Nygaard | Jenseits der Marsch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

Nygaard Jenseits der Marsch

Hinterm Deich Krimi
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-013-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Hinterm Deich Krimi

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

ISBN: 978-3-98707-013-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Kultkommissare aus Husum ermitteln wieder. Grillsaison in Eiderstedt: Drei befreundete Ehepaare wollen den Sommertag bei einer Gartenparty genießen, als die Schwiegermutter des Gastgebers tot in sich zusammensackt. Und sie scheint keines natürlichen Todes gestorben zu sein. Kommissar Große Jäger schaltet sich ein, um der Sache auf den Grund zu gehen - und wird dabei Zeuge, wie die bürgerliche Fassade gefährlich zu bröckeln beginnt.

Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er mehr als sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand. www.hannes-nygaard.de
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ZWEI

Für eine Weile herrschte friedliche Stille im Garten, nur unterbrochen durch Meike Schnabel oder Levke Bast, die das Geschirr und die Lebensmittelreste ins Haus räumten. Sofie Bender hingegen tauchte trotz ihrer Zusicherung, zu helfen, nicht auf. Schließlich erschien Meike Schnabel mit einer Wolldecke.

»Was willst du damit?«, fragte ihr Mann erstaunt.

»Es wird langsam kühl. Mama wird sich erkälten.«

»Die ist doch sonst eiskalt«, lästerte Schnabel und sah zu, wie seine Frau ihre Mutter in eine Wolldecke wickelte und den schlaffen Körper dabei hin- und herrollte. »Soll sie draußen übernachten?«, fragte er mit belegter Stimme. »Die kann oben weiterschlafen.« Er trat an den Stuhl heran und rüttelte an den Schultern. »Ehhh. Renate. Du hast genug gepennt. Husch, husch ins Körbchen.« Als sie sich nicht rührte, wurde sein Druck kräftiger. »Los. Aufstehen. Oder sollen wir dich nach oben tragen?«

»Nicht so grob«, fuhr ihn Meike Schnabel an.

»Die bewegt sich sonst nicht.« Er stand hinter seiner Schwiegermutter und legte die Hände fest auf ihre Schultern. Seine Finger krallten sich unterhalb des Schlüsselbeins in ihre Bluse. »Nun mach schon«, sagte er unwirsch und wich zurück, als der Kopf kraftlos zur Seite fiel. »Mann. So besoffen kannst du doch gar nicht sein.«

»Mit der stimmt etwas nicht«, sagte Sofie Bender und kam näher.

Levke Bast folgte ihrem Beispiel. »Die schläft nicht nur. Die ist ohne Bewusstsein.«

»Quatsch.« Holm Schnabel drängte die beiden Frauen zur Seite und tätschelte Renate von Jarchows Wangen. »Komm«, sagte er. »Du musst nur die Treppe hoch. Dann kannst du von mir aus bis Montag ausschlafen. Meike stellt dir auch einen Eimer ans Bett.«

»Da stimmt was nicht«, sagte Meike Schnabel mit gepresster Stimme und beugte sich über ihre Mutter. Der Kopf hing schlaff zur Seite herab. Der Mund war leicht geöffnet, ein Augenlid wies einen schmalen Spalt auf.

»Renate atmet nicht richtig«, meinte Levke Bast.

Kai Bender drängte sich in den Vordergrund und fühlte den Puls an der Halsschlagader. Dann richtete er sich auf und sagte ernst: »Meike. Du solltest den Notarzt rufen.«

»Nee. Nix«, sagte Holm Schnabel energisch. »Seid ihr verrückt? Was sollen die Leute im Dorf sagen, wenn der Rettungswagen hier mit viel Brimborium vorfährt. Das ganze Dorf zeigt dann auf Renate und ruft ihr hinterher: ›Seht, da kommt die besoffene Alte.‹ Neee. Wir rufen Bernd an.«

Dr. Bernd Löffelholz zeigte sich nicht begeistert, als Meike ihn schließlich erreichte. Er habe keinen Notdienst, erklärte er. Sie möge sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden oder den Rettungsdienst informieren.

