E-Book, Deutsch, Band 10, 256 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
Nygaard Der Inselkönig
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-038-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 10, 256 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-86358-038-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis 'Tod in der Marsch', 'Vom Himmel hoch', 'Mordlicht', 'Tod an der Förde', 'Todeshaus am Deich', 'Küstenfilz', 'Todesküste', 'Tod am Kanal' und 'Der Tote vom Kliff' sowie der Niedersachsen Krimi 'Mord an der Leine'.
Autoren/Hrsg.
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EINS
Die dunkle Wolkendecke hing drohend am Himmel. Es schien, als erdrücke sie alles, was sich im eiskalten Ostwind unter ihr duckte. Im Grau des vergehenden Tages zeichneten sich am Horizont schemenhaft die Warften der gegenüberliegenden Halligen ab. Wie an einer Perlenkette aufgereiht waren die Wohnstätten der Bewohner von Langeneß auszumachen. Im diesigen Dämmerlicht des Nachmittags waren die Häuser nur als mattgrauer Schattenriss zu erkennen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Dämmerung des unwirtlichen Februartages das gestreckte Eiland gänzlich verschlucken und erst am Folgetag wieder freigeben würde, wenn nicht Nebel oder Niederschlag die Sicht über das Wattenmeer behinderten.
Anna Bergmann zog den Kragen ihrer Winterjacke enger zusammen. Aus zusammengekniffenen Augen blickte sie über das Wasser.
»Brrr. Kalt ist es«, sagte sie und schüttelte sich. Dann legte sie den Kopf zurück und ließ ihn gegen Christophs sinken, der hinter ihr stand und sie mit beiden Armen umfasste.
»Das ist um diese Jahreszeit so«, sagte er und lächelte dabei.
»Ach du Schlauberger«, erwiderte Anna und fiel in sein leises Lachen ein.
Er zog sie an sich. »Trotzdem ist es ein unvergleichliches Erlebnis, einen Wintertag auf Föhr zu erleben. Die Stille, die klare Luft – man glaubt, die Zeit würde langsamer vergehen, und man tauscht Hektik gegen Leben.«
»Mein kleiner Philosoph.« Anna rieb vorsichtig ihren Hinterkopf an seiner Wange. »Wenn es nicht so kalt wäre, könnte ich dir zustimmen. Aber ein klarer Wintertag mit blauem Himmel und reiner Luft wäre mir jetzt lieber.«
»Das ist Kuschelwetter«, sagte Christoph. »Man atmet tief durch, trinkt einen Tee, und allein der Gedanke an das feuchtkalte Wetter lässt die Menschen enger zusammenrücken.«
Anna drehte sich zu ihm um und gab ihm einen Kuss. »Das würde mir aber nicht gefallen … Ich meine, wenn du an diesem Näherrücken beteiligt wärst.«
Er ließ seine Arme sinken. »So?«, fragte er spöttisch. »Soll ich dich loslassen?«
Sie drängte sich an ihn. »Nein, Herr Hauptkommissar. So war das nicht gemeint.«
»Erster Hauptkommissar«, sagte Christoph betont. »Aber das bin ich erst ab morgen wieder.«
Anna löste sich vorsichtig aus seiner Umarmung. »Ich möchte zurück zum Auto«, sagte sie. »Es sieht nach Schnee aus.«
Christoph lachte. »Wie kommst du darauf? Orakelst du auch, wenn Patienten zu euch in die Praxis kommen und über unklare Beschwerden klagen?«
»Du bist doof. Spürst du das nicht? Die Schneeluft?«
»Frauen und ihre Gefühle. Ich dachte, du bist noch Lichtjahre davon entfernt, wetterfühlig zu werden.«
Sie knuffte ihm zart mit der geballten Faust in die Seite. »Frauen sind eben sensibler als Männer.«
Christoph lächelte sie an. »Ich liebe deine Sensibilität, besonders wenn wir allein sind.«
Sie standen eine Weile schweigend da, als Anna plötzlich »Hah« sagte und sich mit dem Zeigefinger über die Nasenspitze fuhr.
