E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
Nygaard Tod in der Marsch
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-046-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 240 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-86358-046-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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ZWEI
In den folgenden Tagen hatten sie noch einmal die Nachbarn befragt, weitere Erkundigungen in der Bäckerei, in der Anne Dahl beschäftigt war, eingezogen, mit Unterstützung der Lehrerin die Klassenkameraden des kleinen Mädchens interviewt und mehr oder weniger erfolglose Gespräche mit Peter Dahl geführt. Nichts! Niemand kannte einen Grund, weshalb die junge Frau mit ihrer Tochter wie vom Erdboden verschluckt war. Keiner hatte eine Idee, wo sie sich aufhalten könnte.
Und nirgendwo erhielten sie einen weiteren Hinweis auf den mysteriösen Mann in Anne Dahls Umgebung. Selbst die drei Gläser aus der Spüle waren inzwischen kriminaltechnisch analysiert worden. Sie wiesen alle Fingerabdrücke auf. Auf dem dritten Trinkgefäß fanden sich deutliche Abdrücke einer männlichen Hand. Für diese gab es allerdings keine Einträge in ihrer Zentralkartei. Das heißt, auch dort gab es keine Anhaltspunkte.
Parallel zu ihren erfolglosen Bemühungen drängten immer zwingender andere unerledigte Fälle auf Bearbeitung, sodass die Vermisstenanzeige in den Hintergrund geriet.
Christoph hatte die ersten Tage in Husum in einer Pension gewohnt, war dann aber in die Berliner Straße, in eine kleine möblierte Wohnung, gezogen. Er war jetzt bereits einige Wochen hier und pendelte an den Wochenenden, wenn der Dienst es zuließ, zu seiner Familie in die Landeshauptstadt. Bei seinen Besuchen in Kiel bemerkte er, dass die Gespräche zwischen ihm und seiner Frau anders verliefen als früher. In der Vergangenheit, als man sich täglich sah, hatten sie ein breites Themenspektrum zur Auswahl. Jetzt stand weniger Zeit für das Gespräch zur Verfügung. Er hatte den Eindruck, seine Frau zeigte nur ein eingeschränktes Interesse an seiner Arbeit, während er – umgekehrt – sich dabei erwischte, dass er nur mit halbem Ohr bei der Sache war, wenn sie etwas aus ihrem Alltag erzählte. Die durch seinen Einsatz in Husum erzwungene Wochenendbeziehung tat seiner Ehe nicht gut. Über diese Erkenntnis war er alles andere als glücklich.
Die ersten grauen Regen- und Sturmtage waren einem winterlichen Hoch gewichen, das einen strahlend blauen Winterhimmel mit sich brachte. Die Temperaturen blieben auch tagsüber unterhalb des Gefrierpunktes. Dabei war es aber trocken. Aber dann war das Hoch vorbeigezogen. Ihm folgte das nächste Tiefdruckgebiet von Westen her. Es brachte tief liegende, rasch durchziehende Wolken, verbunden mit dem allseits gegenwärtigen Grau, Sturm und natürlich Regen. Der gefrorene Boden war wieder aufgetaut, und die Trittfestigkeit auf unversiegelten Flächen war einem regendurchfeuchteten Morast gewichen. In der Stadt selbst galt es nun, den stehenden Wasserlachen möglichst elegant auszuweichen. Der Zuständigkeitsbereich der Husumer Polizei umfasste aber die ganze Region Nordfriesland, sodass sich das Wetter und die damit verbundenen Einschränkungen in der Beweglichkeit nachteilig auf die tägliche Arbeit auswirkten.
Christoph hatte sich relativ schnell in die für ihn zuerst ungewohnte Umgebung eingearbeitet und erledigte mit wachsender Routine die anstehende Arbeit. Das Team spielte dabei reibungslos mit. Jeder kannte seine Aufgaben und erledigte sie in der ihm eigenen Art und Weise.
Große Jäger schien – zumindest nach außen hin – eher zufallsgesteuert die ihm übertragenen Aufträge wahrzunehmen. Er hatte die Gabe, ohne Strategie im Einzelfall intuitiv die richtige Aktion einzuleiten, das passende Gefühl für eine Situation zu entwickeln, und traf vor allem im Gespräch fast immer die richtige Einstellung zu seinem Gegenüber. Er konnte schmeicheln, kumpelhaft wirken, hatte aber auch keine Hemmungen, mit Drohgebärden seinen Einfluss deutlich zu machen. In jedem Fall machte er keinen Hehl daraus, dass er die nötige Papierarbeit zutiefst verabscheute. Das Schreiben eines Protokolls, das Führen einer Akte, das Ausfüllen eines Formulars – nein, dies war nicht seine Welt. So hatte sich ein fortwährender Disput zwischen Christoph und seinem Oberkommissar aufgebaut, in dem es einzig um die ständige Anmahnung zur abschließenden Erledigung eines Falles ging, der erst dann sein Ende fand, wenn die Akte zur weiteren Strafverfolgung an die Staatanwaltschaft abgegeben werden konnte.
Harm Mommsen war ein Mitarbeiter, der alle Aufgaben sorgfältig und eigenständig ausführte. Sein ruhiges und zurückhaltendes Verhalten, das aber nie devot wirkte, war nur eine der positiven Eigenschaften, die man ihm zuschreiben konnte. Er war in jeder Hinsicht ein sympathischer und angenehmer Zeitgenosse.
An einem dieser trüben grauen Regentage waren Christoph und Große Jäger wegen einer Betrugsanzeige auf einem abseits gelegenen Gehöft in der Nähe von Tating unterwegs gewesen und hatten gerade ihr Dienstfahrzeug für die Rückfahrt bestiegen, als das Handy summte. Christoph erkannte am Display, dass die Dienststelle ihn zu erreichen versuchte, und wunderte sich, dass dies nicht über Funk erfolgte.
