E-Book, Deutsch, Band 7, 224 Seiten
Reihe: Köln Krimi Classic
Noske Himmel über Köln
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-359-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 7, 224 Seiten
Reihe: Köln Krimi Classic
ISBN: 978-3-86358-359-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Edgar Noske, Jahrgang 1957, lebt als freier Autor im Rheinland und in der Eifel.
Autoren/Hrsg.
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Mittwoch, 8.Mai 1968
Es war kurz nach zehn, und graue Wolken hingen über Köln. Seit Montagabend regnete es ohne Unterbrechung. Nicht wenige Autos waren mit eingeschalteten Scheinwerfern unterwegs. Als ich von der Neusser in die Weißenburgstraße abbog und dabei in Schräglage ging, lief mir der Regen ins linke Auge. Langsam begann ich die Sache persönlich zu nehmen. Verdammtes Sauwetter!
Dabei war der Vormonat laut Express der sonnigste und wärmste April seit siebzehn Jahren gewesen. Den hatte ich ausgiebig genossen, täglich im Garten gesessen und über den Sinn des Lebens nachgedacht, wenn ich auch nicht zu grundlegend neuen Erkenntnissen gelangt war. An den beiden ersten Lebensregeln »Et is, wie et is« und »Et kütt, wie et kütt« war nun mal nicht zu rütteln. Ob allerdings Regel Nummer drei »Es hätt noch immer jot jejange« wirklich zutreffend war, daran hegte ich im Rückblick auf die letzten Monate nicht unerhebliche Zweifel.
Dem Mai war gleich zu Beginn die Puste ausgegangen. Die Temperatur war über Nacht um mehr als zehn Grad gefallen, sodass ich gezwungen gewesen war, die Laube auf dem Gelände des Kleingartenvereins Flora e.V. einzuheizen. Überlassen hatte sie mir ein Bekannter, der auf Montage in Saudi-Arabien war. Normalerweise hätten mich die Wetterunbilden nicht groß gejuckt, aber vor drei Wochen hatte ich meine geliebte Badewanne, einen rot-weißen Ford P3, beim Versuch, meinen persönlichen Theodor-Heuss-Ring-Rundenrekord zu brechen, aufs Dach gelegt. Seitdem war ich auf eine rostbeulige 125er Lambretta angewiesen, die ich in einem Verschlag hinter der Laube entdeckt hatte.
Ich bockte den Roller auf dem Bürgersteig an der Ecke Hülchrather Straße vor dem Haus Weißenburg auf und machte, dass ich reinkam. Die Gaststätte hatte mir bis Ende letzten Jahres gehört, nunmehr betrieb sie mein Freund Toni.
Außer dem üblichen Frühsäufertrio, das am Tresenende nur einen Sprung von der Klotür entfernt Aufstellung genommen hatte, war der Laden noch leer. Der neue Wirt höchstpersönlich stand hinter der Theke und polierte Gläser. Kurz und bullig, hatte er sich in den zwanzig Jahren, die wir uns kannten, kaum verändert. Das eine oder andere Kilo war dazugekommen, und sein Stoppelhaar war nunmehr grau, aber das ging mir ja auch nicht anders.
»Morgen, Toni«, sagte ich, nahm den Express vom Garderobenhaken und steuerte den Ecktisch an, wo ich auf der Bank Platz nahm. »Wie üblich.«
»Morgen«, rief Toni und klang, als sei seine Großmutter gestorben. Die Dame war dreiundneunzig, wie ich wusste. Donnerstag hatte ich sie zuletzt beim Metzger getroffen, da hatte sie noch einen quietschfidelen Eindruck gemacht.
»Ist was?«
Er legte das Geschirrtuch zur Seite und nahm einen Stapel Deckel aus dem Regal hinter sich. Damit kam er an meinen Tisch.
»Hier«, sagte er und baute den Stapel vor mir auf. Fünfzehn oder zwanzig mochten es sein.
