E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Nutting Tampa
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-455-81251-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-455-81251-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihr einziger Antrieb ist die Lust, die Lust auf vierzehnjährige Jungs.
Celeste ist Ende zwanzig und tritt ihre neue Stelle als Lehrerin an einer Junior High School in Tampa, Florida, mit einer einzigen Absicht an: Sie wird einen ihrer Schüler verführen. Sie selbst hat panische Angst davor zu altern - alle erwachsenen Körper schrecken sie ab, Teenager dagegen wirken auf sie wie ein Jugendelixier. Als ihr Blick fällt auf den naiven und zurückhaltenden Jack Patrick fällt, erkennt sie in ihm das perfekte Opfer. Ohne moralische Bedenken manipuliert sie den Jungen, der seine schöne Lehrerin bewundert und sich von ihrer Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlt. Doch ihre Gier ist unersättlich und irgendwann geht Celeste zu weit.
In ihrem Debüt erzählt Alissa Nutting den Tabubruch radikal aus der Perspektive ihrer gefühlskalten, psychopathischen Protagonistin. Tampa ist eine moderne Antwort auf Nabokovs Lolita und erinnert an American Psycho, wenn Alissa Nutting unserer Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vorhält und dabei alle Tabus bricht.
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Kapitel eins
In der Nacht vor meinem ersten Unterrichtstag lag ich in einer erregten Endlosschleife lautloser Selbstbefriedigung auf meiner Bettseite und fand keinen Schlaf. Bevor ich mich hinlegte, hatte ich mir ein seidenes Negligé und einen durchsichtigen Slip angezogen, natürlich heimlich, unter meinen Bademantel, damit mein Mann Ford nicht über mich herfiel. Immer will er alles kaputtmachen. Es ist zum Totlachen, dass die Leute meinen, allein wegen unseres Aussehens wären wir das perfekte Paar. »Ihr beide seid wie die Gewinner einer Gen-Lotterie«, hatte Fords Bruder in seiner Trauzeugenrede bei unserer Hochzeit gesagt. Seine Stimme klang ganz nuschelig vor Neid; unsere Gesichter sähen aus wie gephotoshopt, meinte er noch. Statt mit einem Trinkspruch zu enden, hatte er das Mikro einfach wieder auf den Tisch gelegt und war an seinen Platz zurückgekehrt. Dass seine Freundin schielte, wurde von allen höflich übersehen. Eigentlich sollte ich Ford umwerfend attraktiv finden; jeder tut das. »Er sieht einfach zu gut aus«, stöhnte eine meiner Sororityschwestern auf dem College nach unserem ersten Pärchenabend. »Ich kann ihn kaum ansehen, schon habe ich das Gefühl, ich krieg eins mit dem Knüppel zwischen die Beine.« Mein wahres Problem mit Ford ist sein Alter. Wie die meisten Männer von Frauen, die wegen des Geldes heiraten, ist Ford viel zu alt. Mit sechsundzwanzig bin ich zwar nur unwesentlich jünger, aber als Einunddreißigjähriger übersteigt er mein sexuelles Beuteschema um rund siebzehn Jahre. In gewisser Hinsicht hat sich das Heiraten schon wegen des Rings gelohnt – wenigstens werde ich nicht mehr von ganz so vielen Idioten auf Schritt und Tritt angebaggert. Und natürlich ist es ein sehr schöner Ring. Ford ist Polizist, aber seine Familie ist stinkreich. Ich hatte gehofft, sein Reichtum würde mich auf andere Gedanken bringen, doch das ging nach hinten los – von all meinen Wünschen blieb ausgerechnet mein sexuelles Verlangen unerfüllt. Schon wenige Wochen nach unserer Heirat spürte ich, wie sich meine Libido kreischend in die Mustertapeten unseres wohlbehüteten Vorstadtheims krallte. Beim Abendessen presste ich meine Schenkel aneinander, aus Furcht, beim kleinsten Nachlassen könnte ein schriller Klagelaut hervorbrechen und die