E-Book, Deutsch, Band 7, 288 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
Nygaard Todesküste
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-048-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hinterm Deich Krimi
E-Book, Deutsch, Band 7, 288 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-86358-048-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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EINS
Lars Meiners sah, wie sein Vater Steffen einen Stoß in den Rücken erhielt, stolperte und dabei einem anderen Mann so nahe kam, dass dieser ihm einen bösen Blick zuwarf. Bevor Steffen Meiners sich umdrehen konnte, hörte Lars neben sich eine Männerstimme.
»Entschuldigung. Aber bei diesem Gedränge … War nicht so gemeint.« Der Rest der Worte des grauhaarigen Mannes ging im Lärm der Menge unter, während er von seiner Frau am Ärmel fortgezogen wurde.
»Manno, ist das ätzend«, beklagte sich Lars, der hoch aufgeschossene schlaksige Vierzehnjährige.
»Wenn du mit deinen Freunden zum Heider Jahrmarkt gehst, ist es genauso voll«, entgegnete sein Vater.
»Das ist ganz was anderes. Aber dies hier …«
»Nun beschwer dich nicht ständig. Mama und Heike haben sich lange auf den Marktfrieden gefreut.«
Lars suchte seine Mutter, die mit seiner zwölfjährigen Schwester durch andere Besucher des Volksfestes abgedrängt worden war. An dieser Stelle im »Dorf Tellingstedt«, wie der Bereich des Festplatzes genannt wurde, stockte der Besucherfluss. Die Ursache waren zwei Musikanten in historischen Gewändern, die mit ihren Dudelsäcken ein »Platzkonzert« gaben, während gegenüber das qualmende Holzfeuer einer Zinngießerei die Menschen ein wenig auf Abstand hielt. An einem Marktstand war ein großer Waschzuber aufgebaut, und ein Mann winkte fröhlich aus dem Gefäß, während eine junge Frau weitere Kunden für ihre Badestube anzulocken suchte, dabei aber schlagfertig einer Gruppe von jungen Leuten antwortete, die offenkundig ein wenig zu viel vom dargebotenen Met probiert hatten.
Lars entdeckte den blonden Wuschelkopf seiner Mutter ein Stück in Richtung eines Standes, wo ein kräftiger Mann an der Spindel einer großen Druckpresse drehte und die Kunst des Buchdrucks vorführte.
Das Bilderbuchwetter über Dithmarschen hatte zahlreiche Besucher aus der Stadt, aber auch von weiter her zum traditionellen Volksfest »Heider Marktfrieden« – »De vrie markede tho der Heyde« – angelockt, das den Eindruck und die Atmosphäre des Markttreibens im Spätmittelalter wiedergeben soll.
Gaukler und Musikanten liefen durch die Gassen und gaben ihre Kunst zum Besten. Mittelalterliche Handwerke boten ihre Waren und Dienste an und zeigten dem erstaunten Publikum, mit welchem Geschick auch Menschen von heute mit den alten Techniken und Werkzeugen umzugehen verstanden. Darunter waren historische Gewerke wie Korbmacher und Besenbinder, aber auch Glasbläser und Kunst- und Goldschmiede, die ihr Können nach traditioneller Art vor den Augen der Besucher darboten. Natürlich durften auch mittelalterliche Gaumengenüsse nicht fehlen, vom rustikalen Brot über den Spießbraten bis zum Met, selbst wenn das Bier aus der heutigen Zeit stammte und in Konkurrenz zu den Weinschenken stand, an deren rohen Holztischen sich die Leute drängten. Das lebhafte Treiben mit den fröhlichen Menschen und bunten historischen Gewändern wurde von einem unbeschreiblichen Duft von Holzfeuerrauch und Gewürzen begleitet.
Über dem Ganzen thronte der Turm der alten St.-Jürgen-Kirche, die den Heider Marktplatz beherrschte, und selbst das nicht zum Mittelalter passende Gebäudeensemble, das von der alten Postelvilla geprägt wurde, wirkte nicht fremd.
