E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
Nygaard Vom Himmel hoch
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-049-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten
Reihe: Hinterm Deich Krimi
ISBN: 978-3-86358-049-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. Er wurde 1949 in Hamburg geboren und hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Nach einigen Jahren in Münster/Westfalen lebt er nun auf der Insel Nordstrand (Schleswig Holstein).
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EINS
Die kleine Stadt schlief noch, als Elfriede Möhlmann am Morgen dieses herrlichen Frühsommertages auf Harald Banzer traf.
Wie an jedem Werktag war sie mit ihrem Fahrrad und den beiden schweren Gepäcktaschen unterwegs, um das »Nordfriesland Tageblatt« auszutragen. Fast jeder in Bredstedt kannte Elfriede, die seit vierzig Jahren bei Wind und Wetter den Menschen die Morgenlektüre ins Haus brachte.
Nur Harald Banzer hatte sie noch nicht kennen gelernt. Doch sollte er ihr nach der ersten und einzigen Begegnung für ewig in Erinnerung bleiben.
Er lag, merkwürdig verrenkt, mitten auf dem Marktplatz, gleich neben dem Schweinebrunnen, einem Kunstwerk, das vier hässliche Betonschweine zeigte, die ähnlich den Bremer Stadtmusikanten übereinander standen.
Zunächst nahm Elfriede ihn nur als regloses Bündel wahr. Als sie sich neugierig näherte, sah sie in Augen, die starr an ihr vorbei ins Leere blickten. Das Gesicht war zu einer eigentümlichen Fratze verzerrt, während angetrocknete Rinnsale aus Mund, Nase und Ohren auf innere Blutungen schließen ließen.
Elfriede erstarrte, öffnete vor Schreck ihren Mund und spürte, wie ihr eine Mischung aus Grauen und Angst in die Glieder fuhr. Sie warf einen Blick über den Marktplatz, der zu dieser frühen Stunde ihr allein gehörte. Niemand war zu sehen, zumindest kein lebendes Wesen.
Hastig schob sie ihr Fahrrad ein Stück weiter zum Unterstand der Bushaltestelle, lehnte es gegen die Sitzbank und kramte aus ihrer Jackentasche das Handy hervor. Mit zittrigen Fingern drückte sie die Kurzwahltaste und versuchte, die Verbindung zu Robert herzustellen, ihrem seit einigen Jahren pensionierten Mann, der sich daheim noch in den letzten Träumen der weichenden Nacht wiegte.
Es dauerte eine Weile, bis sich eine knarrende, verschlafene Stimme meldete.
»Robert«, keuchte Elfriede in das kleine Gerät an ihrer Wange, »da liegt ein Toter.«
Einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende, dann hörte sie, wie ihr Mann sich freihustete, eine Angewohnheit, die den langjährigen Raucher verriet.
»Was sagst du?«, kam es ungläubig zurück.
»Ich habe einen Toten gefunden. Der liegt direkt neben dem Schweinebrunnen.«
Dann hörte sie die Antwort, die in solchen Situationen immer gegeben wird. »Das kann nicht sein!«
»Doch«, erwiderte sie, nun mit Ärger in der Stimme. »Ich spinne doch nicht.«
Roberts Stimme klang jetzt besänftigend. »Der ist vielleicht nur betrunken und pennt dort seinen Rausch aus.«
»Nein!« In Elfriede keimte Zorn über ihren Gatten auf. Warum müssen Männer immer alles besser wissen, obwohl sie gar nicht vor Ort sind?
»Der ist nicht betrunken. Der ist tot.«
Robert räusperte sich erneut. »Woher willst du das denn wissen?«, fragte er.
»Da läuft Blut aus seinem Kopf. Außerdem guckt er so komisch.«
»Wenn er aus der Nase blutet, hat ihm vielleicht ein Zechkumpan eine verpasst«, versuchte der ferne Ehemann eine Erklärung. »Und was heißt hier, er guckt so komisch?«
»Na, eben so … Wie soll ich das beschreiben. Eben so … wie … na, wie ein Toter.«
Robert seufzte am anderen Ende der Leitung. Er war jetzt vollends wach.
