der Fahndung nach Al-Asari?«
Klaes schüttelte seinen Kopf. »In Ludwigshafen wurde vorübergehend ein Mann festgenommen, der ihm ähnlich sieht. Es handelte sich aber um den Sohn eines ortsansässigen syrischen Teppichhändlers. Von Al-Asari selbst fehlt nach wie vor jede Spur.«
»Okay. Was sagt die Gerichtsmedizin im Fall Schettgen?«
Klaes schlug den vor ihm liegenden Hefter auf und zitierte überfliegend. »Todeszeit: zwischen neun und elf. Todesursache: dorsale Herzbeuteltamponade in Folge Einwirkung scharfer Gewalt. Weit in die Tiefe reichender horizontaler Stichkanal. Breite des Kanals: 2,2 Zentimeter, Länge 16,4. Art der Stichwundenränder und im Stichkanal gefundene Krümel lassen den Schluss zu, dass es sich bei der Waffe um ein Brotmesser gehandelt hat.«
»Zur Zeitangabe passt die Aussage seiner Frau, Harry Schettgen habe das Haus gegen halb neun verlassen«, ergänzte Marie-Louise Noll. »Ich habe eben mit dem Krankenhaus in Prüm telefoniert. Thea Schettgens Zustand ist nach wie vor ernst, jedoch nicht lebensbedrohend. Sprechen dürfen wir sie nicht, aber der Arzt erlaubt, dass wir ihre Fingerabdrücke nehmen. Wenn Sie wollen, erledige ich das.«
Lemberg nickte.
Klaes nahm ein anderes Blatt zur Hand. »An Lenkrad, Schalthebel und den Türgriffen des Alfa Romeo wurden überhaupt keine Abdrücke gefunden, offenbar wurden die Stellen gezielt abgewischt. Wo Abdrücke gefunden wurden, sind sie Schettgen zuzuordnen, außer einigen am Haltegriff und am Türöffner der Beifahrerseite. Am Polster des Fahrersitzes gab es Anhaftungen von rosafarbenen Angorahaaren.«
»Von einem Kaninchen?«, fragte Schommer, woraufhin Wagner und van de Sande kicherten und die anderen schmunzelten. »Was ist denn so blöd an der Frage? Es gibt doch Angorakaninchen.«
»Weil Strickwaren aus Schafwolle gemacht werden.« Klaes blickte Schommer über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. »Und weil Kaninchen nicht Auto fahren.«
»Wurde der Wagen schon auf Spuren von Beate Zenses untersucht?«, fragte Lemberg.
»Daran arbeitet das Labor zurzeit«, sagte Klaes. »Aber die Decke, in die Schettgens Leichnam gewickelt war, haben sie sich bereits vorgeknöpft: ein Massenartikel, Fabrikat Zoeppritz, Kunstfaser hellblau, jede Menge Gras- und Kakaoflecken.«
»Kaba oder Nesquik?«, fragte Schommer und schob nach, als jede Reaktion ausblieb: »Da macht man mal einen Scherz, und dann lacht keiner.«
Klaes räusperte sich. »Die rote Asche, die in größerer Menge auf der Fahrerfußmatte gefunden wurde, fand sich auch an Schettgens Schuhen, an den Aufschlägen seiner Hosenbeine und sogar im Profil der Autoreifen.«
»Thea Schettgen sagte doch, ihr Mann sei auf dem Weg in eine Sauna gewesen«, wandte Lemberg sich an Noll. »Dabei hat sie einen Namen erwähnt. Wie war der noch?«
»Cascade«, sagte Noll. »Das Bad liegt in Bitburg. Ich habe dort angerufen. In der Freibadsaison von April bis September öffnet die Sauna donnerstags erst um vierzehn Uhr. Er hat seiner Frau etwas vorgelogen.«
»Besteht die Möglichkeit, auf dem Gelände Tennis zu spielen?«
»Nein«, sagte Wagner. »Ich kenne das Cascade. Man kann dort Beachvolleyball spielen, aber es gibt keine Tennisplätze.«
Lemberg strich das entsprechende Stichwort auf seinem Block durch.
»Trotzdem könnte Schettgen auf irgendeinem Tennisplatz mit einer verheirateten Frau verabredet gewesen sein«, räsonierte Schommer. »Plötzlich taucht der Mann der Frau auf, erwischt die beiden in flagranti und sticht Schettgen nieder.«
»Ist das Ihr Ernst?«, fragte Lemberg. »Soll ich jetzt nach einem Mann, Größe zirka eins siebzig, bekleidet mit einem Angorajäckchen und bewaffnet mit einem Brotmesser fahnden lassen?«
»Sorry«, sagte Schommer. »Anscheinend ist heute nicht mein Tag.«
»Geschenkt.«
»Noch etwas«, meldete sich Klaes. »Die Fingerabdrücke, die an der Kloschüssel im Haus Zenses in Heckhalenfeld gefunden wurden, stammen eindeutig von Harry Schettgen.«
»Na also!«, rief Lemberg. »Wer sagt es denn? Ergab sich aus der Positionierung der Abdrücke nicht, dass die Person vor der Schüssel gekniet haben muss?«
»So ist es. Schettgen hat vermutlich ins Klo gekotzt. Stellt sich die Frage, warum.«
»Vielleicht hatte er sich den Magen verdorben«, plapperte Schommer, senkte umgehend den Kopf und winkte ab. »Vergesst mich einfach. Ich bin gar nicht da.«
»Andere Vorschläge?«, fragte Lemberg.
»Schettgen schlägt seine Schwägerin, woraufhin diese die Kellertreppe hinunterstürzt«, sagte Katja van de Sande. »Als er begreift, was er angerichtet hat, wird ihm schlecht, und er muss sich übergeben.«
»Sein Motiv?«
»Eifersucht. Er könnte ein Verhältnis mit ihr gehabt haben und war eifersüchtig auf ihre anderen Liebschaften.«
»Für eine Beziehung zwischen den beiden gibt es aber bisher kein Indiz. Sonst noch was?«
»Eingeklemmt in der Fahrersitzschiene wurde ein halber Bierdeckel mit einer Trierer Telefonnummer gefunden«, sagte Klaes. »Der Anschluss läuft auf eine Barbara Surlemont, eine Arbeitskollegin von Harry Schettgen.«
»Wer überprüft, ob die beiden ein Verhältnis hatten?«, fragte Lemberg in die Runde.
»Das mache ich«, sagte Helena Wagner. »Apropos, die Höschensammlung, die Sie und die Kollegin Noll aus Buchet mitgebracht haben, bringt uns nicht...