St. Jürgen, so hatte sein Vater ihm einmal erklärt, ist niederdeutsch für Georg. Und der Ritter St. Georg ist nicht nur der Pate der Kirche, sondern auch der Stadt Heide.
Lars warf einen kurzen Blick auf das wunderbar restaurierte Gebäude, in dem sich heute die Volkshochschule der Stadt befand. Er wusste, dass insbesondere sein Vater die gemeinsamen Ausflüge mit der Familie liebte und einfach nicht verstehen wollte, dass Jugendliche andere Interessen hatten. Lars fand es öde, sich durch das Gedränge zu schieben. Lieber hätte er den Marktfrieden mit seinen Freunden besucht. Zu Hause hatte es deshalb Diskussionen gegeben. Schließlich hatte sich der Junge dem Wunsch des Vaters gebeugt. Es ist das letzte Mal, dass ich den Alten und Heike hinterhertrotte, dachte sich Lars. In der Menge entdeckte er Kevin, Manuel und Fathi.
»Hey, Lars«, rief ihm Kevin zu. »Komm. Wir ziehen ein bisschen rum.«
»Nee«, antwortete Lars missmutig und schluckte eine Erklärung hinunter, als sich sein Vater zu ihm umdrehte.
»Was ist?«, fragte Steffen Meiners und sah dann Lars’ Freunde. »Hallo, Kevin«, rief er. »Wo sind deine Eltern?«
Der rothaarige Junge lachte, dass die Sommersprossen in seinem Gesicht tanzten. »Die nehme ich doch nicht mit.«
»Da siehst du’s«, maulte Lars. »Die müssen nicht mit ihrer Sippe losziehen.«
Meiners stupste seinem Sohn kameradschaftlich in die Seite. »Verstehe ich ja. Aber Mutti und Heike finden es nun einmal schön, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen. Und der Heider Marktfrieden ist doch etwas Besonderes für uns Dithmarscher. So eine Veranstaltung gibt es nur hier.«
»Trotzdem. Und außerdem war es dein Wunsch, nicht Mamas. Meine blöde Schwester hat sowieso andere Interessen.«
Meiners lachte vergnügt. »Mensch, Junge. Wir machen einen Deal. Irgendwann sind die beiden Frauen müde. Dann gehen wir etwas essen. Ich stecke dir noch einen kleinen Taschengeld-Bonus zu, und dann verdrückst du dich und ziehst mit deinen Kumpeln los. Einverstanden?« Steffen Meiners fuhr seinem Sohn durch die hochgegelten Haare.
Lars zuckte halbherzig zurück. Er mochte diese Geste nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Erwachsene behandelten sich untereinander auch nicht so. Im vertrauten Kreis war es etwas anderes. Zwar brummte er dann auch, aber insgeheim freute er sich über diese Art der Vertrautheit zwischen ihm und seinem Vater. Steffen Meiners hatte den schwierigen Spagat zwischen väterlicher Autorität und kameradschaftlicher Freundschaft zu seinem pubertierenden Sohn erfolgreich geschafft. Er wies Lars noch an den Stellen den Weg, wo der Jugendliche die Gefahren nicht selbst erkennen konnte, behandelte ihn auf der anderen Seite aber schon wie einen werdenden Erwachsenen. Insbesondere das Glas Bier, das er beim familiären Grillen seinem Sohn anbot, verlieh Lars das Gefühl, akzeptiert zu sein.
Eigentlich ist er ganz in Ordnung, dachte Lars, drehte sich kurz zu seinem Vater um und zwinkerte ihm zu. Dann versuchte er, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Ein paar Schritte weiter stieß ihn sein Vater an.
