Nygaard | Mordlicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

Nygaard Mordlicht


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-042-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

ISBN: 978-3-86358-042-1
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Manchmal ist es ganz schön vertrackt. Da taucht bei Pastor Hansen ein Fremder auf und behauptet, ein Mörder zu sein. Doch es gibt keine Leiche. Kurz darauf geschieht ein Mord, aber vom Täter keine Spur. 'Zur Leiche fehlt uns der Mörder, zum Mörder fehlt uns die Leiche', stellt Hauptkommissar Christoph Johannes von der Husumer Kripo fest. Stehen die beiden Taten in einem Zusammenhang? Gemeinsam mit seinen Kollegen, dem Schnüffelschwein Große Jäger und dem Frauenschwarm Mommsen, steht er vor einem Fall, der nicht nur immer rätselhafter, sondern auch immer gefährlicher wird. Während sich vor den Beamten Abgründe menschlicher Verzweiflung auftun, werden sie selbst observiert und verfolgt. Ein neuer Fall für das Husumer Team, dessen Ermittlungen mit Herz und Verstand die Sympathie der Leser erobert haben.

Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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EINS

Das Rotklinkerhaus am Rande der Stadt machte einen gemütlichen Eindruck. Es mochte zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebaut worden sein und hatte sich den Charme dieser Zeit bewahrt, auch wenn es durch diese oder jene bauliche Veränderung den heutigen Anforderungen angepasst worden war.

Der Vorgarten war mit Liebe angelegt, ohne den Eindruck zu vermitteln, dass jedes Grün akkurat mit der Wasserwaage ausgerichtet und der Rasen mit der Nagelschere gepflegt würde. Der rustikale Charakter der Grünfläche harmonierte hervorragend mit dem Gebäude, in dessen Mauerwerk das raue Klima Nordfrieslands in den letzten hundert Jahren seine Spuren gezeichnet hatte.

Der hoch gewachsene, schlanke Mann beugte sich über die Beetrosen, um welke Blüten zu schneiden. Der gesunde braune Teint ließ vermuten, dass er sich oft im Freien bewegte. Ein grauer Haarkranz umrankte seine durch die Sonne verwöhnte Glatze und mündete in einen mit einer Schleife gehaltenen Zopf.

Die etwas zu große Nase wurde durch eine Goldrandbrille verziert. Ein gepflegter Dreitagebart im wettergegerbten Gesicht unterstrich den Eindruck, dass ein zufriedener Pensionär Haus und Hof bestellte.

»Sind Sie Pastor Hansen?«, sprach ihn der Fremde an, der an den schmiedeeisernen Gartenzaun getreten war.

Frode Hansen sah auf und blinzelte gegen die Sonne.

»Hansen! Einfach nur Hansen«, entgegnete er. »Ich bin seit vier Jahren im Ruhestand.«

Er lächelte den Besucher freundlich an und zeigte dabei eine Reihe weißer Zähne, die so ebenmäßig waren, dass sie auf den ersten Blick das Etikett »die Dritten« verdienten.

»Was kann ich für Sie tun?«

Der Fremde warf einen kurzen Blick über die ruhige Straße am Ortsausgang Bredstedts, als wolle er sich vergewissern, ob er beobachtet würde.

»Kann ich mal ‘n Moment mit Ihnen reden?«

Hansen betrachtete ihn. Sein Gegenüber mochte um die fünfzig sein. Der runde Kopf mit dem schütter werdenden Haar saß auf einem zu kurzen Hals. Der Mann neigte zu Übergewicht, ohne korpulent zu sein. Unruhig bewegte er seine Hände, während um seine Augenwinkel ein nervöses Zucken spielte.

»Gern«, erwiderte Hansen.

Erneut blickte sich der Fremde um, bevor er fragte: »Kann ich unter vier Augen mit Ihnen sprechen?«

»Wir sind hier ungestört. Niemand hört uns.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Es ist etwas Wichtiges. Sehr Bedeutsames. Ich … ich möchte beichten.«

Pastor Hansen wirkte jetzt etwas irritiert. Er ließ die Hand mit der Rosenschere herabsinken.

