Nygaard | Todeshaus am Deich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5, 240 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

Nygaard Todeshaus am Deich


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-047-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 5, 240 Seiten

Reihe: Hinterm Deich Krimi

ISBN: 978-3-86358-047-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Seniorenresidenz liegt direkt am Deich und wäre der ideale Ort für einen beschaulichen Lebensabend - wenn nicht ein Bewohner nach dem anderen auf außergewöhnliche Weise das Zeitliche segnen würde. Zuerst fällt es Hauptkommissar Christoph Johannes und seinen Kollegen Große Jäger und Mommsen schwer, den Nachweis zu erbringen, dass hier Verbrechen geschehen. Doch als die Nordfriesen erst einmal eingetaucht sind in die Welt der Senioren, werden sie noch mit ganz anderen mysteriösen Ereignissen hinterm Deich konfrontiert. Das Team der Husumer Kripo hat wieder alle Hände voll zu tun und ermittelt wie gewohnt mit Herz, Verstand und einer guten Portion norddeutschen Humors.

Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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ZWEI

Ein leichter Dunstschleier hing noch zwischen den Bäumen im Schlosspark, als Christoph in Höhe des alten Wasserturms von der »Neustadt« in die Parkanlage abbog. Er genoss den morgendlichen Fußweg vom Stadtrand zur Dienststelle. In der Berliner Straße bewohnte er unter dem Dach eines der Siedlungshäuschen ein kleines Apartment. Er hatte sich im Laufe der Zeit auch mit den Eigenheiten seiner Vermieterin, einer liebenswerten älteren Dame, arrangiert, die ihm gelegentlich mit ihrer mütterlichen Fürsorge auf die Nerven ging.

Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis die vielen Millionen Krokusse im Schlosspark zu blühen begannen und das ganze Areal in einen violetten Farbzauber verwandeln würden, an dem sich das Auge nicht sattsehen konnte. Nicht umsonst war die Husumer Krokusblüte weithin bekannt und lockte jedes Jahr die Besucher in Heerscharen an. Leider, so fanden manche Einheimische, wuchs auch das Spektakel rund um dieses Ereignis und verlieh diesem einmaligen Naturschauspiel einen jahrmarktsähnlichen Charakter.

Im Schlossgang, dem Fußweg vom Schlosspark zum Marktplatz, sah er, dass in dem markanten Gebäude auf der rechten Seite, wo Dr. Hinrichsen seine Praxis betrieb, bereits Licht brannte. Anna, die er seit seiner Rückkehr aus Kiel noch nicht wiedergesehen hatte, würde bereits die ersten Patienten empfangen haben.

Christoph überquerte den Marktplatz, ging durch die Rote Pforte, den ehemaligen Busbahnhof der Stadt, und folgte dem Austieg, einem Fußweg, der an der Rückseite der Herzog-Adolf-Straße vorbeiführte, in der Große Jäger wohnte. Mit einem Schmunzeln bemerkte er, dass in der Wohnung des Oberkommissars noch Licht brannte. Große Jäger würde, wie fast immer, der Letzte sein, der zum Dienst kam.

»Moin«, grüßte Christoph, als er das Büro betrat. Mommsen hatte bereits Tee gekocht. Es war ein eingespieltes Ritual, das Christoph nicht mehr missen mochte. Wie an allen Arbeitsplätzen üblich tauschten sie ein paar Belanglosigkeiten über bedeutsame und weniger wichtige Ereignisse aus der weiten und der regionalen Welt aus.

Es dauerte noch eine weitere halbe Stunde, bis Große Jäger erschien. Der Oberkommissar quetschte ein eher müdes »Moin« zwischen den Zähnen hervor und zog die Schreibtischschublade heraus, um dort seine Füße zu parken. Mit einem befriedigten Grunzlaut stellte er fest, dass Mommsen auch Kaffee gekocht hatte, obwohl er der Einzige im Büro war, der ihn trank. Er zündete sich eine Zigarette an, blies genussvoll den Rauch in den Raum und drehte sich dann zu Christoph um.