»Was soll ich damit? Ein Haus bauen?«
»Deine Deckel.« Er setzte sich mir gegenüber. »Erika und ich haben gestern mal zusammengerechnet. Was glaubst du, auf welchen Betrag wir gekommen sind?«
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Ist aber auch egal. Ausgemacht war, dass ich Kredit auf Lebzeit hab.«
Toni seufzte. »Aber nicht jenseits von dreihundert Mark.«
»So viel?«
»Dreihundertsiebzehn Mark und fünfundachtzig Pfennig, um genau zu sein.«
»Mein lieber Scholli. Trotzdem wäre mir neu, dass wir uns auf eine Grenze verständigt hatten.«
»Ich bin Geschäftsmann. Irgendwo ist Schluss.«
»Bei mir ist augenblicklich Ebbe in der Kasse, das weißt du doch.«
»Dann geh arbeiten.«
Ich blickte ihm geradewegs in die Augen. »Toni, du bist mein Freund.«
Er hielt meinem Blick mühelos stand. »Mag sein. Aber ich bin auch verheiratet.«
»Also daher weht der Wind.«
»Ist doch scheißegal, woher der Wind weht!«, fuhr er auf. »Ich kann mir dich als Freund nicht mehr leisten. So einfach ist das. Du musst dir eine Stelle suchen. Arbeiten wie jedermann.«
»Was glaubst du, was ich seit Monaten versuche?«
»Komm, hör auf, mir was vorzumachen«, sagte er und winkte ab. »Ich hab dir schon ein paarmal angeboten, dich für drei, vier Abende die Woche einzustellen. Aber du willst ja nicht.«
»Du kannst doch nicht erwarten, dass ich in meiner eigenen Kneipe als Köbes rumlaufe.«
»Deine eigene Kneipe! Wann kapierst du endlich, dass dir das Haus Weißenburg nicht mehr gehört? Du hast es verzockt! Aus Geldgier, aus Dummheit, aus Leichtsinn, was weiß ich. Jedenfalls bist du nicht mehr Eigentümer dieser Lokalität. Und ich hab dir einen anständigen Abstand dafür bezahlt. Du kannst doch nicht allen Ernstes erwarten, dass Erika und ich dich dein Lebtag lang auf unsere Kosten durchfüttern. Wir haben zwei Kinder, die wir durchbringen müssen. Hast du eine Ahnung, was Kinder heutzutage kosten?«
»Willst auch du mich jetzt im Stich lassen?«
»Komm mir bloß nicht mit der Mitleidstour! Wer soll dich denn im Stich gelassen haben? Niemand. Charlie hat dich rausgeworfen, weil sie die Nase voll hatte von deinen ewigen Eskapaden. Du hattest ihr hoch und heilig versprochen, nie mehr auf Pferde zu wetten. Und wie lange hast du dein Versprechen gehalten, he? Wenn es hochkommt, ein halbes Jahr.«
Ich hatte es keine drei Monate geschafft, aber das ging ihn nichts an.
»Wie kann man nur wegen eines angeblich todsicheren Tipps seine Existenz aufs Spiel setzen?«, fuhr er kopfschüttelnd fort. »Genauso todsicher wie seinerzeit das Aktienpaket, das du dir hattest andrehen lassen und das dich dein Hotel gekostet hat. Du lernst einfach nichts dazu. Du bist und bleibst ein Zocker, Leo. Und dann fährst du zu allem Überfluss auch noch im Suff deinen Wagen zu Schrott und handelst dir eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt ein. War das nötig?«
»Ich war an dem Abend in einem emotionalen Ausnahmezustand«, sagte ich.
»Um Ausreden warst du noch nie verlegen.«
»Ich hatte an dem Tag versucht, mich mit Charlie zu versöhnen, was gründlich danebengegangen ist.«
»Die Frau hast du auch nicht verdient. Sie hat mehr Grips im kleinen Finger als du in der ganzen Birne.«
»Da wir gerade von Charlie sprechen – wie geht es ihr? Ich hab länger nichts von ihr gehört.«
Wenn einer über Charlotte, die ich, seit wir uns kannten, Charlie nannte, auf dem Laufenden war, dann Toni. Schließlich lebte sie noch immer in der Wohnung, die über der Kneipe lag und die auch mal mein Zuhause gewesen war.