»Kommen Sie herein«, forderte er den Besucher auf und zeigte auf die Gartenpforte. Doch der Mann auf der anderen Seite des Zauns schüttelte erneut den Kopf.

»Kann ich das nicht in der Kirche machen? Im Beichtstuhl?«

Hansen machte einen Schritt vorwärts. Im selben Moment wich der Unbekannte zurück.

»Das ist nicht so einfach«, versuchte der Pastor zu erklären. »Ich bin … war … evangelischer Geistlicher. Bei uns Protestanten gibt es keinen Beichtstuhl. Das ist eine Institution der katholischen Kirche. Wenn Sie lieber mit meinem katholischen Amtsbruder sprechen möchten – ich kann Ihnen die Adresse geben und auch den Kontakt vermitteln.«

Unruhig sah sich der Fremde auf der Straße um und murmelte halblaut vor sich hin: »Ach so, das habe ich nicht gewusst. Dann kann ich also gar nicht bei Ihnen beichten?«

Hansen machte noch zwei Schritte auf den Mann zu, erreichte die schmiedeeiserne Pforte und öffnete sie. Einladend zeigte er mit der anderen Hand in Richtung Haus und bemerkte erst nach einem ängstlichen Blick des anderen, dass er immer noch die Rosenschere in der Hand hielt.

»Kommen Sie erst einmal von der Straße. Im Haus lässt es sich leichter reden«, lud er den Fremden ein.

Der Mann folgte Hansen zögernd, als der auf die Haustür zuging. Der Pastor führte seinen Besucher in das Arbeitszimmer, das mit seinen voll gestopften Regalwänden eher einer Bibliothek glich. Er zeigte auf einen lederbezogenen Stuhl und nahm selbst hinter dem Schreibtisch Platz. Erst jetzt wurde er sich bewusst, dass er mit seiner Freizeitkleidung und den schmutzigen Gartenhänden keinen würdigen Eindruck vermittelte.

»Ich bin seit vier Jahren nicht mehr im Dienst«, erklärte er noch einmal, »das soll mich aber nicht daran hindern, Ihnen Gehör zu schenken.«

Der Unbekannte rutschte unruhig auf der Stuhlkante hin und her und besah sich seine Hände, mit denen er nervös spielte. Ohne Hansen anzusehen, begann er leise zu sprechen: »Das ist nett von Ihnen. Ich habe ein großes Problem.«

Hansen ließ ihm Zeit. Der Mann sah kurz auf, wich aber dem Blick des Pastors sofort wieder aus.

»Ich … ich weiß nicht so recht, wie ich beginnen soll«, stammelte er.

»Sind Sie in einer Notsituation?«, versuchte ihm Hansen eine Brücke zu bauen.

Der andere nickte. »Ja! Das kann man sagen.« Dann schwieg er.

»Haben Sie Kummer? Eine Erkrankung?«

Kopfschütteln.

»Wollen wir ein Gebet sprechen? Oder soll ich Ihnen den Segen erteilen?«

Der Fremde fuhr mit einem Ruck in die Höhe und nahm eine abwehrende Haltung ein. »Bloß das nicht. Dafür bin ich nicht der Richtige. Das hilft mir nicht weiter.«

»Wo liegt dann Ihr Problem? Eine Notlage? Wirtschaftlich?«

»Nein! Das heißt – ja. Eine beschissene – oh, Verzeihung –, eine richtig dumme Situation. Aber nicht finanziell. Jedenfalls nicht jetzt.«

»Eheprobleme? Ist etwas mit den Angehörigen?«, bohrte Hansen vorsichtig, nachdem sein Gegenüber wieder ins Schweigen verfallen war.

