Nygaard | Eine Prise Angst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Nygaard Eine Prise Angst

Kurzkrimis
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86358-068-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kurzkrimis

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-86358-068-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Hannes Nygaard nimmt seine Leser mit auf eine kriminelle Reise. Große und kleine Verbrecher begehen geschickt getarnte Morde, geraten unfreiwillig in dunkle Machenschaften oder erliegen dem Fluch von Hass, Gier und Leidenschaft. Außergewöhnliche Mordmethoden und die skurrilen Beteiligten garantieren ein kurzweiliges und schwarzes Lesevergnügen.

Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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Der Wein der Pharisäer

»Tjä«, quetschte Helgo Dethleffsen zwischen den nikotingelben Zähnen hervor, die das durchgebissene Mundstück seiner Pfeife hielten. Dann schloss er die Lippen, zog an der Pfeife, dass die Glut hell aufglimmte, ließ den Rauch im Mund kreisen, als würde er einen guten Wein verkosten, bis er den blauen Qualm schließlich durch den Mundwinkel ins Freie entließ.

Das wettergegerbte Gesicht mit den buschigen grauen Brauen über den blauen Augen, die breite Knollennase, der Vollbart, der den Mund umschloss, und die kurzen grauen Haare ließen erahnen, dass Dethleffsen über die Erfahrung vieler Lebensjahre verfügte.

»Was meinen Sie damit?«, fragte sein Gegenüber. Der gedrungene Mann mit dem runden Gesicht und dem kahlen Kopf, der nur von einem Haarkranz umsäumt wurde, sah Dethleffsen an. Der nickte nur bedächtig, griff mit seiner schwieligen rechten Hand zur Pfeife, nahm sie aus dem Mund, während die andere Hand zum Bierglas griff. Mit zwei großen Schlucken leerte Dethleffsen das Trinkgefäß, ließ ein erleichtertes »Ahh« hören und hob sein Glas in Richtung des Wirts, der hinterm Tresen stand und die vier Männer am Stammtisch beobachtete.

»Helgo meint, dass man das nicht so eng sehen darf. Wenn wir alles machen würden, was die da drüben beschließen, dann wären wir schon lange abgesoffen.« Jens-Ove Nissen war ebenfalls braun gebrannt, aber gut zwanzig Jahre jünger als Dethleffsen. Seine kräftige Statur, die sich unter dem karierten Hemd abzeichnenden Muskeln und die blonden Haare zeugten davon, dass er im Freien arbeitete.

»Gesetze gelten überall, auch auf einer Insel«, beharrte der Fremde in seinem schwäbischen Dialekt. »Das Rauchen ist in Gaststätten nun einmal verboten.«

»Ich habe gehört, dass das auf dem Festland so ist«, mischte sich der Vierte ein. Fiete Horn hatte die langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der über dem offenen Hemdkragen hing und dessen Spitze zwischen den Schulterblättern baumelte. Er war unrasiert, wobei nicht zu erkennen war, ob die Stoppeln einen Dreitagbart darstellten oder nur eine Nachlässigkeit waren.

»Das ist gar keine richtige Insel«, wandte Traugott Beuerle ein. »Schließlich gibt es einen Damm zum Festland.«

Fiete Horn hob sein Schnapsglas bis in Kopfhöhe und sah die Männer in der Runde an. »Prost«, sagte er und stürzte den Aquavit mit einem Schluck hinunter. Die beiden Einheimischen folgten seinem Beispiel. Dann spülten sie mit Bier nach.

Beuerle schüttelte sich. »Wie kann man nur so viel von den scharfen Sachen trinken.« Er griff zu seinem Weinglas und nippte vorsichtig daran.

»Das war jetzt eine ganze Menge, was Sie erzählt haben«, sagte Horn, der während der Saison Touristen durchs Watt führte. »Also. Wenn das Rauchen in Gaststätten auf dem Festland verboten ist, so ist das hier im Krug auf Nordstrand was anderes. Und nur weil wir einen Damm haben, sind wir noch lange kein Festland. Sylt hat auch einen Damm. Und niemand wird behaupten, dass Sylt keine Insel ist.«

»Sie verstehen das nicht«, erwiderte Beuerle. »Das ist doch etwas ganz anderes.«

»Wollen Sie uns die Welt erklären?«, fragte Jens-Ove Nissen, der als Decksmann auf der Fähre arbeitete, die von hier aus die Halligen im Wattenmeer anlief.

