Nunn | Lass die Toten ruhen. Kriminalroman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Nunn Lass die Toten ruhen. Kriminalroman


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95988-226-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-95988-226-2
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Band 2 des Zyklus um Detective Sergeant Emmanuel Cooper. Durban 1953: In der großen Hafenstadt blüht das Verbrechen. Emmanuel Cooper schuftet tagsüber auf der Werft und arbeitet nachts undercover für seinen alten Boss. Dann stolpert er am Güterbahnhof über eine Leiche und weigert sich wegzusehen. Doch ihn trügt sein Gefühl, dass er nichts mehr zu verlieren hat ... »Drogenbosse, Zuhälter, korrupte Polizisten, indische Kleinkriminelle, gestrandete Deutsche beherrschen die Szene. Ein Schmöker, ein packender Krimi!« Denis Scheck, Druckfrisch

Malla Nunn wurde in Swasiland geboren. In den 1970ern emigrierte ihre Familie nach Australien, um der Apartheid zu entgehen. Malla Nunn studierte Englisch, Geschichte, Theaterwissenschaften und schuf als Drehbuchautorin drei preisgekrönte Dokumentarfilme, darunter Servant of The Ancestors. Malla Nunn lebt und arbeitet in Sydney.

Nunn Lass die Toten ruhen. Kriminalroman jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1
Durban, Südafrika, 28. Mai 1953
Die Auffahrt zum Güterbahnhof war ein dunkler Rachen voll verdreckter Güterwaggons und silbriger Gleisfäden. Ein paar weiße Prostituierte kreisten um eine matte Straßenlaterne. ­Indische und farbige Strichmädchen hielten sich im Schatten, abseits der Laufkundschaft und der Polizei. Emmanuel Cooper überquerte die Point Road und betrat den Güterbahnhof. Die Prostituierten starrten ihn an, und die dreisteste von ihnen, eine dicke Rothaarige mit einem zerfressenen Fuchspelz um die Schultern, hob ihren Rock und entblößte ­einen Schenkel im schwarzen Netzstrumpf. »Schätzchen«, grölte sie, »willst du kaufen oder nur gucken?« Emmanuel verdrückte sich ins Labyrinth der Industrieanla­gen. Sah er so verzweifelt aus? Aus dem Hafen von Durban wehten salzige Luft und Kohlenstaub heran, die Lichter eines Kreuzfahrtschiffs schimmerten über das Wasser. Feststehende Brückenkräne ragten über der Kolonne der Güterwaggons auf, und ein heller Halbmond beschien den steinigen Boden. Er ging weiter zur Mitte des Güterbahnhofs, folgte einem inzwischen vertrauten Pfad. Er war müde, nicht nur wegen der späten Stunde. Nach Mitternacht die Docks zu durchkämmen war schlimmer, als Streifenpolizist zu sein. Die hatten wenigstens einen greifbaren Auftrag: dem Gesetz Geltung verschaffen. Sein Job bestand darin, eine nervtötende Routine von Handgreiflichkeiten, Prostitution und Diebstahl zu beobachten und nichts zu unternehmen. Er stieg über eine schwere Kupplung und ließ sich in der Lücke zwischen zwei Waggons nieder. Bald würde eine Ameisenstraße von Lastwagen vom Hof rollen, randvoll beladen mit Whiskey, Feinschnitttabak und Kisten mit Eau de Cologne. Engländer, Afrikaaner, Streifen-, Kriminal- und Bahnpolizei – der organisierte Schmuggel war ein perfektes Beispiel dafür, wie gut unterschiedliche Behörden zusammenarbeiten und sich ­koordinieren konnten, wenn sie denn ein gemeinsames Ziel verfolgten. Er schlug das Observationsbuch auf. Die blass linierten Seiten waren in vier Spalten unterteilt: Namen, Zeiten, Nummernschilder und Beschreibungen des Diebesguts. Bis zu diesen kalten Nächten auf dem Güterbahnhof hatte er die öde Warterei auf die Landung in der Normandie für den Gipfel des Stumpfsinns