»Nein«, wehrte der Fremde ab, »ich bin nicht verheiratet. Nicht mehr. Seit langem geschieden. Und zu den erwachsenen Kindern habe ich kaum Kontakt. Das ist es nicht. Ich habe ein viel größeres Problem.«

»Da Sie mich aufgesucht haben, nehme ich an, Sie möchten es mir erzählen – Ihr Problem. Ich kann Ihnen versichern, dass alles, was Sie mir anvertrauen, genauso der Schweigepflicht unterliegt, als würden Sie es einem katholischen Priester im Beichtstuhl offenbaren.«

Geistesabwesend nickte der Mann. »Ja, ja«, sagte er. Dann straffte sich sein Oberkörper, als wäre ein innerer Ruck durch ihn gefahren. »Ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll.« Er ließ seinen Blick an Hansen vorbei zur Bücherwand gleiten. Seine Augen wanderten über die Buchrücken, als suche er etwas.

»Wir sind hier unter uns«, ermunterte ihn der Pastor. »Sprechen Sie frei von der Leber weg.«

Der Mann sah auf seine Hände, die sich intensiv miteinander beschäftigten. Dann blickte er auf. Seine Augen suchten den direkten Kontakt zu Hansen, musterten die Brillengläser des Pastors und fixierten dann dessen Pupillen, als wollte er den Geistlichen hypnotisieren.

Es fiel Hansen schwer, diesem langen, intensiven Blick standzuhalten. Er zwang sich dazu, versuchte krampfhaft den Lidschlag zu vermeiden. Es war ein Messen der Willenskräfte zwischen den beiden Männern. Die Zeit erschien dem Pastor ewig.

Plötzlich entspannten sich die verkrampften Gesichtszüge des Fremden. Er holte tief Luft und sagte dann unvermittelt mit kaum wahrnehmbarer Stimme: »Ich hab einen umgebracht!«

Dann sackte er im Stuhl in sich zusammen, so, als hätte jemand ein Ventil geöffnet und das, was diesem Menschen Stabilität verliehen hatte, wäre urplötzlich entwichen.

Hansen schwieg. Es war eher die Sprachlosigkeit über das Geständnis des Unbekannten als wohlüberlegte Absicht. Er brauchte eine Weile, bis er sich gefasst hatte.

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte er, ärgerte sich aber im selben Moment über diese der Situation nicht angemessene Frage. Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen.

Nahezu empört sah ihn sein Gegenüber an. »Glaub’n Sie, ich scherz mit solchen Sachen?«

»Nein«, versuchte ihn der Pastor zu beschwichtigen. »Verstehen Sie mich bitte richtig, aber … das kam überraschend. Auch als Geistlicher wird man nicht jeden Tag mit einer solchen Situation konfrontiert.«

Der Unbekannte lachte gekünstelt auf. »Glauben Sie, ich bring regelmäßig jemanden um?« Er wischte sich mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn. »Für mich war es auch das erste Mal.«

Dann trat eine Pause ein.

Hansen wollte ihn nicht unterbrechen. Er spürte, dass sein Besucher das Geständnis fortsetzen würde.

»Es … es war grauenvoll«, stieß der Mann hervor. Ein leichtes Beben durchfuhr ihn bei der Erinnerung an das Erlebte. Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Mundwinkel. »Ich hab so was noch nie gemacht, bin sonst kein gewalttätiger Mensch. Aber … irgendwie … ich weiß gar nicht, wie das geschehen konnte. Keine Ahnung«, schob er nach und zuckte hilflos mit den Schultern.

»Kann ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte Hansen. »Einen Kaffee? Tee? Ein Glas Wasser?«

Der Fremde schüttelte geistesabwesend den Kopf. »Nee, danke!«, gab er zurück. Dann spielte er wieder mit seinen Fingern.

Es entstand eine lange Pause. Zu lange. Hansen schien es, als wäre der mühsam geknüpfte Vertrauensfaden zwischen ihnen gerissen.

»Wer war der Mensch, den Sie getötet haben?«, versuchte der Pastor nach einer Weile vorsichtig das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Das will ich Ihnen erklären«, setzte der Besucher an und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als würde er sich in einer entspannteren Sitzhaltung besser an das Erlebte erinnern können. »Ich muss dazu ein wenig ausholen, damit Sie alles verstehen.«

»Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Ich habe Zeit«, ermunterte ihn Hansen.

Der Mann holte erneut tief Luft und begann mit stockenden...


Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).



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