»Seit sie dich los ist, gewiss prächtig, auch wenn sie darüber nicht spricht. Jedenfalls ist sie am Wochenende nach Paris gefahren.«
»Paris? Was will sie denn da?«
»Der Dümong hat sie wegen der Studentenunruhen als Sonderberichterstatterin nach Frankreich geschickt.«
Damals, als ich wegen der faulen Aktien unser gesamtes Hab und Gut verloren hatte, hatte Charlie beim Stadt-Anzeiger angefangen. Zunächst hatte sie in der Lokalredaktion über das Kölner Vereinsleben in seiner ganzen Bandbreite von den Karnickelzüchtern aus den Vororten bis zu den Häkelhexen aus der Südstadt berichtet, aber schnell hatten die Zeitungsfritzen gemerkt, dass sie erheblich mehr draufhatte. Inzwischen war sie im Ressort Politik eine feste Größe. Zeitgleich hatte ich als privater Ermittler für einen renommierten Kölner Anwalt gearbeitet, bis wir unsere Schulden abgetragen hatten. Es waren harte Jahre gewesen, aber trotzdem eine schöne Zeit. Lange war das her. Verdammt lange. Blieb die Frage, wer sich während Charlies Abwesenheit um Christina, ihre inzwischen fünfzehnjährige Tochter, die sie mit in die Beziehung gebracht hatte, kümmerte. Ich fragte Toni danach.
»Charlies Tante hat sich oben einquartiert und sorgt für sie.«
»Tante Hedwig?«
»Genau.«
Tante Hedwig war ein erzkatholischer und militant abstinenter Drachen, der sofort sämtliche Fenster aufriss, wenn man nach der Zigarettenpackung griff, und mich schon mehrfach das Fürchten gelehrt hatte. Sollte man dereinst nach ihrem Ableben feststellen, dass die alte Schachtel ein Herz aus Gusseisen hatte, würde mich das nicht überraschen.
»Das arme Kind«, sagte ich.
»Meinst du, mit dir als Vorbild wäre die Kleine besser dran? Nebenbei gefragt, weiß Horst eigentlich, dass du in seiner Laube logierst?«
»Er hat mir schließlich den Schlüssel gegeben.«
»Damit du ab und zu nach dem Rechten siehst, ein bisschen umgräbst, wässerst und den Rasen mähst, soweit ich ihn verstanden habe.«
»Das mach ich doch.«
Toni musterte mich mit schräg gelegtem Kopf, was ihn seltsam anmutig wirken ließ. »Ich möchte gar nicht wissen, wie der Garten inzwischen aussieht. Du hast doch überhaupt keine Ahnung von Gartenarbeit.«
»Ich hab mir in der Bücherei einen Ratgeber ausgeliehen. Ich komm schon zurecht, mach dir mal keine Sorgen.«
»Wann kommt Horst denn aus Saudi zurück?«
»Voraussichtlich im September.«
»Dann sitzt du endgültig auf der Straße. Ich seh dich schon unter der Deutzer Brücke campieren.«
»So weit wird es nicht kommen.«
»Das haben alle mal gesagt, die da ihr Lager haben.« Toni schüttelte schon wieder den Kopf. »Ich bin wirklich bereit, dir zu helfen, Leo, aber du musst dir auch helfen lassen. So geht es jedenfalls nicht weiter. Zahl mir wenigstens fünfzig Mark auf die Deckel an, dann wirst du auch wieder bedient.«
»Ich hab nicht mal einen Heiermann in der Tasche. Ich muss mir erst was leihen.«
»Was leihen!« Toni lachte auf, aber es klang unfroh. »Glaubst du Narr wirklich, du fändest in...