Kristallweingläser zum Bersten bringen. Das erschien mir kein bisschen abwegig. Die Lust pulsierte so heftig in mir und setzte meine Schläfen, Brüste und Schenkel derartig unter Dauerstrom, dass es nur einer Winzigkeit bedurft hätte, um meine Schamlippen wie eine Bauchrednerpuppe zum Sprechen zu bringen. Das Einzige, woran ich denken konnte, waren die Jungen, die ich demnächst unterrichten würde. Schuld an meinem starren Lustraster ist wohl mein allererstes Mal in Evan Kellers Gästezimmer – ich war vierzehn. Noch immer sehe ich alles in leuchtenden Technicolorfarben vor mir. Weil ich größer als Evan war, kam ich mir vor wie eine Halbgöttin mit einem Sterblichen: Wenn wir fummelten, musste ich mich zum Küssen zu ihm hinunterbeugen. Als wir es schließlich taten, saß er auf mir und bewegte sich mit dem verbissenen Eifer eines Triple-Crown-Jockeys. Am Ende war er schweißüberströmt. Danach war ich ins Bad gegangen und hatte ihn gerufen. Er stand da wie vor einem Aquarium und starrte mit wehmütiger Neugier auf die Überreste meines Jungfernhäutchens im blauen Toilettenwasser, als wäre es das letzte Exemplar einer einst prosperierenden Spezies. Ich hingegen empfand prickelnde Lebendigkeit: Es war, als hätte ich soeben den ersten Tag meines wahren Lebens geboren. Als Evan ein paar Monate später einen Wachstumsschub hatte, veränderte sich die sexuelle Dynamik zwischen uns – ich machte mit ihm Schluss und ließ mich während der Highschool auf eine Reihe lausiger Dates mit älteren Jungen ein, bis mir aufging, dass die wahren Objekte meiner Begierde um einige Jahre hinter mir zurückgeblieben waren. An der Uni stürzte ich mich in klassische Philologie, und die Schilderungen antiker Schlachten und heillosen Blutvergießens ließen mich meine sexuellen Enttäuschungen für eine kleine Weile vergessen. Doch dann, in meinem Junior Year und nachdem ich Ford kennengelernt hatte, wechselte ich zum Lehramtsstudium und steuerte endlich auf einen Job zu, der mich auf ewig in die achte Klasse zurückkehren ließ. Nein: In der Nacht, bevor die jahrelange Referendariats- und Vertretungslehrerzeit sich auszahlen sollte, durfte Ford mir nicht reinfummeln. Am Abend hatte ich mich völlig verausgabt, um wie ein Musterhaus vor der Besichtigung von innen und außen perfekt zu sein. Beine, Achseln und Schambein wurden rasiert und eingecremt; jede Lotion roch nach Erdbeeren. Ich wollte, dass mein Körper daherkam wie ein pralles Stück Obst. Statt nach etwas fast drei Jahrzehnte Altem zu schmecken, sollte meine feuchte Vagina das Aroma des durchsichtigen Rasiergels, das körnige Rot meiner Nippel den Geschmack des Pfirsich-Körperpeelings annehmen. Um den Duft sorgfältig einziehen zu lassen, bedeckte ich meine Brüste mit einer Crememaske, die ich während des Rasierens für zehn Minuten einwirken ließ. Sie wurde hart wie Schokoladenglasur und hüllte meine Erregung in einen knusprig zarten Guss. Nachdem ich jeden Zentimeter Körperbehaarung wegrasiert hatte, betrachtete ich die stoppelige Schaumlache, die im Waschbecken schwamm. Ich musste an den Eispunsch denken, den es bei Junior-Highschool-Bällen gab. Was für ein Spaß würde es sein, bald selbst einen zu beaufsichtigen! Vielleicht würde ich in vermeintlicher übermütiger Ausgelassenheit mit dem einen oder anderen der forscheren Jungs tanzen – entschlossen würden sie mich auf die Tanzfläche ziehen und die duftig puckernde Nässe unter dem dünnen Stoff meines Kleides erst wahrnehmen, wenn unsere Körper sich aneinanderschmiegten. Mit einem unbeschwerten Lachen würde ich mich sanft an sie drängen, ihnen mit feuchten Lippen Small Talk ins Ohr raunen und sie kirre machen. Ehe ich es sagte, würde