»Was möchtest du damit kundtun?«, fragte Christoph gegen den Wind, der noch mehr aufgefrischt hatte.
»Das war die erste Schneeflocke.«
»Ich spüre nichts«, erwiderte er und vermied es, sich eine Reaktion anmerken zu lassen, als auch er die erste Flocke auf seiner Stirn spürte.
Sie gingen langsam Richtung Parkplatz, auf dem ein paar Fahrzeuge auf die Ankunft der Fähre warteten, die sie zurück zum Festland bringen sollte. Auch Christophs schwarzer Volvo Kombi stand dort. Er warf einen Blick auf das Wasser. Es war noch eine gute Stunde Zeit, bis das Schiff um halb fünf an der Brücke 1 in Wyk ablegen würde, um sie nach Dagebüll zu bringen. Von dort war es eine Dreiviertelstunde bis zu ihrer Wohnung, in der sie seit einem halben Jahr gemeinsam lebten.
»Ob es wieder die ›Nordfriesland‹ ist?«, fragte Anna.
»Es ist doch gleich, mit welcher Fähre wir fahren«, antwortete Christoph eine Spur geistesabwesend. In Gedanken war er jetzt bei dem Fall, der ihn auf die Insel geführt hatte.
Ein junger Mann hatte die scheinbare Abgeschiedenheit Föhrs genutzt und sich eifrig als Produzent von Musik- und Filmdatenträgern betätigt. Auch als Versender von Unterhaltungsangeboten im Internet hatte er sich schnell einen guten Namen gemacht. Seine Kunden schätzen nicht nur die Zuverlässigkeit, sondern auch das preiswerte Angebot. Leider waren die Produkte, die er anbot, ausnahmslos Raubkopien.
Christoph hatte sich des Falls angenommen, der von seinen Mitarbeitern gründlich vorbereitet worden war, und war am Sonnabend nach Föhr gereist. Mit Unterstützung der Beamten der einheimischen Polizeizentralstation hatten sie das Fälschernest ausgehoben und die Beweise sichergestellt. Der junge Mann hatte sich reuig gezeigt und ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Es war ein Routinefall, der für die Kriminalpolizeistelle in der Husumer Polizeidirektion nichts Spektakuläres bedeutete und, abgesehen von der üblichen administrativen Nachbearbeitung, abgeschlossen war.
Christoph hatte zwei dienstfreie Tage genutzt, um mit Anna ein paar ruhige Stunden auf Föhr zu verbringen. Morgen würde er am Husumer Schreibtisch wieder seiner Tätigkeit als Leiter der Kriminalpolizei nachgehen, und Anna würde sich der Sorgen kranker Mitbürger annehmen, die ihr in der Praxis von Dr. Hinrichsen im Husumer Schlossgang vorgetragen wurden. Morgen war wieder Alltag, auch wenn das trübe Wetter den Abschied vom Kurzurlaub nicht schwerfallen ließ.
Christoph hatte die Fahrzeugtüren entriegelt, die Beifahrerseite geöffnet und Anna einsteigen lassen. Nachdem er selbst hinterm Steuer Platz genommen hatte, zeigte Anna zum Himmel.
»Ob das liegen bleibt?«
»Doch nicht bei uns. Wann hast du das letzte Mal Schnee gesehen in Nordfriesland? Durch die gespeicherte Wärme des Wassers kann die Luft gar nicht so weit abkühlen, dass der Niederschlag als Schnee fällt, geschweige denn liegen bleibt.«
Anna kuschelte sich in ihre Winterjacke. »Es ist dumm, dass dein Auto keine Standheizung hat.«
Christoph stöhnte theatralisch auf. »In unserer gemäßigten Klimazone sind solche Extravaganzen Luxus. So üppig werden die Staatsdiener nicht besoldet, dass sie sich jedes verfügbare Extra leisten können.«
»Nun stöhne nicht«, erwiderte sie. »Außerdem kommt dein Auto aus Schweden. Da müssten Standheizungen doch serienmäßig eingebaut sein.«
»Frauen und Technik … Ich habe dir bereits erklärt, dass hier kein Schnee liegen bleibt.«
»Sooo?«, fragte Anna spitz. »Und was ist das?« Sie nickte mit dem Kopf zur Frontscheibe, über die mit schabendem Quietschen die Gummis der Scheibenwischer kratzten, nachdem Christoph die Zündung angeschaltet und den Hebel am Lenkrad kurz angetippt hatte.