»Sylt. Dorthin verkehrt die Eisenbahn. Außerdem können Sie Nordstrand nicht mit Sylt vergleichen.«

»Nee«, erwiderte Fiete Horn. »Hier fühlen wir uns wohler.« Dann zeigte er mit der Spitze seiner Zigarette auf Beuerle. »Und Sie auch. Sonst würden Sie hier nicht Urlaub machen.«

»Das ist doch etwas ganz anderes«, wiederholte der Schwabe seinen Lieblingssatz.

Jens-Ove Nissen sah zum Tresen hinüber. »Noch eine Runde«, rief er dem Wirt zu. »Ach, mach man gleich zwei. Und für unseren Freund hier«, dabei zeigte er auf Beuerle, »auch eine.«

»Um Gottes willen«, protestierte der Schwabe. »Das viele Bier … Da kann ich die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich ständig auf die Toilette muss.«

»Das ist gesund«, lachte Fiete Horn. »Was meinen Sie, warum es hier keinen Nierenarzt gibt? Fragen Sie einen Urologen. Der wird Ihnen bestätigen, dass viel trinken fit hält.«

»Aber doch kein Bier.« Beuerle schüttelte missbilligend den Kopf. »Im Bier sind Purine. Davon bekommen Sie Gicht.«

»Ich weiß nicht, was Sie in Ihren Wein mischen, aber unser Bier wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Das steht auf jeder Flasche. Habt ihr schon einmal gelesen, dass da diese Pu-Dingsbums drin sind?« Nissen sah Dethleffsen und Horn an.

Der Wattführer schüttelte den Kopf, während es Dethleffsen bei einem »Tjä« beließ. »Und den Schnaps trinken wir zur Vorsicht. Damit wärmen wir uns den Magen an, damit er sich nicht erschrickt, wenn das kalte Bier folgt.«

Beuerle sah in sein Weinglas, bevor er erneut daran nippte. Dann hielt er es gegen das Licht, kniff die Augen zusammen und betrachtete nachdenklich das Rubinrot, das durch das Glas schimmerte. »Darin liegt die Wahrheit, meine Herren. Das ist Kultur. Schon im Altertum haben die Menschen Wein getrunken. Aber das, was Sie da in sich hineinschütten … Brrrh!«

»Wer sagt denn, dass wir hier keinen Wein konsumieren?«, fragte Horn, nachdem er einen großen Schluck Bier getrunken und den Schaum von den Lippen im Hemdsärmel abgewischt hatte.

»Ich bin seit einer Woche hier«, erklärte Beuerle. »Und jeden Abend habe ich Sie gesehen. Alle drei. Sie sitzen hier, sprechen wenig, er da«, dabei zeigte er auf Dethleffsen, »sagt überhaupt nichts. Und dann trinken Sie. Bier und Schnaps. Bier und Schnaps.«

»Das stimmt nicht«, warf Horn ein. »Wenn es kalt ist, trinken wir Pharisäer.«

Beuerle wurde hellhörig. »Davon habe ich schon gehört.«

»Der ist auf Nordstrand erfunden worden. Nach der Taufe oder bei Beerdigungen saß der Pastor mit am Tisch. Solange der im Hause war, durfte kein Alkohol ausgeschenkt werden. Die Bauern haben deshalb Kaffee angeboten, stark und mit viel Zucker. In den Kaffee haben sie Rum geschüttet, nur nicht in den Becher des Pastors. Damit der Alkohol nicht riecht, gab es einen ordentlichen Klecks Sahne obendrauf. Nun wunderte sich der Pastor, dass seine Nachbarn immer fröhlicher wurden. Misstrauisch griff er sich die Tasse seines Nebenmanns und schmeckte den Rum. ›Oh, ihr Pharisäer‹, hat er da ausgerufen.«

Beuerle winkte ab. »Das glaube ich nicht. Rum! Das klingt wieder rückständig. Ich kenne das als Rüdesheimer Kaffee mit Cognac.«

»Cognac?«, fragte Nissen. »Da ist doch Wein drin.«

»Der wird aus edlen Reben gebrannt«, korrigierte ihn Beuerle und spitzte die Lippen. »Das ist Kultur. Aber Rum …« Dann schüttelte er sich, während die drei Einheimischen erneut ihre Schnapsgläser leerten.