»Weißt du was?«, knurrte er. »Ich rufe die Polizei an. Warte dort, bis sie eintrifft.«
»Ist gut, Robert«, flüsterte Elfriede und blickte dabei unbehaglich in Richtung des reglosen Menschenbündels. »Und … Robert … danke!«
Es knackte kurz im Handy als Zeichen dafür, dass ihr Mann die Verbindung unterbrochen hatte.
Elfriede setzte sich auf die Bank im gläsernen Unterstand der Haltestelle und starrte auf die gegenüberliegende Straßenseite, als könne sie damit den Toten ignorieren und das soeben Erlebte ungeschehen machen.
*
Als Christoph die Haustür öffnete und auf die Straße trat, schälte sich ein hoch gewachsener blonder Mann hinter dem Lenkrad des wartenden gelben Minis hervor, klappte den Fahrersitz nach vorn und wies einladend auf die hintere Sitzbank.
»Guten Morgen«, grüßte der junge Mann und strahlte trotz der frühen Stunde eine erstaunliche Vitalität aus, so als wäre es die natürlichste Sache von der Welt, in aller Herrgottsfrühe vor dem roten Backsteinhaus auf seinen Chef zu warten.
»Guten Morgen«, erwiderte Hauptkommissar Christoph Johannes den Gruß seines Mitarbeiters Harm Mommsen und quälte sich auf die enge Rückbank des kultigen Wagens.
Mit einem weiteren kurzen Nicken begrüßte Christoph den dritten Mann im Wagen, der auf dem Beifahrersitz hockte, durch die Scheibe nach vorn stierte und Christophs Erscheinen nur mit einem Grunzlaut zur Kenntnis nahm.
Harm Mommsen wendete geschickt das Fahrzeug und fuhr aus der Berliner Straße auf die Bundesstraße. In der ruhigen Wohnstraße am Stadtrand von Husum bewohnte Christoph unter dem Dach eines der Siedlungshäuschen ein kleines Appartement.
»Welch bedeutender Anlass treibt uns noch vor sechs Uhr früh aus dem Bett?«, wollte Christoph wissen.
Mommsen hatte den Wagen beschleunigt, konzentrierte sich noch einmal kurzfristig auf das Hochschalten der Gänge und begann in das Aufheulen des Motors hinein seine Erklärung.
»Vor circa einer halben Stunde erreichte die Polizei-Zentralstation in Bredstedt telefonisch eine Meldung, dass mitten auf dem Marktplatz ein Toter liegen würde. Heute Nacht hatten allerdings die Kollegen aus Niebüll Bereitschaft, die zufällig mit ihrem Streifenwagen in der Nähe waren. Sie fanden auf dem Marktplatz einen anscheinend toten Mann.«
Christoph unterbrach seinen jungen Kollegen. »Was heißt anscheinend tot?«
»Nun ja, sofern ein Laie das beurteilen kann. Man sollte das Urteil eines Arztes abwarten.«
Erneut unterbrach Christoph. »Wieso wurde nicht zuerst der Rettungsdienst und dann die Polizei gerufen?«
Mommsen zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Das wird noch zu klären sein. Also«, setzte er zum dritten Mal an, »die Kollegen von der Streife fanden dort einen Toten. Ferner waren eine Zeitungsausträgerin und ein Mann anwesend, der auf dem Weg zur Arbeit dort vorbeigekommen ist. Die Kollegen forderten sofort den Notarzt an und informierten die Leitstelle.«
»Und weiter?«, wollte Christoph wissen.