Schnabel riss seiner Frau den Telefonhörer aus der Hand. »Hör mal, Bernd«, rief er in das Gerät hinein. »Die ganze Familie ist bei dir Patient, seitdem du dich hier niedergelassen hast. Es gibt im Dorf noch eine andere erstklassige Praxis. Mach dich auf die Socken. Meiner Schwiegermutter geht es nicht gut. Aber fix.« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern blickte triumphierend in die Runde. »Dem habe ich es gezeigt«, sagte er. Dann schüttelte er den Kopf. »Renate, du bist ’ne Granate«, stellte er mit schwerer Zunge fest.

»Ich gehe nach Hause«, beschloss Levke Bast. »Komm!«

Die Aufforderung galt ihrem Mann. Der wirkte unsicher.

Kai Bender nahm ihm die Antwort ab. »Ich bleibe noch bei Meike und Holm.«

Michel Bast nickte bedächtig. »Ich auch.«

»Bis später«, grüßte Levke Bast leise und wollte sich entfernen.

»Nun warte doch«, bat Michel Bast. »Ich komm ja gleich mit.«

»Möchte … hups … Möchte noch jemand was trinken?« Schnabels Frage war eher ein Lallen.

»Du hast genug getrunken«, sagte seine Frau.

»Tühnkram.« Er konnte nicht verhindern, dass ein Teil des Biers, das er ins Glas füllen wollte, beim Zapfen auf die Bodenplatten verschüttet wurde.

Dann herrschte betretenes Schweigen, bis Dr. Löffelholz eintraf.

Der Arzt war im Freizeitlook gekleidet. Er grüßte knapp: »’n Abend«, und steuerte sofort Renate von Jarchow an, fühlte kurz den Puls, zog ein Augenlid in die Höhe und entnahm seiner Arzttasche ein Stethoskop.

»Was ist, Bernd?«, fragte Holm Schnabel aufgeregt.

»Pst.« Kai Bender legte den Zeigefinger auf die Lippen.

Dr. Löffelholz öffnete die zwei weiteren Knöpfe der ohnehin freizügig getragenen Bluse. Er legte den Schalltrichter des Stethoskops unterhalb des Busens auf die Brust der Frau.

Dr. Löffelholz’ Gesichtsausdruck wirkte hoch konzentriert. Er horchte angestrengt in sein Gerät hinein. Es zuckte kaum merklich um seine Mundwinkel. Dann zog er die Stirn kraus. Seine linke Hand fasste erneut zum Gelenk Renate von Jarchows und suchte den Puls. Anschließend hob er den Kopf und sah in die Runde. Sein Blick hielt kurz bei Holm Schnabel, wanderte dann weiter zu dessen Frau. Dr. Löffelholz bewegte unmerklich den Kopf. Jeder bekam es mit. Jeder verstand die Geste. Meike Schnabel hielt die Luft an. Ihre Miene erstarrte zu einer Maske. Die Augen weiteten sich. Es vergingen ein paar Herzschläge, bis sie ihre Hände hochnahm und vor den Mund presste. Es war das Begreifen, aber auch das Unverständnis vor dem Unwiderruflichen, das Menschen beim Erreichen einer solchen Nachricht erfasste. Das Bewusstsein, dass etwas geschehen war, was endgültig war.

Es herrschte Totenstille in der Runde. Selbst der leicht säuselnde Wind hatte sich gelegt, als würde er signalisieren wollen: Der Atem ist erloschen.

Fast alle zuckten zusammen, als Holm Schnabel losbrüllte: »Bernd. Du bist Arzt. Tu was.«

Dr. Löffelholz richtete sich auf. Langsam nahm er die Ohrbügel des Stethoskops aus den Ohren. »Meike. Holm«, sagte er ruhig. »Es tut mir leid.«

»Bernd!« Schnabel fuchtelte wild mit der Hand in der Luft herum. »Versuch es mit Wiederbelebung.«

Der Arzt machte eine besänftigende Geste. »Auch Ärzte können dem lieben Gott nicht ins Handwerk pfuschen.«

»Aber … wieso?« Schnabel war nicht zu beruhigen. Erst als Kai Bender ihm eine Hand auf die Schulter legte und leise auf ihn einsprach, beruhigte sich der Mann.

