Notroff | Staub, Steine, Scherben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: hanserblau

Notroff Staub, Steine, Scherben

Wie Archäologen in der Vergangenheit graben und die Gegenwart finden
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-446-27873-8
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wie Archäologen in der Vergangenheit graben und die Gegenwart finden

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: hanserblau

ISBN: 978-3-446-27873-8
Verlag: hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jens Notroff zeigt anschaulich und mit Humor den Forschungsalltag in der Archäologie und gibt spannende Einblicke über den Schaufelrand hinaus.
Antike Fallen und uralte Flüche - oder doch eher steinzeitliche Versammlungsstätten und bronzezeitliche Waffen? Jens Notroff war an Ausgrabungen von Skandinavien bis zum Nahen Osten beteiligt. Längst findet archäologische Forschung aber nicht nur in bröckelnden Ruinen statt, sondern in musealen Sammlungen, Laboren - und im digitalen Raum.
Wie lebten unsere Vorfahren, wie gestalteten sie ihre Umwelt? Mit welchen Problemen sahen sie sich konfrontiert - und welche Lösungen konnten sie dafür finden?
Die Archäologie erlaubt es uns, Jahrtausende Revue passieren zu lassen. Und Antworten auch auf Herausforderungen von heute zu geben.

Jens Notroff, Jahrgang 1980, ist Archäologe, Illustrator und Wissenschaftskommunikator. Seine Forschungsinteressen umfassen das Neolithikum und die Bronzezeit, wobei er sich besonders für die Repräsentation von Macht und Herrschaft in prähistorischen Gesellschaften, Kultstätten sowie Bestattungsbräuche und Totenrituale interessiert (und eine besondere Neugier für sogenannte abweichende Bestattungen hegt). Er lebt in Berlin.
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Einleitung


Von Dingen und Menschen


Plötzlich waren die Menschen, die sich vor mehr als 5.000 Jahren hier in der Wüste unweit des Roten Meers niedergelassen hatten, uns ganz nah. Oder viel mehr: ein ganz bestimmter Mensch. Ich hatte gerade einen der ausgetrockneten Lehmziegel aus einer verstürzten Mauer geborgen und vorsichtig zur Seite gelegt, als wir den Fußabdruck bemerkten. Ziemlich klein war er. Das Kind, das ihn hinterlassen hatte, konnte kaum älter als drei, vier Jahre gewesen sein. War es beim Spielen versehentlich zwischen — und dann in — die zum Trocknen ausgelegten Ziegel getreten? Oder hatte es den Abdruck absichtlich hinterlassen, weil die Gelegenheit zu verlockend war? Ob es Ärger gab?

Am Ende jedenfalls war auch dieser Ziegel Teil der Hauswand geworden, deren Reste das Team aus jordanischen und deutschen Studentinnen und Studenten nun ausgruben — um als Erste nach mehr als 5.000 Jahren diesen frechen Gruß aus der Vergangenheit wieder hervorzuholen. Für einen kurzen Moment schafft das so etwas wie eine Brücke über all die Jahrtausende hinweg. Ich kann den kleinen Fuß beinahe vor mir sehen, wie er in den noch feuchten Lehm tritt. Was für ein Fund. Kein Goldschatz, kein Palast oder Herrschermonument. Kein Kriegergrab. Ein Kind, das ungerührt von allen historischen Ereignissen seinen Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen hat. Die Vergangenheit, zum Greifen nah. Genau deswegen, wegen solcher Momente hatte ich Archäologe werden wollen.

»Ach, Archäologe? Wollte ich auch mal werden, als ich klein war.« So fangen tatsächlich erstaunlich viele Gespräche an, wenn mein Beruf zur Sprache kommt. Auf Partys, beim Friseur oder nach dem Elternabend im Kindergarten. Auf Ausgrabungen gehört der Satz, das hat eine kleine, nicht unbedingt repräsentative Umfrage unter Kolleginnen und Kollegen ergeben, immerhin zu den Top-10-Kommentaren von Besuchern.

Der Blick in Zeitschriftenregale und TV-Spartenkanäle zeigt ebenfalls: Das Interesse an archäologischen Themen ist ungebrochen. Geprägt von lebhaften Reiseberichten aus der Anfangszeit des Faches, draufgängerischen Hollywood-Erzählungen und schlagfertigen Videospielheroen bewegt sich die Vorstellung archäologischer Forschung meist irgendwo zwischen waghalsiger Schatzsuche und exotischem Abenteuer. Die Bedrohung durch antike Fallen und uralte Flüche ist im realen Archäologenarbeitsalltag allerdings vernachlässigbar. Und trotzdem könnte unser Tätigkeitsfeld kaum vielfältiger oder spannender sein.

Auch ich wollte schon Archäologe werden, als ich noch klein war. Gut erinnere ich mich an die gemeinsamen Besuche mit meinem Vater in den frühen 1980er-Jahren im Ost-Berliner Bode-Museum, das damals noch die Ausstellungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte sowie des Ägyptischen Museums der DDR beherbergte. Ein richtungsweisendes Erlebnis. Besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Details einer Inszenierung steinzeitlicher Bestattungen, in einem dunklen Raum in höhlenartigen Nischen hinter Glas (womöglich hat diese Erinnerung im Laufe der Jahre auch etwas an Dramatik gewonnen; ich kann das nicht mehr nachprüfen — die Ausstellung gibt es heute so nicht mehr). Auf mein damals etwa fünfjähriges Ich wirkten diese Skelette und Grabbeigaben jedenfalls sehr geheimnisvoll — und die Fragen, die sie heraufbeschworen, sollten bis heute nachhallen: Wer waren diese Menschen? Warum sind sie zusammen mit Muschelschmuck und Steinwerkzeugen begraben worden? Wie haben sie gelebt? Und wieso liegen sie jetzt hier, im Museum?