»Der wachhabende Kollege im Leitstand hat umgehend die Mordkommission in Flensburg informiert, gleichzeitig aber gemeint, es wäre sicher nicht verkehrt, auch uns zu verständigen, selbst wenn wir nicht für Tötungsdelikte zuständig sind.«
»Hmmh …«, brummte Christoph. »Wer spricht denn von einem Tötungsdelikt? Wenn ich dich richtig verstanden habe, liegt jemand in Bredstedt auf dem Marktplatz, von dem nicht einmal sicher ist, ob er tot ist. Wer sollte da voreilig ein Tötungsdelikt vermuten?«
Mommsen zuckte wieder die Schultern.
»Nun«, beantwortete Christoph die Frage selbst. »Wir sind in der Vergangenheit nicht schlecht damit gefahren, vorsichtshalber auch einmal nach Dingen zu sehen, die uns vordergründig nichts angehen.«
Dann gähnte er. Die vergangene Nacht war recht kurz gewesen. Er konnte noch nicht lange geschlafen haben, als ein dumpfes Grollen das Herannahen eines Unwetters angekündigt hatte. Begleitet von heftigen Windböen, die an den Dachziegeln über seiner kleinen Wohnung kräftig gerüttelt hatten, war ein starkes Gewitter über die Region hereingebrochen. Die Blitze zuckten grell in kurzen Abständen über das flache Land, begleitet von markdurchdringenden Donnerschlägen. Dazu hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet und Unmengen von Wasser über das Land ausgekippt. So hatte ihm das Unwetter einen großen Teil der Nachtruhe geraubt.
Ein aufbrausendes Rauschen sowie der Sog eines mit hoher Geschwindigkeit vorbeifahrenden Fahrzeugs holte Christoph aus seiner kurzen Meditation zurück. Ein schwarzes Mercedes-Coupé hatte sie überholt und entfernte sich auf der schnurgeraden Landstraße Richtung Norden.
»So ein Idiot«, ereiferte sich Christoph. »Hast du dir sein Kennzeichen gemerkt?«
»Ist nicht nötig. Ich kenne den Fahrer. Das war der Doc.«
Gemeint war Dr. Hinrichsen, praktizierender Mediziner in der Kreisstadt und als Polizeiarzt in dieser Region immer dann im Einsatz, wenn vor Ort erste und schnelle Analysen und Einschätzungen erforderlich waren. Er war zwar kein ausgebildeter Pathologe, hatte sich im Laufe der Zeit aber so gründliche Kenntnisse angeeignet, dass sein Urteil häufig eine wertvolle Hilfe darstellte.
»Wer auch immer in der Leitstelle Dienst tut, hat mit viel Umsicht gehandelt, wenn er sogar den Doktor bestellt«, sagte Christoph anerkennend.
Der Mann auf dem Beifahrersitz hatte während der gesamten Zeit geschwiegen. Sein mit grauen Strähnen durchzogenes Haar hing wirr über die Ohren. Es war ebenso ungewaschen wie der Rest des Mannes, unverkennbar an der von ihm ausgehenden Geruchsmischung aus Schweiß, Zigarettenqualm und abgestandenem Bier.
Die Weste, die den über den Gürtel hängenden Bierbauch nur teilweise bedeckte, und das fleckige Hemd trug er jetzt schon eine Reihe von Tagen. Das unrasierte Gesicht zog sich über das Doppelkinn bis zum offenen Hemdkragen hinunter.
Oberkommissar Große Jäger schien während des Gewitters nicht in seiner eigenen Wohnung gewesen zu sein. Er wirkte wie frisch aus einer Runde fröhlicher Zecher entführt.
»Wieso sind wir eigentlich mit deinem privaten Wagen unterwegs?«, wollte Christoph von Mommsen wissen.
»Unser Dienst-Kombi hat gestern den Geist aufgegeben. Und da das Land arm ist, steht kein Ersatzfahrzeug zur Verfügung. Wir müssen uns heute schnellstens um ein Auto bemühen, während unseres in Reparatur...