»Ja«, meldete er sich knapp.
»Hier Grothe«, hörte er die schnarrende Stimme des Chefs. »Haben Sie den Funkverkehr abgehört?«
»Nein, wir waren zu einem Verhör in Eiderstedt«, entgegnete Christoph.
»Da ist etwas sehr Unangenehmes passiert«, fuhr Grothe fort. »Ein Spaziergänger hat in der Nähe von Marschenbüll eine Leiche gefunden. Die Kollegen von der Mordkommission und vom Erkennungsdienst in Flensburg sind bereits informiert. Meine Männer sind unterwegs, um die Fundstelle zu sichern. Ich schlage vor, Sie machen sich auch auf den Weg.«
»Wir sind schon unterwegs«, antwortete Christoph und platzierte das mobile Blaulicht auf dem Dach. Unterwegs informierte er kurz Große Jäger über die Meldung des Chefs.
Der Regen peitschte gegen das Fahrzeug. Die Scheibenwischer arbeiteten heftig. Die Sturmböen, die über die weite Ebene von der Seeseite herüberbliesen, rüttelten kräftig am Auto, sodass es trotz des wenigen Verkehrs höchste Aufmerksamkeit erforderte, den Wagen auf den kurvenreichen und engen Straßen zu halten.
Große Jäger dirigierte ihn auf der schmalen Straße Richtung Tümlauer Koog. Sie folgten dem Deich bis Westerhever, jener kleinen Siedlung hinterm Deich, deren markanter Leuchtturm mit den beiden rot gedeckten Wärterhäuschen das wohl bekannteste Bauwerk der Westküste ist. Die Straße schlängelte sich durch die feuchten Wiesen, eine der letzten großen Naturlandschaften Europas, bis kurz vor Osterhever.
»Jetzt links«, wies Große Jäger an der einsamen Kreuzung an.
Der Weg führte in Richtung See. An seinem Ende wies der Oberkommissar wortlos mit dem Daumen nach rechts. Sie folgten dem Deich, der Eiderstedt vor dem Wattenmeer schützte.
Nach einer Christoph unendlich erscheinenden Fahrt durchquerten sie schließlich den kleinen Ort Marschenbüll, ein mitten in der Weite der Marschlandschaft gelegenes, für diese Gegend typisches Straßendorf. Am Ortsausgang sahen sie schon über die freie Fläche, etwa fünfhundert Meter abseits der Straße, mehrere Blaulichter.
Von der anderen Seite her näherten sich zwei weitere Einsatzfahrzeuge. Sie bogen nahezu gleichzeitig mit den Neuankömmlingen von der Landstraße in einen asphaltierten Wirtschaftsweg ein, der in einigen von der Hauptstraße nicht einsehbaren Windungen zwischen den Wiesen zur Fundstelle der Leiche führte.
Dort standen bereits zwei Streifenwagen der uniformierten Polizei. Die Beamten hatten das Terrain weiträumig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt und hielten sich selbst hinter dieser Abgrenzung auf.
Trotz des schlechten Wetters waren, angelockt durch das blaue Licht, einige Schaulustige, teils mit Fahrrädern, teils zu Fuß, aus dem nahen Dorf gekommen.
Christoph hielt am Rande der Wiese hinter den beiden Fahrzeugen. Aus dem ersten Wagen sprang noch während der Fahrt ein kleiner, glatzköpfiger Mann, setzte sich, noch bevor seine Füße den Boden berührten, eine Seglermütze auf und hüpfte sogleich wieder in die Höhe, als wolle er über den durchgeweichten, morastigen Boden schweben. Christoph griff nach seiner wetterfesten Jacke, zog sie im Aussteigen an und klappte die Kapuze hoch. Mit jedem Tag mehr an der Küste verstand er den Sinngehalt der Aussage besser, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur die unpassende Kleidung gebe. Große Jäger, bekleidet mit dem obligatorischen Parka, folgte ihm.
Der kleine Mann mit der Mütze versuchte immer noch, hüpfenderweise ein einigermaßen trockenes Stück Erde zu finden. Mit schmatzenden Geräuschen hielt der tiefe, feste Morast seine Halbschuhe gefangen.
»So ein Scheißwetter«, hörten sie ihn fluchen, »so eine verdammte Scheiße.« Unter dem kurzen Schirm seiner Prinz-Heinrich-Mütze funkelte er die beiden grimmig an. »Was wollen Sie denn hier?«, fragte er böse.
Christoph musste unwillkürlich schmunzeln. »Wir suchen einen dritten Mann zum Skat.«
Dem kleinen Mann blieb schlicht die Luft weg.
Christoph trat auf ihn zu, streckte ihm versöhnlich die Hand entgegen und stellte sich vor.
»Johannes, Kripo Husum«, sagte er, zeigte mit dem Daumen über seine Schulter und ergänzte, »und das ist mein Kollege Große Jäger.«
Der kleine Mann rang immer noch nach Luft.
»Klaus«, stellte er sich vor, »Klaus Jürgensen. Und was hat es mit dem großen Jäger auf sich?«
Jetzt musste Christoph lauthals lachen. Dieses Problem mit seinem Namen war ihm schon oft begegnet.
»Johannes ist mein Nachname«, erklärte es deshalb. »Christoph Johannes. Hauptkommissar. Ursprünglich aus Kiel, seit kurzem mit der Leitung der Dienststelle Husum betraut.«
»Meinetwegen«, brummte der kleine Mann. »Ich bin Hauptkommissar Klaus Jürgensen vom K6 aus Flensburg, Kriminaltechnik und Erkennungsdienst.« Er...




