Nygaard Küstenfilz
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-040-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 6, 272 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-86358-040-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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EINS
Mit ihrer besonderen Strahlkraft, unbelastet durch den Smog ferner Großstädte, tauchte die Maisonne das Land in ein Feuerwerk unterschiedlichster Farbtöne. Die liebliche Hügel- und Wiesenlandschaft mit dem zarten Frühlingsgrün von Baum- und Buschgruppen und die weiten Getreidefelder in ihrem kräftigen Gelb, das fast schon in den Augen stach, schmiegten sich an die Ufer der Schlei, jener flussartig verengten Förde zwischen Schleswig und der Ostsee, des längsten Fjords Deutschlands. Wie Wattetupfer hingen die dünnen weißen Wolken am tiefblauen Himmel und begleiteten die leise über das Wasser dahingleitenden Segelboote.
Wer in dieser ruhigen Landschaft leben oder seine Freizeit als Wassersportler verbringen durfte, war sich der Gunst dieses Umstands bewusst.
Das galt auch für Jens Fischediek, der den gelben Renault Kangoo mit der Aufschrift »Deutsche Post« über die schmale Landstraße zwischen Lindaunis und Grödersby steuerte. Einer Schlange gleich folgte sie oberhalb des Gewässers dem Verlauf der hügeligen Landschaft. Seit Jahrzehnten war Fischediek als Postzusteller im Raum zwischen Schleswig und der Schleimündung unterwegs. Trotz seiner sechsundfünfzig Jahre konnte er sich nicht vorstellen, das Angebot der »modernen« Post für altgediente Mitarbeiter, die zudem noch den Beamtenstatus innehatten, anzunehmen und vorzeitig in den Ruhestand zu treten. Er liebte seine Arbeit, den Kontakt mit den Menschen, die er seit ewigen Zeiten kannte, die mit ihm langsam ergraut waren und mit denen er nicht nur belanglose Worte gewechselt hatte.
Auf der Höhe von Pageroe drosselte Fischediek das Tempo, setzte den Blinker und bog auf den schmalen, asphaltierten Weg ein, der einer Allee glich und zu einem etwas abseits der Straße am Wasser gelegenen Gehöft führte. Er hielt auf dem gepflasterten Platz vor dem Wohnhaus und sog den Duft des frisch gemähten Grases ein, der von der nahen Wiese herüberwehte. Ein kleines Beet mit bunten Frühlingsblühern zierte den Zugang zum Gebäude. Die rustikale Bank an der weißen Hauswand lud zum Verweilen ein.
Fischediek summte ein Lied vor sich hin, das er vor Kurzem gehört hatte und dessen Melodie ihm nicht mehr aus dem Kopf ging, ohne dass er den Titel kannte.
»Moin, Jens«, wurde er aus seinen Gedanken gerissen, während er sich in das Innere seines Zustellfahrzeuges beugte und aus einem Korb den vorsortierten Stapel für die Familie Rasmussen heraussuchte, die auf diesem Anwesen beheimatet war.
Halb erschrocken drehte er sich um und sah die Frau des Hauses an.
»Moin, Bärbel«, erwiderte er.
Bärbel Rasmussen war Mitte fünfzig. Aus dieser Tatsache machte sie keinen Hehl. Das graue Haar hatte sie zu einem lockeren Knoten gebunden, der fröhlich in ihrem Nacken wippte. Die beigefarbene Hose und das dünne hellbraune T-Shirt zeichneten deutlich ihre altersgerechten weiblichen Formen nach. Unter dem wohlgeformten Busen war die Taille einem Ring gewichen, der darauf schließen ließ, dass die Frau ihr Handwerk in der Küche verstand.
Das runde Gesicht mit den grauen Augen und der etwas zu klobigen Nase strahlte Jens Fischediek an.
»Na, Herr Postrat? Wie geht’s?«
Fischediek sah zum Himmel. Die Frau folgte seinem Blick.
»Wie soll’s einem schon gehen bei solchem Wetter? Das ist ja zum Heldenzeugen.«
Bärbel Rasmussen lachte und zeigte dabei eine Reihe in der Sonne blitzender Goldkronen.
»Das überlassen wir lieber den Jüngeren, Jens. Ich glaube, die können das besser als wir Ollen. Wenn ich an unsere Lütte denke.«
»Was macht deine Enkelin?«
Ein Lächeln huschte über das Antlitz der Frau.
»Das ist ein wahrer Sonnenschein. Die schnackt wie eine Alte. Na ja, ist ja auch Omas Liebling. Willst ‘nen Schnaps, Jens?«
Fischediek winkte ab.
»Nee, danke, lass man. Ich muss noch fahr’n. Außerdem will ich bei diesem Wetter fertig werden. Ich will nachher noch ‘nen büschen aufs Wasser und angeln. Wo ist denn dein Mann?«
»Frag mich nich. Holger is seit Mittwoch mit seiner Politik unterwegs. Die ham sich nach Sankelmark zurückgezogen und tagen mit seinem Kreistagsausschuss. Keine Ahnung, um was es geht. Für Holgers Politik interessier ich mich nich.«
Der Postzusteller war mit einem Stapel Post aus dem Wageninneren aufgetaucht und überreichte ihn der Frau.
»Hier, das wär’s für heute. Hast du sonst noch was auf’n Herzen?«
Auf dem flachen Land bot der Zusteller neben der Auslieferung von Briefen und Paketen noch einen bescheidenen weiteren Service. So verkaufte er Briefmarken und nahm Sendungen entgegen.
»Nix, was du erfüllen kannst.«
Bärbel Rasmussen sah flüchtig den Stapel durch.
»Das meiste davon hätt’st behalten könn’n, Jens. Sind doch nur Rechnungen.« Ihr Blick blieb bei einem etwas dickeren wattierten Umschlag haften.
