Nunez | Eine Feder auf dem Atem Gottes | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Nunez Eine Feder auf dem Atem Gottes

Roman
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3059-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3059-1
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von Sigrid Nunez, Bestseller-Autorin von 'Der Freund', kommt dieser faszinierende, autobiographische Roman über ihre Jugend in New York City.

Eine junge Frau blickt zurück auf ihre Anfänge: den chinesisch-panamaischen Vater und die deutsche Mutter, die sich im Nachkriegsdeutschland begegnen und zusammen nach New York City gehen. In den fünfziger und sechziger Jahren dort aufwachsend, flüchtet sie sich in Träume, die von den Geschichten ihrer Eltern inspiriert sind, und dann in die Welt des Balletts. Eine sehnsüchtige Mutter mit Heimweh nach ihren Wurzeln, ein stiller Vater, den sie kaum kennt, das Tanzen, und die Erfahrung einer ersten Affäre mit Vadim, einem Russen aus Odessa: Das sind die Elemente, die das Leben der jungen Frau prägen. Ein Roman über Eltern und Kinder, Immigration und Liebe - und das Fremdsein in der eigenen Familie.

The New York Times Book Review 

Die Zeit 

'Ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.' Jonathan Franzen.

'Nunez' Roman über die Suche nach der eigenen Identität ist hochaktuell. Ihre literarische Spurensuche berührt.' Der Spiegel.

'Ein Kleinod.' Süddeutsche Zeitung.



Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für 'Der Freund' erhielt sie den National Book Award und erreichte international ein großes Publikum. Auch ihr Roman 'Was fehlt dir' wurde zum Bestseller. Bei Aufbau außerdem lieferbar: 'Sempre Susan', ihr Buch über Susan Sontag. Sigrid Nunez lebt in New York City. Anette Grube, geboren 1954, lebt in Berlin. Sie ist die Übersetzerin von Arundhati Roy, Vikram Seth, Chimamanda Ngozi Adichie, Mordecai Richler, Yaa Gyasi, Kate Atkinson, Monica Ali, Richard Yates und vielen anderen.
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1. Teil Chang


Zum ersten Mal hörte ich meinen Vater in Coney Island Chinesisch sprechen. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals war, aber ich muss noch sehr jung gewesen sein. Es war in den frühen Tagen, als wir noch Familienausflüge machten. Wir gingen die Strandpromenade entlang, als wir den vier chinesischen Männern begegneten. Meine Mutter erzählte die Geschichte oft, als nähme sie an, dass wir sie vergessen hätten. »Ihr Kinder habt sie nicht gekannt und ich auch nicht. Es waren Freunde eures Vaters aus Chinatown. Ihr hattet nie zuvor Chinesisch gehört. Ihr wusstet nicht, was los war. Ihr habt mit offenem Mund dagestanden – ich musste lachen. ›Warum singen sie? Warum singt Daddy?‹«

Einer der Männer gab meinen Schwestern und mir je einen Dollarschein. Ich ließ meinen in Zehn-Cent-Stücke wechseln und machte mich auf, einen Goldfisch zu gewinnen. Mit zehn Cent erkaufte man sich drei Würfe mit einem Pingpongball in eine der vielen kleinen Schalen, in denen je ein zitternder orangefarbener Fisch schwamm. Überaufgeregt warf ich einfach drauflos, wieder und wieder. Als alle Zehn-Cent-Stücke aufgebraucht waren, lief ich weinend zu den Erwachsenen zurück. Der Mann, der mir den Dollar geschenkt hatte, versuchte, mir noch einen zu geben, aber meine Eltern ließen es nicht zu. Er drückte mir die Tüte mit Erdnüssen, die er gegessen hatte, in die Hand und sagte, dass ich sie alle haben könne.

Ich habe keinen dieser Männer je wiedergesehen oder etwas über sie gehört. Es waren die einzigen Freunde meines Vaters, die ich je traf. Ich hörte ihn erneut Chinesisch sprechen, aber nur sehr selten. In chinesischen Restaurants, gelegentlich am Telefon, ein- oder zweimal im Schlaf und im Krankenhaus, als er im Sterben lag.