»Sieh mal, da drüben. Der hat ja eine tolle Kostümierung. Sieht aus wie ein Leprakranker.« Lars versuchte, sich umzudrehen, wurde aber gleichzeitig durch seine Schwester abgelenkt, die mit ihrer hellen Mädchenstimme seinen Namen rief. Er konnte Heike im Gewühl nicht entdecken, sah aber den Blondschopf seiner Mutter.
Plötzlich bekam er einen heftigen Stoß in den Rücken, erschrak und wollte sich zornig umdrehen, als auch die Menschen in seiner Umgebung trotz der Enge auseinanderwichen. Lars sah, dass sein Vater der Länge nach hingefallen war. Natürlich wurde hier geschubst und gedrängelt. Es war unvermeidbar, dass man unfreiwillige Berührungen anderer Marktbesucher erdulden musste, aber jetzt, am Nachmittag, wenn Familien die Besuchermassen dominierten, herrschte keine Bösartigkeit. Daher war Lars zunächst verblüfft, dass jemand seinen Vater so heftig angestoßen haben sollte, dass dieser gestürzt war. Sein Vater unternahm keine Anstalten, sich wieder aufzuraffen.
»Eh, was ist?«, fragte ein Fremder, der etwa im Alter von Steffen Meiners zu sein schien.
Ein anderer schüttelte missbilligend den Kopf. »Mensch! Das ist doch eine Schande, wenn man so besoffen ist, dass man nicht mehr stehen kann.«
»Richtig«, pflichtete eine Frau aus der Runde der Gaffer bei. »Das ist kein gutes Beispiel für unsere Kinder.«
»Mami, was ist mit dem?«, fragte neugierig ein kleines Mädchen an der Hand der Frau, die nicht daran dachte, ihre Tochter fortzunehmen.
»Der ist betrunken«, erklärte die Mutter und fügte vernehmlich ein »Pfui« an.
Lars beugte sich hinab. »Papa, was ist los? Komm, steh wieder auf«, sagte er und sah hilflos in die Runde der Leute, die sich um ihn geschart hatten.
»Ist das dein Vater?«, fragte die Frau mit dem Kind an der Hand. »Der ist dir aber kein leuchtendes Vorbild.«
»Der hat keinen Alkohol getrunken«, rief Lars zornig. Vorsichtig rüttelte er an der Schulter. »Mensch. Papa. Sag, was hast du?«
Er starrte in die Gesichter der Gaffer, die ihn und seinen reglos auf dem Boden liegenden Vater neugierig musterten. Lars versuchte, seinen Vater aufzurichten. Es gelang ihm nur, den Oberkörper ein Stück in die Höhe zu ziehen und dabei den Kopf, der im Schmutz lag, mit anzuheben. Ein eiskalter Schreck durchfuhr Lars, als er das Blut sah, das in einem dünnen Rinnsal aus Steffen Meiners’ Mundwinkel lief.
»Papa! Papa!«, rief Lars verzweifelt und zerrte am Oberkörper seines Vaters.
Schlagartig war das Gemurmel der Neugierigen erloschen. Jetzt beugte sich ein älteres Ehepaar zu Steffen Meiners hinab. Deutlich war das Knacken in den Kniegelenken des Mannes zu hören.
»Wir brauchen einen Arzt«, sagte der Grauhaarige, während die vorwitzige Mutter ihre kleine Tochter vor sich herschob und das Kind so zu positionieren versuchte, dass die Kleine das Geschehen auch gut beobachten konnte.
»Was ist mit dem Mann?«, fragte das Mädchen.
»Ich weiß nicht«, antwortete die Mutter etwas kleinlauter.
»Schämen Sie sich nicht, dem Kind so etwas zu zeigen?«, ereiferte sich eine resolute Frau. Und nachdem andere Leute eingestimmt hatten, drängte sich die Mutter mit dem Kind an der Hand gesenkten Haupts aus dem Kreis der Neugierigen heraus.
Jemand hatte sein Handy hervorgekramt und rief...