»Bei unserer Suche nach Thorben Althoff sind Hilke und ich gestern nicht weitergekommen. Wir haben mit ehemaligen Nachbarn gesprochen, die ihn als unauffällig schilderten. Sein Vermieter hat ihn übel beschimpft. Althoff hat ihn nicht nur um die Miete betrogen, sondern bei seinem überhasteten Auszug auch noch einen Dreckstall hinterlassen. Überall in der Wohnung lag der Müll herum. Leere Flaschen, Verpackungsmüll, geöffnete Lebensmittelkonserven – es muss ein unbeschreiblicher Dreck gewesen sein, in dem Althoff dort gehaust hat. Der Vermieter meinte, bei diesem Chaos hätte es ihn auch nicht verwundert, wenn Althoff über Nacht geflüchtet wäre, selbst wenn er keine Mietrückstände gehabt hätte.«

»Ähnlich hat sich der zweite Vermieter geäußert, der sich aufgrund des Presseaufrufs gestern bei uns gemeldet hat«, mischte sich Mommsen ein. »Der Stimme nach muss es ein schon älterer Herr gewesen sein, der Althoff alle möglichen Flüche an den Hals gewünscht hat. In seinem Zorn hat er auch damit gedroht, seinem Ex-Mieter das Fell zu versohlen, wenn er ihm unter die Augen käme.«

Christoph konnte den Ärger der Vermieter verstehen. Das Mietnomadentum war eine leidige Unsitte geworden. Die Leute zogen ein, zahlten keine Miete, ließen die Eigentümer auf den hohen Nebenkosten sitzen und verschwanden im schlimmsten Fall bei Nacht und Nebel aus einer verwüsteten Wohnung. Leidtragende solcher Taten waren nicht nur die gutgläubigen Vermieter. Es handelte sich gerade hier in Nordfriesland häufig um Menschen, die sich durch die Miete eine Aufbesserung ihrer Altersversorgung versprachen. Auch nachfolgende Wohnungssuchende, die gutwillig waren, litten darunter und stießen auf skeptisch gewordene Hausbesitzer. Mietnomaden trugen zu einer Vergiftung des Klimas zwischen den Parteien bei.

»Darüber hinaus haben sich weitere Leute gemeldet, die meinten, etwas über Althoffs Aufenthalt sagen zu können«, ergänzte Mommsen. »Aber Konkretes war nicht darunter. Wir haben es gestern noch überprüft. Und wie ist es bei dir gelaufen?«

Christoph berichtete, wie er den Dienstag als Zeuge beim Landgericht in Flensburg zugebracht hatte. Es ging um die Verhandlung gegen die beiden Drahtzieher und den Auftragsmörder, die im vergangenen Jahr bei sozial benachteiligten Menschen, die einem Kredithai zum Opfer gefallen waren, für Angst und Schrecken gesorgt und auch vor brutalen Morden nicht zurückgeschreckt waren.

»Der Prozess wird noch fortgesetzt«, schloss Christoph seinen Bericht. »Ich hatte Gelegenheit, in einer Pause mit dem Staatsanwalt zu sprechen. Der Weißrusse dürfte für lange Zeit hinter Gittern verschwinden, aber die anderen beiden kommen wohl besser weg.«

Große Jäger schüttelte den Kopf. »Das ist stets die gleiche Geschichte. Die Gangster mit dem weißen Kragen schaffen es immer wieder, sich herauszuwinden. Da kann einen manchmal schon der heilige Zorn packen.« Dann nahm er einen tiefen Zug und fluchte leise, als ihm die Asche auf die Jeans fiel. Er stand kurz auf und klopfte sie sich von der Hose. »Wie kommen wir an diesen Althoff heran? Was ist, wenn der Bursche gar nicht mehr in unserer Gegend ist?«

»Das wäre durchaus denkbar«, stimmte Christoph zu.

»Ich glaube nicht, dass er fortgezogen ist«, sagte Mommsen.

Die beiden anderen sahen ihn fragend an.