»Was ‘n das? An Holger.« Sie drehte den Umschlag hin und her. »Den Absender kenn ich nich. Wird wieder so ‘ne Werbesendung sein.«
Fischediek winkte ihr noch einmal zu, bevor er in seinen gelben Renault stieg.
»Tschüss, Bärbel. Bis morgen.«
»Mach’s gut, Jens«, antwortete die Frau über die Schulter und ging langsam in Richtung der gemütlichen Gartenbank.
Der Postzusteller startete den Motor und ließ sein Fahrzeug Richtung Landstraße rollen. Er hatte die Seitenscheibe seines Wagens heruntergekurbelt und genoss den herrlichen Frühlingsduft.
Warum kann nicht immer Mai sein?, dachte er. Das ist eine wahre Lust zu leben. In diesem Moment hörte er den lauten Knall. Erschrocken trat er auf die Bremse. Das Geräusch klang wie eine überlaute Fehlzündung. Im Spiegel sah er, dass Bärbel Rasmussen verschwunden war. Auf den zweiten Blick bemerkte er, dass sie zusammengesunken vor der Sitzbank lag. Fischediek legte den Rückwärtsgang ein und fuhr die paar Meter bis zum Rand des Vorgartens zurück. Er ließ den Motor laufen, zog instinktiv die Handbremse an und stürzte in Richtung Hauswand. Dabei kam er an der immer noch offenen Haustür vorbei, aus der eine junge Frau mit einem etwas über einjährigen Kind auf dem Arm trat.
»Was war das?«, fragte Jette Rasmussen, Bärbels Schwiegertochter.
»Ich weiß nicht«, antwortete Fischediek atemlos und beugte sich zu der Frau hinab. Die lag zusammengekrümmt vor der Bank. Das Gesicht war schwarz verbrannt. Um Bärbel Rasmussen bildete sich eine große Blutlache. Das Schlimmste aber waren die Hände. Sie waren nicht mehr erkennbar.
»Schnell, ruf den Notarzt«, rief er Jette zu und konnte nur mühsam das Würgen in seinem Hals unterdrücken. Ratlos sah er auf die Frau. Es erging ihm wie vielen Menschen in einer solchen Situation. Er wusste nicht, wie er helfen konnte. Nervös fingerte er seinen Hosengürtel aus den Schlaufen und schlang ihn um den linken Oberarm des Opfers. Dann zog er den Gurt kräftig zu. Er sah sich um, fand aber kein geeignetes Material für den zweiten Arm. Kurz entschlossen riss er sich sein Oberhemd vom Leib und band damit den zweiten Arm ab. Er überwand sich und nahm vorsichtig Bärbels Kopf zwischen seine Hände.
»Hörst du mich?«, fragte er. Doch statt einer Antwort vernahm er nur ein leises Stöhnen. Dann war es mit seiner Beherrschung zu Ende. Er legte den Kopf wieder zurück und sprang auf. Fischediek schaffte keine zwei Schritte, bis er sich übergeben musste.
In dieser Stellung fand ihn Jette, die aus dem Haus zurückgekehrt war.
»Der Arzt ist alarmiert«, sagte die junge Frau mit leichenblassem Gesicht.
*
Der dunkelblaue BMW der Dreier-Baureihe rollte mit mäßiger Geschwindigkeit die Landstraße entlang. Schon von Weitem sah Lüder Lüders die Einsatzfahrzeuge, die vor dem etwas zurückliegenden Gehöft standen. Die schmale Zufahrt zum Einsatzort wurde durch ein rot-weißes Flatterband versperrt, an dem ein uniformierter jüngerer Polizist Wache hielt.
Lüder bog von der Straße ab und hielt vor der Absperrung. Er ließ die Seitenscheibe herab.
»Presse?«, fragte der Streifenbeamte, ohne zu grüßen.
»Nee«, antwortete Lüder.
»Was denn?«
»Von der gleichen company wie Sie, nur dass ich meine Uniform inwendig trage.«
Der Polizist machte einen verdutzten Eindruck.
»Scherzbold, was? Oder wie soll ich das verstehen?«
»Lüders, Landeskriminalamt Kiel.«
»Und die blauen Augen sind der Ausweis, wie?«
Lüder lachte.
»Sie heißen wohl Thomas mit Vornamen?«
»Ich? Wieso? Wie kommen Sie darauf?
»Der Ungläubige aus der Bibel.«
Der Polizist setzte zu einer heftigen Erwiderung an, schluckte seine Worte aber herunter, als Lüder ihm seinen Dienstausweis vor die Nase hielt. Unwillkürlich straffte sich die Haltung des jungen Beamten. Fast hätte er salutiert.
»Entschuldigung, Herr Kriminalrat«, stammelte er und eilte zum Flatterband, um Lüder durchzulassen.
Lüder rollte langsam den schmalen Weg entlang und parkte seinen Wagen am Rande der Fahrzeugansammlung, die sich hier eingefunden hatte.
Als er ausstieg, warf ihm ein halbes Dutzend Leute interessierte Blicke zu. Doch niemand sprach ihn an. Er ging auf einen älteren Hauptmeister zu, der ein wenig abseits stand und das Geschehen aus der Distanz beobachtete.
»Moin. Wer leitet hier die Ermittlungen?«
Der Beamte mit dem gutmütigen Gesicht, in dem eine weinselige Knollennase thronte, musterte ihn.
»Ein Kollege?«
Lüder nickte.
Der Polizist zeigte in Richtung einer mittelgroßen Frau.
»Die da.«
Lüder stapfte auf die schlanke etwa Vierzigjährige mit der Brille und der etwas zu spitzen Nase zu. Aus wachen...




