E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Nunez Was fehlt dir
3. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2766-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Die Buchvorlage zum Film "The Room Next Door" von Pedro Almodóvar.
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-8412-2766-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was hat das Schicksal anderer Menschen mit dem eigenen zu tun?
Kaum jemand durchdringt das, was es heißt, am Leben zu sein, tiefer, als die amerikanische Autorin Sigrid Nunez. In ihrem neuen Roman 'Was fehlt dir' schreibt sie darüber, wie wir einander verbunden sind, in Glück und Trauer, Trost und Zuversicht - und wie Mitgefühl unsere Sicht aufs Leben verändern kann. Was hat das Schicksal anderer Menschen mit dem eigenen zu tun? Die New Yorker Erzählerin in Sigrid Nunez' neuem Roman findet Antworten auf diese Frage in der Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, ihrer Traurigkeit, ihrem Mut, ihrer Zuversicht: Ob mit einer verflossenen Liebe, einer verunsicherten Airbnb-Gastgeberin oder einer Jugendfreundin, die unheilbar krank ist.
Der Goldene Löwe für den besten Film auf dem Filmfestival Venedig 2024 geht an den Film 'The Room Next Door' des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar. Der Film basiert auf dem Bestseller 'Was fehlt dir' (2021) von Sigrid Nunez.
'Voller Geistesgegenwart und Zärtlichkeit.' PEOPLE.
'Ein profundes Buch.' THE TIMES LITERARY SUPPLEMENT.
'Ein anmutiger Roman.' THE NEW YORKER.
'Man folgt ihr gespannt bis zur letzten Seite und fühlt sich auf eine sehr zivilisierte Weise getröstet.' JOHANNA ADORJÁN.
'Liebe, Verlust, Freundschaft, Empathie - und so viel Weisheit. Ich verehre Sigrid Nunez.' PAULA HAWKINS.
Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für ihren Roman 'Der Freund' erhielt sie 2018 den National Book Award und erreichte international ein großes Publikum. Im Aufbau Verlag ist außerdem ihr Buch 'Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag' erschienen. Sigrid Nunez lebt in New York City. Anette Grube, geboren 1954, lebt in Berlin. Sie ist die Übersetzerin von Arundhati Roy, Vikram Seth, Chimamanda Ngozi Adichie, Mordecai Richler, Yaa Gyasi, Kate Atkinson, Monica Ali, Richard Yates und vielen anderen.
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Ich machte mich auf den Weg, um mir den Vortrag eines Mannes anzuhören. Die Veranstaltung fand auf einem College-Campus statt. Der Mann war Professor, aber er lehrte an einem anderen College, in einem anderen Teil des Landes. Er war ein weithin bekannter Autor, der Anfang des Jahres einen internationalen Preis gewonnen hatte. Doch obwohl die Veranstaltung kostenlos und der Öffentlichkeit frei zugänglich war, füllte sich das Auditorium nur zur Hälfte. Auch ich war nur aufgrund eines Zufalls im Publikum, in dieser Stadt. Eine Freundin von mir lag in einem örtlichen Krankenhaus, das auf die Behandlung ihres besonderen Typs von Krebs spezialisiert war. Ich war gekommen, um diese Freundin, diese alte, mir sehr liebe Freundin, zu besuchen, die ich seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte und angesichts der Schwere ihrer Krankheit vielleicht auch nicht wiedersehen würde.
Es war die dritte Woche im September 2017. Über Airbnb hatte ich ein Zimmer gemietet. Die Gastgeberin war eine pensionierte Bibliothekarin, eine Witwe. Aus ihrem Profil wusste ich, dass sie vier Kinder und sechs Enkelkinder hatte und ihre Hobbys unter anderem Kochen und Theaterbesuche waren. Sie lebte im obersten Stock einer Anlage mit Eigentumswohnungen in ungefähr dreieinhalb Kilometer Entfernung vom Krankenhaus. Die Wohnung war sauber und aufgeräumt und roch leicht nach Kreuzkümmel. Die Einrichtung des Gästezimmers war so, wie offenbar die meisten übereingekommen sind, dass der Mensch sich wohlfühlt: kleine flauschige Teppiche, ein Bett mit einer Hecke aus Kissen und einer dicken Daunendecke, ein Tischchen, darauf ein Keramikkrug mit getrockneten Blumen, und auf dem Nachttisch ein Stapel Taschenbuchausgaben von Krimis. Die Art Zimmer, in der ich mich nie wohlfühle. Was die meisten Leute heimelig – gemütlich, hygge – nennen, finden andere erdrückend.