»Konzentriere du dich auf das Wesentliche«, sagte er lachend, »und sammle vor allem keine Indizien, die du gegen mich verwenden könntest.«
»Dann ist das da draußen nur ein Luftschloss? Ein weißes Phantasiegebilde?«
Christoph sah aus dem Fenster. Die Hallig war schon lange ihrem Blick entschwunden. Jetzt sah man auch vom Wasser hinter der Verladebrücke nur noch eine weiße Wand. Die großen Lampen auf dem Parkplatz waren angegangen und beleuchteten das dichte Schneetreiben. Der kräftige Wind ließ die hohen Masten hin und her schwanken. Die Böen rüttelten am Fahrzeug, und das Heulen des Windes, der sich an den Kanten und Ecken des Volvos fing, klang wie ein mystisches und anheimelndes Lied zugleich.
Christoph sah den Flocken hinterher, die wild über das Pflaster des Parkplatzes tanzten. Er summte leise die ersten Takte des Säbeltanzes, bis Anna ihn fragend ansah. Dann zeigte er nach draußen. »Die Flocken tanzen wie die Derwische im Wind. Diese Rauheit der Natur ist doch ein unbeschreibliches Geschenk, das wir zum Glück noch nicht beeinflussen können.«
Anna zog demonstrativ den Kragen ihrer Jacke noch weiter zu. »Brrr«, sagte sie überbetont. »Ich kann diesem Geschenk nichts abgewinnen. Das ist eher ein Dänengeschenk.«
»Danaergeschenk«, korrigierte sie Christoph. »Das ist eine Gabe, die sich für den Empfänger als unheilvoll erweist. Das bekannteste Beispiel ist das Trojanische Pferd.«
»Nun sei nicht so kleinlich.«
»Die Dänen, denen du so etwas in die Schuhe schieben möchtest, sind doch liebenswerte Nachbarn, fern jeder Bösartigkeit.«
Anna schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Und wenn sie uns nun diesen Schnee schicken?«
»Der kommt aus dem Osten.«
»Wie willst du das erkennen?« Sie zeigte zur Seite, nachdem sich auf der Frontscheibe schon wieder eine Schneeschicht gebildet hatte. »Im Augenblick kommt das weiße Zeug von überall her.«
Christoph musste ihr recht geben. Tatsächlich wirbelte der Wind die Schneewand so durcheinander, dass es unmöglich war, eine Richtung zu bestimmen. Christoph sah auf die Uhr. »Noch eine Viertelstunde. Dann sind wir auf der Fähre und dampfen Richtung Heimat.«
»Die müsste doch schon da sein«, sagte Anna. »Weshalb hat die Verspätung?«
»Weil der Kapitän bei der schlechten Sicht seinen Bootsmann mit einem Ruderboot vorwegschickt, sozusagen als Pfadfinder. Und der ist nun einmal nicht so schnell.«
»Ich glaube, ich verzichte auf deine Erläuterungen. Jetzt wird es aber wirklich kalt.« Sie zog den Kopf zwischen die Schulterblätter.
Christoph hatte das Gebläse angeschaltet, weil die feuchte Atemluft sich auf den Innenseiten der Scheiben niederschlug und ihnen die Sicht nahm.
»Wir haben zwei Grad minus«, erklärte er, nachdem er einen Blick auf das Thermometer seines Bordcomputers geworfen...