gehalten. Die Unruhe und Angst der zusammengepferchten Truppen, das fade Essen und der Latrinengestank – all das hatte er ohne Murren ertragen. Die Unannehmlichkeiten unterschieden sich nicht wesentlich von dem, was er in den Elendsbaracken aus Wellblech und Beton erlebt hatte, als seine Familie in den Slums bei Jo’burg hauste. Was dieser Observation korrupter Polizisten leider abging, war die moralische Gewissheit der D-Day-Invasion. Es war völlig unklar, was Major van Niekerk, sein früherer Chef bei der Kriminalpolizei am Marshall Square, mit den Informationen in dem Observationsbuch vorhatte. »O Gott. O mein Gott …« Der Wind wehte ein Aufstöhnen über den Güterbahnhof. Manche von den billigeren Strichmädchen nutzten nach Einbruch der Dämmerung die leeren Güterwaggons. »Oh nein …« Diesmal klang die Männerstimme laut und angsterfüllt. Emmanuel stellten sich die Nackenhaare auf. Es drängte ihn, der Sache nachzugehen, doch er widerstand. Seine Aufgabe war es, die Aktivitäten des Schmugglerrings zu beobachten und zu dokumentieren, nicht einen betrunkenen Walfänger zu retten, der sich auf den Güterbahnhof verirrt hatte. Sie mischen sich auf keinen Fall ein. Was das betraf, war Major van Niekerk sehr deutlich gewesen. Das leise Rauschen des Verkehrs auf der Point Road mischte sich jetzt mit unartikuliertem Schluchzen. Sein Instinkt zog Emmanuel dorthin. Er zögerte, schob dann das Observationsbuch in die Hosentasche. Zehn Minuten, um nachzusehen, dann wäre er zurück, um die Nummernschilder der Laster zu notieren. Allenfalls zwanzig Minuten. Er zückte eine silberne Taschenlampe, knipste sie an und lief auf die Lagerhallen am nordöstlichen Ende des Güterbahnhofs zu. Das Schluchzen ließ plötzlich nach und klang gedämpft. Vielleicht von einer Hand vor einem Gesicht? Emmanuel blieb stehen und versuchte das Geräusch zu lokalisieren. Das Gelände war riesig, viele Kilometer Gleise liefen über die gesamte Länge des Industriehafens. Unter seinen Schuhen knirschte lockerer Schotter, das Weinen kam von vor ihm. Emmanuel stellte die Lampe auf Fernlicht und lief schneller. Zuckend erhellten sich Ausschnitte der Welt. Gespenstische Reihen abgestellter Güterwagen, Schleppketten, schmutzig verrußte Backsteinmauern und eine kleine Hintergasse, in der leere Jutesäcke herumlagen. Dann ein dunkles Rinnsal Blut wie ein Fragezeichen im Dreck. »Nein …« Emmanuel schwang die Lampe in Richtung der Stimme und erfasste im grellen Lichtstrahl zwei Inder. Beide waren jung mit dunklen, nach hinten gefetteten Haaren bis zu den Schultern. Sie trugen weiße Seidenhemden und fast gleiche Anzüge aus silbrigem Chintz. Der eine, ein schmächtiger Teenager mit tränen­überströmtem Gesicht, hockte gekrümmt an der Rückwand des Lagerhauses. Der andere, Anfang zwanzig mit Errol-Flynn-Schnurrbart, runzelte drohend die wulstige Stirn. Er beugte sich über den Jungen und hielt ihm den Mund zu, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Keine Bewegung.« Emmanuel sprach im Kriminalpolizei-Ton. Er langte nach seinem Webley-Revolver Kaliber .38 und griff ins Leere, wie ein Kriegsveteran ein Phantomglied zu fassen versucht. Die gefährlichste Waffe, die er bei sich hatte, war ein Stift. Egal. Die Waffe war eh nur zur Verstärkung. »Lauf!«, schrie der Ältere. »Los!« Die Männer rannten in verschiedene Richtungen davon, und Emmanuel nahm den kleineren aufs Korn, der stolperte und hinschlug. Emmanuel erwischte einen Ärmel und drückte den Jugendlichen gegen die Mauer. »Wenn du noch mal wegläufst, breche ich dir den Arm«, sagte er. Eine Zugkupplung dröhnte. Der Ältere war noch in der Nähe. Emmanuel lehnte sich Schulter an Schulter neben den Jungen und wartete ab. »Parthiv«, rief der Junge schniefend, »lass mich nicht allein.