Es stimmte also. Er war tatsächlich Chinese. Bis zu jenem Tag hatte ich es nicht wirklich geglaubt.

Meine Mutter erzählte immer, dass er auf einem Schiff nach Amerika gekommen war. Er hat ein langsames Schiff von China genommen, sagte sie und lachte. Ich war nicht sicher, ob sie es ernst meinte, und wenn doch, warum es so lustig war, aus China zu kommen.

Ein langsames Schiff von China. Mit der Zeit erfuhr ich, dass er nicht in China, sondern in Panama geboren war. Kein Wunder, dass ich nur halb glaubte, dass er Chinese war. Er war nur halb Chinese.

Ich kenne nur unerträglich wenige Fakten über sein Leben. Obwohl wir achtzehn Jahre lang im selben Haus lebten, hatten wir sehr wenig gemeinsam. Wir hatten keine Kultur gemein. Und es ist nur leicht übertrieben zu behaupten, dass wir auch keine Sprache gemein hatten. Als ich geboren wurde, lebte mein Vater schon fast dreißig Jahre in Amerika, aber wenn man ihn sprechen hörte, konnte man es nicht glauben. Sein Scheitern, die englische Sprache zu lernen, schien mir immer etwas Vorsätzliches zu haben. Abgesehen von ihrem Akzent – so stark wie seiner, aber ganz anders als seiner – hatte meine Mutter keinerlei Probleme damit.

»Er hat nie viel über sich gesprochen. So war er. Er hatte im Allgemeinen nicht viel zu sagen. Schweigen war Gold. Ich glaube, es war was Kulturelles.« (Meine Mutter.)

Als ich alt genug war, es zu verstehen, hatte mein Vater so gut wie aufgehört zu sprechen.

Schweigsamkeit: Es heißt, sie sei ein asiatischer Charakterzug. Doch ich glaube nicht, dass mein Vater immer der schweigsame, verschlossene Mann war, den ich kannte. Man denke nur an den Tag in Coney Island, als er ununterbrochen Chinesisch sprach.

Nahezu alles, was ich über ihn weiß, stammt von meiner Mutter, und es gab viel, das auch sie nicht wusste, viel, das sie vergessen hatte oder nicht genau wusste, und viel, das sie nie erzählte.

Ich bin sechs, sieben, acht Jahre alt, ein Schulmädchen mit erbärmlicher Haltung und ständig aufgesprungenen Lippen, wundgescheuert in den puppenhaften Alte-Welt-Kleidern, die meine Mutter selbst näht; ein rechthaberisches, quengeliges, durchtriebenes, feiges Kind, das zu Wut- und Heulanfällen neigt. In der Schule oder auf dem Spielplatz oder vielleicht im Fernsehen höre ich etwas über Chinesen – etwas Seltsames, Unwahrscheinliches. Ich werde meinen Vater fragen. Er wird wissen, ob es zum Beispiel stimmt, dass Chinesen mit Stäbchen essen.

Er zuckt die Achseln. Er tut so, als würde er nicht verstehen. Oder er blickt finster drein und sagt: »Chinesen genau wie alle anderen.«

(»Er hat geglaubt, dass du dich über ihn lustig machst. Er hat immer geglaubt, dass sich alle über ihn lustig machen. Er hatte einen Komplex. So wie er sich verhalten hat, hätte man glauben können, er wäre ein Schwarzer!«)

Tatsächlich sagte er »andelen«.

Stimmt es, dass die Chinesen rückwärts schreiben?

Chinesen genau wie alle andelen.

Stimmt es, dass sie Hund essen?

Chinesen genau wie alle andelen.

Sind sie wirklich alle Kommunisten?

Chinesen genau wie alle andelen.

Was ist chinesische Wasserfolter? Was heißt die Füße binden? Was ist ein Mandarin?

