Novalis / Balmes | Blütenstaub/ Die Christenheit oder Europa | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 25 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Novalis / Balmes Blütenstaub/ Die Christenheit oder Europa

Fragmente und Studien
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401874-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fragmente und Studien

E-Book, Deutsch, 25 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401874-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit einer Novalis-Biographie von Ludwig Tieck. Mit einer Nachbemerkung des Herausgebers. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Die Sammlung ?Blütenstaub? erschien erstmals in August Wilhelm und Friedrich Schlegels berühmter Zeitschrift ?Athanaeum?. Hierin und in den anderen Fragmenten entfaltet Novalis auf faszinierende Weise sein Lyrikverständnis. Und darüber hinaus bieten diese Schriften Einblicke in die produktivste Denkfabrik der Romantik.

Novalis (1772-1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, gilt als der bedeutendste Lyriker und Prosadichter der deutschen Frühromantik.
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Vermischte Bemerkungen


[Handschriftliche Fassung von ]

1. Wir überall das Unbedingte und immer nur Dinge.

2. Die Bezeichnung durch Töne und Striche ist eine bewundernswürdige Abstraktion. Vier Buchstaben bezeichnen mir Gott – einige Striche eine Million Dinge. Wie leicht wird hier die Handhabung des Universi! wie anschaulich die Konzentrizität der Geisterwelt! die Sprachlehre ist die Dynamik des Geisterreichs! Ein Kommandowort bewegt Armeen – das Wort Freiheit – Nationen.

3. Der Weltstaat ist der Körper, den die schöne Welt, die gesellige Welt – beseelt. Er ist ihr notwendiges Organ.

4. Lehrjahre sind für den poetischen – akademische Jahre für den philosophischen Jünger.

Akademie sollte ein durchaus philosophisches Institut sein – nur Eine Fakultät – die ganze Einrichtung zur Erregung und zweckmäßigen Übung der  – organisiert.

Lehrjahre im vorzüglichen Sinn sind die Lehrjahre der Kunst zu leben. Durch planmäßig geordnete Versuche lernt man ihre Grundsätze kennen und erhält die Fertigkeit, nach ihnen behebig zu verfahren.

5. Der Geist führt einen ewigen Selbstbeweis.

6. Ganz begreifen werden wir uns nie, aber wir werden und können uns weit mehr als begreifen.

7. Gewisse Hemmungen gleichen den Griffen eines Flötenspielers, der um verschiedene Töne hervorzubringen, bald diese, bald jene Öffnung zuhält und Verkettungen stummer und tönender Öffnungen zu machen scheint.

8. Der Unterschied zwischen Wahn und Wahrheit liegt in der Differenz ihrer Lebensfunktionen.

Der Wahn lebt von der Wahrheit – die Wahrheit hat ihr Leben in sich. Man vernichtet den Wahn, wie man Krankheiten vernichtet – und der Wahn ist also nichts als logische Entzündung oder Verlöschung – Schwärmerei oder Philisterei. Jene hinterlässt gewöhnlich – einen , der durch nichts zu heben ist als eine abnehmende Reihe von Inzitamenten (Zwangsmitteln). Diese geht oft in eine über, deren gefährliche Revolutionssymptome nur durch eine zunehmende Reihe gewaltsamer Mittel vertrieben werden können.

Beide Dispositionen können nur durch chronische, streng befolgte Kuren verändert werden.

9. Unser sämtliches Wahrnehmungsvermögen gleicht dem Auge. Die Objekte müssen durch entgegengesetzte Media durch, um richtig auf der Pupille zu erscheinen.

10. Die Erfahrung ist die Probe des Rationalen – und so umgekehrt.

Die Unzulänglichkeit der Theorie in der Anwendung, über die der Praktiker oft kommentiert – findet sich gegenseitig in der rationellen Anwendung der Erfahrung und wird von dem echten Philosophen, jedoch mit Selbstbescheidung der Notwendigkeit dieses Erfolgs, vernehmlich genug bemerkt. Der Praktiker verwirft deshalb die bloße Theorie ganz, ohne zu ahnden, wie problematisch die Beantwortung der Frage sein dürfte, ob die Theorie für die Anwendung oder die Anwendung um der Theorie willen sei?

11. Der Tod ist eine Selbstbesiegung – die, wie alle Selbstüberwindung, eine neue, leichtere Existenz verschafft.

12. Brauchen wir zum Gewöhnlichen und Gemeinen vielleicht deswegen so viel Kraft und Anstrengung, weil für den eigentlichen Menschen nichts ungewöhnlicher – nichts ungemeiner ist als armselige Gewöhnlichkeit?

Das Höchste ist das Verständlichste – das Nächste das Unentbehrlichste. Nur durch Unbekanntschaft mit uns selbst – Entwöhnung von uns selbst entsteht hier eine Unbegreiflichkeit, die selbst unbegreiflich ist.

13. Wunder stehn mit naturgesetzlichen Wirkungen in Wechsel – sie beschränken einander gegenseitig und machen zusammen ein Ganzes aus. Sie sind vereinigt, indem sie sich gegenseitig aufheben. Kein Wunder ohne Naturbegebenheit und umgekehrt.

14. Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen. Sie zerstört nach festen Gesetzen alle Zeichen des Eigentums, vertilgt alle Merkmale der Formation. Allen Geschlechtern gehört die Erde – jeder hat Anspruch auf alles. Die Frühern dürfen diesem Primogeniturzufalle keinen Vorzug verdanken. Das Eigentumsrecht erlischt zu bestimmten Zeiten. Die Amelioration und Deterioration steht unter unabänderlichen Bedingungen. Wenn aber der Körper ein Eigentum ist, wodurch ich nur die Rechte eines aktiven Erdenbürgers erwerbe, so kann ich durch den Verlust dieses Eigentums nicht mich selbst einbüßen – ich verliere nichts als die Stelle in dieser Fürstenschule – und trete in eine höhere Korporation, wohin mir meine geliebten Mitschüler nachfolgen.

15. Leben ist der Anfang des Todes. Das Leben ist um des Todes willen. Der Tod ist Endigung und Anfang zugleich – Scheidung und nähere Selbstverbindung zugleich. Durch den Tod wird die Reduktion vollendet.

16. Wir sind dem Aufwachen nah, wenn wir träumen, dass wir träumen.

17. Die Phantasie setzt die künftige Welt entw[eder] in die Höhe oder in die Tiefe oder in der Metempsychose zu uns. Wir träumen von Reisen durch das Weltall – ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht – nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten – die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt – sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint’s uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos – aber wie ganz anders wird es uns dünken – wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist – wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

18. Darwin macht die Bemerkung, dass wir weniger vom Lichte beim Erwachen geblendet werden – wenn wir von sichtbaren Gegenständen geträumt haben. Wohl also denen, die hier schon von Sehn träumten – sie werden früher die Glorie jener Welt ertragen können!

19. Wie kann ein Mensch Sinn für etwas haben, wenn er nicht den Keim davon in sich hat. Was ich verstehn soll, muss sich in mir organisch entwickeln – und was ich zu lernen scheine, ist nur Nahrung – Inzitament des Organism.

20. Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo sie sich durchdringen – ist er in jedem Punkte der Durchdringung.

21. Das Leben eines wahrhaft kanonischen Menschen muss durchgehends symbolisch sein. Wäre unter dieser Voraussetzung nicht jeder Tod ein Versöhnungstod? – Mehr oder weniger, versteht sich – und ließen sich nicht mehrere höchst merkwürdige Folgerungen daraus ziehn?

22. Wer sucht, wird zweifeln. Das Genie sagt aber so dreist und sicher, was es in sich vorgehn sieht, weil es nicht in seiner Darstellung und also auch die Darstellung nicht [in] ihm befangen ist, sondern seine Betrachtung und das Betrachtete frei zusammenzustimmen, zu Einem Werke frei sich zu vereinigen scheinen.

Wenn wir von der Außenwelt sprechen, wenn wir wirkliche Gegenstände schildern, so verfahren wir, wie das Genie. So ist also das Genie das Vermögen, von eingebildeten Gegenständen wie von wirklichen zu handeln und sie auch wie diese zu behandeln. Das Talent darzustellen, genau zu beobachten – zweckmäßig die Beobachtung zu beschreiben – ist also vom Genie verschieden. Ohne dieses Talent sieht man nur halb – und ist nur ein halbes Genie – man kann genialische Anlage haben, die in Ermangelung jenes Talents nie zur Entwicklung kommt.

Ohne Genialität existierten wir alle überhaupt nicht. Genie ist zu allem nötig. Was man aber gewöhnlich Genie nennt – ist Genie des Genies.

23. Das willkürlichste Vorurteil ist, dass dem Menschen das Vermögen außer sich zu sein, mit Bewusstsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnliches Wesen zu sein. Ohne dies wär er nicht Weltbürger – er wäre ein Tier. Freilich ist die Besonnenheit in diesem Zustande, die Sich-selbst-Findung – sehr schwer, da er so unaufhörlich, so notwendig mit dem Wechsel unsrer übrigen Zustände verbunden ist. Je mehr wir uns aber dieses Zustands bewusst zu sein vermögen, desto lebendiger, mächtiger, genügender ist die Überzeugung, die daraus entsteht – der Glaube an echte Offenbarungen des Geistes. Es ist kein Schauen – Hören – Fühlen – es ist aus allen dreien zusammengesetzt – mehr als alles Dreies – eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit – eine Ansicht meines wahrhaftesten, eigensten Lebens – die Gedanken verwandeln sich in Gesetze – die Wünsche in Erfüllungen. Für den Schwachen ist das .

Auffallend wird die Erscheinung besonders beim Anblick mancher menschlicher Gestalten und Gesichter – vorzüglich bei der Erblickung mancher Augen, mancher Mienen,...


Balmes, Hans Jürgen
Hans Jürgen Balmes, 1958 in Koblenz geboren, ist Lektor und Übersetzer. Für 'Mare' schrieb er über die 'Quellen der Meere'. Porträts und Aufsätze schienen u. a. in der 'Neuen Zürcher Zeitung' und der 'Süddeutschen Zeitung'. Aus dem Englischen übersetzte er John Berger, Barry Lopez sowie Gedichte von Robert Hass, W. S. Merwin und Martine Bellen.

Novalis
Novalis (1772–1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, gilt als der bedeutendste Lyriker und Prosadichter der deutschen Frühromantik.

NovalisNovalis (1772–1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, gilt als der bedeutendste Lyriker und Prosadichter der deutschen Frühromantik.
Hans Jürgen BalmesHans Jürgen Balmes, 1958 in Koblenz geboren, ist Lektor und Übersetzer. Für 'Mare' schrieb er über die 'Quellen der Meere'. Porträts und Aufsätze schienen u. a. in der 'Neuen Zürcher Zeitung' und der 'Süddeutschen Zeitung'. Aus dem Englischen übersetzte er John Berger, Barry Lopez sowie Gedichte von Robert Hass, W. S. Merwin und Martine Bellen.



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