E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
Nygaard Stadt in Flammen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96041-130-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-96041-130-7
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand.www.hannes-nygaard.de
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Drei
Am Abend war Lüder von seiner Familie regelrecht überfallen worden. Mit Ausnahme von Sinje, die sich mehr für das Erreichen des nächsten Levels in ihrem Videospiel interessierte, wollten alle von ihm etwas über den Mord in Kiel hören. Das war die Sensation gewesen und beherrschte die Nachrichten in allen Medien. Sogar die Tagesschau hatte mit dieser Meldung eröffnet.
Lüder hätte sich nicht gewundert, wenn man dem Ereignis auch noch einen Brennpunkt gewidmet hätte. Politiker aller Couleur waren nach ihrer Meinung gefragt worden und hatten versichert, dass man dringend schärfere Gesetze benötige. Ein Experte hatte den anderen als Interviewpartner abgelöst und analysiert, wer hinter dieser Tat steckte, warum sie so ausgeführt wurde, welche Symbolik dahinterstand, und behauptet, dass der Terror jetzt auch von der deutschen Provinz Besitz ergriffen habe.
»Provinz?« Jonas war wütend aufgesprungen. »Die haben den Schuss nicht gehört. Das ist Kiel. Wir sind die Hauptstadt.«
»Beruhige dich«, hatte Lüder versucht, seinen Sohn zu besänftigen. »Schleswig-Holstein ist eines der kleinen Bundesländer.«
»Aber das schönste Bundesland der Welt«, hatte sich Sinje aus der Ferne eingemischt. »Das sagen die immer im Radio«, verwies sie auf einen Spruch, den ein privater Radiosender populär gemacht hatte.
Lüder hatte sich entspannt zurückgelehnt und die Hände hinterm Nacken verschränkt. »Ich habe die nächsten Wochen frei.«
»Wie das denn?«, wollte Jonas wissen. Begeisterung klang anders.
»Es gibt so viele Experten, die es besser wissen und ihren Senf zu dem Vorfall abgeben. Da sind wir von der Polizei überflüssig.«
Belustigt hatte Lüder festgestellt, dass sich Jonas’ Gesichtszüge wieder entspannten.
Der nächste Morgen war– wie üblich im Hause Lüders– anderen Themen gewidmet. Was waren drohende Weltkriege gegen den Kampf, wer wie lange das Badezimmer benutzen durfte? In der kleinen Küche war es eng. Wie immer. Und es herrschte überall Betriebsamkeit.
»Bist du eigentlich froh, wenn alle weg sind?«, hatte er Margit gefragt.
»Ja«, hatte sie mit einem Seufzer geantwortet, sich kurz in den Arm nehmen lassen und angefügt: »Eigentlich nicht.«
Wie wird es sein, wenn die Kinder irgendwann das Haus verlassen und ihr eigenes Leben führen?, dachte Lüder auf dem Weg ins Landeskriminalamt. Im Auto hörte er Nachrichten. Gestern Abend war in Gaarden eine Gruppe Motorradfahrer aufgekreuzt, hatte mit lautem Gedröhne das Viertel durchquert und sich eine kurze Schießerei mit Unbekannten geliefert. Verletzte gab es zum Glück keine.
In der Abteilung herrschte große Aufregung. Dr.Starke lief aufgeschreckt hin und her und versuchte, Struktur in die »Unordnung« zu bringen. Unordnung war seine Interpretation. Die Beamten des Polizeilichen Staatsschutzes waren routiniert. Jeder wusste, was von ihm erwartet wurde. Edith Beyer bat Lüder gleich ins Besprechungszimmer.
Kurz darauf hatte der Kriminaldirektor die wichtigsten Mitarbeiter versammelt und gab einen kurzen Lagebericht ab. Er berichtete, dass gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig ein Trupp von etwa zehn schweren Motorrädern durch Gaarden gerollt sei. Auf den Krädern hätten jeweils ein oder zwei Gestalten in dunklen Lederkutten gesessen. Gesichter seien keine zu erkennen gewesen. Es war nicht nur zu dunkel, die Leute hatten sich auch durch Helme und Visiere unkenntlich gemacht.
»Trugen die Kutten Aufschriften?«, wollte ein Beamter wissen.
Dr.Starke sah auf sein Manuskript. »Das ist hier nicht vermerkt.«
»Ich gehe davon aus, dass nicht«, mischte sich Kriminaloberrat Gärtner ein. »Die sind nach dem Verbot ihrer Clubs vorsichtig geworden. Der Einzug des Vereinsvermögens war schmerzlich. Und vor Gericht sind sie auch gescheitert.«
»Kfz-Kennzeichen?«, wollte ein anderer mit Zwischenruf wissen.
Lüder zog mit seinem demonstrativen Lachen die Aufmerksamkeit der Runde auf sich. »Selbst wenn die Motorradfahrer sie mit Halogen angestrahlt hätten, würde sich niemand melden. Mich wundert, dass die Polizei überhaupt verständigt wurde. Hat sich einer wegen ruhestörenden Lärms beklagt?«
»Nein. Die Meldung ging erst ein, als es zu einer Schießerei kam«, erklärte Dr.Starke. »Das war auf Höhe des Spielplatzes am Ende der Kaiserstraße.«
»Da ist doch die Nur-al-Din-Moschee in der Nähe«, rief Lüder dazwischen.