Eine Katze war versprochen worden, aber ich sah keine Spur von ihr. Erst später, als ich abreiste, erfuhr ich, dass die Katze meiner Gastgeberin zwischen meiner Buchung und meiner Ankunft gestorben war. Sie teilte es mir brüsk mit, wechselte sofort das Thema, so dass ich sie nicht danach fragen konnte – was ich in der Tat hatte tun wollen, weil ich aufgrund ihres Verhaltens den Eindruck hatte, dass sie danach gefragt werden wollte. Mir kam der Gedanke, dass sie nicht wegen ihrer Gefühle einfach so das Thema wechselte, sondern eher aufgrund der Sorge, dass ich mich später beschweren könnte. Triste Gastgeberin sprach zu viel von toter Katze. Die Sorte Kommentar, die man ständig auf der Website findet.
Ich trank Kaffee in der Küche, aß etwas von dem Tablett mit Snacks, das die Gastgeberin für mich bereitgestellt hatte (während sie sich, so, wie es Airbnb-Gastgebern empfohlen wird, rar machte), und studierte die Korktafel, an der sie für Gäste Flyer mit Veranstaltungshinweisen aufgehängt hatte. Eine Ausstellung mit japanischen Drucken, eine Arts-and-Crafts-Messe, Gastauftritte einer Tanzkompanie aus Kanada, ein Jazzfestival, ein karibisches Kulturfestival, ein Veranstaltungsplan des örtlichen Sportstadions, eine Lesung. Und an diesem Abend um halb acht der Vortrag des Autors.
Auf dem Foto sieht er hart aus – nein, »hart« ist zu hart. Sagen wir streng. Er sieht aus wie viele weiße Männer ab einem gewissen Alter: völlig weißes Haar, Hakennase, schmale Lippen, durchdringender Blick. Wie ein Raubvogel. Wohl kaum anziehend. Wohl kaum ein Bild, das vermittelt: Bitte, komm und hör dir meinen Vortrag an. Würde dich gern sehen! Sondern eher: Täusch dich nicht, ich weiß viel mehr als du. Du solltest mir zuhören. Vielleicht verstehst du dann, wo’s langgeht.
Eine Frau stellt ihn vor. Die Institutsleiterin, die ihn eingeladen hat. Sie ist ein vertrauter Typ: Die hippe Akademikerin, der intellektuelle Vamp. Jemand, der unbedingt mitteilen will, dass sie, obwohl schlau und gebildet, obwohl Feministin und eine Frau in einer Machtposition, keine Schabracke, kein langweiliger Nerd, keine geschlechtslose Xanthippe ist. Und was macht es da schon, dass sie ein bestimmtes Alter überschritten hat. Der eng sitzende Rock, die Höhe der Absätze, der knallrote Mund und das gefärbte Haar (ich habe einmal einen Friseur sagen hören: Ich glaube, es behindert das Denkvermögen einer Frau, wenn sie graue Haare hat), all das sagt: Ich bin noch immer bereit für Sex. Eine schlanke Figur, die höchstwahrscheinlich bedeutet, dass sie die meiste Zeit Hunger hat. Diesen Frauen geht mit trauriger Regelmäßigkeit durch den Kopf, dass Intellektuelle in Frankreich Sexsymbole sein können. Auch wenn das Symbol bisweilen peinlich ist (Bernard-Henri Lévy und seine nicht zugeknöpften Hemden). Diese Frauen erinnern sich, als Kinder gequält worden zu sein, nicht wegen ihres Aussehens, sondern wegen ihrer Intelligenz. »Männer mögen keine Brillenschlangen« meinte schlaue Mädchen, Mädchen, die Bücher lesen, sich für Mathematik oder Naturwissenschaften begeistern. Die Zeiten ändern sich. Wer mag heutzutage keine Brillen. Wie weit verbreitet sind heute Männer, die damit angeben, dass sie sich zu schlauen Frauen hingezogen fühlen. Oder wie ein junger Schauspieler vor Kurzem sagte: Meine Meinung war schon immer, dass die sexyesten Frauen die mit dem größten Verstand sind. Woraufhin ich, ich gestehe es, die Augen so sehr verdrehte, dass ich den Kopf jäh nach vorn kippen musste, um wieder richtig sehen zu können.