Chinesen genau wie alle andelen.

Er war nicht wie alle anderen.

Die unerträglich wenigen Fakten sind diese. Er wurde 1911 in Colón, Panama, geboren. Sein Vater kam aus Shanghai. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war Großvater Chang ein Kaufmann, der mit Tabak und Tee handelte. Aufgrund dieser Geschäfte, die er mit einem seiner Brüder betrieb, reiste er oft zwischen Shanghai und Colón hin und her. Er hatte zwei Frauen, eine in jeder Stadt, und als hegte er eine Leidenschaft für Symmetrie, zwei Söhne von jeder Frau. Bald nachdem mein Vater, Carlos, geboren war, brachte ihn sein Vater nach Shanghai, um ihn von seiner chinesischen Frau aufziehen zu lassen. Zehn Jahre später wurde mein Vater nach Colón zurückgeschickt. Den Grund dafür habe ich nie verstanden. So wie mir die Geschichte erzählt wurde, hatte ich den Eindruck, dass mein Vater fortgeschickt wurde, um einer Gefahr zu entgehen. Es war natürlich eine Zeit des Aufruhrs in China, das Jahrzehnt nach der Gründung der Republik, die Ära der Warlords. Wenn das Datum stimmt, verließ mein Vater Shanghai in dem Jahr, als die Kommunistische Partei Chinas gegründet wurde. Es ist jedoch nicht gewiss, ob politische Ereignisse überhaupt etwas mit seiner Abreise aus China zu tun hatten.

Ein Jahr nachdem mein Vater nach Colón zurückgekehrt war, starb seine Mutter. Ich erinnere mich, als Kind gehört zu haben, dass sie einem Schlaganfall erlag. Jahre später, als ich ausrechnete, dass sie erst sechsundzwanzig gewesen war, erschien mir das merkwürdig. Noch merkwürdiger ist der Gedanke an die Wiedervereinigung von Mutter und Sohn nach langer Trennung; gut möglich, dass sie nicht dieselbe Sprache sprachen. Der andere halb-panamaische Sohn, Alfonso, wurde entweder mit meinem Vater zurückgeschickt oder hatte Colón nie verlassen. Nach dem Tod ihrer Mutter kamen die beiden Jungen in die Obhut des Bruders und Geschäftspartners ihres Vaters, Onkel Mee, der offenbar in Colón lebte und eine eigene große Familie hatte.

Großvater Chang, seine chinesische Frau und ihre beiden Söhne blieben in Shanghai. Es heißt, dass alle von den Japanern umgebracht wurden. Das muss während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs gewesen sein. Mein Vater war damals Ende zwanzig, Anfang dreißig, aber ob er seine Verwandten aus Shanghai vor ihrem Tod jemals wiedergesehen hat, weiß ich nicht.

Mit zwölf oder dreizehn fuhr mein Vater mit Onkel Mee mit dem Schiff nach Amerika. Ich glaube, es waren nur die beiden, die in die USA kamen und den Rest der Familie in Colón zurückließen. Irgendwann im nächsten Jahr wurde mein Vater an einer staatlichen Schule in Brooklyn angemeldet. Ich erinnere mich, ein Schulheft gefunden zu haben, das ihm in jenen Tagen gehört hatte, und über den Namen auf dem Umschlag gestolpert zu sein: Charles Cipriano Chang. Es war weder der Vorname noch der Nachname meines Vaters, soweit ich wusste, und von einem zweiten Namen hatte ich nie gehört. (Schwer zu glauben, dass mein Vater seine Kindheit in Shanghai verbrachte und Carlos genannt wurde, ein Name, den er nicht einmal korrekt spanisch aussprechen konnte. Er musste also zudem einen chinesischen Namen gehabt haben. Und auch wenn unsere Familie diesen Namen nicht kannte, benutzte er ihn vielleicht unter Chinesen.)

Zwanzig Jahre vergingen. Über diese Spanne im Leben meines Vaters...



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