»Das mag sein. Wir sollten vorsichtig mit irgendwelchen Mutmaßungen sein. Die Spurensicherung sondiert das Gelände. Noch haben wir keinen Überblick. Zumindest scheint niemand verletzt worden zu sein. Darüber hinaus gab es Sachschäden. Die Motorrad-Gang hat bei ihrem Auftritt in Gaarden an mehreren Stellen Fensterscheiben eingeworfen. Es sieht wie ein ausländerfeindlicher Übergriff aus, da nur Dönerbuden, Telefonläden und andere Geschäfte betroffen sind, die Ausländern gehören. Betriebe einheimischer Inhaber, wenn ich es einmal so formulieren darf, waren nicht betroffen.«
»Gibt es Bekennerschreiben?«, wollte Lüder wissen.
Der Kriminaldirektor verneinte es.
In der kurzen Diskussion war sich die Runde einig, dass der nächtliche Überfall aller Wahrscheinlichkeit nach rechtsgerichteten Tätern zuzuschreiben war.
»Auf meiner Liste derer, denen ich das zutrauen würde, gehören Alf Föhrenbeck und sein rechtsradikaler Trupp ›Thor-Bund‹ ganz nach oben«, sagte Gärtner. »Es gibt Parallelen zum ›Bund Wiking‹ aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Organisation wurde verboten, weil sie in Putschvorbereitungen gegen die Weimarer Republik verwickelt war. Sie war eindeutig antisemitisch. Nach dem Verbot sind führende Mitglieder bei anderen NS-Organisationen wie dem ›Stahlhelm‹ oder derSA untergekommen.«
»Thor ist der nordische Name für Donar, den Gott des Donners. Da braut sich etwas Schlimmes zusammen. Neben ausländerfeindlicher Hetze und Rufen nach einem reinen Germanien, wie wir es schon von Föhrenbeck gehört haben, ist auch noch zu bedenken, wie Thor häufig bildlich dargestellt wird«, sagte Lüder und sah in die Runde. Nach einer kurzen Pause ergänzte er: »In skandinavischen Abbildungen in Steingräbern wurde Thor oft als beil- oder axtschwingender Berserker dargestellt.«
»Der Kopf…«, warf ein Beamter ein.
Lüder nickte. »Nicht nur Salafisten kennen diese Methode des Tötens. Und Juden sind den Rechtsradikalen auch ein Dorn im Auge.«
»Das ist noch maßlos untertrieben«, stimmte Gärtner zu.
»Wir werden wie folgt vorgehen…«, begann der Kriminaldirektor und erläuterte die nächsten Schritte.
Ein Punkt war die Razzia auf Föhrenbecks Grundstück. Er wohnte in einem Resthof in der kleinen Gemeinde Schinkel.
Nach der Besprechung kehrte Lüder in sein Büro zurück und fand eine Nachricht auf seinem Rechner vor. Vollmers bat um seinen Rückruf. Im Büro war er nicht zu erreichen. Lüder versuchte es auf dem Mobiltelefon.
»Es ist ja schön, wenn sich das LKA der Sache annimmt«, sagte der Hauptkommissar missgelaunt. »Wir leiden nicht unter Arbeitsmangel. Warum werden wir aber gerufen, wenn man jemanden an einem Baukran aufgehängt hat?«
»Was sagen Sie da?«, fragte Lüder erstaunt.
»Es ist nur eine Puppe, aber die hat ein Schild um den Hals. ›Tod den Zionisten‹, steht da drauf.«
»Gibt es irgendeinen Hinweis auf Amerikaner? Ähnelt die Puppe dem amerikanischen Präsidenten?«, wollte Lüder wissen.
»Meines Wissens gehört er nicht dieser Religion an«, erwiderte Vollmers.
»Solche Puppen werden von Islamisten häufig als Symbol im Kampf gegen Amerikaner eingesetzt«, erklärte Lüder. »Mit dem Schild zielt die Puppe aber auf eine andere Bevölkerungsgruppe ab.«
»Wenn Sie mich ausreden lassen würden…«, beklagte sich der Hauptkommissar. »Das ist noch nicht alles. Darunter steht, dass auch die Verantwortlichen des jüdischen Staats so enden werden.«
»Mensch, Herr Vollmers, was ist da am Laufen?«, fragte Lüder. »Weist die Baustelle irgendwelche Besonderheiten auf?«
»Ja«, antwortete Vollmers. »Dort sollen billige Wohnblocks errichtet werden. Man munkelt, dass die Stadt Kiel Asylbewerber dort unterbringen möchte.«
»Soll das eine Warnung sein? Es wäre nicht das erste Mal, dass auf solche Bauvorhaben Brandanschläge verübt werden.«
»Es wird noch pikanter«, berichtete Vollmers. »Bauherr ist die Wiker Wohnbau. Fällt Ihnen dabei etwas auf?«
»Ich habe von denen gehört. Die sind recht aktiv. Man sieht öfter ihre Baustellenschilder.«
»Das Unternehmen gehört der Familie Silberstein«, sagte Vollmers.
»Oh verdammt. Das erklärt alles. Ich werde mit den Leuten sprechen.«
Vollmers wünschte ihm viel Erfolg.
Lüder fuhr in die Wik. Die Wohnungsbaugesellschaft war in einem modernen Bürogebäude am Flintkampsredder untergebracht.
»Es geht sicher um diese Merkwürdigkeit auf der Baustelle in Dietrichsdorf«, stellte Helmut Silberstein fest, als Lüder in sein Büro geführt wurde. Der Unternehmer war untersetzt und hatte welliges Haar, in dem das Grau dominierte. Er trug eine gut sitzende Kombination und ein Hemd mit dezent gemusterter Krawatte. Seine Erscheinung entsprach dem Klischee, das man mit »Geschäftsmann« umschreiben konnte, auch wenn es weit von einem protzigen Auftreten entfernt war. Das galt auch für die Ausstattung des Büros. Die war auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet, ohne das Flair einer Behördenschreibstube zu verbreiten....