ich mit einem ungerührten Seitenblick ins Nichts starren, als hätte ich nicht bemerkt, wie mein Schambein über ihre steife Geilheit in den geliehenen Smokinghosen scheuerte. Der Junge musste ein anständiger Knabe sein – einer, der seiner Mutter oder seinem Vater gegenüber einen solchen Satz niemals über die Lippen brächte und sich diesen Moment nur im alkoholisierten Dämmerzustand seiner einsamsten Erwachsenenmomente ins Gedächtnis zurückrufen würde: nach einem Geschäftsabendessen in irgendeinem Comfort Inn im Mittleren Westen, nachdem er seine Frau angerufen, mit seinen Kindern geplaudert, drei oder vier Flugzeugfläschchen Bourbon aus dem Zellophan gefriemelt, seinen Wecker gestellt und sich schließlich im Bett aufgesetzt hätte, eine Hand fest auf sein schwellendes Glied gepresst, verfolgt von der Erinnerung – hatte ich wirklich gesagt, was er zu hören gemeint hatte? Dazu noch in der Schule, unter den hämmernden Elektrobeats des damals aktuellen Sommerhits, der auch bei seinem allerersten Job in der Shoppingmall gelaufen war, als er bedruckte T-Shirts zusammengefaltet und die hereinkommenden Mütter und Kinder begrüßt hatte – hatte ich ihm wirklich diesen Satz ins Ohr geraunt? Aber ich hab’s gespürt, würde er sich sagen, er hatte gespürt, wie sich meine Worte in der warmen Luft formten, ein einziger, hingehauchter Satz, der bereits verpufft war, ehe er sich begreifen oder erinnern ließ. Für den Rest seines Lebens würde ein Teil von ihm der Junge auf der Tanzfläche bleiben, unsicher und so sehr nach Klarheit lechzend, dass er als Erwachsener in diesem Hotel einiges dafür gegeben hätte, seinen von mir geraubten Ordnungssinn wiederzuerlangen oder wenigstens die Gewissheit zu haben: Es ist passiert. Und ich würde stets wissen und er sich beinahe sicher sein, dass ich meinen Schambeinkamm wie die Schutzfolie einer Fotoalbumseite gegen seine Eichel gepresst und diesen Satz geraunt hatte: Ich will riechen, wie du in deiner Hose kommst. Der frühe Unterrichtsbeginn war mit das Reizvollste an der Jefferson Junior High: sieben Uhr dreißig morgens. Die Jungen würden fast noch schlafen, ihre Körper sich in verschiedenen Stadien abschwellender nächtlicher Erregung befinden. Von meinem Pult aus würde ich sehen können, wie sie sich unter der Bank über die Hosenbeine rieben, während das Schamgefühl mit ihren halb abgeschlafften Genitalien um die Kontrolle rang. Ein weiteres Glück war, dass ich einen der Ausweichklassenräume bekam. Das waren schäbige bewegliche Container hinter der Schule, aber immerhin ließen sich die Türen abschließen, und wenn die Klimaanlage am Fenster dröhnte, war nicht zu hören, was drinnen vor sich ging. Bei der Kollegiumssitzung im Juli in der Kantine hatte sich keiner der Lehrer freiwillig für einen Container gemeldet – der morgendliche Fußweg war länger, für jeden Klogang musste man ins Schulgebäude pilgern und bei schlechtem Wetter mit dem Schirm durch den Regen hasten. Aber ich reckte beflissen die Hand. »Ich bin nun einmal gern ein Teamplayer«, hatte ich mit breitem Lächeln verkündet. Konrektor Rosen war am Hals rot angelaufen. Ich blickte ihm unmissverständlich auf den Schritt, dann presste ich die Lippen zusammen und sah ihm mit einem vielsagenden Lächeln in die Augen: Beim Ausdruck »Teamplayer« hast du dir mich natürlich beim Gruppensex vorgestellt, versuchte mein Blick ihn zu beschwichtigen. Du kannst nichts dafür. »Das ist sehr nett von Ihnen, Celeste«, sagte er mit einem Nicken und wollte etwas aufschreiben. Der Stift rutschte ihm aus den Fingern, und mit einem nervösen Räuspern bückte er sich danach. »Meine Rede«, meldete sich Janet Feinlog hinter mir zu Wort....




