E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Oberbichler Wir brechen das Schweigen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-88-7283-865-5
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Betroffene sprechen über sexuellen Missbrauch
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-88-7283-865-5
Verlag: Edition Raetia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Lemberg: Geboren und aufgewachsen in Tirol, mit Südtiroler Wurzeln. Fotodesignstudium in Dortmund, lebt in Wien und Tirol und arbeitet als freischaffender Fotograf und Filmemacher. Bei Edition Raetia: 'Das Versunkene Dorf' (Film von Georg Lembergh und Hansjörg Stecher) und 'Das Versunkene Dorf' (Buch von Georg Lembergh und Brigitte Maria Pircher). Veronika Oberbichler: Geboren 1977, Studium der Werbegrafik in Florenz, der Psychologie in Innsbruck und Galway (Irland). Psychologin und Psychotherapeutin im Bereich Kindes- und Jugendalter sowie Erwachsene. Kognitive Verhaltenstherapeutin, systemische Supervisorin und Coach. Diverse Lehr- und Fortbildungstätigkeiten, freie Schriftstellerin.
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Es ist schon eigenartig, ganz offen erzählen zu wollen, was mir passiert ist, und mich dabei gleichzeitig versteckt halten zu müssen. Ich wünschte, es wäre leichter.
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Ich habe das noch nie jemandem so erzählt. Ich weiß, das ist absurd, aber es fühlt sich so an, als würde ich einen Verrat begehen.
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Hast du dir vorab Gedanken gemacht, was du erzählen möchtest, wie du es erzählen möchtest?
Nein, eine konkrete Vorstellung habe ich nicht.
Das macht nichts. Ich werde dir einfach Fragen stellen, ja?
Was hat dich denn dazu bewogen, dieses Interview zu geben? Ich nehme an, du hast gehört, dass wir dieses Buch planen, im Radio vielleicht, oder hast in der Zeitung davon gelesen? Wir haben verschiedene Aufrufe an Betroffene gestartet.
Ich habs in der Zeitung gelesen.
Kannst du dich noch erinnern, warum du dich entschlossen hast, mitzumachen?
Ich weiß es eigentlich selbst nicht genau. Am Anfang habe ich den Artikel nur überflogen und mir gedacht, ja stimmt, das betrifft mich auch. Dann habe ich weitergeblättert. Später bin ich doch nochmals darauf zurückgekommen.
Zum Glück. Was hast du dir dabei gedacht?
Dass ich auch etwas zu erzählen hätte und dass es thematisiert gehört. Ich wollte einen minimalen Beitrag leisten, damit auch andere den Mut haben, sich zu outen.
Fällt es dir schwer, jetzt hier mit mir zu sitzen?
Ja, schon ein wenig. Aber so kann ich wenigstens irgendwas dagegen tun. Das ist wichtig für mich.
Genau darum gehts. Betroffenen Mut zu machen, sich aus der Opferrolle zu befreien.
Elena, wir haben überhaupt keinen Stress, weißt du? Wir können das Gespräch jederzeit abbrechen, oder eine Pause machen, oder über irgendwas anderes reden.
Nein, das passt schon so.
Gut. Möchtest du damit beginnen, ein wenig zu erzählen, wie du aufgewachsen bist?
Ich bin, wie soll ich sagen, in eine ziemlich verkorkste Familiensituation hineingeboren … Es ist kompliziert.
Okay, es ist kompliziert. Klingt nach: Es war echt kompliziert!
Also im Großen und Ganzen wars ganz gut.
Magst du etwas genauer erzählen?
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Meine Eltern haben mich gut erzogen. Ich war als Kind nicht hyperaktiv oder frech, ich war eher so ein feinfühliger Mensch, auch sehr vorsichtig. Das ist mir wichtig, das hervorzuheben, dass ich ein vorsichtiger Mensch bin. Auch was die Kleidung angeht, ich habe nie gewagte Kleidung angezogen oder so.
Warum ist es dir wichtig, das hervorzuheben?
Weil ich weiß, dass viele Menschen, wenn sie mitkriegen, dass jemand missbraucht worden ist, gleich fragen: „Ja, was hattest du denn an?“ Dann musst du dich zuerst rechtfertigen. Deshalb sag ich es gleich: Ich war immer eher vorsichtig, auch was die Kleidung anbelangt. Unauffällig war mir am liebsten.
Weil ich weiß, dass viele Menschen, wenn sie mitkriegen, dass jemand missbraucht worden ist, gleich fragen: „Ja, was hattest du denn an?“ Dann musst du dich zuerst rechtfertigen. Deshalb sag ich es gleich: Ich war immer eher vorsichtig, auch was die Kleidung anbelangt. Unauffällig war mir am liebsten.
Mein Selbstbewusstsein war nicht gerade das beste. In der Grundschule, vor allem aber in der Mittelschule wurde ich gemobbt, das hat Spuren hinterlassen.
Was ist da passiert?
Das Übliche. Die Klassenkameraden haben mich gehänselt, wegen allem Möglichen. Wegen dem Aussehen, vor allem aber wegen Mathe. In Mathe war ich nie gut, da wurde ich sehr ausgelacht. Sie hatten es auf mich abgesehen, ein paar haben manchmal sogar nach der Schule auf mich gewartet, mich gewürgt und so. Es ging schon ziemlich arg zu. Die sind richtig auf mich losgegangen und ich habe mich nicht gewehrt, mich auch nicht wehren können. Ich habe das alles mit mir machen lassen, weil ich meinte, das ist in Ordnung. Ich hatte eine hohe Toleranzgrenze, was das Verhalten anderer anging. Was ist falsch? Was ist richtig? Wie können Menschen mit mir umgehen? Wo ist die Grenze? Wo wird meine Würde verletzt und was bin ich wert? Man könnte sagen, ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das dazu geführt hat, dass ich mir viel gefallen lassen habe. Das hat bereits in der Familie angefangen. Es wurde kaum über Persönliches geredet, sodass ich es gewohnt war, die Dinge mit mir selber auszumachen. Manchmal habe ich auch nicht wahrgenommen, wenn jemand zu weit gegangen ist. Auch vonseiten der Erwachsenen.
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Ich habe mich kaum jemandem anvertraut und damit hatte wohl auch Paul, also der Mann meiner Tante, leichtes Spiel.
Womit hatte er leichtes Spiel?
Das ist wirklich schwer zu erzählen. Also angefangen hat alles mit dem Handy: Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich eher unter den Ersten war, die eins bekommen haben. Nein warte. Eigentlich hat es schon früher angefangen.