»Also Wein … Den trinken wir auch. Wenn es richtig kalt ist, der Wind aus Nordwest bläst und das Reet auf dem Dach knattert, dann trinken wir Wein.«

Beuerle musterte Fiete Horn aus zusammengekniffenen Augen. »Das habe ich noch nie erlebt. Sie trinken wirklich Wein?«

»Ja«, strahlte Fiete Horn. »Das tut richtig gut und beugt jeder Erkältung vor.«

Der Schwabe schüttelte nachdenklich den Kopf. Dann tippte er sich an die Stirn. »Der viele Schnaps scheint Ihren Verstand zu vernebeln.«

»Nein«, griente Horn. »Ein guter Rotwein, dazu Zimt, Gewürze, Nelken und Zucker. Das Ganze aufgekocht. Haben Sie eine Ahnung, wie das aufheizt. Und wenn das nicht reicht, kommt noch ein ordentlicher Schuss Rum hinein. Das trinken wir hier häufig im Winter.« Er nickte versonnen und schnalzte mit der Zunge. »Ja. So ein schöner Rotwein ist schon ein Genuss.«

»Das ist allerschlimmster Kulturfrevel«, schimpfte Traugott Beuerle. »Sie können doch keinen Wein kochen.«

»Doch«, lachte ihn Nissen an. »Im Herbst gibt es Weißwein.« Er leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Ich muss Ihnen recht geben. Ohne einen guten Weißwein ist der Herbst nichts.«

»Sie sollten sich ein Beispiel an Ihrem Nachbarn nehmen«, fuhr Beuerle Fiete Horn an. »Der kocht keinen Rotwein.«

»Doch!«, lachte Horn. »Oder wollen Sie die Muscheln im kalten Weißwein essen? Wir kochen sie im Weißweinsud. Eine Delikatesse. Hmh!«

Beuerle war vor Zorn rot angelaufen. Er klopfte sich heftig mit der Faust gegen die Brust. »Das ist ja ekelhaft. Und ausgerechnet mir erzählen Sie so etwas.«

»Wieso, was ist denn mit Ihnen?«, fragte Fiete Horn und legte den Kopf ein wenig schief. Dann schob er sein Schnapsglas über den Tisch in Richtung Beuerle. »Das hilft bei verstimmtem Magen. Echt.«

»Wissen Sie nicht, wen Sie vor sich haben?« Beuerle schnappte nach Luft. »Ich bin der Chef der Buchhaltung einer Winzereigenossenschaft.«

»Donnerwetter«, staunte Horn und zeigte auf den schweigsamen Dethleffsen. »Dann sitzen ja lauter Experten am Tisch. Er da brennt Schnaps. Schwarz.«

»Tjä«, erwiderte Dethleffsen und zog an seiner Pfeife.

Sie wurden durch den Wirt unterbrochen, der die nächste Runde brachte.

»Haben Sie ein Alkoholproblem auf der Insel?«, fragte Beuerle.

Die drei Einheimischen sahen sich an. Dann schüttelten sie einträchtig den Kopf. »Es gibt hier eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker. Aber hier bleibt ja nichts geheim. Da ist nichts mit anonym.«

»Das muss bei Ihnen eine Art Gemeindeversammlung sein«, lästerte Beuerle. »Sie versaufen doch Ihren ganzen Verstand. Das kommt davon, wenn man am Ende der Welt lebt. Sie haben ja nichts anderes als die Trunksucht.«

»So ist das nicht«, sagte Fiete Horn nach einer Weile. »Es gibt hier eine Menge Kultur. Der Shantychor,...


Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).



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