Seine Frau hatte angefangen, leise zu weinen. Dabei durchliefen Wellen ihren Körper.

Levke umarmte sie und zog sie zur Seite. »Es ist ein schwerer Moment für dich«, flüsterte sie. »Du musst jetzt tapfer sein.«

Meike Schnabel schien nicht zuzuhören.

»Wie soll das jetzt weitergehen?«, mischte sich Michel Bast mit belegter Stimme ein und sah nacheinander ratlos jeden Anwesenden an.

Sofie Bender, die sich im Hintergrund gehalten hatte, zuckte mit den Schultern. »In solchen Situationen ist man ratlos. Keiner ist darauf vorbereitet. Niemand hat einen Plan.« Dabei sah sie den Arzt an. »Sie müssen das doch wissen.«

»Der Doktor kann nur den Totenschein ausstellen«, sagte Levke Bast. Sie wandte sich an Meike Schnabel und nahm sie in den Arm. »Wir stehen euch zur Seite. Das ist doch klar. Wir helfen euch in dieser schweren Stunde.«

Schnabel ließ sich am Tisch nieder, stützte die Ellenbogen auf die Platte und legte das Gesicht in die Hände. »Ich verstehe das nicht«, murmelte er. »Eben noch hat Renate mit uns gefeiert. Sie war fröhlich. Mittendrin. Sie hat gegessen und getrunken. Und nun …«

Dr. Löffelholz setzte sich zu ihm, kramte ein Formular hervor und füllte es aus. »Der Totenschein ist ein Dokument«, erklärte er dabei. »Damit der Bestatter …« Er hielt inne, als Meike Schnabel bei diesem Wort laut schluchzte. Dann fuhr er fort: »Mit diesem Dokument kann der Bestatter beim Standesamt die Sterbeurkunde beantragen und die Beerdigung anmelden und durchführen.« Er unterbrach seine Ausführungen und bat, mit Meike und Holm Schnabel allein sprechen zu können.

»Aber warum?«, fragte Sofie Bender erstaunt.

»Ja – warum?«, pflichtete Holm Schnabel bei. »Das sind unsere Freunde.«

»Trotzdem«, sagte Dr. Löffelholz entschieden.

Kai Bender drehte sich um. »Kommt«, forderte er die anderen auf. »Ihr habt gehört, was der Doktor gesagt hat.«

»Neee. Kai. Nicht«, protestierte Holm Schnabel lallend. »Kommt nicht in Frage. Ihr bleibt hier.« Dabei schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch.

Der Arzt sah noch einmal mit leicht zusammengekniffenen Augen in die Runde. Als sich niemand rührte, meinte er: »Na gut.« Dann drehte er sich zu Holm Schnabel zu seiner Linken um. »Ich werde als Todesart ›ungeklärt‹ eintragen.«

»Du wirst – was?« Holm Schnabel sah den Arzt aus weit aufgerissenen Augen an.

Dr. Löffelholz wiederholte es.

»Ja – aber weshalb?« Schnabel zeigte auf Renate von Jarchow. »Sie ist tot, Bernd. Was ist daran unklar? Tot. Mausetot, nachdem du nicht fähig warst, sie zu retten.«

»Holm«, mischte sich Kai Bender ein. »Das ist unqualifiziert, was du von dir gibst.«

»Unqualifiziert, hä? Der Medizinmann hier meint doch, dass es unklar ist, ob sie tot ist.«

»Nein. Du verstehst es falsch. Unklar, woran Renate verstorben ist. Nicht, dass sie tot ist.«

»Die ist … war alt. Wir alle kratzen irgendwann einmal ab.«

»Sprich nicht so von Mama«, beklagte sich Meike Schnabel in weinerlichem Tonfall. »Abgekratzt.«

»Das habe ich doch nicht so gemeint.« Schnabel fluchte lauthals. »Herrje noch mal.« Sein Finger zeigte auf Dr. Löffelholz, dann auf die Tote. »Untersuch sie doch. Vielleicht hat sie Einschusslöcher am Hinterkopf. Oder im Rücken steckt ein Messer.«

Der Arzt räusperte sich....


Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er mehr als sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand.
www.hannes-nygaard.de



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