Sie kann unmöglich stimmen, nicht wahr, die Geschichte, dass Toscanini während einer Probe mit einem Sopran die Geduld verlor, an ihre Brüste fasste und rief: Wenn sie nur Gehirne wären!
Später hieß es: »Männer mögen keine Frauen mit fetten Ärschen.«
Ich sehe sie vor mir, diesen Mann und diese Frau, beim kollegialen Abendessen, das sicherlich auf die Veranstaltung folgen wird und das, weil er ist, wer er ist, ein gutes sein wird, in einem der teuersten Restaurants der Stadt, und bei dem sie wahrscheinlich nebeneinandersitzen werden. Und selbstverständlich wird die Frau auf ein intensives Gespräch hoffen – keinen Smalltalk –, vielleicht sogar auf einen kleinen Flirt, aber das wird sich als nicht so einfach erweisen, da seine Aufmerksamkeit immer wieder zu der Doktorandin abschweifen wird, die als seine Eskorte abgestellt ist, ihn von Ort zu Ort chauffiert, auch nach dem Essen zurück in sein Hotel, und die nach nur einem Glas Wein auf seine vielen kurzen Blicke mit eigenen zunehmend gewagteren Blicken reagiert.
Sieht aus, als würde das mit Toscanini stimmen. Ich habe es gegoogelt. Doch laut mancher Berichte fasste er nicht an die Brüste des Soprans, sondern deutete nur darauf.
Während der obligatorischen Aufzählung der Verdienste des Redners senkt der Mann den Blick, setzt eine Miene des Unbehagens auf und heuchelt Bescheidenheit, von der ich bezweifle, dass jemand sie ernst nimmt.
Wenn Noten mehr davon abhingen, wie viel ich in Vorlesungen gelernt hätte als bei der Lektüre von Texten, hätte ich beim Studium versagt. Wenn ich lese oder jemandem bei einem Gespräch zuhöre, kann ich mich fast immer konzentrieren, aber Vorträge jeder Art waren schon immer ein Problem (am schlimmsten ist es, wenn ein Autor aus seinem eigenen Werk vorliest). Meine Gedanken schweifen nahezu sofort ab, wenn der Redner beginnt. An diesem Abend war ich zudem ungewöhnlich zerstreut. Ich war den ganzen Nachmittag bei meiner Freundin im Krankenhaus gewesen. Ich war vollkommen erschöpft, weil ich hatte zusehen müssen, wie sie litt, und mich ständig bemüht hatte, mir meine Bestürzung angesichts ihres Zustandes nicht anmerken zu lassen und vor ihr zu verbergen. Mit Krankheit umzugehen: Darin bin ich nie gut gewesen.
Meine Gedanken schweiften also ab. Von Anfang an. Ich verlor mehrmals den roten Faden des Vortrags. Doch es war nicht wichtig, denn der Vortrag des Mannes basierte auf einem langen Artikel, den er für eine Zeitschrift geschrieben hatte, und ich hatte den Artikel gelesen, als er erschienen war. Ich hatte ihn gelesen, alle, die ich kannte, hatten ihn gelesen. Meine Freundin im Krankenhaus hatte ihn gelesen. Ich vermutete, dass auch die...