« »Amal«, rief eine Stimme zurück. »Wo bist du?« »Hier. Er hat mich erwischt.« »Was?« »Ich habe Amal«, rief Emmanuel. »Komm lieber her und leiste ihm Gesellschaft.« Mit wiegendem Gangsterschritt tauchte der Mann aus der Dunkelheit auf. Ein Goldkettchen ergänzte seinen silbrigen Anzug, und an seinem Zeigefinger hing schwer ein ziselierter Ring mit einem dicken lila Topas. »Und wer zum Teufel sind Sie?«, fragte der Kleinganove. Emmanuel entspannte sich. Möchtegernschläger wie den hatte er früher in Jo’burg jeden Tag mattgesetzt. Damals, vor dem Drama in Jacob’s Rest. »Ich bin Detective Sergeant Emmanuel Cooper«, sagte er. Jetzt, wo die National Party das Sagen hatte, war die Polizei die mächtigste Gangsterbande Südafrikas. Die Harter-Bursche-Nummer des Inders löste sich prompt in Luft auf. »Namen«, verlangte Emmanuel, als beide vor ihm an der Wand lehnten. Um das Problem, dass er hier weder zuständig noch ermächtigt war, würde er sich später kümmern. »Dr. Jekyll und Mr. Hyde«, sagte der indische Errol Flynn. Er gab sich knallhart, aber irgendetwas an dem schicken Anzug und dem Schmuck wirkte … harmlos. »Namen«, wiederholte Emmanuel. »Amal«, sagte der Kleine schnell. »Ich heiße Amal Dutta, und das ist mein Bruder Parthiv Dutta.« »Bleibt, wo ihr seid!«, befahl Emmanuel und richtete die Taschen­lampe zu Boden. Neben der Blutlache lag eine Limonadenflasche. Dann erkannte er in der Dunkelheit die gekrümmten Finger einer Kinderhand. Es sah fast aus, als würden sie ihn herbeiwinken. Ein weißer Junge lag im Dreck, die Arme ausgestreckt, die dürren Beine verdreht. Seine Kehle war von Ohr zu Ohr aufgeschlitzt wie ein zweiter Mund. Emmanuel erkannte das Opfer: ein englisches Slum-Kind, etwa elf Jahre alt, das sich zwischen Güterwaggons und Huren mit Besorgungen durchschlug. Jolly Marks. Wer wusste schon, ob das sein richtiger Name war? Emmanuel untersuchte die Leiche von den zerfledderten Leinenschuhen aufwärts. Eine Tarnhose aus Armeebeständen, die Überlänge hochgekrempelt, an den Knien abgewetzt. Durch die Gürtelschlaufen war ein Stück Schnur gezogen, am Hosenbund ein Blutfleck. Das graue Hemd starrte vor Dreck, der sich auch in den Mundfalten des Jungen gesammelt hatte. Der forschende Blick stieß in jeder Hinsicht auf Mangel: Jollys zerlumpte Kleidung zeigte den Mangel an Geld, das verfilzte Haar und die krustigen Fingernägel den Mangel an Hygiene. Und mangels Eltern hatte niemand ein Kind davon abgehalten, sich nach Einbruch der Dunkelheit in den Docks von Durban herumzu­treiben. Emmanuel richtete das Licht erneut auf den fleckigen Hosenbund. Jolly Marks hatte doch immer ein kleines Notizbuch an einer Schlaufe seiner Khakihose hängen, in das er Bestellungen für Tabak und Lebensmittel notierte. Die Schnur für das Büchlein war noch da, aber das Notizbuch fehlte. Das konnte ein Hinweis sein. »Hat einer von euch ein Notizbuch gefunden?«, fragte er. »Nein«, antworteten die Brüder gleichzeitig. Emmanuel hockte sich neben die Leiche. Neben Jollys rechter Hand lag ein verrostetes Taschenmesser, die kleine Klinge ausgeklappt. Emmanuel hatte fast im selben Alter auch so ein Messer besessen. Jolly war bewusst gewesen, dass hier draußen nachts üble Sachen passierten. Emmanuel kannte diesen Jungen, kannte Einzelheiten seines Lebens, ohne nachfragen zu...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.