Eine Ausgabe von C. W. Cerams Götter, Gräber und Gelehrte*1 im üppig bestückten Bücherregal meines Großvaters, den es selbst in die Biologie gezogen, der sich aber ein großes Interesse für historische Themen erhalten hatte, bot Antworten auf diese Fragen. Und den Hinweis auf ein ganzes Fach, das sich zu ihrer Beantwortung aufmachte. So bin ich also schließlich tatsächlich Archäologe geworden. Und irgendwie hat es mich dann nicht wieder losgelassen, dieses Fach.

Ich habe in Berlin studiert und konnte während der Semesterferien viel Zeit auf heimischen Baustellen und Rettungsgrabungen verbringen; da lernt man sehr schnell sehr viele wichtige Kniffe des Ausgrabungsgeschäfts. Inzwischen arbeite ich seit bald 19 Jahren am Deutschen Archäologischen Institut, dem ich das Privileg ganz unterschiedlicher und vielfältiger Forschung in Europa und dem Nahen Osten verdanke. Ob bei der Dokumentation früher Bewässerungssysteme in der jordanischen Wüste, der Ausgrabung steinzeitlicher Monumente im Südosten der Türkei, bronzezeitlichen Kultplätzen in Rumänien oder eisenzeitlichen Siedlungen in Polen — am Ende treibt mich bis heute immer wieder die eine Frage um: Wer waren diese Menschen?

In diesem Buch wollen wir eine Reise unternehmen, gemeinsam auf eine Expedition in diese Welt archäologischer (Feld-)Forschung gehen. Wir werden Ausgrabungen besuchen, von spannenden Funden erfahren, aber auch einen Blick über den Schaufelrand werfen und in Bibliotheken, Labors und Museumsdepots schauen. Wir werden sehen, welche Werkzeuge und Methoden der modernen Archäologie heute zur Verfügung stehen. Dieses Buch soll davon handeln, wie wir Archäologinnen und Archäologen uns jenen Menschen der Vergangenheit annähern — und versuchen, mit ihnen über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg in den Dialog zu treten.

Orchideen, die in Ruinen wachsen


»Archäologie ist die Suche nach Fakten, nicht nach der Wahrheit«, hatte einst ein bekannter Filmarchäologe (der mit Lederjacke und Filzhut Maßstäbe in Sachen Ausgrabungsmode gesetzt hat) seinen Studierenden mit auf den Weg gegeben. Wenn er mit Fakten materielle Überreste gemeint haben sollte, lag er damit so falsch nicht.

Wörtlich aus dem Griechischen als »die Lehre von den Altertümern« übersetzt, meint Archäologie zunächst vor allem die Erforschung der menschlichen Vergangenheit mithilfe überlieferter Gegenstände, Siedlungsreste und Bestattungen. Im Grunde aber ist Archäologie alles, was Archäologen tun. Das mag banal klingen, soll aber vor allem heißen, dass diese Forschung eben nicht nur auf Ausgrabungen und in Museen stattfindet. Sondern auch in Labors und an Schreibtischen. In Bibliotheken und Archiven, Planungsbüros und an unzähligen weiteren Orten, überall auf der Welt — gar im virtuellen Raum.

Den modernen Altertumswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern geht es nicht um verlorene Schätze. Auch nicht um Dinosaurier übrigens, ein weitverbreitetes Missverständnis: Die nämlich fallen in den Aufgabenbereich der Paläontologie — Familie Feuerstein und ihre Haustiere trennen gut 64 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte.

Uns interessiert die Alltagskultur, das Leben der Menschen früherer Epochen. Denn davon zeugen all die Hinterlassenschaften, die kleinen und großen Funde, die Monumente und Ruinen. Sie sind Echo und Schatten dieses vergangenen Alltags.

Als vergleichsweise kleines Fach*2 wird die Archäologie zu den »Orchideenfächern« gezählt. Was irgendwie nach Rarität und Liebhaberstück klingt. Orchideen sind mehr Zier- als Nutzpflanzen. Ein Luxus, den wir uns leisten, weil sie uns die Schönheit und Vielfalt der Natur zeigen. Und wie diese Blumen muss sich eine Gesellschaft die nach ihnen benannten Fächer ebenfalls leisten wollen. Auch die Archäologie kann uns Vielfalt lehren. Unsere eigene menschliche, kulturelle Vielfalt.

So viele unterschiedliche Forschungsrichtungen gibt es innerhalb des Fachs, dass wir korrekterweise eigentlich von »Archäologien« im Plural sprechen müssten. Was all diese verschiedenen Disziplinen eint, ist der Gegenstand ihres Interesses: die Überreste und Hinterlassenschaften vergangenen menschlichen Lebensalltags. Eines Alltags, der von der Entwicklung der ersten bekannten Steinwerkzeuge im Nordosten Äthiopiens vor ...


Notroff, Jens
Jens Notroff, Jahrgang 1980, ist Archäologe, Illustrator und Wissenschaftskommunikator. Seine Forschungsinteressen umfassen das Neolithikum und die Bronzezeit, wobei er sich besonders für die Repräsentation von Macht und Herrschaft in prähistorischen Gesellschaften, Kultstätten sowie Bestattungsbräuche und Totenrituale interessiert (und eine besondere Neugier für sogenannte abweichende Bestattungen hegt). Er lebt in Berlin.



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