»Ich habe die Zeit genutzt und mich umgehört. Althoff stammt aus der Gegend. Er ist in Tönning geboren und aufgewachsen. Dann hat er eine der typischen Loser-Karrieren absolviert. Hauptschule, aber nur gerade eben. Bundeswehr. Hier in Husum, in der Flensburger. Eine abgebrochene Lehre als Maler. Danach, soweit die Spur verfolgbar ist, hatte er nur sporadisch Gelegenheitsjobs. Jetzt lebt er von Hartz IV

Christoph fuhr sich mit der Hand über die Mundwinkel. »Das ist schon eine ganze Menge, Harm, was du da ermittelt hast. Ich stimme dir zu, dass es unwahrscheinlich klingt, wenn Althoff bei diesem Lebensweg plötzlich das Fernweh packen würde. Aber wenn er Hartz-IV-Empfänger ist, müsste doch die Bundesagentur für Arbeit etwas über seinen Aufenthaltsort wissen?«

»Richtig«, pflichtete Große Jäger ihm bei. »Und wieso zahlt er seine Miete nicht? Die wird ihm doch vom Staat finanziert.«

»Das ist das Problem«, sagte Christoph. »Die Kosten für die Miete werden nicht an den Vermieter überwiesen, sondern an den Bedürftigen ausgezahlt. Und wenn der das Geld nicht weiterleitet, sondern für sich behält, tritt eine Situation wie diese ein.«

»Toll. Da haben sich unsere Schlaufüchse in Bonn ja wieder einmal etwas Tolles ausgedacht«, brummte Große Jäger.

»In Berlin, mein lieber Wilderich«, korrigierte Christoph.

Der Oberkommissar winkte ab. »Von mir aus. Was von den Südeuropäern jenseits der Elbe verzapft wird, ist selten durchdacht.«

Christoph lachte. »Da können wir ja froh sein, dass du die von dir definierte Vernunftgrenze nicht schon am Nord-Ostsee-Kanal gezogen hast. Was wären wir sonst ohne unsere Holsteiner.«

»Schleswig-Holstein – up ewig ungedeelt.« Wie zur Mahnung drohte Große Jäger mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Dann wechselte er ansatzlos das Thema. »So! Wie finden wir nun diesen Althoff?«

»Der ist Anfang zwanzig«, sagte Mommsen. »In dem Alter versteckt man sich nicht hinter dem Ofen. Der muss doch Bekannte haben. In Discos gehen, Kneipen besuchen. Das wäre doch eine mögliche Spur.«

»Die Idee ist gut, Harm.« Große Jäger tippte sich mit dem Finger an die Stirn, dann sah er Christoph an. »Das muss aber nicht heißen, dass ich mit Tante Hilke von Disco zu Disco ziehe. Ich übernehme freiwillig den Kneipentörn. Und wer begleitet mich?« Er sah seine beiden Kollegen an, schüttelte dann aber den Kopf. »Nee, lass man. Für einen solchen Einsatz seid ihr beide nicht stressfest genug.«

Christoph sah auf die Uhr. »Die Kieler lassen sich aber viel Zeit. Wir haben immer noch nichts von der Obduktion des toten Rentners gehört. Ich werde Jürgensen anrufen. Vielleicht liegt ihm schon eine Information vor.«

Doch Christophs Bemühungen waren erfolglos. Der Leiter der Kriminaltechnik war nicht an seinem Flensburger Schreibtisch, sondern zu einem Einsatz unterwegs. Eine halbe Stunde später meldete sich das Landeskriminalamt Kiel bei ihm.

»Hallo, Frau Dr. Braun«, sagte Christoph, was Große Jäger veranlasste, die Hände zu falten und entsetzt die Augen zu verdrehen.

»Es geht um den Todesfall zum Nachteil des Paul Schüttemann«, begann die Kollegin aus der Landeshauptstadt. »Ich weiß nicht, wer hinter Ihnen steht und bei Ihren Vorgängen stets so einen ungemeinen Druck auf uns ausübt.«

»Liebe Frau Dr. Braun«, warf Christoph ein. »Der Tod ist am Montag eingetreten. Heute ist Mittwoch. Wir warten bereits seit gestern auf Ihre Ergebnisse.«

»Sie haben falsche Vorstellungen von unserer Arbeit«, antwortete Dr. Braun pikiert. »Sie haben gut reden. Ihr Verantwortungsbereich umfasst nur einen engen regionalen Bezirk. Wir hingegen müssen die Fälle des ganzen Landes abdecken. Sie glauben nicht, welche Arbeit damit verbunden ist und welcher...


Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).



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